Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) (durch Zecken übertragene Entzündung von Hirnhäuten, Gehirn und Rückenmark) mitbedingt sein können:
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Postenzephalitisches Syndrom (Beschwerdebild nach Gehirnentzündung) mit Fatigue (ausgeprägter Erschöpfung), Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Schlafstörungen, emotionaler Labilität (starken Stimmungsschwankungen) und verminderter Belastbarkeit [1, 3, 4]
- Neurasthenisches Syndrom (Erschöpfungssyndrom mit Reizbarkeit und Schwäche) mit Müdigkeit, reduzierter Stresstoleranz (geringerer Belastbarkeit bei Stress), Reizbarkeit und emotionaler Labilität [1, 3]
- Neurokognitive Defizite (Störungen von Denken, Aufmerksamkeit und Gedächtnis) – insbesondere Störungen von Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis (Kurzzeitgedächtnis für aktuelle Aufgaben), Gedächtnisleistung und sozialer Kognition (Verstehen sozialer Signale) [1, 5]
- Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen und Insomnie (Schlaflosigkeit) – können zur persistierenden Fatigue und reduzierten Belastbarkeit beitragen [1, 4]
- Affektive (stimmungsbezogene) und neuropsychiatrische Beschwerden (psychische Beschwerden durch Störung des Nervensystems) – insbesondere Reizbarkeit, emotionale Labilität, depressive Symptomatik (Anzeichen einer Depression) und reduzierte soziale Funktionsfähigkeit [1, 4, 5]
- Gleichgewichtsstörungen und Ataxie (Störung der Bewegungskoordination) – häufige neurologische Residuen (Folgezustände) nach ZNS-Beteiligung (Beteiligung des zentralen Nervensystems; Gehirn und Rückenmark) [1, 3, 4]
- Tremor (Zittern) – vor allem nach enzephalitischer (das Gehirn betreffender entzündlicher) oder enzephalomyelitischer Verlaufsform (das Gehirn und Rückenmark betreffender entzündlicher Verlaufsform) [1, 4]
- Paresen (Lähmungen) – insbesondere Extremitätenparesen (Lähmungen der Arme oder Beine) nach Myelitis (Rückenmarkentzündung), Enzephalomyelitis (Entzündung von Gehirn und Rückenmark) oder radikulitischer Beteiligung (Beteiligung der Nervenwurzeln); können langfristig persistieren [1, 2, 4]
- Hirnstamm- und Hirnnervenparesen (Lähmungen durch Beteiligung von Hirnstamm oder Hirnnerven) – selten, aber klinisch relevant bei bulbärer Beteiligung (Beteiligung der Schluck- und Sprechzentren im Hirnstamm) mit Dysarthrie (Sprechstörung) oder Dysphagie (Schluckstörung) [1, 2, 4]
- Polyradikulitis (Entzündung mehrerer Nervenwurzeln) bzw. Enzephaloradikulitis (Entzündung von Gehirn und Nervenwurzeln) mit Guillain-Barré-Syndrom-ähnlichem Lähmungsbild (GBS; aufsteigende Lähmungen durch fehlgeleitete Immunreaktion an Nerven) – seltene neurologische Manifestation, nicht regelhafte Langzeitfolge [1, 2]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Persistierende Fatigue – eine der häufigsten Langzeitfolgen nach hospitalisationspflichtiger FSME (FSME mit erforderlicher Krankenhausbehandlung) [1, 3, 4]
- Chronische oder rezidivierende Kopfschmerzen – häufige Langzeitbeschwerde nach neurologischer FSME [1, 3]
- Persistierende Schwäche und reduzierte körperliche Belastbarkeit [3, 4]
- Persistierende Schmerzen, Myalgien (Muskelschmerzen) oder Arthralgien (Gelenkschmerzen) – vor allem im Rahmen postenzephalitischer Beschwerden beschrieben [1]
Weiteres
- Reduzierte gesundheitsbezogene Lebensqualität – insbesondere in den Dimensionen körperliche Funktionsfähigkeit, allgemeine Gesundheitswahrnehmung und soziale Funktionsfähigkeit [4]
- Rehabilitationsbedarf (Bedarf an Wiederherstellungsbehandlung) – insbesondere nach schwerer FSME, Paresen, Ataxie, Tremor oder persistierenden kognitiven Einschränkungen [3, 4]
- Arbeitsunfähigkeit bzw. eingeschränkte Erwerbsfähigkeit – bei einem Teil der erwerbstätigen Patienten noch nach 12-18 Monaten relevant [3, 4]
Prognosefaktoren
- Höheres Alter – Erwachsene, insbesondere ältere Erwachsene, haben ein deutlich höheres Risiko für persistierende Residuen als Kinder und Jugendliche [1, 3, 7]
