Rheumatisches Fieber – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Eradikation von Streptococcus pyogenes durch eine vollständige antibiotische Behandlung.
  • Linderung der akuten Entzündungssymptomatik, insbesondere von Gelenkschmerzen, Arthritis (Gelenkentzündung) und Fieber.
  • Verhinderung erneuter Erkrankungsschübe und weiterer rheumatischer Herzklappenschäden durch eine langfristige, kontinuierliche Sekundärprophylaxe (Vorbeugung weiterer Erkrankungsschübe) [1, LL1].

Therapieempfehlungen

  • Streptokokkeneradikation: Bei diagnostiziertem akutem rheumatischem Fieber (entzündlicher Folgeerkrankung nach einer Streptokokkeninfektion) erfolgt eine antibiotische Behandlung auch dann, wenn aktuell keine Pharyngitis (Rachenentzündung) besteht oder der Streptokokkennachweis negativ ist. Geeignet sind Penicillin V oral über 10 Tage oder Benzathin-Benzylpenicillin als einmalige intramuskuläre Injektion [LL5, LL6].
  • Antiinflammatorische Therapie: Nach diagnostischer Sicherung werden Gelenkbeschwerden mit einem nichtsteroidalen Antirheumatikum (NSAR), z. B. Naproxen, behandelt. Acetylsalicylsäure (ASS) ist eine Alternative. Die Behandlungsdauer richtet sich nach Beschwerden und Entzündungsverlauf; die Dosis wird nach klinischer Besserung reduziert [LL2].
  • Rheumatische Karditis (rheumatische Entzündung des Herzens): Bei schwerer Karditis kann eine zeitlich begrenzte Glucocorticoidtherapie unter kardiologischer bzw. kinderherzkardiologischer Leitung erwogen werden. Die Behandlung einer begleitenden Herzinsuffizienz (Herzschwäche) erfolgt entsprechend ihrer Ausprägung. Ein gesicherter Schutz vor bleibenden Herzklappenschäden durch Glucocorticoide oder NSAR ist nicht belegt [LL1, LL2].
  • Sekundärprophylaxe: Benzathin-Benzylpenicillin intramuskulär ist die bevorzugte Behandlung. Penicillin V oral ist eine Alternative, wenn Depotinjektionen nicht geeignet oder nicht durchführbar sind; entscheidend ist die zuverlässige tägliche Einnahme [1, LL1].
  • Penicillinallergie: Eine angegebene Allergie wird anamnestisch eingeordnet und ggf. allergologisch abgeklärt. Bei bestätigter Allergie wird eine geeignete Alternative unter Berücksichtigung regionaler Makrolidresistenzen gewählt [LL1, LL4, LL6].

Sekundärprophylaxe – Applikationsform und Behandlungsdauer

  • Kontinuierliche orale Alternative: Penicillin V 250 mg zweimal täglich, jeden Tag über die gesamte festgelegte Prophylaxedauer [LL4].
  • Intramuskuläre Depotprophylaxe: Benzathin-Benzylpenicillin in der Regel alle 4 Wochen, entsprechend alle 28 Tage. Bei hohem Rezidivrisiko (Risiko eines erneuten Erkrankungsschubs) bzw. einem Rezidiv (erneuten Erkrankungsschub) trotz zuverlässig eingehaltenem Vierwochenintervall kann ein Dreiwochenintervall, entsprechend alle 21 Tage, angezeigt sein [LL4, FI1].
  • Individuelle Dauer: Maßgeblich sind Herzbeteiligung, verbleibender Klappenschaden, Zeitpunkt des letzten Schubs und weitere Streptokokkenexposition. Vor dem Absetzen erfolgen eine klinische und echokardiographische Neubewertung [LL1, LL3, LL4].
Klinische Situation Orientierende Mindestdauer der Sekundärprophylaxe Besonderheiten
Rheumatisches Fieber ohne Karditis 5 Jahre nach dem letzten Schub oder bis zum 21. Lebensjahr; maßgeblich ist der längere Zeitraum. Bei fortbestehendem Expositionsrisiko individuell verlängern [LL3, LL4].
Karditis ohne verbleibende Herzklappenerkrankung 10 Jahre nach dem letzten Schub oder bis zum 21. Lebensjahr; maßgeblich ist der längere Zeitraum. Verlaufskontrollen und Neubewertung vor Beendigung [LL3, LL4].
Karditis mit verbleibender Herzklappenerkrankung 10 Jahre nach dem letzten Schub oder bis zum 40. Lebensjahr; maßgeblich ist der längere Zeitraum. Bei hohem Risiko ggf. lebenslange Fortführung; auch nach einem Herzklappenersatz bleibt die Indikation zur Sekundärprophylaxe individuell zu prüfen [LL3, LL4].

