Gasbrand – Weitere Therapie
Allgemeine Maßnahmen
- Sofortige stationäre Notfallbehandlung
- Gasbrand ist eine vital bedrohliche nekrotisierende Weichteilinfektion (absterbende Infektion von Haut, Bindegewebe und Muskeln) mit rascher Progression (Fortschreiten) und hoher Letalität (Sterblichkeit) bei verzögerter Therapie.
- Die Behandlung muss unverzüglich interdisziplinär (fachübergreifend) erfolgen – Chirurgie (operative Medizin)/Unfallchirurgie (operative Behandlung von Verletzungen), Intensivmedizin (medizinische Behandlung lebensbedrohlich Kranker), Infektiologie (Lehre von Infektionskrankheiten)/Mikrobiologie (Lehre von Krankheitserregern) und Anästhesie (Narkosemedizin).
- Der Therapiebeginn darf nicht bis zum mikrobiologischen Erregernachweis verzögert werden.
- Intensivmedizinische Überwachung und Stabilisierung
- Kontinuierliches Monitoring (Überwachung) von Kreislauf, Atmung, Temperatur, Bewusstseinslage, Diurese (Urinmenge) und Laborverlaufsparametern.
- Frühzeitige Behandlung von Sepsis (Blutvergiftung), septischem Schock (Kreislaufversagen bei Blutvergiftung), metabolischer Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung), Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze), akuter Nierenfunktionsstörung und Gerinnungsstörung.
- Ausreichende Volumentherapie (Flüssigkeitsgabe), Vasopressortherapie (kreislaufstützende Arzneimitteltherapie) und Organersatzverfahren nach intensivmedizinischer Indikation (Behandlungsgrund).
- Ruhigstellung und Entlastung der betroffenen Extremität (Gliedmaße)
- Schonung, Hochlagerung und mechanische Entlastung der betroffenen Region, soweit dies die chirurgische Versorgung nicht behindert.
- Keine Massage, keine Wärmeanwendung und keine lokale Manipulation außerhalb der notwendigen chirurgischen Wundversorgung.
- Beachtung der allgemeinen Hygienemaßnahmen
- Standardhygiene, sterile Verbandwechsel und konsequente Wundhygiene.
- Kontaktisolation ist bei Gasbrand in der Regel nicht spezifisch erforderlich, sofern keine zusätzlichen multiresistenten Erreger (gegen mehrere Antibiotika unempfindliche Krankheitserreger) oder andere isolationspflichtige Infektionen vorliegen.
- Überprüfung des Tetanus-Impfschutzes
- Bei traumatischen oder kontaminierten Wunden muss der Tetanus-Impfstatus überprüft und entsprechend den Empfehlungen zur postexpositionellen Tetanusprophylaxe (Wundstarrkrampf-Vorbeugung nach möglichem Kontakt) ergänzt werden.
- Optimierung relevanter Grunderkrankungen
- Strikte Blutzuckerkontrolle bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit).
- Behandlung von peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Bein- oder Armarterien), Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr), Malnutrition (Mangelernährung) und anderen Risikofaktoren für gestörte Wundheilung.
- Überprüfung der Dauermedikation
- Prüfung immunsuppressiver Arzneimittel, Antikoagulantien, Thrombozytenaggregationshemmer und nephrotoxischer Arzneimittel im Hinblick auf Operation, Blutungsrisiko, Sepsis und Organfunktion.
Konventionelle nicht-operative Therapieverfahren
- Antimikrobielle Therapie
- Die antibiotische Therapie ist obligat und muss sofort intravenös (über die Vene) begonnen werden.
- Bei noch unklarer Erregerlage initial kalkulierte Breitspektrumtherapie gegen aerobe und anaerobe Erreger.
- Bei gesicherter clostridieller Myonekrose (muskelzerstörende Infektion durch Clostridien) wird leitliniengerecht eine Kombination aus Penicillin G und Clindamycin empfohlen.
- Die antibiotische Therapie ersetzt niemals die chirurgische Sanierung.
