Kinderlähmung (Poliomyelitis) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Körpertemperatur und bei klinischem Verdacht auf bulbäre (das Schluck-, Sprech- und Atemzentrum betreffende) bzw. respiratorische (die Atmung betreffende) Beteiligung Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung; des Weiteren:
    • Beurteilung des Allgemein- und Bewusstseinszustands
    • Beurteilung von Atmung, Sprechvermögen, Schluckakt und effektivem Hustenstoß [bei bulbärer bzw. bulbospinaler (Rückenmark und Schluck-, Sprech- und Atemzentrum betreffender) Poliomyelitis (Kinderlähmung): Dysphagie (Schluckstörung), Dysarthrie (Sprechstörung), abgeschwächter Hustenstoß, Sekretstau bzw. Zeichen der respiratorischen Insuffizienz (Atemschwäche)]
  • Neurologische Untersuchung – inklusive Untersuchung von Hirnnerven (Nerven des Gehirns), Motorik (Bewegungsfunktion), Muskeltonus (Muskelspannung), Muskeleigenreflexen (Muskelreflexen) und Sensibilität (Empfindungsvermögen) sowie Bestimmung des Kraftgrades im Seitenvergleich
    • Motorik und Muskelkraft [akut einsetzende, meist asymmetrische schlaffe Paresen (Lähmungen) einer oder mehrerer Extremitäten (Gliedmaßen); meist stärkere Beteiligung der unteren als der oberen Extremitäten; häufig proximal (rumpfnah) stärker ausgeprägte Parese]
    • Muskeltonus [verminderter Muskeltonus in den paretischen (gelähmten) Muskelgruppen]
    • Muskeleigenreflexe [verminderte bzw. fehlende Muskeleigenreflexe in den betroffenen Extremitäten]
    • Sensibilität [bei paralytischer (mit Lähmungen einhergehender) Poliomyelitis trotz motorischer Ausfälle erhaltene Sensibilität]
    • Hirnnervenfunktion [bei bulbärer Poliomyelitis motorische Hirnnervenausfälle mit Schluck-, Sprech- bzw. Phonationsstörungen (Störungen der Stimmbildung)]
    • Inspektion und Palpation der Muskulatur [im weiteren Verlauf Muskelatrophie (Muskelschwund) der betroffenen Muskelgruppen]
  • Untersuchung des Respirationssystems (Atmungssystems) bei neurologischen Ausfällen mit möglicher Beteiligung der Atemmuskulatur
    • Inspektion von Atemmuster und Atemarbeit sowie Beurteilung der Thoraxexkursion (Brustkorbbewegung) [bei bulbospinaler bzw. spinaler (das Rückenmark betreffender) Poliomyelitis mit Atemmuskelbeteiligung: flache Atmung, verminderte Thoraxexkursion bzw. paradoxe Atmung (gegenläufige Atembewegung)]
  • Untersuchung des Bewegungsapparates bei bestehenden Paresen bzw. Residuen (Folgezuständen)
    • Beurteilung von Haltung, Gangbild, Gelenkbeweglichkeit und Extremitätensymmetrie [bei persistierenden (anhaltenden) Paresen: Muskelatrophie, Extremitätenhypotrophie (verminderte Entwicklung einer Gliedmaße), Kontrakturen (Gelenkversteifungen) bzw. paralytisch bedingte Fehlstellungen]

Red Flags (Warnzeichen) bei Poliomyelitis

  • Akut auftretende schlaffe Parese einer oder mehrerer Extremitäten, insbesondere bei asymmetrischem Verteilungsmuster und verminderten bzw. fehlenden Muskeleigenreflexen
  • Progrediente (fortschreitende) motorische Schwäche mit Beteiligung der Atemmuskulatur
  • Dysphagie, Dysarthrie, abgeschwächter Hustenstoß oder Sekretverhalt als Hinweis auf eine bulbäre Beteiligung
  • Zeichen einer respiratorischen Insuffizienz bzw. rasche Verschlechterung der Atemmechanik

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.