Kinderlähmung (Poliomyelitis) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Poliomyelitis (Polio, Kinderlähmung) mitbedingt sein können:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Akute respiratorische Insuffizienz (akute Atemschwäche) bis Atemlähmung – lebensbedrohliche Komplikation der bulbären (den Hirnstamm betreffenden) oder bulbospinalen (Hirnstamm und Rückenmark betreffenden) Poliomyelitis durch Beteiligung respiratorischer Motoneurone (Nervenzellen zur Muskelsteuerung); ohne rechtzeitige ventilatorische Unterstützung (Atemunterstützung) besteht ein relevantes Letalitätsrisiko (Sterberisiko) [LL3-5].
  • Chronische alveoläre Hypoventilation/restriktive Ventilationsstörung (dauerhaft verminderte Lungenbläschenbelüftung/einschränkende Atemstörung) – Spätfolge bei residueller (zurückbleibender) Atemmuskelparese (Atemmuskelschwäche), Thoraxdeformität (Brustkorbverformung), Skoliose (Seitverbiegung der Wirbelsäule) oder zusätzlicher altersbedingter respiratorischer Reserveeinschränkung (verminderter Atemreserve); klinisch relevant durch Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung), Hyperkapnie (erhöhter Kohlendioxidgehalt im Blut), Infektanfälligkeit und erhöhten Bedarf an nichtinvasiver Beatmung (Maskenbeatmung) [1-2, 6, LL1].
  • Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch Einatmen von Fremdmaterial) – Folge einer bulbären Schluckstörung mit Sekretretention (Zurückhalten von Schleim), ineffektivem Hustenstoß und stiller Aspiration (unbemerktem Verschlucken); besonders relevant bei kombinierter Dysphagie (Schluckstörung) und respiratorischer Muskelschwäche [7, LL3-4].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Achsenfehlstellungen (Fehlstellungen der Körper-/Beinachse), Kontrakturen (Gelenkversteifungen) und Gelenkdeformitäten (Gelenkverformungen) – Folge persistierender (anhaltender) asymmetrischer schlaffer Paresen (ungleichseitiger schlaffer Lähmungen), muskulärer Dysbalance (Ungleichgewicht der Muskeln) und kompensatorischer Fehlbelastung (ausgleichender Fehlbelastung); klinisch relevant durch Gangstörung, Schmerzen, Orthesenbedarf (Bedarf an stützenden Hilfsmitteln) und zunehmende Funktionsverluste [1-2, LL1].
  • Chronische muskuloskelettale Schmerzen (dauerhafte Schmerzen des Muskel-Skelett-Systems) – häufige Spätfolge durch Überlastung nichtparetischer Muskelgruppen (nicht gelähmter Muskelgruppen), degenerative Gelenkveränderungen (verschleißbedingte Gelenkveränderungen), Fehlstatik (gestörte Körperstatik) und postpoliomyelitische neuromuskuläre Fatigue (nach Polio auftretende nerven- und muskelbedingte Erschöpfung) [1-4, LL1-2].
  • Osteopenie/Osteoporose (verminderte Knochendichte/Knochenschwund) – begünstigt durch reduzierte mechanische Belastung paretischer Extremitäten (gelähmter Arme oder Beine), Immobilität (Bewegungsmangel), niedrige Muskelmasse und Alterung; bei Polio-Überlebenden besonders in der schwächeren Extremität klinisch relevant [5, LL1].
  • Skoliose und thorakale Deformität – mögliche Folge asymmetrischer Rumpf- und Atemmuskelschwäche; prognostisch (für den Krankheitsverlauf) relevant durch Verstärkung einer restriktiven Ventilationsstörung und schlafbezogener Hypoventilation [1-2, 6, LL1].
