Koronare Herzkrankheit – Weitere Therapie

Allgemeine Maßnahmen

  • Akute oder progrediente Beschwerden – bei neu aufgetretenen, anhaltenden oder wiederkehrenden thorakalen Schmerzen (Schmerzen im Brustkorb), Ruhe-Angina (Brustenge in Ruhe), zunehmender Beschwerdeintensität, ausgeprägter Dyspnoe (Atemnot), Kaltschweißigkeit, Übelkeit, Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) oder Kreislaufinstabilität besteht der Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom (akute Durchblutungsstörung des Herzens). Der Rettungsdienst ist unverzüglich über die Notrufnummer 112 zu alarmieren; eine eigenständige Fahrt in die Klinik ist zu vermeiden [LL5].
  • Nikotinabstinenz (vollständiger Rauchverzicht) – die vollständige Beendigung des Rauchens ist eine der wirksamsten Maßnahmen der Sekundärprävention (Vorbeugung weiterer Krankheitsereignisse). Patienten sollen wiederholt zur Tabakabstinenz motiviert und bei Bedarf durch verhaltenstherapeutische und medikamentöse Entwöhnungsverfahren unterstützt werden [1, LL1, LL4].
  • Passivrauchen – eine regelmäßige Tabakrauchexposition ist zu vermeiden [LL1, LL4].
  • Alkoholkonsum – ein Beginn oder eine Steigerung des Alkoholkonsums aus vermeintlich kardioprotektiven Gründen ist nicht angezeigt. Bei bestehendem Konsum sollte die Alkoholmenge möglichst gering gehalten werden. Die Nationale VersorgungsLeitlinie nennt als Obergrenze 20 g Alkohol pro Tag für Männer und 10 g pro Tag für Frauen; alkoholfreie Tage sind einzuplanen [LL1, LL4].
  • Körpergewicht und Körperzusammensetzung – Körpergewicht, Body-Mass-Index (Körpermasse-Index) und ggf. Taillenumfang sollten regelmäßig erfasst werden. Bei Übergewicht oder Adipositas (starkem Übergewicht) ist eine individualisierte, realistische Gewichtsreduktion durch Ernährungsumstellung und körperliche Aktivität anzustreben. Unbeabsichtigter Gewichtsverlust muss diagnostisch abgeklärt werden [LL1, LL4].
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  • Blutdruckkontrolle – regelmäßige Blutdruckselbstmessungen können die Therapieüberwachung unterstützen. Die Messwerte und die antihypertensive Therapie (Behandlung gegen Bluthochdruck) sollen bei den ärztlichen Kontrolluntersuchungen überprüft werden [LL1, LL2].
  • Kardiovaskuläre Risikofaktoren (Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen) – arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Adipositas, Bewegungsmangel und psychosoziale Belastungen sollen konsequent erfasst und leitliniengerecht behandelt werden [LL1, LL2, LL4].
  • Überprüfung der Dauermedikation – Indikation (medizinischer Behandlungsgrund), Dosierung, Einnahmetreue, Nebenwirkungen und potenzielle Arzneimittelinteraktionen (Wechselwirkungen zwischen Medikamenten) sollen regelmäßig überprüft werden [LL1, LL2].
  • Psychosoziale Faktoren – Depression (anhaltende krankhafte Niedergeschlagenheit), Angst, soziale Isolation, chronischer Stress und mangelnder sozialer Rückhalt können die Lebensqualität, Therapieadhärenz (zuverlässige Umsetzung der Behandlung) und Prognose beeinträchtigen. Bei klinischem Verdacht ist eine strukturierte Diagnostik und ggf. Behandlung zu veranlassen [LL1, LL7].
  • Umweltbelastungen – eine hohe Exposition gegenüber Feinstaub, Dieselabgasen und anderen Luftschadstoffen sollte insbesondere an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung reduziert werden [LL4].
  • Freizeitaktivitäten und Intimleben
    • Körperliche Freizeitaktivitäten – regelmäßige Bewegung ist Bestandteil der Behandlung und wird im Abschnitt „Sportmedizin“ dargestellt.
    • Sexuelle Aktivität – bei klinisch stabilen Patienten mit ausreichender Belastbarkeit ist sexuelle Aktivität in der Regel mit einem niedrigen kardialen Risiko (vom Herzen ausgehendem Risiko) verbunden. Patienten, die eine Belastung von etwa 3-5 metabolischen Äquivalenten (Maßeinheiten für den Energieverbrauch bei körperlicher Belastung) ohne Angina pectoris (Brustenge), relevante Dyspnoe, Ischämie (Minderdurchblutung) oder Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags) bewältigen, können sexuelle Aktivitäten gewöhnlich wieder aufnehmen [8, LL2].
    • Phosphodiesterase-5-Hemmer (Medikamente gegen Erektionsstörungen) – die gleichzeitige Einnahme mit Nitraten (gefäßerweiternden Herzmedikamenten) oder Stickstoffmonoxid-Donatoren (gefäßerweiternden Wirkstoffen) ist wegen der Gefahr eines ausgeprägten Blutdruckabfalls kontraindiziert (nicht erlaubt) [8].
  • Reisen – klinisch stabile Patienten können in der Regel reisen. Nach einem akuten Koronarsyndrom, einer Revaskularisation (Wiederherstellung der Herzdurchblutung), bei nicht kontrollierter Angina pectoris, dekompensierter Herzinsuffizienz (akut verschlechterter Herzschwäche) oder relevanten Herzrhythmusstörungen ist vor der Reise eine individuelle ärztliche Beurteilung erforderlich. Medikamente und ein aktueller Medikationsplan sind in ausreichender Menge mitzuführen [LL2].