Die Sekundärprophylaxe verhindert erneute Schübe des rheumatischen Fiebers. Eine gegebenenfalls erforderliche Endokarditisprophylaxe (Vorbeugung einer Entzündung der Herzinnenhaut) vor bestimmten Eingriffen ist davon unabhängig und richtet sich nach den hierfür geltenden kardiologischen Indikationen, insbesondere bei Herzklappenprothesen [LL3, LL5].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Penicilline – Streptokokkeneradikation und Sekundärprophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Phenoxymethylpenicillin (Penicillin V) – Eradikation Vollständige Behandlungsdauer einhalten; geeignete altersgerechte Darreichungsform verwenden [LL6].
Benzathin-Benzylpenicillin – Eradikation Alternative zur zehntägigen oralen Behandlung; ausschließlich tiefe intramuskuläre Anwendung [LL6, FI1].
Benzathin-Benzylpenicillin – Sekundärprophylaxe Bevorzugte Prophylaxe. Pädiatrische Dosierung und Injektionstechnik anhand der konkreten Fachinformation prüfen; diese lässt bei Kindern < 27 kg einen Dosisbereich zu [LL4, FI1].
Phenoxymethylpenicillin (Penicillin V) – orale Sekundärprophylaxe Alternative zur Depotprophylaxe. Einnahme an jedem Tag; zuverlässige Adhärenz erforderlich [LL4].
  • Wirkweise: Bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese; das Depotpräparat setzt Benzylpenicillin über einen verlängerten Zeitraum frei [FI1].
  • Indikationen: Eradikation von Streptococcus pyogenes und langfristige Verhinderung erneuter Schübe des rheumatischen Fiebers [LL4].
  • Kontraindikationen: Penicillinüberempfindlichkeit; weitere präparatspezifische Gegenanzeigen beachten, insbesondere Lidocainüberempfindlichkeit bei lidocainhaltigen Depotpräparaten [FI1].
  • Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie (schweren allergischen Reaktion), Durchfall und Übelkeit; bei Depotinjektionen zusätzlich Schmerzen und lokale Reaktionen [FI1, FI2].

Cephalosporine – Alternative zur Eradikation bei geeigneter Allergiekonstellation

Wirkstoff Besonderheiten
Cefalexin Nur bei geeigneter, nicht unmittelbar allergischer Reaktionsanamnese; bei Penicillinallergie vom Soforttyp vermeiden. Nierenfunktion berücksichtigen [LL6].
  • Wirkweise: Bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
  • Indikationen: Streptokokkeneradikation bei einer Penicillinallergie, die den Einsatz dieses Cephalosporins nach sorgfältiger Bewertung erlaubt [LL4, LL6].
  • Kontraindikationen: Cephalosporinüberempfindlichkeit; Penicillinallergie vom Soforttyp bei dieser Therapiealternative [LL6].
  • Nebenwirkungen: Allergische Reaktionen, gastrointestinale Beschwerden und antibiotikaassoziierte Diarrhoe (durch Antibiotika mitbedingter Durchfall) [FI3].

