Norovirusinfektion – Differentialdiagnosen

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Addison-Krise (akute Unterfunktion der Nebennierenrinde) – seltene, aber vital bedrohliche Red-Flag-Differenzialdiagnose (Warnzeichen-Unterscheidungsdiagnose) bei Übelkeit, Erbrechen, abdominellen Schmerzen (Bauchschmerzen), Diarrhoe (Durchfall), Exsikkose (Austrocknung), Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze); besonders relevant bei bekannter Nebenniereninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde), Glucocorticoid-Entzug (Kortisonentzug) oder schwerer interkurrenter Erkrankung (Begleiterkrankung)
  • Diabetische Ketoazidose (diabetische Stoffwechselentgleisung) – metabolische Entgleisung (Stoffwechselentgleisung) mit Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Exsikkose, Kussmaul-Atmung (vertiefte Atmung) und Bewusstseinsstörung; relevant bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Hyperglykämie (Überzuckerung) oder Azeton-/Ketonnachweis
  • Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel) – kann Übelkeit, Erbrechen, Obstipation (Verstopfung), Polyurie (vermehrtes Wasserlassen), Exsikkose und Bewusstseinsstörungen verursachen; differenzialdiagnostisch vor allem bei Tumoranamnese (Vorgeschichte mit Tumorerkrankung), Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen), Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) oder entsprechender Medikation relevant
  • Thyreotoxische Krise (schwere Schilddrüsenüberfunktion) – seltene, aber vital bedrohliche Red-Flag-Differenzialdiagnose mit Fieber, Tachykardie (Herzrasen), Erbrechen, Diarrhoe, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) und neuropsychiatrischen Symptomen (Nerven- und psychische Beschwerden); relevant bei bekannter oder vermuteter Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Adenovirus-Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung durch Adenoviren) – virale Gastroenteritis (virusbedingte Magen-Darm-Entzündung) mit Diarrhoe, Erbrechen und Fieber; besonders relevant im Kindesalter und bei Ausbruchsgeschehen
  • Astrovirus-Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung durch Astroviren) – virale Gastroenteritis mit meist milder, wässriger Diarrhoe; relevant bei Kindern, älteren Patienten und Immunsuppression (geschwächte Immunabwehr)
  • Campylobacter-Enteritis (Darmentzündung durch Campylobacter) – bakterielle Enteritis (bakterielle Darmentzündung) mit Diarrhoe, Bauchkrämpfen, Fieber und teils blutiger Diarrhoe; stärkeres Fieber, Blutbeimengung und längere Symptomdauer sprechen eher gegen eine unkomplizierte Norovirus-Infektion (Magen-Darm-Infektion durch Noroviren)
  • Cholera – schwere, akut wässrige Diarrhoe mit rascher Exsikkose; nur bei passender Reise-, Expositions- oder Ausbruchsanamnese (Vorgeschichte zu Kontakt oder Ausbruch) relevant
  • Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch Clostridioides difficile) – antibiotika- oder healthcareassoziierte Diarrhoe (durch medizinische Versorgung mitbedingter Durchfall) bis pseudomembranöser Kolitis (schwere Dickdarmentzündung); Leitsituation ist Diarrhoe nach Antibiotikatherapie, Hospitalisation (Krankenhausaufenthalt) oder Pflegeheimexposition
  • Enteritis durch enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC/STEC) (Darmentzündung durch bestimmte Kolibakterien) – akute, häufig blutige Diarrhoe mit abdominalen Krämpfen; wichtig wegen des Risikos eines hämolytisch-urämischen Syndroms (schwere Blut- und Nierenerkrankung) und wegen therapeutischer Konsequenzen
  • Enteritis durch enterotoxische Escherichia coli (ETEC) – klassische Ursache der Reisediarrhoe (Reisedurchfall) mit wässriger Diarrhoe, Übelkeit und Bauchkrämpfen; Reiseanamnese wegweisend
  • Giardiasis (Lamblieninfektion) – parasitäre Enteritis (Darmentzündung durch Parasiten) mit prolongierter Diarrhoe (verlängertem Durchfall), Meteorismus (Blähbauch), Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme) und Gewichtsverlust; typisch bei Reiseanamnese, kontaminiertem Wasser oder protrahiertem Verlauf (verlängertem Verlauf)
  • Infektiöse Gastroenteritis (ansteckende Magen-Darm-Entzündung), nicht näher bezeichnet – syndromale Arbeitsdiagnose (vorläufige Diagnose anhand eines Beschwerdebildes) bei akuter Diarrhoe und/oder Erbrechen ohne gesicherten Erregernachweis; sollte spezifische Erregerdiagnosen nicht ersetzen
  • Kryptosporidiose (Infektion durch Kryptosporidien) – parasitäre, meist wässrige Diarrhoe; besonders relevant bei Immunsuppression, Ausbruchsgeschehen und Kontakt zu kontaminiertem Wasser
  • Lebensmittelintoxikation durch Bacillus cereus (Lebensmittelvergiftung durch Bacillus cereus) – toxinvermittelte Erkrankung (durch Giftstoffe ausgelöste Erkrankung) mit akutem Erbrechen oder Diarrhoe nach kontaminierten Lebensmitteln; kurze Inkubationszeit (Zeit von Ansteckung bis Krankheitsbeginn) spricht eher für eine Toxin-vermittelte Ursache als für Norovirus
  • Lebensmittelintoxikation durch Clostridium perfringens (Lebensmittelvergiftung durch Clostridium perfringens) – toxinvermittelte Erkrankung mit krampfartigen abdominellen Beschwerden und Diarrhoe nach kontaminierten Speisen; Erbrechen ist im Vergleich zu Norovirus oft weniger prominent
  • Lebensmittelintoxikation durch Staphylococcus aureus (Lebensmittelvergiftung durch Staphylococcus aureus) – abrupt einsetzendes Erbrechen, Übelkeit und Bauchkrämpfe wenige Stunden nach kontaminierter Nahrung; sehr kurze Inkubationszeit ist differenzialdiagnostisch wegweisend
  • Rotavirus-Infektion (Magen-Darm-Infektion durch Rotaviren) – virale Gastroenteritis, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern; klinisch mit Erbrechen, wässriger Diarrhoe und erhöhtem Dehydratationsrisiko (Risiko für Flüssigkeitsmangel)
  • Salmonellen-Enteritis (Darmentzündung durch Salmonellen) – bakterielle Enteritis nach kontaminierten Lebensmitteln mit Diarrhoe, Fieber, Bauchschmerzen und teils systemischem Krankheitsgefühl (den ganzen Körper betreffendem Krankheitsgefühl)
  • Sapovirus-Gastroenteritis (Magen-Darm-Entzündung durch Sapoviren) – virale Gastroenteritis mit Norovirus-ähnlichem Bild; vor allem bei Kindern und in Ausbruchssituationen relevant
  • Shigellose (Ruhr durch Shigellen) – invasive bakterielle Enteritis (eindringende bakterielle Darmentzündung) mit Fieber, Bauchkrämpfen, Tenesmen (schmerzhaftem Stuhldrang) und häufig blutig-schleimiger Diarrhoe; wichtig bei Reiseanamnese, Ausbrüchen und Gemeinschaftseinrichtungen
  • Yersinia-Enterocolitica-Enteritis (Darmentzündung durch Yersinien) – bakterielle Enteritis mit Diarrhoe, Fieber und rechtsseitigen Unterbauchschmerzen; kann klinisch eine Appendizitis (Blinddarmentzündung) imitieren

