Sick-Sinus-Syndrom – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Beschwerden durch Bradykardie (verlangsamten Herzschlag) und Sinuspausen (Pausen der Impulsbildung des natürlichen Taktgebers) vermindern, die Kreislaufstabilität sichern und reversible Ursachen behandeln. Eine chronische kurative Arzneimitteltherapie der intrinsischen Sinusknotendysfunktion (Störung des natürlichen Taktgebers durch eine Erkrankung des Sinusknotens selbst) steht nicht zur Verfügung. Bei symptomatischer, nicht reversibler Erkrankung ist die Herzschrittmachertherapie die Standardbehandlung [LL1, LL3].

Therapieempfehlungen

Klinische Situation Vorgehen
Asymptomatische Sinusbradykardie (vom natürlichen Taktgeber ausgehender langsamer Herzschlag ohne Beschwerden) Reversible Ursachen prüfen; keine routinemäßige frequenzsteigernde Arzneimitteltherapie. Eine niedrige Herzfrequenz allein begründet keine Schrittmacherindikation [LL3].
Arzneimittelbedingte Bradykardie Indikation, Dosis, Wechselwirkungen und Organfunktion prüfen; auslösende Medikamente ärztlich reduzieren, pausieren oder ersetzen [LL1, LL3].
Akute Bradykardie mit Schock (schwerem Kreislaufversagen), Synkope (kurzzeitiger Ohnmacht), Myokardischämie (Minderdurchblutung des Herzmuskels) oder schwerer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) Notfallbehandlung mit EKG- und Kreislaufüberwachung; Atropin, bei unzureichender Wirkung Isoprenalin oder Adrenalin als Überbrückung. Frühzeitig temporäre Schrittmacherstimulation vorbereiten [LL2].
Persistierende symptomatische Sinusknotendysfunktion Zusammenhang zwischen Beschwerden und Rhythmusstörung dokumentieren; nach Behandlung reversibler Ursachen permanente Herzschrittmachertherapie prüfen [LL1, LL3].
Bradykardie-Tachykardie-Syndrom (Wechsel zwischen zu langsamem und zu schnellem Herzschlag) Tachyarrhythmien (Herzrhythmusstörungen mit zu schnellem Herzschlag) gesondert behandeln. Notwendige frequenzsenkende Arzneimittel können eine Schrittmacherabsicherung erfordern; gegebenenfalls Katheterablation als Alternative prüfen [LL1].

Die Schrittmacherindikation richtet sich bei Sinusknotendysfunktion wesentlich nach der Symptom-Rhythmus-Korrelation; es gibt keinen allgemeingültigen Herzfrequenz- oder Pausengrenzwert. Ein Herzschrittmacher behandelt die Bradykardie, heilt jedoch die zugrunde liegende Sinusknotenerkrankung nicht [LL3].

Bradykardisierende Dauermedikation

Insbesondere Betablocker einschließlich timololhaltiger Augentropfen, Verapamil, Diltiazem, Digoxin, Ivabradin und Antiarrhythmika wie Amiodaron, Sotalol, Flecainid oder Propafenon berücksichtigen. Auch Clonidin und Cholinesterasehemmer können beitragen. Kombinationen erhöhen das Risiko. Bei Digoxin sind Nierenfunktion, Wechselwirkungen und gegebenenfalls der Serumspiegel zu prüfen [LL1, LL3].

Nicht notwendige Medikamente möglichst ersetzen; bei prognostisch oder zur Arrhythmiekontrolle unverzichtbarer Therapie und symptomatischer Bradykardie kann eine Schrittmacherimplantation die Fortführung ermöglichen. Betablocker und Clonidin nicht unkontrolliert abrupt absetzen. Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) und Schlafapnoe (wiederholte Atemaussetzer im Schlaf) ursachenspezifisch behandeln [LL1, LL3].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgenden Angaben betreffen Erwachsene und die medikamentöse Akutüberbrückung unter ärztlicher Überwachung.