Makrolide – Alternativen bei bestätigter Penicillinallergie

Wirkstoff Besonderheiten
Clarithromycin – Eradikation Regionale Resistenzlage und Arzneimittelinteraktionen berücksichtigen; bei schwerer Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) Dosisanpassung [LL6, FI4].
Erythromycin – Sekundärprophylaxe Alternative bei bestätigter Penicillinallergie; Präparat, Alter, Verträglichkeit, Resistenzlage und Wechselwirkungen berücksichtigen [LL2, FI5].
  • Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese an der 50S-Untereinheit der Ribosomen [FI4, FI5].
  • Indikationen: Streptokokkeneradikation bzw. kontinuierliche Sekundärprophylaxe bei bestätigter Penicillinallergie [LL4, LL6].
  • Kontraindikationen: Makrolidüberempfindlichkeit, relevante QT-Verlängerung und bestimmte interagierende Begleitmedikamente; präparatspezifische Gegenanzeigen beachten [FI4, FI5].
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall, Leberfunktionsstörungen, QT-Verlängerung und ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) [FI4, FI5].

Nichtsteroidale Antirheumatika – symptomatische antiinflammatorische Therapie

Wirkstoff Besonderheiten
Naproxen Altersgerechtes Präparat verwenden; pädiatrischer Einsatz je nach Präparatzulassung als Off-Label-Use. Niedrigste wirksame Dosis und verlaufsabhängige Dauer [LL2, FI6].
Acetylsalicylsäure Alternative unter fachärztlicher Überwachung. Bei Kindern mit interkurrenter Virusinfektion Reye-Syndrom (seltene schwere Erkrankung von Gehirn und Leber) berücksichtigen; bei höherer Dosierung auf Salicylattoxizität (Vergiftungserscheinungen durch Salicylate) achten [LL2, FI7].
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit Verminderung der Prostaglandinsynthese; antiinflammatorisch, analgetisch und antipyretisch [FI6, FI7].
  • Indikationen: Symptomatische Behandlung von Arthritis, Gelenkschmerzen und Fieber nach Sicherung der Diagnose [LL2].
  • Kontraindikationen: Aktive gastrointestinale Ulzera (Geschwüre im Magen-Darm-Trakt) oder Blutungen, entsprechende Überempfindlichkeit, schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung, schwere Herzinsuffizienz und letztes Schwangerschaftsdrittel; weitere präparatspezifische Gegenanzeigen beachten [FI6, FI7].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ulzera und Blutungen, Nierenfunktionsstörungen, Flüssigkeitsretention und Überempfindlichkeitsreaktionen; bei Acetylsalicylsäure zusätzlich verlängerte Blutungszeit und Tinnitus (Ohrgeräusche) [FI6, FI7].

Glucocorticoide – ausgewählte schwere Verläufe mit Karditis

Wirkstoff Besonderheiten
Prednisolon Bei schwerer Karditis nach fachärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung. Blutdruck, Glucose, Elektrolyte, Infektionszeichen und Flüssigkeitshaushalt überwachen [LL2, FI8].
  • Wirkweise: Glucocorticoidrezeptorvermittelte Hemmung entzündlicher und immunologischer Reaktionen [FI8].
  • Indikationen: Ausgewählte schwere rheumatische Karditis unter spezialisierter Betreuung [LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei relevanten Infektionen, Ulkuskrankheit (Geschwürserkrankung) und weiteren Risikokonstellationen strenge Indikationsstellung und ggf. begleitende spezifische Behandlung [FI8].
  • Nebenwirkungen: Erhöhte Infektanfälligkeit, Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), Natrium- und Flüssigkeitsretention, Hypokaliämie (erniedrigter Kaliumgehalt im Blut), Hypertonie (Bluthochdruck), psychische Veränderungen und dosis- bzw. dauerabhängige Nebennierenrindensuppression (Unterdrückung der körpereigenen Hormonbildung in der Nebennierenrinde) [FI8].