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Akute Cholezystitis (akute Gallenblasenentzündung) – rechtsseitiger Oberbauchschmerz, Fieber, Übelkeit und Erbrechen; Diarrhoe steht meist nicht im Vordergrund
  • Akute Pankreatitis (akute Bauchspeicheldrüsenentzündung) – akuter epigastrischer Schmerz (Oberbauchschmerz) mit Übelkeit und Erbrechen; Abgrenzung durch Schmerzcharakter, Lipaseerhöhung und Bildgebung
  • Akute Virushepatitis (akute virusbedingte Leberentzündung) – Übelkeit, Erbrechen, abdominelle Beschwerden und Abgeschlagenheit; nur bei Ikterus (Gelbsucht), Transaminasenerhöhung oder entsprechender Expositionsanamnese als relevante Differenzialdiagnose aufzunehmen
  • Gallenkolik – kolikartige Oberbauchschmerzen mit Übelkeit und Erbrechen; fehlende Diarrhoe und typische Schmerzlokalisation sprechen gegen Norovirus

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Akute Appendizitis – Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und gelegentlich Diarrhoe; lokalisierter rechtsseitiger Unterbauchschmerz, Abwehrspannung und Entzündungszeichen sprechen gegen Norovirus
  • Akute Divertikulitis (akute Entzündung von Darmausstülpungen) – linksseitige Unterbauchschmerzen, Fieber, Stuhlveränderungen und Entzündungszeichen; insbesondere bei älteren Patienten relevante Differenzialdiagnose
  • Chronisch-entzündliche Darmerkrankung (dauerhaft entzündliche Darmerkrankung), akuter Schub – Diarrhoe, Bauchschmerzen und teils Blutbeimengung; protrahierter Verlauf, Rezidive (Wiederauftreten), extraintestinale Manifestationen (Beschwerden außerhalb des Darms) und Entzündungsmarker sind wegweisend
  • Ileus (Darmverschluss) – Übelkeit, Erbrechen, abdominelle Distension (aufgetriebener Bauch) sowie Stuhl- und Windverhalt; fehlende typische Diarrhoe und bildgebende Befunde sprechen gegen Norovirus
  • Ischämische Kolitis (durchblutungsbedingte Dickdarmentzündung) – akute Bauchschmerzen und häufig blutige Diarrhoe; besonders relevant bei älteren Patienten, vaskulären Risikofaktoren (Gefäßrisikofaktoren) oder Hypoperfusion (Minderdurchblutung)
  • Nichtinfektiöse Gastroenteritis und Kolitis (nicht ansteckende Magen-Darm- und Dickdarmentzündung), nicht näher bezeichnet – Differenzialdiagnose bei akutem Durchfall/Erbrechen ohne Erregernachweis, insbesondere bei toxischer, medikamentöser, entzündlicher oder nahrungsmittelassoziierter Genese (Ursache)