  • Überlastungsarthropathien (Gelenkerkrankungen durch Überlastung) der oberen und unteren Extremität – sekundär (nachfolgend) durch langjährige Nutzung von Gehstützen, Rollstuhl, Orthesen, asymmetrischem Gangbild und kompensatorischer Mehrbelastung; besonders relevant an Schulter, Handgelenk, Hüfte, Knie und Sprunggelenk [1-2, LL1].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Persistierende schlaffe Paresen/Plegien (anhaltende schlaffe Lähmungen/vollständige Lähmungen) – unmittelbare neurologische Hauptfolge (das Nervensystem betreffende Hauptfolge) der paralytischen Poliomyelitis (Polio mit Lähmungen) durch Untergang spinaler Vorderhornzellen (Nervenzellen im Vorderhorn des Rückenmarks); nach 12 Monaten persistierende Lähmungen sind überwiegend dauerhaft [LL3-5].
  • Post-Polio-Syndrom (PPS; Beschwerdebild nach früherer Polio) – nichtinfektiöse (nicht ansteckende) Spätkomplikation Jahrzehnte nach paralytischer Poliomyelitis mit neuer oder zunehmender Muskelschwäche, Muskelatrophie (Muskelschwund), Fatigue, Muskel-/Gelenkschmerzen und funktioneller Verschlechterung; die Diagnose (Erkennung der Erkrankung) setzt den Ausschluss anderer neurologischer, orthopädischer (den Bewegungsapparat betreffender) und internistischer (innere Organe betreffender) Ursachen voraus [1-4, LL1-3].
  • Schlafbezogene Atmungsstörungen (Atemstörungen im Schlaf) – insbesondere obstruktive Schlafapnoe (Atemaussetzer durch Verengung der oberen Atemwege im Schlaf), nächtliche Hypoventilation oder Mischformen; begünstigt durch Atemmuskelinsuffizienz, Skoliose, Adipositas (Fettleibigkeit) und bulbäre Residuen (zurückbleibende Hirnstammfolgen) [6, LL1].
  • Depressive Störungen (Erkrankungen mit Niedergeschlagenheit) und Angststörungen (Erkrankungen mit übermäßiger Angst) – mögliche sekundäre Folge chronischer Behinderung, Schmerzen, Fatigue, Schlafstörung, Mobilitätsverlust und sozialer Einschränkung; nicht als primäre Poliovirusmanifestation (Ausprägung einer Poliovirusinfektion), sondern als multifaktoriell (durch mehrere Faktoren) mitbedingte Folge zu bewerten [LL1].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Dysarthrie/Dysphonie (Sprechstörung/Stimmstörung) – Folge bulbärer Beteiligung mit Störung der oropharyngealen (den Mund-Rachen-Raum betreffenden) und laryngealen Motorik (Kehlkopfmotorik); klinisch relevant durch Kommunikationsbeeinträchtigung (Beeinträchtigung der Verständigung) und Hinweis auf zusätzliche Schluck- oder Atemwegsrisiken [7, LL4].
  • Dysphagie – akute oder späte Folge bulbärer beziehungsweise postpoliomyelitischer oropharyngealer Motoneuronenbeteiligung; klinisch relevant durch Aspirationsrisiko, Mangelernährung (unzureichende Ernährung), Exsikkose (Austrocknung) und Pneumoniegefährdung [7, LL4].
  • Fatigue und Belastungsintoleranz (Erschöpfung und Unverträglichkeit körperlicher Belastung) – Leitsymptom des Post-Polio-Syndroms und der Late Effects of Polio (späte Poliofolgen); klinisch relevant durch deutliche Einschränkung von Aktivität, Teilhabe, Gehstrecke und Alltagsfunktionen [1-4, LL1-2].

