Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung der Beschwerden durch symptomatische und supportive Therapie [1] [LL1]
  • Frühzeitige Erkennung und Behandlung von Komplikationen schwerer enzephalitischer (mit Gehirnentzündung einhergehender) beziehungsweise enzephalomyelitischer (mit Entzündung von Gehirn und Rückenmark einhergehender) Verläufe [LL1]
  • Unterstützung der funktionellen Erholung bei persistierenden neurologischen (das Nervensystem betreffenden) oder neuropsychologischen (die durch Gehirnfunktionen beeinflussten geistigen und seelischen Leistungen betreffenden) Defiziten [3]

Therapieempfehlungen

  • Keine kausale Therapie:
    • Für die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) (durch Zecken übertragene Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten) steht derzeit keine spezifische antivirale Therapie zur Verfügung; die Behandlung erfolgt symptomatisch und supportiv. [1] [LL1]
    • Eine Wirksamkeit von Kortikoiden als begleitende Therapie viraler Enzephalitiden (Gehirnentzündungen durch Viren) ist nicht erwiesen; Glukokortikoide sind daher keine evidenzbasierte routinemäßige Begleittherapie der FSME. [LL1]
  • Initiale kalkulierte Therapie bei ätiologisch noch ungeklärter Meningoenzephalitis (Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten):
    • Bei Verdacht auf eine Enzephalitis durch Viren der Herpesgruppe, insbesondere Herpes-simplex-Virus oder Varizella-Zoster-Virus, soll ohne zeitlichen Verzug Aciclovir verabreicht werden. [LL1]
    • Bei klinischem Verdacht auf eine Herpes-simplex-Virus-Enzephalitis (durch Herpes-simplex-Viren verursachte Gehirnentzündung) darf der Beginn der Aciclovir-Therapie nicht bis zum Vorliegen der virologischen Diagnostik verzögert werden. [LL1]
    • Ist eine bakterielle ZNS-Erkrankung (Erkrankung des zentralen Nervensystems) differenzialdiagnostisch nicht sicher auszuschließen, wird zunächst zusätzlich eine kalkulierte Antibiotikatherapie empfohlen, beispielsweise mit einem Cephalosporin der Gruppe 3 plus Ampicillin unter Berücksichtigung einer möglichen Listerien-Meningoenzephalitis (durch Listerien verursachte Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten). [LL1]
    • Nach Sicherung einer FSME besteht für die FSME selbst keine Indikation für eine spezifische antivirale Therapie. [1] [LL1]
  • Symptomatische und supportive Therapie:
    • Bei blander meningitischer Verlaufsform (milder Verlaufsform mit Hirnhautentzündung) erfolgt eine symptomatische antipyretische und analgetische Behandlung. [LL1]
    • Bei schwer verlaufenden Enzephalitiden werden Analgetika und Sedativa nach klinischem Bedarf eingesetzt. [LL1]
    • Eine antikonvulsive Therapie ist erst beim Auftreten epileptischer Anfälle (Krampfanfälle) oder bei einem Status epilepticus (anhaltender epileptischer Anfall) indiziert; eine routinemäßige prophylaktische antikonvulsive Therapie ohne epileptische Anfälle ist nicht angezeigt. [LL1]
    • Bei Einsatz von Neuroleptika ist die mögliche Senkung der Krampfschwelle zu berücksichtigen. [LL1]
    • Vegetative Entgleisungen (Störungen des unwillkürlichen Nervensystems) sowie Temperatur- und Atemstörungen werden symptomatisch behandelt. [LL1]
    • Ein Salzverlustsyndrom (krankhafter Salzverlust) oder ein Diabetes insipidus (Wasserharnruhr) werden entsprechend der jeweiligen Störung behandelt. [LL1]
    • Auf eine ausreichende Ernährung und ein optimales Temperaturmanagement ist insbesondere bei schweren Verläufen zu achten. [LL1]
  • Therapie bei schweren Verläufen:
    • Patienten mit akuten viralen Enzephalitiden sollen intensivmedizinisch betreut werden. [LL1]
    • Bei einem Hirnödem (Hirnschwellung) können Osmotherapeutika eingesetzt werden; der therapeutische Effekt einer Entlastungstrepanation (operative Druckentlastung des Gehirns durch Öffnung des Schädels) bei viraler Enzephalitis ist bislang nicht gesichert. [LL1]
    • Zu den allgemeinen intensivmedizinischen Therapiemaßnahmen gehört eine Thromboseprophylaxe (Vorbeugung von Blutgerinnseln). [LL1]
    • Respiratorische Störungen (Störungen der Atmung) und sonstige intensivmedizinisch relevante Organfunktionsstörungen (Störungen der Organfunktion) werden entsprechend dem klinischen Befund supportiv behandelt. [LL1]
  • Rehabilitation:
    • Persistierende neurologische und neuropsychologische Folgen sind nach FSME klinisch relevant. In einer deutschen prospektiven Kohorte mit 523 nachbeobachteten FSME-Erkrankten berichteten nach 18 Monaten etwa die Hälfte der Erwachsenen und 5 % der Kinder über persistierende Folgeerscheinungen. [3]
    • In derselben Kohorte erhielten 39,8 % der Erkrankten im Verlauf eine Rehabilitation. [3]
    • Für 77 der 208 rehabilitierten Patienten lagen detaillierte Angaben zur Art der Rehabilitation vor: 88,3 % erhielten Physiotherapie, 73,7 % Ergotherapie, 36,6 % Logopädie und 58,4 % weitere Maßnahmen wie Gedächtnistraining oder psychologische Unterstützung. [3]
    • 75,0 % dieser 77 Patienten bewerteten die rehabilitativen Maßnahmen hinsichtlich der Linderung ihrer FSME-bedingten Beschwerden als hilfreich oder sehr hilfreich. [3]
    • Die Daten belegen einen relevanten Rehabilitationsbedarf nach FSME, erlauben aufgrund des beobachtenden Studiendesigns jedoch keine vergleichende Wirksamkeitsbewertung einzelner Rehabilitationsverfahren. [3]