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Hyperemesis gravidarum (schweres Schwangerschaftserbrechen) – persistierende Übelkeit und Erbrechen in der Frühschwangerschaft mit Gewichtsverlust, Ketonurie und Exsikkose; Diarrhoe und Ausbruchsanamnese fehlen typischerweise
  • Präeklampsie/HELLP-Syndrom (Schwangerschaftsvergiftung/schwere Schwangerschaftskomplikation) – Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerz und Allgemeinsymptome in der Schwangerschaft; Hypertonie (Bluthochdruck), Proteinurie, Thrombozytopenie und Leberwerterhöhung sind wegweisend

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Akutes Abdomen (akuter Bauch) – klinisches Leitsyndrom mit akutem Bauchschmerz, Erbrechen und möglicher Kreislaufbeeinträchtigung; muss bei peritonealen Zeichen (Bauchfellzeichen), starken Schmerzen oder Kreislaufinstabilität vorrangig abgeklärt werden
  • Exsikkose/Dehydratation – Folge oder Begleitbefund bei Erbrechen und Diarrhoe; differenzialdiagnostisch wichtig zur Schweregradbeurteilung, aber keine eigenständige Ursache der Norovirus-ähnlichen Symptomatik
  • Fieber mit Diarrhoe – stärkeres oder persistierendes Fieber spricht eher für invasive bakterielle Enteritis, systemische Infektion oder nichtinfektiöse Entzündungsursachen als für unkomplizierte Norovirus-Gastroenteritis
  • Hämatochezie/blutige Diarrhoe (sichtbares Blut im Stuhl/blutiger Durchfall) – spricht gegen eine unkomplizierte Norovirus-Infektion und erfordert Abklärung auf invasive bakterielle Enteritis, EHEC/STEC-Infektion, ischämische Kolitis oder chronisch-entzündliche Darmerkrankung

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Pyelonephritis (akute Nierenbeckenentzündung) – Fieber, Flankenschmerz, Übelkeit und Erbrechen; Leukozyturie, Bakteriurie, Klopfschmerzhaftigkeit der Nierenlager und fehlende primäre Diarrhoe sprechen gegen Norovirus
  • Harnleiterkolik – kolikartiger Flankenschmerz mit Übelkeit und Erbrechen; Hämaturie (Blut im Urin) und Schmerzcharakter sind wegweisend

Medikamente

  • Antibiotika – können Diarrhoe direkt auslösen und sind zugleich Hauptrisikofaktor für Clostridioides-difficile-Infektion
  • Colchicin – dosisabhängig häufig Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Diarrhoe; bei Überdosierung potenziell schwerer Verlauf
  • Digoxin – Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Sehstörungen und Rhythmusstörungen bei Intoxikation; besonders relevant bei Niereninsuffizienz und Interaktionen
  • Glucagon-like-Peptide-1-Rezeptoragonisten – Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe als häufige gastrointestinale Nebenwirkungen (Nebenwirkungen des Magen-Darm-Trakts); zeitlicher Zusammenhang mit Therapiebeginn oder Dosiseskalation wegweisend
  • Laxantien (Abführmittel) – Diarrhoe, Bauchkrämpfe und Elektrolytstörungen; Einnahmeanamnese entscheidend
  • Metformin – Diarrhoe, Übelkeit und abdominale Beschwerden, insbesondere zu Therapiebeginn oder bei Dosiserhöhung
  • Zytostatika/Immuntherapeutika – Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe und Kolitis; bei onkologischer Therapie (Krebstherapie) muss eine therapieassoziierte Enterokolitis (behandlungsbedingte Darm- und Dickdarmentzündung) berücksichtigt werden

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholintoxikation (Alkoholvergiftung) – Übelkeit, Erbrechen, Gastritis (Magenschleimhautentzündung), Hypoglykämie (Unterzuckerung) und Bewusstseinsstörung; Diarrhoe ist nicht obligat
  • Arsenintoxikation (Arsenvergiftung) – akute gastrointestinale Symptomatik (Beschwerden des Magen-Darm-Trakts) mit Erbrechen, wässriger Diarrhoe, Bauchschmerzen und Kreislaufstörung; Expositionsanamnese entscheidend
  • Pilzvergiftung – Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe und Bauchkrämpfe nach Pilzmahlzeit; Latenzzeit (Zeit bis zum Auftreten der Beschwerden) und Leber-/Nierenbeteiligung sind entscheidend
  • Schwermetallintoxikation (Schwermetallvergiftung) – Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Diarrhoe je nach Substanz; Expositionsanamnese, neurologische Zeichen (Zeichen des Nervensystems) und Laborbefunde wegweisend