Sinusarrhythmie – Körperliche Untersuchung
Die körperliche Untersuchung bei Sinusarrhythmie (unregelmäßiger Herzschlag mit wechselnden Abständen) dient insbesondere dem Nachweis der Atemabhängigkeit der Herzfrequenzschwankungen sowie der Abgrenzung einer physiologischen respiratorischen Sinusarrhythmie (normale atemabhängige Schwankung des Herzschlags) von einer klinisch relevanten Herzrhythmusstörung (Störung des Herzschlags).
Die respiratorische Sinusarrhythmie ist ein physiologisches Phänomen und besonders bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen häufig ausgeprägt.
- Allgemeine körperliche Untersuchung
- Allgemeinzustand und Bewusstseinslage [bei physiologischer respiratorischer Sinusarrhythmie regelrecht; Bewusstseinsstörung, Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht) oder Synkope (Ohnmacht) sprechen gegen eine isolierte physiologische Sinusarrhythmie]
- Vitalparameter (lebenswichtige Messwerte):
- Blutdruck [bei physiologischer Sinusarrhythmie in der Regel normwertig]
- Herzfrequenz (Anzahl der Herzschläge pro Minute) [atemabhängig schwankend; Beschleunigung während der Inspiration (Einatmung) und Verlangsamung während der Exspiration (Ausatmung)]
- Atemfrequenz (Anzahl der Atemzüge pro Minute) [Beurteilung der zeitlichen Kopplung zwischen Atmung und Herzfrequenz]
- Sauerstoffsättigung (Sauerstoffgehalt des Blutes) [in der Regel normwertig]
- Körpertemperatur [Fieber als möglicher Auslöser einer Sinustachykardie (beschleunigter regelmäßiger Herzschlag) bzw. Verstärker von Herzfrequenzschwankungen]
- Inspektion (Betrachtung) [bei physiologischer Sinusarrhythmie keine krankheitsspezifischen Auffälligkeiten; Blässe, Zyanose (Blauverfärbung von Haut oder Schleimhäuten), Dyspnoe (Atemnot) oder Schweißausbruch als Hinweise auf eine hämodynamisch relevante Störung]
- Periphere Durchblutung (Durchblutung der äußeren Körperbereiche) [Hauttemperatur, Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederfüllung kleiner Hautgefäße) und Hautkolorit in der Regel unauffällig]
- Pulsuntersuchung
- Palpation (Abtasten) des Radialispulses (Puls an der Speichenarterie am Handgelenk) über mehrere Atemzyklen:
- [rhythmische, an die Respiration (Atmung) gekoppelte Variation der Pulsintervalle]
- [Verkürzung der Pulsintervalle während der Inspiration]
- [Verlängerung der Pulsintervalle während der Exspiration]
- Gleichzeitige Beobachtung der Atembewegungen zur Prüfung der reproduzierbaren Kopplung zwischen Atemphase und Herzfrequenz
- Beurteilung unter ruhiger Spontanatmung sowie ggf. bei langsamer, vertiefter Atmung [respiratorische Herzfrequenzvariation kann deutlicher hervortreten]
- Kurzer Atemhalt bei klinischer Unklarheit [Abschwächung bzw. vorübergehendes Verschwinden der atemabhängigen Rhythmusvariation unterstützt eine respiratorische Genese (atemabhängige Ursache)]
- Pulsqualität [bei physiologischer Sinusarrhythmie regelrechte Pulsamplitude (Stärke der Pulswelle)]
- Seitengleichheit der peripheren Pulse [regelrecht]
- Pulsdefizit (Differenz zwischen Herzschlägen und tastbaren Pulsschlägen) [bei isolierter respiratorischer Sinusarrhythmie typischerweise nicht vorhanden; Nachweis eines Pulsdefizits erfordert Abklärung einer anderen Arrhythmie (Herzrhythmusstörung)]
- Persistierende, nicht an die Atmung gekoppelte Unregelmäßigkeit [Hinweis auf eine andere Herzrhythmusstörung, z. B. Extrasystolie (zusätzliche Herzschläge) oder Vorhofflimmern (unregelmäßige schnelle Erregung der Herzvorhöfe)]
- Ausgeprägte Bradykardie (zu langsamer Herzschlag), längere Pausen oder inadäquate Frequenzreaktion [Hinweis auf mögliche Sinusknotendysfunktion (Funktionsstörung des natürlichen Herzschrittmachers)]
- Palpation (Abtasten) des Radialispulses (Puls an der Speichenarterie am Handgelenk) über mehrere Atemzyklen:
- Kardiovaskuläre Untersuchung (Untersuchung von Herz und Kreislauf)
- Auskultation (Abhören) des Herzens während mehrerer Atemzyklen:
- [atemabhängige Änderung der Abstände zwischen den Herztönen mit Frequenzzunahme bei Inspiration und Frequenzabnahme bei Exspiration]
- [ansonsten regelrechte Herztöne bei physiologischer Sinusarrhythmie]
- [keine für die Sinusarrhythmie charakteristischen Herzgeräusche]
- Vergleich von auskultierter Herzfrequenz und peripher tastbarem Puls [kein relevantes Pulsdefizit bei physiologischer Sinusarrhythmie]
- Palpation des Herzspitzenstoßes (Abtasten des fühlbaren Herzschlags an der Brustwand) [bei isolierter physiologischer Sinusarrhythmie regelrecht]