Parasympatholytika

Wirkstoff Besonderheiten
Atropin Erste medikamentöse Option bei kreislaufwirksamer Bradykardie; Wirkung bei intrinsischer Sinusknotenerkrankung variabel [LL2, FI1].
  • Wirkweise: Muscarinrezeptorblockade; Verminderung des vagalen Einflusses (Einflusses des Vagusnervs als Teil des beruhigenden Nervensystems) auf Sinus- und AV-Knoten.
  • Indikation: Kurzzeitige Behandlung akut symptomatischer Bradykardie; keine Dauertherapie [LL2, FI1].
  • Kontraindikationen: Unter anderem Engwinkelglaukom (Form des grünen Stars mit behindertem Abfluss der Augenflüssigkeit), obstruktive Harnwegserkrankungen (Erkrankungen mit behindertem Harnabfluss), mechanischer Darmverschluss und tachykarde Rhythmusstörungen gemäß Fachinformation. Bei vitaler Bedrohung individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung. Bei höhergradigem AV-Block (Störung der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern) mit breitem QRS-Komplex und nach Herztransplantation nicht einsetzen [LL2, FI1].
  • Nebenwirkungen: Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Mundtrockenheit, Sehstörungen, Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Harnblase zu entleeren) und Verwirrtheit [FI1].

Sympathomimetika

Wirkstoff Besonderheiten
Isoprenalin Alternative bei unzureichender Atropinwirkung. Dosierschema und Zulassungsumfang des verwendeten Präparats beachten; isolierte Sinusknotendysfunktion ist in der Fachinformation von Isoprenalin Macure nicht ausdrücklich als Indikation aufgeführt [LL2, FI2].
Adrenalin Alternative bei unzureichender Atropinwirkung; bei vorhandenem Puls keine Reanimationsboli. Für die Bradykardieüberbrückung mit dem genannten Präparat Off-Label-Use [LL2, FI3].
  • Wirkweise: Adrenerge Stimulation mit Steigerung von Herzfrequenz und Kontraktilität (Zusammenziehungskraft des Herzmuskels); Adrenalin wirkt zusätzlich vasokonstriktorisch (gefäßverengend).
  • Indikation: Kurzfristige Überbrückung bis zur Ursachenbehandlung bzw. Schrittmacherstimulation; kontinuierliche EKG- und Blutdrucküberwachung [LL2].
  • Kontraindikationen: Isoprenalin Macure unter anderem bei Myokardinfarkt (Herzinfarkt), Angina pectoris (Brustenge durch Minderdurchblutung des Herzens), vorbestehenden ventrikulären Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern), Tachyarrhythmien oder Digitalisintoxikation (Vergiftung durch Herzglykoside) kontraindiziert; nicht gleichzeitig mit Adrenalin verabreichen. Bei Adrenalin insbesondere koronare Erkrankungen (Erkrankungen der Herzkranzgefäße) und tachykarde Rhythmusstörungen beachten; bei vitaler Indikation individuelle Abwägung [FI2, FI3].
  • Nebenwirkungen: Tachyarrhythmien, Myokardischämie und Tremor (Zittern); Isoprenalin kann Hypotonie (niedrigen Blutdruck), Adrenalin Hypertonie (Bluthochdruck) verursachen [FI2, FI3].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Methylxanthine: begründete Ausnahme