- Supportive Sepsistherapie
- Volumentherapie, Vasopressoren, Sauerstoffgabe, Beatmung, Nierenersatzverfahren und Gerinnungsmanagement nach intensivmedizinischer Indikation.
- Engmaschige Reevaluation (erneute Beurteilung), da sich Organversagen innerhalb weniger Stunden entwickeln kann.
- Hyperbare Sauerstofftherapie
- Eine hyperbare Sauerstofftherapie (Überdruck-Sauerstoffbehandlung) kann im Einzelfall als additive Maßnahme erwogen werden, wenn sie unmittelbar verfügbar ist.
- Sie darf chirurgisches Debridement (operative Entfernung abgestorbenen Gewebes), Amputation, Antibiotikatherapie oder intensivmedizinische Stabilisierung nicht verzögern.
- Eine routinemäßige Empfehlung besteht nicht, da ein gesicherter patientenrelevanter Zusatznutzen nicht ausreichend belegt ist.
Operative Therapie
- Notfallmäßige chirurgische Exploration und Sanierung
- Unverzügliche operative Exploration (operative Eröffnung und Untersuchung) bei klinischem Verdacht auf Gasbrand.
- Radikales Debridement sämtlicher nekrotischer Haut-, Subkutis- (Unterhautgewebe), Faszien- (Bindegewebshüllen) und Muskelanteile.
- Großzügige Eröffnung der betroffenen Kompartimente (Muskellogen) zur Entlastung und zur Beurteilung der Gewebsvitalität (Lebensfähigkeit des Gewebes).
- Wiederholte Second-Look-Operationen (erneute Kontrolloperationen) in kurzen Intervallen, bis kein nekrotisches oder progredient (fortschreitend) infiziertes Gewebe mehr nachweisbar ist.
- Amputation
- Amputation (operative Abtrennung einer Gliedmaße) ist indiziert bei nicht kontrollierbarer Infektausbreitung, ausgedehnter Myonekrose, fehlender Extremitätenerhaltbarkeit oder vitaler Gefährdung trotz Debridement.
- Der Extremitätenerhalt darf nicht zulasten der Sepsiskontrolle verzögert werden.
- Definitive Wunddeckung und Rekonstruktion
- Erst nach sicherer Infektkontrolle und vitalem Wundgrund.
- Sekundärnaht (spätere Wundnaht), Spalthauttransplantation (Hautverpflanzung mit dünner Hautschicht), Lappenplastik (Gewebeverschiebung) oder plastisch-rekonstruktive Verfahren nach Defektgröße und Lokalisation (Ort der Erkrankung).
Medizinische Hilfsmittel
- Wundtherapeutische Hilfsmittel
- Sterile Verbandmaterialien, antiseptische Wundversorgung nach chirurgischer Indikation und ggf. temporäre Vakuumversiegelung (Unterdruck-Wundbehandlung) nach ausreichendem Debridement.
- Vakuumtherapie nur als unterstützende Wundbehandlung nach chirurgischer Infektkontrolle, nicht als Ersatz für Debridement.
- Orthopädietechnische Versorgung
- Orthesen (Stützschienen), Gehstützen, Rollstuhl oder Lagerungshilfen nach Lokalisation und Funktionsverlust.
- Prothetische Versorgung nach Amputation, sobald Wundheilung und Belastbarkeit dies erlauben.
- Kompressionstherapie
- Nur nach abgeschlossener Akutphase und nach Prüfung der arteriellen Perfusion (Durchblutung), insbesondere bei postoperativem Ödem (Schwellung) oder venöser Begleitproblematik.
Impfungen
- Es existiert keine allgemein empfohlene Impfung gegen Gasbrand beim Menschen.
- Bei traumatischen oder kontaminierten Wunden ist die Tetanusprophylaxe entsprechend Impfstatus und Wundtyp obligat zu prüfen.
- Grippe-Impfung und Pneumokokken-Impfung können bei Risikopatienten gemäß STIKO-Empfehlungen sinnvoll sein, sind jedoch keine spezifische Gasbrand-Prophylaxe.
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen
- Akutphase
- Mehrfache tägliche klinische Reevaluation der Wunde, der Schmerzprogression, der Schwellung, der Hautverfärbung, der Kreislaufsituation und der Organfunktion.