Beachte

  • Sichere Depotapplikation: Benzathin-Benzylpenicillin ausschließlich tief intramuskulär durch erfahrenes Personal verabreichen; eine Anaphylaxiebehandlung muss unmittelbar möglich sein [FI1].
  • Schwere rheumatische Herzerkrankung: Bei fortgeschrittener Klappenerkrankung bzw. eingeschränkter Kreislaufreserve die Sicherheit intramuskulärer Injektionen individuell bewerten; eine kontinuierliche orale Prophylaxe kann geeigneter sein [LL1].
  • Therapietreue: Einnahme- bzw. Injektionstermine dokumentieren, Erinnerungen vereinbaren und Versorgungslücken aktiv vermeiden [LL1].
  • Weitere Organmanifestationen: Eine behandlungsbedürftige Chorea Sydenham (Bewegungsstörung mit unwillkürlichen Bewegungen) wird neurologisch bzw. neuropädiatrisch mitbetreut; Herzinsuffizienz und relevante Herzklappenfehler erfordern eine gesonderte kardiologische Behandlung [LL2].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • ASS: Acetylsalicylsäure.
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika.
  • IE: Internationale Einheiten.
  • QT: Abschnitt des Elektrokardiogramms vom Beginn der Q-Zacke bis zum Ende der T-Welle.
  • EPA: Eicosapentaensäure.
  • DHA: Docosahexaensäure.
  • LL: Leitlinie bzw. Empfehlung.
  • FI: Fachinformation.

Literatur

  1. Bray JJH, Thompson S, Seitler S et al.: Long-term antibiotic prophylaxis for prevention of rheumatic fever recurrence and progression to rheumatic heart disease. Cochrane Database Syst Rev. 2024;9:CD015779. doi: 10.1002/14651858.CD015779.

Leitlinien und Empfehlungen

  1. World Health Organization: WHO guideline on the prevention and diagnosis of rheumatic fever and rheumatic heart disease. Geneva: World Health Organization; 2024. Leitlinie [LL1]
  2. Menzies School of Health Research, ARF/RHD Writing Group: Australian guideline for the prevention, diagnosis and management of acute rheumatic fever and rheumatic heart disease. Edition 3.3, August 2025. Leitlinienseite; Langfassung [LL2]
  3. Otto CM, Nishimura RA, Bonow RO et al.: 2020 ACC/AHA Guideline for the Management of Patients With Valvular Heart Disease: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Joint Committee on Clinical Practice Guidelines. Circulation. 2021;143:e72-e227. doi: 10.1161/CIR.0000000000000923 [LL3]
  4. Gerber MA, Baltimore RS, Eaton CB et al.: Prevention of rheumatic fever and diagnosis and treatment of acute streptococcal pharyngitis: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation. 2009;119:1541-1551. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.109.191959 [LL4]
  5. Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Guidance for Acute Rheumatic Fever. 5. August 2025. Empfehlungen [LL5]
  6. Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Guidance for Group A Streptococcal Pharyngitis. Empfehlungen. Abruf: 12. Oktober 2026 [LL6]

Fachinformationen

  1. Pädia GmbH: Lentocilin S 1200/2400. Portugiesische Fachinformation, Stand Juli 2024; deutsche Übersetzung bereitgestellt Mai 2026. Fachinformation [FI1]
  2. ratiopharm GmbH: Penicillin V-ratiopharm 1,5 Mega Filmtabletten. Produktseite mit Fachinformation [FI2]
  3. European Medicines Agency: Keflex and associated names – harmonisierte Produktinformation. Produktinformation [FI3]
  4. Viatris Healthcare GmbH: Klacid Pro, 250 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI4]
  5. Mayne Pharma: Erythromycin Capsules. Produktinformation [FI5]
  6. AbZ-Pharma GmbH: Naproxen-CT 500 mg Filmtabletten. Stand September 2024. Fachinformation [FI6]
  7. Bayer: Aspirin. Fachinformation [FI7]
  8. mibe GmbH Arzneimittel: Prednisolon acis. Stand Januar 2026. Fachinformation [FI8]