- Auskultation auf zusätzliche pathologische Befunde [Herzgeräusch, zusätzliche Herztöne oder andere Hinweise auf eine strukturelle Herzerkrankung (Erkrankung des Aufbaus des Herzens)]
- Beurteilung der Halsvenen [Halsvenenstauung (sichtbar gefüllte Halsvenen) als Hinweis auf eine kardiale Dekompensation (unzureichende Pumpleistung des Herzens)]
- Untersuchung auf periphere Ödeme (Wassereinlagerungen im Gewebe) [bei isolierter physiologischer Sinusarrhythmie nicht vorhanden]
- Periphere Pulse [abgeschwächte oder pathologisch veränderte Pulse als Hinweis auf eine begleitende kardiovaskuläre Erkrankung (Herz-Kreislauf-Erkrankung)]
- Auskultation (Abhören) des Herzens während mehrerer Atemzyklen:
- Untersuchung der Lunge
- Inspektion der Atmung [Atemfrequenz, Atemtiefe, Atemrhythmus und Thoraxexkursion (Bewegung des Brustkorbs beim Atmen)]
- Beurteilung der Synchronisation von Atembewegung und Herzfrequenzvariation
- Auskultation der Lunge [bei physiologischer Sinusarrhythmie regelrechtes Atemgeräusch]
- Pathologische Atemgeräusche, Tachypnoe (beschleunigte Atmung) oder Dyspnoe [Hinweis auf eine pulmonale bzw. kardiorespiratorische Begleiterkrankung (Begleiterkrankung von Lunge bzw. Herz und Atmung)]
- Orthostatische Kreislaufuntersuchung (Kreislaufuntersuchung beim Lagewechsel)
- Blutdruck- und Pulsmessung im Liegen und Stehen bei Schwindel, Präsynkope oder Synkope
- [symptomatische orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) oder inadäquate Herzfrequenzreaktion als Hinweis auf eine zusätzliche Kreislaufregulationsstörung (Störung der Kreislaufanpassung)]
- [fehlende angemessene Frequenzsteigerung bei Belastung bzw. Lagewechsel kann bei entsprechendem klinischem Kontext auf eine chronotrope Inkompetenz (unzureichende Steigerung der Herzfrequenz bei Belastung) hinweisen]
- Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems)
- Orientierende neurologische Untersuchung insbesondere bei Schwindel, Präsynkope, Synkope oder Bewusstseinsstörung
- Bewusstseinslage, Orientierung und Sprache
- Hirnnervenstatus (Prüfung der Hirnnerven)
- Motorik (Bewegungsfunktion) und Sensibilität (Empfindungsfähigkeit)
- Koordination (Zusammenspiel von Bewegungen) und Gangbild
- [fokal-neurologisches Defizit (örtlich begrenzter Ausfall einer Nervenfunktion) ist nicht durch eine physiologische Sinusarrhythmie erklärbar und erfordert eine eigenständige Abklärung]
- Klinische Abgrenzung einer physiologischen respiratorischen Sinusarrhythmie
- Für eine physiologische respiratorische Sinusarrhythmie sprechen:
- [reproduzierbare Beschleunigung der Herzfrequenz während der Inspiration]
- [reproduzierbare Verlangsamung während der Exspiration]
- [Abschwächung der Rhythmusvariation bei Atemhalt]
- [fehlendes relevantes Pulsdefizit]
- [stabile Hämodynamik (stabiler Blutkreislauf)]
- [ansonsten unauffälliger kardiopulmonaler Untersuchungsbefund (unauffälliger Befund von Herz und Lunge)]
- Gegen eine isolierte physiologische respiratorische Sinusarrhythmie sprechen:
- [fehlende Kopplung der Rhythmusunregelmäßigkeit an die Atmung]
- [vollständig unregelmäßiger Puls]
- [ausgeprägte persistierende Bradykardie oder Tachykardie (zu schneller Herzschlag)]
- [längere klinisch wahrnehmbare Pausen]
- [Pulsdefizit]
- [Präsynkope oder Synkope]
- [Hypotonie (niedriger Blutdruck) oder Zeichen einer hämodynamischen Instabilität (instabiler Kreislauf)]
- [Herzinsuffizienzzeichen (Zeichen einer Herzschwäche)]
- [pathologische Herzgeräusche oder andere Hinweise auf eine strukturelle Herzerkrankung]
- Für eine physiologische respiratorische Sinusarrhythmie sprechen:
Beachte: Die respiratorische Sinusarrhythmie stellt in der Regel eine physiologische respiratorische Herzfrequenzvariabilität (normale atemabhängige Schwankung der Herzfrequenz) dar. Die körperliche Untersuchung kann deren Atemabhängigkeit erkennen, erlaubt jedoch bei unklarer, persistierender oder symptomatischer Rhythmusunregelmäßigkeit keine definitive Rhythmusdiagnose (eindeutige Bestimmung der Herzrhythmusstörung). Insbesondere eine nicht respiratorisch gekoppelte Arrhythmie, ausgeprägte Bradykardie, Sinuspausen (vorübergehendes Aussetzen der Erregungsbildung im natürlichen Herzschrittmacher), Synkope oder Zeichen einer strukturellen Herzerkrankung müssen von einer Sinusknotendysfunktion bzw. anderen Herzrhythmusstörungen abgegrenzt werden.
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.