- Engmaschige Kontrolle von Entzündungsparametern, Blutbild, Nierenparameter, Leberparameter, Elektrolyte, Gerinnungsparameter, Lactat, Blutgasanalyse und Kreatinkinase (CK).
- Kontrolle der mikrobiologischen Befunde mit Anpassung der Antibiotikatherapie.
- Postoperative Phase
- Regelmäßige Wundkontrollen bis zur sicheren Infektkontrolle und stabilen Granulation (Bildung von neuem Wundgewebe).
- Kontrolle auf Rezidivinfektion (erneute Infektion), Nachblutung, Kompartmentsyndrom (Druckerhöhung in einer Muskelloge), Wundheilungsstörung und funktionelle Defizite.
- Nachsorge
- Funktionskontrolle der betroffenen Extremität.
- Nach Amputation: Stumpfkontrolle, Prothesenanpassung, Gangschulung und Schmerztherapie.
- Abklärung prädisponierender Faktoren, insbesondere Diabetes mellitus, Immunsuppression, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder okkulte maligne Erkrankung (verborgene bösartige Erkrankung) bei spontanem Gasbrand.
Ernährungsmedizin
- Akutphase
- Frühzeitige ernährungsmedizinische Mitbeurteilung bei Sepsis, ausgedehnter Wunde, Intensivtherapie, Malnutrition oder hohem Proteinbedarf.
- Sicherung einer ausreichenden Energie-, Protein- und Flüssigkeitszufuhr zur Unterstützung von Wundheilung, Immunfunktion und Rekonvaleszenz (Genesung).
- Enterale Ernährung (Ernährung über den Magen-Darm-Trakt) bevorzugen, sofern keine Kontraindikationen (Gegenanzeigen) bestehen; parenterale Ernährung (Ernährung über die Vene) bei nicht ausreichender enteraler Zufuhr nach intensivmedizinischer Indikation.
- Nach der Akutphase
- Ernährungsberatung auf der Grundlage einer Ernährungsanalyse.
- Eiweißreiche, bedarfsdeckende Ernährung unter Berücksichtigung von Wundheilung, Muskelaufbau und ggf. Amputationsrehabilitation.
- Ausgleich dokumentierter Mangelzustände, insbesondere bei Malnutrition, chronischer Wunde oder längerem intensivmedizinischem Verlauf.
- Spezielle Hinweise
- Bei Diabetes mellitus: strukturierte Ernährungstherapie mit Ziel stabiler Blutzuckerwerte.
- Bei Nierenfunktionsstörung: Anpassung von Protein-, Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr an die aktuelle Nierenfunktion und ein mögliches Nierenersatzverfahren.
Sportmedizin
- In der Akutphase besteht keine sportmedizinische Belastungsindikation.
- Nach Infektkontrolle und Wundstabilisierung erfolgt ein stufenweiser Belastungsaufbau im Rahmen der Rehabilitation.
- Ausdauertraining und Krafttraining erst nach ärztlicher Freigabe, stabiler Wundheilung und ausreichender kardiopulmonaler Belastbarkeit.
- Nach Extremitätenverlust oder ausgeprägtem Funktionsdefizit: Trainingsplanung in Abstimmung mit Physiotherapie, Orthopädietechnik und Rehabilitationsmedizin.
Physikalische Therapie (inkl. Physiotherapie)
- Frühphase
- Atemtherapie, Pneumonieprophylaxe (Vorbeugung einer Lungenentzündung), Thromboseprophylaxe (Vorbeugung von Blutgerinnseln) und schonende Mobilisation nach intensivmedizinischer und chirurgischer Freigabe.
- Kontrakturprophylaxe (Vorbeugung von Gelenkversteifungen) und Lagerungstherapie, insbesondere bei längerer Immobilisation (Ruhigstellung).
- Rehabilitationsphase
- Aktive und passive Bewegungsübungen zur Wiederherstellung von Gelenkbeweglichkeit, Muskelkraft und Koordination.
- Gangschule, Gleichgewichtstraining und Belastungsaufbau.