- Schwere akute FSME – schwere Verläufe mit Enzephalitis (Gehirnentzündung), Myelitis, Enzephalomyelitis, Bewusstseinsstörung (Störung des Wachseins und Bewusstseins) oder intensivmedizinischem Behandlungsbedarf (Behandlungsbedarf auf der Intensivstation) sind mit schlechterer Erholung assoziiert [3, 4, 7, 8]
- Verlaufsform – reine meningitische FSME (nur die Hirnhäute betreffende FSME) hat die günstigste Prognose; Meningoenzephalitis (Hirnhaut- und Gehirnentzündung) ist prognostisch ungünstiger, Enzephalomyelitis bzw. Enzephaloradikulitis hat die schlechteste Prognose [1, 2, 4]
- Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) – vorbestehende Erkrankungen korrelieren mit verzögerter Erholung und schlechterer Langzeitprognose [3, 4, 8]
- Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) – erhöhtes Risiko für schweren oder prolongierten Verlauf (verlängerten Verlauf); bei immunsupprimierten Patienten ist eine ungünstigere Prognose besonders zu berücksichtigen [2, 7, LL 2]
- Persistierende neurologische Befunde (anhaltende Untersuchungszeichen des Nervensystems) nach 3 Monaten – insbesondere Paresen, Gleichgewichtsstörungen und Tremor weisen auf ein erhöhtes Risiko langfristiger Defizite hin [4]
- Persistenz (Fortbestehen) von Beschwerden über 12 Monate – postenzephalitische Beschwerden, die nach 12 Monaten fortbestehen, sind häufig langfristig relevant [1, 4]
- Kinder und Jugendliche – insgesamt günstigere Prognose als Erwachsene, dennoch sind neuropsychologische Defizite (Störungen von Denken, Verhalten oder Leistungsfähigkeit durch Veränderungen des Nervensystems) und persistierende Beschwerden möglich [1, 3]
- Frühe funktionelle Einschränkung (frühe Einschränkung im Alltag) – hoher Rehabilitationsbedarf, längere Arbeitsunfähigkeit und reduzierte gesundheitsbezogene Lebensqualität sprechen für eine höhere Krankheitslast [3, 4]
Literatur
- Halsby K, Gildea L, Zhang P, Angulo FJ, Pilz A, Moisi J et al.: Clinical Spectrum and Dynamics of Sequelae Following Tick-Borne Encephalitis Virus Infection: A Systematic Literature Review. Open Forum Infect Dis. 2025;12(6):ofaf317. doi: 10.1093/ofid/ofaf317.
- Halsby K, Gildea L, Madhava H, Angulo FJ, Pilz A, Erber W et al.: Clinical manifestations and outcomes of Tick-borne encephalitis: A systematic literature review. Ticks Tick Borne Dis. 2024;15(6):102407. doi: 10.1016/j.ttbdis.2024.102407.
- Nygren TM, Pilic A, Böhmer MM, Wagner-Wiening C, Wichmann O, Hellenbrand W: Recovery and sequelae in 523 adults and children with tick-borne encephalitis in Germany. Infection. 2023;51(5):1503-1511. doi: 10.1007/s15010-023-02023-w.
- Skudal H, Stenstad T, Lorentzen ÅR, Quist-Paulsen E, Egeland J, Fevang B et al.: Tick-borne encephalitis in Norway: A cohort study of clinical course and health-related quality of life at three- and twelve-month follow-up. Eur J Clin Microbiol Infect Dis. 2026;45(2):567-579. doi: 10.1007/s10096-025-05341-z.
- Griška V, Pranckevičienė A, Pakalnienė J, Gabrijolavičiūtė D, Veje M, Studahl M et al.: Long-term neurological and neurocognitive impairments after tick-borne encephalitis in Lithuania - a prospective study. Infect Dis (Lond). 2024;56(9):732-742. doi: 10.1080/23744235.2024.2346793.
- Chiffi G, Grandgirard D, Sendi P, Dietmann A, Bassetti CLA, Leib SL: Tick-borne encephalitis: A comprehensive review of the epidemiology, virology, and clinical picture. Rev Med Virol. 2023;33(5):e2470. doi: 10.1002/rmv.2470.
- Nygren TM, Pilic A, Böhmer MM, Wagner-Wiening C, Went SB, Wichmann O et al.: Tick-borne encephalitis: acute clinical manifestations and severity in 581 cases from Germany, 2018-2020. J Infect. 2023;86(4):369-375. doi: 10.1016/j.jinf.2023.02.018.
- Skudal H, Lorentzen ÅR, Stenstad T, Quist-Paulsen E, Egeland J, Fevang B et al.: Clinical characteristics and factors affecting disease severity in hospitalized tick-borne encephalitis patients in Norway from 2018 to 2022. Eur J Clin Microbiol Infect Dis. 2024;43(7):1355-1366. doi: 10.1007/s10096-024-04855-2.
Leitlinien
- S1-Leitlinie: Virale Meningoenzephalitis. (AWMF-Registernummer 030-100), vollständig überarbeitet 09.01.2025, gültig bis 08.01.2030. Langfassung.
- Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und verwandte Virusenzephalitiden, Stand 07.02.2025. RKI-Ratgeber.