Sick-Sinus-Syndrom – Differentialdiagnosen

Atmungssystem (J00-J99)

  • Obstruktive Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) – schlafassoziierte Sinusbradykardie, Sinuspausen (Aussetzer des Sinusknotens) oder atrioventrikuläre Leitungsstörungen (Überleitungsstörungen zwischen Vorhof und Herzkammer); differentialdiagnostisch insbesondere bei nächtlichen Bradyarrhythmien (langsamen Herzrhythmusstörungen), Tagesmüdigkeit, Schnarchen oder Adipositas (Fettsucht)

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Elektrolytstörungen – insbesondere Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumwert), Hypokaliämie (erniedrigter Kaliumwert), Hypermagnesiämie (erhöhter Magnesiumwert) oder Hypocalcämie (erniedrigter Calciumwert) als reversible Ursache von Bradykardie, Sinuspausen oder atrioventrikulären Leitungsstörungen
  • Hypoglycämie (Unterzuckerung) – reversible Ursache vegetativer Symptome (Beschwerden des unwillkürlichen Nervensystems), Präsynkope (Beinahe-Ohnmacht), Synkope (Ohnmacht) und Bradykardie, insbesondere bei antidiabetischer Therapie (Diabetesbehandlung)
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – reversible Ursache einer Sinusbradykardie, reduzierten chronotropen Antwort und Belastungsintoleranz (verminderte Belastbarkeit)
  • Hypothermie (Unterkühlung) – reversible Ursache einer ausgeprägten Bradykardie mit verlangsamter Erregungsleitung (Weiterleitung elektrischer Herzimpulse)

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens) beziehungsweise inferiorer Myokardinfarkt – akute Sinusbradykardie, Sinusknotenischämie (Minderdurchblutung des Sinusknotens) oder atrioventrikuläre Leitungsstörung; insbesondere bei rechtskoronarer Beteiligung (Beteiligung der rechten Herzkranzarterie)
  • Atriale Tachyarrhythmien (schnelle Herzrhythmusstörungen aus den Vorhöfen) mit posttachykarder Pause (Pause nach schnellem Herzrhythmus) – insbesondere Vorhofflimmern (unregelmäßiger Vorhofrhythmus) oder Vorhofflattern (schneller regelmäßiger Vorhofrhythmus) mit längerer Pause nach Terminierung (Beendigung); klinisch Abgrenzung zum Bradykardie-Tachykardie-Syndrom (Wechsel aus zu langsamem und zu schnellem Herzrhythmus)
  • Atrioventrikulärer Block I-III (Überleitungsblock zwischen Vorhof und Herzkammer) – Bradykardie, Präsynkope oder Synkope durch gestörte Überleitung (Weiterleitung) zwischen Vorhof und Kammer; elektrokardiographisch (in der Herzstromkurve) vom Sick-Sinus-Syndrom (Syndrom des kranken Sinusknotens) abzugrenzen
  • Chronotrope Inkompetenz anderer Genese (anderer Ursache) – inadäquater Herzfrequenzanstieg unter Belastung, abzugrenzen gegenüber Trainingszustand, Medikamenteneffekt, autonomen Störungen (Störungen des unwillkürlichen Nervensystems) und kardialer Grunderkrankung (Herzgrunderkrankung)
  • Karotissinussyndrom (Überempfindlichkeit der Halsschlagaderdruckfühler) – reflektorische Bradykardie, Sinuspause oder Blutdruckabfall mit Präsynkope beziehungsweise Synkope, typischerweise ausgelöst durch Karotissinusreizung (Reizung des Druckfühlers an der Halsschlagader)
  • Myokarditis (Herzmuskelentzündung) – entzündliche kardiale Erkrankung mit möglicher Sinusbradykardie, Sinuspause oder atrioventrikulärer Leitungsstörung; Verdacht insbesondere bei Infektanamnese (Hinweisen auf vorausgegangene Ansteckung), Thoraxschmerz (Brustschmerz), Troponinanstieg (Anstieg eines Herzmuskelschädigungsmarkers) oder neu aufgetretener Rhythmusstörung (Herzrhythmusstörung)
  • Reflexsynkope, vasovagal (nervenvermittelte Ohnmacht) – situativ oder emotional getriggerte Präsynkope beziehungsweise Synkope mit kardioinhibitorischer (herzfrequenzsenkender) und/oder vasodepressorischer Komponente (blutdrucksenkender Anteil); nicht gleichzusetzen mit primärer Sinusknotendegeneration (Verschleiß des Sinusknotens)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Chagas-Krankheit (Tropeninfektion durch Trypanosoma cruzi) – relevante Differentialdiagnose bei entsprechender Herkunfts- oder Reiseanamnese; chronische Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung) mit Sinusknotendysfunktion, atrioventrikulärem Block und ventrikulären Rhythmusstörungen (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern)
  • Lyme-Karditis (Herzbeteiligung bei Borreliose) – typischerweise atrioventrikuläre Leitungsstörung, seltener Sinusknotenbeteiligung; relevant bei Zeckenexposition (Zeckenkontakt), Erythema migrans (Wanderröte), systemischer Borreliose (Borrelieninfektion des Körpers) oder fluktuierendem atrioventrikulärem Block (wechselnd ausgeprägtem Überleitungsblock)
  • Virale Myokarditis – akute infektiös-entzündliche Herzerkrankung mit möglicher Bradyarrhythmie oder Erregungsleitungsstörung