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Stürze – Folge von asymmetrischer Paresenverteilung (ungleichseitiger Verteilung der Lähmungen), muskulärer Fatigue, Orthesenproblemen, Gangunsicherheit, Gelenkdeformitäten und Überlastung; in Kohorten von Polio-Überlebenden klinisch häufig und wesentlich für Frakturprävention (Verhinderung von Knochenbrüchen) [5, LL1].

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Fragilitäts- und Sturzfrakturen (Knochenbrüche bei geringer Belastung und nach Sturz) – Folge der Kombination aus Sturzrisiko, Osteopenie/Osteoporose und asymmetrischer Knochenbelastung; besonders beschrieben sind Frakturen der schwächeren beziehungsweise atrophischen (zurückgebildeten) unteren Extremität einschließlich Schenkelhalsfrakturen (Oberschenkelhalsbrüche) [5].

Prognosefaktoren

  • Bulbäre oder bulbospinale Beteiligung – ungünstiger Prognosefaktor (Einflussfaktor für den Krankheitsverlauf) wegen respiratorischer Insuffizienz, Dysphagie, Aspirationsrisiko und erhöhter akuter Letalität [LL3-5].
  • Ausmaß der akuten Motoneuronenschädigung (Schädigung der Nervenzellen zur Muskelsteuerung) – je ausgeprägter initiale Lähmung, Multisegmentbeteiligung (Beteiligung mehrerer Rückenmarksabschnitte) und residuelle Paresen, desto höher das Risiko für dauerhafte Behinderung, sekundäre orthopädische Probleme und spätere funktionelle Verschlechterung [1-2, LL3-4].
  • Persistierende Schwäche nach 12 Monaten – starker Hinweis auf dauerhafte neurologische Residuen (zurückbleibende Nervenschäden); spätere Verbesserung ist dann nur begrenzt und überwiegend kompensatorisch (ausgleichend) zu erwarten [LL4].
  • Alterung und lange Latenz (Zeitabstand) seit der Akuterkrankung – begünstigen das Post-Polio-Syndrom durch reduzierte Kompensationsreserve (verminderte Ausgleichsreserve) großer reinnervierter motorischer Einheiten (erneut nervlich versorgter Muskel-Nerven-Einheiten) und altersassoziierte Sarkopenie (altersbedingter Muskelabbau) [1-2, LL1-2].
  • Überlastung und Inaktivität – beide Extreme sind prognostisch ungünstig; empfohlen wird ein individualisiertes Belastungsmanagement (angepasste Steuerung der körperlichen Belastung) mit Vermeidung von Übermüdung, Schmerzprovokation (Schmerzauslösung) und Dekonditionierung (Verlust körperlicher Leistungsfähigkeit) [2-4, LL1-2].
  • Skoliose, Thoraxdeformität, Adipositas und vorbestehende Atemmuskelparese – erhöhen das Risiko für nächtliche Hypoventilation, schlafbezogene Atmungsstörungen und chronische respiratorische Insuffizienz [6, LL1].
  • Niedrige Knochendichte, Sturzanamnese (frühere Stürze) und fehlende Hilfsmittelanpassung (Anpassung von Gehhilfen/Orthesen) – erhöhen das Risiko für Fragilitätsfrakturen und sekundäre Mobilitätsverluste [5, LL1].
  • Verzögerte Diagnose postpoliomyelitischer Spätfolgen – verschlechtert die funktionelle Prognose durch verspätete Orthesenversorgung, Atemdiagnostik (Untersuchung der Atmung), Schmerztherapie, Schluckdiagnostik (Untersuchung des Schluckens) und neurorehabilitative Steuerung (neurologisch-rehabilitative Behandlungsplanung) [LL1].

Literatur

  1. Lo JK, Robinson LR: Postpolio syndrome and the late effects of poliomyelitis. Part 1. pathogenesis, biomechanical considerations, diagnosis, and investigations. Muscle Nerve. 2018;58(6):751-759. https://doi.org/10.1002/mus.26168
  2. Lo JK, Robinson LR: Post-polio syndrome and the late effects of poliomyelitis: Part 2. treatment, management, and prognosis. Muscle Nerve. 2018;58(6):760-769. https://doi.org/10.1002/mus.26167
  3. Ramachandran AK, Goodman SPJ, Jackson MJ, Lathlean TJH: Effects of muscle strengthening and cardiovascular fitness activities for poliomyelitis survivors: A systematic review and meta-analysis. Journal of Rehabilitation Medicine. 2021;53(4):1-15. https://doi.org/10.2340/16501977-2832
  4. Koopman FS, Beelen A, Gilhus NE, de Visser M, Nollet F: Treatment for postpolio syndrome. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2015;Issue 5:CD007818. https://doi.org/10.1002/14651858.CD007818.pub3
  5. Mohammad AF, Khan KA, Galvin L, Hardiman O, O’Connell PG: High Incidence of Osteoporosis and Fractures in an Aging Post-Polio Population. European Neurology. 2009;62(6):369-374. https://doi.org/10.1159/000242444
  6. Hsu AA, Staats BA: "Postpolio" sequelae and sleep-related disordered breathing. Mayo Clinic Proceedings. 1998;73(3):216-224. https://doi.org/10.4065/73.3.216
  7. Sonies BC: Dysphagia and post-polio syndrome: past, present, and future. Seminars in Neurology. 1996;16(4):365-370. https://doi.org/10.1055/s-2008-1040995

Leitlinien

  1. Guijarro Castro TC, Povedano Pandés M, Rojas García R et al.: Guía de recomendaciones para el diagnóstico y el tratamiento neurorrehabilitador de los estados secuelares pospoliomelíticos. Revista Española de Salud Pública. 2025;99:e202506006. https://ojs.sanidad.gob.es/index.php/resp/article/view/1056
  2. Farbu E, Gilhus NE, Barnes MP et al.: EFNS guideline on diagnosis and management of post-polio syndrome. Report of an EFNS task force. European Journal of Neurology. 2006;13(8):795-801. https://doi.org/10.1111/j.1468-1331.2006.01385.x
  3. Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Overview of Poliomyelitis. May 2024. https://www.cdc.gov/polio/hcp/clinical-overview/index.html
  4. Centers for Disease Control and Prevention: Chapter 18: Poliomyelitis. Epidemiology and Prevention of Vaccine-Preventable Diseases. 2024. https://www.cdc.gov/pinkbook/hcp/table-of-contents/chapter-18-poliomyelitis.html
  5. World Health Organization: Poliomyelitis. Fact sheet. 2 April 2025. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/poliomyelitis