Lymphödem – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung (körperliche Untersuchung) ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte (Untersuchungsschritte):

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
    • Inspektion (Betrachtung)
      • Haut und Schleimhäute (feuchte Schutzschichten) [trockene, juckende Haut; asymmetrische oder symmetrische Umfangsvermehrung (Zunahme des Umfangs); Schwellung des Fußrückens beziehungsweise Handrückens; vertiefte Hautfalten an Zehen, Fingern oder Gelenken; Hyperkeratose (Verdickung der Hornschicht); Papillomatose (warzenartige Hautwucherungen); Pachydermie (Hautverdickung); Lymphzysten (flüssigkeitsgefüllte Lymphbläschen); Lymphorrhoe (Austritt von Lymphflüssigkeit); Ekzeme (entzündliche Hautveränderungen); Rhagaden (Hautrisse); Ulzerationen (Geschwüre); Erysipelzeichen (Zeichen einer Wundrose) mit Rötung, Überwärmung, Schmerzhaftigkeit und Fieber]
      • Extremitätenkontur (Form der Arme und Beine) [distal (körperfern) betonte Schwellung mit Einbeziehung von Vorfuß, Zehen, Handrücken oder Fingern; Kastenzehen (kastenförmig verdickte Zehen); Verlust normaler anatomischer Konturen (körperlicher Umrisse); im Verlauf zunehmende Fibrosierung (bindegewebige Verhärtung) und Hautvergröberung]
      • Seitigkeit und Verteilung [primäres Lymphödem (angeborene oder anlagebedingte Lymphstauung) häufig distal beginnend und initial (anfänglich) auch einseitig möglich; sekundäres Lymphödem (erworbene Lymphstauung) häufig regional (örtlich begrenzt) entsprechend der Schädigung von Lymphbahnen oder Lymphknoten, z. B. nach Operation, Radiotherapie (Strahlentherapie), Tumorerkrankung, Entzündung oder Trauma (Verletzung)]
      • Hautfarbe und trophische Veränderungen (versorgungsbedingte Gewebeveränderungen) [blasse oder normale Hautfarbe bei unkompliziertem Lymphödem; Rötung und Überwärmung bei entzündlicher Komplikation (Folgeerkrankung); Zeichen chronischer Stauung (lang andauernder Flüssigkeitsstau) und Gewebsumbau bei fortgeschrittenem Lymphödem]
      • Narben, Operations- und Bestrahlungsareale (Bestrahlungsbereiche) [Hinweise auf sekundäres Lymphödem nach Lymphknotenentfernung, Tumoroperation oder Radiotherapie]
    • Palpation (Abtasten)
      • Ödemcharakter (Art der Schwellung) [initial weich bis teigig und eindrückbar; im Verlauf zunehmend derb, fibrotisch (bindegewebig verhärtet) und geringer eindrückbar]
      • Kaposi-Stemmer-Zeichen (Hautfaltentest an Zehe oder Finger) [positiv bei fehlender Abhebbarkeit einer Hautfalte über der zweiten Zehe beziehungsweise dem zweiten Finger; ein negatives Kaposi-Stemmer-Zeichen schließt ein Lymphödem nicht sicher aus]
      • Gewebekonsistenz (Beschaffenheit des Gewebes) [subkutane Fibrose (bindegewebige Verhärtung des Unterhautgewebes), indurierte Haut (verhärtete Haut), derbe Haut- und Unterhautvermehrung bei fortgeschrittenem Lymphödem]
      • Druckschmerzhaftigkeit [ausgeprägte Druckschmerzhaftigkeit spricht eher für Differentialdiagnosen (Alternativdiagnosen) wie Lipödem (schmerzhafte Fettverteilungsstörung), entzündliche Prozesse oder venöse Ursachen (Ursachen der Venen) als für ein unkompliziertes Lymphödem]
      • Hauttemperatur [Überwärmung bei Erysipel (Wundrose) oder entzündlicher Komplikation]
    • Umfangs- und Seitenvergleich
      • Messung definierter Umfangspunkte beider Extremitäten (Gliedmaßen) [Seitendifferenz, Verlaufsbeurteilung, Dokumentation des Schweregrades]
      • Vergleich von Fußrücken, Knöchelregion, Unterschenkel, Knie, Oberschenkel beziehungsweise Handrücken, Unterarm und Oberarm [distal betonte Schwellung und Konturverlust bei Lymphödem]
      • Beurteilung der Gelenkbeweglichkeit [Bewegungseinschränkung durch Umfangsvermehrung, Fibrosierung oder Hautspannung]
    • Untersuchung des Gefäßsystems