Wirkstoff Besonderheiten
Theophyllin Off-Label-Use; allenfalls fachärztlicher Therapieversuch bei symptomatischer Sinusknotendysfunktion, wenn eine indizierte Schrittmachertherapie abgelehnt wird oder nicht möglich ist. Keine kurative Therapie und kein gleichwertiger Schrittmacherersatz [1, 2, LL3, FI4].
  • Wirkweise: Adenosinrezeptorantagonismus mit möglicher Steigerung der Sinusknotenfrequenz.
  • Indikation: Ausgewählte Ausnahmefälle; keine routinemäßige Dauerbehandlung. Die THEOPACE-Studie zeigte eine Verminderung von Synkopen gegenüber unbehandelten Kontrollen für die Schrittmachergruppe, nicht einen entsprechenden gesicherten Nutzen für Theophyllin [1].
  • Kontraindikationen: Unter anderem akuter Myokardinfarkt und akute tachykarde Arrhythmien; bei Bradykardie-Tachykardie-Syndrom besonders ungünstiges Arrhythmierisiko [FI4].
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Tremor, Schlafstörungen, Tachyarrhythmien und bei Intoxikation (Vergiftung) Krampfanfälle; enge therapeutische Breite und zahlreiche Wechselwirkungen [FI4].

Beachte

Eine fortbestehende Kreislaufinstabilität darf durch wiederholte Arzneimittelversuche nicht die temporäre Schrittmacherstimulation verzögern. Eine isolierte Sinusknotendysfunktion begründet keine Antikoagulation (medikamentöse Hemmung der Blutgerinnung); bei begleitendem Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung mit ungeordneter elektrischer Aktivität der Herzvorhöfe) richtet sich diese nach der entsprechenden Leitlinie und dem individuellen Schlaganfallrisiko [LL1, LL2, LL3].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Gesundheit von Herz und Gefäßen sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Magnesium)
  • Spurenelemente (Chrom, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäure: Gamma-Linolensäure (GLA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Traubenkern- und Olivenpolyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10))

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • AV: atrioventrikulär; die Verbindung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern betreffend
  • EKG: Elektrokardiogramm; Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität
  • QRS-Komplex: Abschnitt im EKG, der die elektrische Erregungsausbreitung in den Herzkammern darstellt
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • DHA: Docosahexaensäure
  • GLA: Gamma-Linolensäure
  • CoQ10: Coenzym Q10

Literatur

  1. Alboni P, Menozzi C, Brignole M et al.: Effects of permanent pacemaker and oral theophylline in sick sinus syndrome the THEOPACE study: a randomized controlled trial. Circulation. 1997;96(1):260-266. doi: 10.1161/01.CIR.96.1.260.
  2. Saito D, Matsubara K, Yamanari H et al.: Effects of oral theophylline on sick sinus syndrome. Journal of the American College of Cardiology. 1993;21(5):1199-1204. doi: 10.1016/0735-1097(93)90246-W.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Glikson M, Nielsen JC, Kronborg MB et al.: 2021 ESC Guidelines on cardiac pacing and cardiac resynchronization therapy. European Heart Journal. 2021;42:3427-3520. doi: 10.1093/eurheartj/ehab364 [LL1]
  2. Soar J, Böttiger BW, Carli P et al.: European Resuscitation Council Guidelines 2025 Adult Advanced Life Support. Resuscitation. 2025;215 Suppl 1:110769. doi: 10.1016/j.resuscitation.2025.110769. Langfassung [LL2]
  3. Kusumoto FM, Schoenfeld MH, Barrett C et al.: 2018 ACC/AHA/HRS Guideline on the Evaluation and Management of Patients With Bradycardia and Cardiac Conduction Delay. Circulation. 2019;140:e382-e482. doi: 10.1161/CIR.0000000000000628 [LL3]

Produktinformationen

  1. B. Braun Melsungen AG: Atropinsulfat B. Braun 0,5 mg/ml Injektionslösung. Fachinformation, Stand Mai 2015. Fachinformation [FI1]
  2. Macure Pharma ApS/Carinopharm: Isoprenalin Macure 0,2 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung. Fachinformation, Stand Juni 2022. Fachinformation [FI2]
  3. InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH: ADRENALIN 1:1000 INFECTOPHARM, 1 mg/ml Injektionslösung. Fachinformation, Stand Juni 2026. Fachinformation [FI3]
  4. ratiopharm GmbH: Theophyllin retard-ratiopharm Retardkapseln. Fachinformation, Stand April 2014, Version 2. Fachinformation [FI4]