Postexpositionsprophylaxe (PEP) (Vorbeugung nach möglicher Ansteckung)

  • Passive Immunisierung (Schutz durch Gabe fertiger Antikörper):
    • Eine passive Immunisierung mit Hyperimmunseren ist bei FSME nicht indiziert. [LL1]
    • Eine passive FSME-Impfung beziehungsweise postexpositionelle Gabe von FSME-Immunglobulin ist in Deutschland seit 2003 nicht mehr verfügbar. [2]
    • Ein eindeutiger Nutzen der passiven Immunisierung wurde nicht nachgewiesen. [2]
    • In Einzelfällen wurden nach Verabreichung der passiven Immunisierung schwere FSME-Krankheitsverläufe beschrieben, insbesondere bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen. [2]
  • Aktive Impfung nach Zeckenstich (Schutzimpfung zur Bildung eigener Abwehrstoffe):
    • Auch eine unmittelbar nach einem Zeckenstich verabreichte FSME-Impfung kann eine durch diesen Zeckenstich bereits erfolgte Infektion bei Personen mit unzureichendem Impfschutz mit größter Wahrscheinlichkeit nicht verhindern. [2]
    • Ein sicherer Impfschutz wird erst nach zwei Teilimpfungen erreicht; schützende Antikörper werden erst etwa 7 bis 14 Tage nach der Impfung gebildet. [2]
    • Bei bereits begonnener Grundimmunisierung kann der Schutz möglicherweise schneller erreicht werden; Evidenz für eine tatsächliche Schutzwirkung einer Impfung nach dem bereits erfolgten Zeckenstich liegt jedoch auch in dieser Situation nicht vor. [2]
    • Besteht bei ungeimpften Personen oder Personen ohne aktuellen Impfschutz weiterhin ein FSME-Infektionsrisiko durch zukünftige Zeckenstiche, ist es sinnvoll, unmittelbar nach dem Zeckenstich zu impfen. Die Impfung dient dann dem Schutz vor zukünftigen Expositionen und stellt keine verlässliche Postexpositionsprophylaxe für den bereits erfolgten Zeckenstich dar. [2]
    • Bei anschließend auftretendem FSME-Verdacht kann die serologische Diagnostik durch eine kurz zuvor erfolgte Impfung erschwert sein; im Zweifelsfall kann die Diagnostik durch spezielle Testverfahren am FSME-Konsiliarlabor ergänzt werden. [2]

Beachte

  • Das Fehlen einer spezifischen antiviralen Therapie der FSME darf bei einer initial ätiologisch noch ungeklärten Meningoenzephalitis nicht zu einer Verzögerung der empirischen Behandlung spezifisch behandelbarer Differenzialdiagnosen führen. [LL1]
  • Bei Verdacht auf eine Herpes-simplex-Virus- oder Varizella-Zoster-Virus-Enzephalitis (durch Varizella-Zoster-Viren verursachte Gehirnentzündung) soll Aciclovir ohne zeitlichen Verzug begonnen werden. [LL1]
  • Bei nicht sicher ausgeschlossener bakterieller ZNS-Erkrankung soll bis zur diagnostischen Klärung zusätzlich eine kalkulierte Antibiotikatherapie erfolgen. [LL1]
  • Eine antikonvulsive Therapie ist ohne epileptische Anfälle beziehungsweise Status epilepticus nicht routinemäßig indiziert. [LL1]
  • Eine Wirksamkeit von Kortikoiden als begleitende Therapie viraler Enzephalitiden ist nicht erwiesen; eine routinemäßige Glukokortikoidtherapie der FSME ist daher nicht evidenzbasiert. [LL1]
  • Eine feste FSME-spezifische Körpertemperaturgrenze für den Beginn einer medikamentösen Antipyrese wird in der aktuellen DGN-Leitlinie nicht vorgegeben; empfohlen wird ein optimales, klinisch angepasstes Temperaturmanagement. [LL1]

Abkürzungen

  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • DGN – Deutsche Gesellschaft für Neurologie
  • FAQ – Frequently Asked Questions
  • FSME – Frühsommer-Meningoenzephalitis
  • PEP – Postexpositionsprophylaxe
  • RKI – Robert Koch-Institut
  • TBE – Tick-borne encephalitis
  • ZNS – Zentralnervensystem

Literatur

  1. Robert Koch-Institut: Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und verwandte Virusenzephalitiden (TBE, tick-borne encephalitis). RKI-Ratgeber. Stand 7. Februar 2025. RKI-Ratgeber
  2. Robert Koch-Institut: Antworten auf häufig gestellte Fragen zur FSME-Impfung. Stand 17. Juli 2026. RKI-FAQ
  3. Nygren TM, Pilic A, Böhmer MM, Wagner-Wiening C, Wichmann O, Hellenbrand W: Recovery and sequelae in 523 adults and children with tick-borne encephalitis in Germany. Infection. 2023;51(5):1503 bis 1511. doi

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Virale Meningoenzephalitis. (AWMF-Registernummer: 030-100), Version 7.0, Januar 2025. Langfassung [LL1]