      • Periphere Pulse (Pulse an Armen und Beinen) [fehlende oder abgeschwächte Pulse als Hinweis auf arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Schlagadern) beziehungsweise relevante vaskuläre Begleiterkrankung (Gefäß-Begleiterkrankung)]
      • Venöser Status (Untersuchungsbefund der Venen) [Varikosis (Krampfadern), Stauungsdermatitis (Hautentzündung durch venöse Stauung), Hyperpigmentierung (verstärkte Hautverfärbung), corona phlebectatica (sichtbare kleine Venen am Fußrand), Ulcus cruris venosum (venös bedingtes offenes Bein) als Hinweise auf chronisch-venöse Insuffizienz (chronische Venenschwäche) beziehungsweise Phlebödem (venös bedingte Schwellung)]
      • Zeichen einer akuten Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer Vene) [einseitige schmerzhafte Schwellung, Überwärmung, Spannungsgefühl, Umfangsdifferenz]
    • Untersuchung der Lymphknotenregionen
      • Palpation zervikaler, axillärer, inguinaler und poplitealer Lymphknoten (Abtasten der Lymphknoten am Hals, in der Achsel, in der Leiste und in der Kniekehle) [Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung), Druckschmerz, derbe oder fixierte Lymphknoten als Hinweis auf entzündliche, infektiöse (ansteckungsbedingte) oder maligne Ursache (bösartige Ursache)]
      • Inspektion und Palpation regionaler Narbenareale [Hinweise auf vorausgegangene Lymphknotenoperation, Tumortherapie (Krebsbehandlung) oder entzündliche Schädigung des Lymphabflusses]
    • Differentialdiagnostische klinische Beurteilung
      • Lipödem [symmetrische Fettverteilungsstörung, Druckschmerzhaftigkeit, Hämatomneigung (Neigung zu Blutergüssen), Aussparung von Füßen und Händen, meist negatives Kaposi-Stemmer-Zeichen]
      • Phlebödem beziehungsweise chronisch-venöse Insuffizienz [Varikosis, Stauungsdermatitis, Hyperpigmentierung, venöse Ulzeration (venös bedingte Geschwürbildung), Besserung durch Hochlagerung]
      • Kardiales, renales, hepatisches oder medikamentös bedingtes Ödem (herz-, nieren-, leber- oder arzneimittelbedingte Schwellung) [meist symmetrische, generalisierte (den ganzen Körper betreffende) oder lageabhängige Ödeme, Begleitbefunde entsprechend der Grunderkrankung]
      • Adipositas-assoziiertes Lymphödem (mit starkem Übergewicht verbundenes Lymphödem) [massive Adipositas (starkes Übergewicht), funktionelle Lymphabflussstörung (Störung des Abflusses der Lymphflüssigkeit), häufig kombinierte Ödemursachen]
      • Infektiöse oder entzündliche Genese (Entstehungsursache) [Fieber, Rötung, Überwärmung, Schmerzhaftigkeit, rasche Zunahme der Schwellung]
      • Maligne Genese [progredientes einseitiges Lymphödem (fortschreitendes einseitiges Lymphödem), derbe Lymphknoten, B-Symptomatik (Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust), Tumoranamnese (Krebsvorgeschichte), neu aufgetretene Abflussbehinderung]
  • Gesundheitscheck
    • Erfassung von Risikofaktoren und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) [Adipositas, Immobilität (Bewegungsmangel), chronisch-venöse Insuffizienz, Tumorerkrankung, Zustand nach Lymphknotenentfernung, Zustand nach Radiotherapie, rezidivierende Erysipele (wiederkehrende Wundrosen), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), chronische Wunden]
    • Beurteilung der Hautpflege, Infektneigung und Wundrisiken [Interdigitalmykosen (Pilzinfektionen zwischen Zehen oder Fingern), Rhagaden, Ekzeme, kleine Hautverletzungen, chronische Ulzera]
    • Beurteilung der funktionellen Einschränkung (Einschränkung der Funktion) [Schweregefühl, Spannungsgefühl, Bewegungseinschränkung, Einschränkung von Gehstrecke, Greiffunktion oder Alltagsaktivität]

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische körperliche Befunde (krankhafte Untersuchungsbefunde) hingewiesen.

Leitlinien

  1. International Society of Lymphology. The diagnosis and treatment of peripheral lymphedema: 2023 consensus document of the International Society of Lymphology. Lymphology. 2023;56(4):133-151. https://doi.org/10.2458/lymph.6372