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Kardiale Sarkoidose (Herzbeteiligung bei entzündlicher Knötchenerkrankung) – granulomatöse kardiale Beteiligung (knötchenförmige Herzentzündung) mit atrioventrikulärem Block, Sinusknotendysfunktion, ventrikulären Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) oder Kardiomyopathie; relevant bei ungeklärter Bradyarrhythmie, jüngeren Patienten oder extrakardialer Sarkoidose (Sarkoidose außerhalb des Herzens)

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Autonome Neuropathie (Schädigung des unwillkürlichen Nervensystems) – gestörte Herzfrequenzregulation (Steuerung der Herzfrequenz) mit inadäquater chronotroper Antwort, orthostatischer Dysregulation (Kreislaufstörung beim Aufstehen) oder Bradykardie, insbesondere bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Epileptischer Anfall (Krampfanfall) – Differentialdiagnose der Synkope beziehungsweise transienten Bewusstseinsstörung (vorübergehenden Bewusstseinsstörung); selten iktale Bradykardie (anfallsbedingte Bradykardie) oder Asystolie (Herzstillstand ohne elektrische Aktivität)
  • Orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) – Präsynkope oder Synkope durch Blutdruckabfall beim Aufstehen, ohne primäre Sinusknotendysfunktion

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Niereninsuffizienz (akutes Nierenversagen) mit Hyperkaliämie – reversible Ursache von Bradykardie, Sinuspausen, atrioventrikulären Leitungsstörungen und QRS-Verbreiterung (Verbreiterung des Kammerkomplexes in der Herzstromkurve)
  • Chronische Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) mit Elektrolytstörung – Bradyarrhythmierisiko (Risiko langsamer Herzrhythmusstörungen) insbesondere bei Hyperkaliämie, Urämie (Harnvergiftung), Digoxinakkumulation (Anreicherung von Digoxin) oder Dialyse-assoziierten Elektrolytverschiebungen (Blutsalzverschiebungen im Zusammenhang mit Blutwäsche)

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Iatrogene Sinusknotenschädigung (durch medizinische Maßnahmen verursachte Sinusknotenschädigung) – nach kardiochirurgischen (herzchirurgischen) oder katheterinterventionellen Eingriffen (Kathetereingriffen), insbesondere nach Vorhofoperationen, Ablation atrialer Tachyarrhythmien (Verödung schneller Vorhofrhythmusstörungen) oder Eingriffen im Bereich des rechten Vorhofs
  • Postoperative Bradyarrhythmie (langsame Herzrhythmusstörung nach Operation) – vorübergehende oder persistierende Sinusknotendysfunktion nach kardiochirurgischem Eingriff; differentialdiagnostisch zeitlicher Zusammenhang zum Eingriff entscheidend

Medikamente

  • Antiarrhythmika Klasse I (Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen der Klasse I) – können Sinusknotenfunktion und atriale Erregungsleitung (elektrische Erregungsleitung im Vorhof) verschlechtern
  • Antiarrhythmika Klasse III (Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen der Klasse III) – insbesondere Amiodaron, Dronedaron oder Sotalol mit Risiko für Sinusbradykardie, Sinuspausen und chronotrope Inkompetenz
  • Betablocker (herzfrequenzsenkende Medikamente) – häufige reversible Ursache symptomatischer Sinusbradykardie oder Verstärkung einer vorbestehenden Sinusknotendysfunktion
  • Cholinesterasehemmer (Medikamente gegen Demenzsymptome) – Donepezil, Rivastigmin oder Galantamin können vagoton vermittelte Bradykardie (durch den Vagusnerv vermittelte Herzfrequenzsenkung) und Synkopen begünstigen
  • Clonidin und andere zentral wirksame Sympatholytika (im Gehirn wirkende blutdrucksenkende Medikamente) – Bradykardie durch Reduktion des Sympathikotonus (Verringerung der aktivierenden Nervenwirkung)
  • Digoxin (Herzglykosid) – dosisabhängige Bradykardie, Sinuspausen oder atrioventrikuläre Leitungsstörung, insbesondere bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Elektrolytstörung oder Arzneimittelinteraktionen (Wechselwirkungen mit Medikamenten)
  • Ivabradin (If-Kanal-Hemmer) – selektive If-Kanal-Hemmung mit dosisabhängiger Sinusbradykardie
  • Lithium (Medikament zur Stimmungsstabilisierung) – mögliche Sinusknotendysfunktion, insbesondere bei Intoxikation, Nierenfunktionsstörung oder prädisponierender kardialer Erkrankung
  • Nicht-Dihydropyridin-Calciumkanalblocker (Calciumkanalblocker mit herzfrequenzsenkender Wirkung) – Verapamil und Diltiazem mit negativer chronotroper (herzfrequenzsenkender) und dromotroper Wirkung (überleitungsverlangsamender Wirkung)

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Digitalisintoxikation (Vergiftung mit Digitalispräparaten) – Bradyarrhythmien, Sinuspausen, atrioventrikuläre Leitungsstörungen sowie gastrointestinale (Magen-Darm-betreffende) oder neurologische Begleitsymptome (Begleitsymptome des Nervensystems)
  • Hypermagnesiämie durch exogene Magnesiumzufuhr (Magnesiumzufuhr von außen) – Bradykardie, Hypotonie (niedriger Blutdruck) und Erregungsleitungsstörungen, insbesondere bei eingeschränkter Nierenfunktion