- Nach Amputation: Stumpfabhärtung, Prothesentraining und funktionelle Alltagsrehabilitation.
- Schmerztherapeutische Begleitmaßnahmen
- Physiotherapeutische Maßnahmen zur Reduktion von Schonhaltung, Bewegungsangst und sekundären myofaszialen Beschwerden.
- Bei Phantomschmerz (Schmerz in einer nicht mehr vorhandenen Gliedmaße) nach Amputation: multimodale Schmerztherapie einschließlich Spiegeltherapie nach individueller Indikation.
Psychotherapie
- Psychologische Akutunterstützung
- Frühzeitige psychologische Mitbetreuung bei Intensivtherapie, Amputation, entstellender Operation, ausgeprägter Schmerzbelastung oder traumatischem Unfallereignis.
- Rehabilitationsphase
- Screening (Suchtest) auf Angst, Depression, posttraumatische Belastungssymptome, Anpassungsstörung und chronische Schmerzverarbeitung.
- Psychotherapeutische Unterstützung bei Krankheitsbewältigung, Körperbildveränderung, Funktionsverlust und beruflicher Reintegration (Wiedereingliederung).
Komplementäre Behandlungsmethoden
- Komplementäre Behandlungsmethoden haben in der Akuttherapie des Gasbrandes keinen Stellenwert.
- Sie dürfen chirurgische Sanierung, Antibiotikatherapie, intensivmedizinische Behandlung und Wundversorgung nicht ersetzen oder verzögern.
- Nach abgeschlossener Akuttherapie können nichtmedikamentöse Entspannungsverfahren unterstützend zur Krankheitsbewältigung eingesetzt werden, sofern keine Kontraindikationen bestehen.
Schulungsmaßnahmen
- Wund- und Hygieneschulung
- Erkennen von Warnzeichen: zunehmender Schmerz, Schwellung, Hautverfärbung, übel riechendes Sekret, Fieber, Kreislaufbeschwerden oder rasche Verschlechterung des Allgemeinzustands.
- Anleitung zu Verbandpflege, Wundschutz und rechtzeitiger ärztlicher Vorstellung bei Verschlechterung.
- Risikofaktorenschulung
- Diabetikerschulung bei Diabetes mellitus.
- Schulung zur Fußpflege bei diabetischem Fußsyndrom oder peripherer arterieller Verschlusskrankheit.
- Nikotinverzicht bei Wundheilungsstörung oder vaskulärer Risikokonstellation.
- Rehabilitationsschulung
- Prothesenschulung, Gangschule und Hilfsmitteltraining nach Amputation.
- Training alltagsrelevanter Bewegungsabläufe und Sturzprophylaxe.
Rehabilitation
- Indikation
- Rehabilitation ist nach schwerem Gasbrand häufig erforderlich, insbesondere nach ausgedehntem Debridement, Amputation, längerem Intensivaufenthalt, Sepsisfolgen oder relevanten Funktionsdefiziten.
- Rehabilitationsziele
- Wiederherstellung der Mobilität und Selbstständigkeit.
- Optimierung der Wundheilung und Narbenfunktion.
- Aufbau von Muskelkraft, Ausdauer und Koordination.
- Schmerzreduktion und Behandlung von Phantomschmerz nach Amputation.
- Berufliche und soziale Reintegration.
- Rehabilitationsformen
- Stationäre oder ambulante Anschlussrehabilitation nach klinischer Stabilisierung.
- Spezialisierte Amputationsrehabilitation bei Extremitätenverlust.
- Interdisziplinäre Rehabilitation bei komplexem Verlauf mit intensivmedizinischem Langzeitfolgesyndrom.
Organisationen und Selbsthilfegruppen
- Für Gasbrand existieren keine spezifischen etablierten Selbsthilfegruppen.
- Bei Amputation oder bleibender Funktionseinschränkung können Amputierten-Selbsthilfegruppen, Rehabilitationsberatungsstellen und Sozialdienste hilfreich sein.
- Bei Diabetes mellitus, peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder chronischen Wunden können krankheitsspezifische Beratungsangebote ergänzend sinnvoll sein.
Literatur
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Leitlinien
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