Konventionelle nichtoperative Therapieverfahren

  • Perkutane koronare Intervention (Herzkatheterbehandlung der Herzkranzgefäße) – die perkutane koronare Intervention dient der kathetergestützten Behandlung relevanter Koronarstenosen (Verengungen der Herzkranzgefäße). Die Indikation richtet sich nach Symptomatik, Ischämienachweis (Nachweis einer Minderdurchblutung), Koronaranatomie (Aufbau der Herzkranzgefäße), linksventrikulärer Funktion (Pumpfunktion der linken Herzkammer), Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Operationsrisiko und Patientenpräferenz. Bei chronischem Koronarsyndrom (lang andauernde Durchblutungsstörung des Herzens) verbessert die perkutane koronare Intervention vor allem die Angina-pectoris-Symptomatik; ein prognostischer Nutzen besteht nur in bestimmten klinischen und anatomischen Konstellationen [LL1, LL2].
  • Koronarsinus-Reducer (Implantat zur Verengung der großen Herzvene) – das kathetergestützt in den Koronarsinus (große Herzvene) implantierte System erzeugt eine kontrollierte Verengung des Koronarsinus und soll dadurch die subendokardiale Perfusionsverteilung (Verteilung der Durchblutung unter der Herzinnenhaut) beeinflussen.
    • Indikationen – erwogen werden kann das Verfahren bei Patienten mit therapierefraktärer Angina pectoris (trotz Behandlung fortbestehender Brustenge) trotz optimaler medikamentöser Therapie, nach Ausschöpfung geeigneter Revaskularisationsmöglichkeiten und nach interdisziplinärer Beurteilung in einem erfahrenen Zentrum [4, 5, LL2].
    • Evidenz (wissenschaftliche Beleglage) – randomisierte Studien (Studien mit zufälliger Zuteilung zu den Behandlungsgruppen) zeigen bei einem Teil der sorgfältig ausgewählten Patienten eine symptomatische Verbesserung. Ein gesicherter prognostischer Nutzen oder eine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse ist nicht belegt [4, 5].

Impfungen

Bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) sind der Impfstatus und individuelle Risikofaktoren regelmäßig zu überprüfen [LL6].

  • Influenza-Impfung (Grippeimpfung) – die jährliche saisonale Impfung wird bei chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfohlen [LL6].
  • COVID-19-Impfung (Impfung gegen die Coronaviruskrankheit) – die jährliche Impfung wird als Standardimpfung für Personen ab 75 Jahren empfohlen. Bei jüngeren Patienten mit einer chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankung besteht eine Indikationsimpfempfehlung (Impfempfehlung wegen eines besonderen Krankheitsrisikos), da diese Erkrankung mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf verbunden ist. Die Impfung soll einmal pro Saison, vorzugsweise zu Beginn der Saison im Spätsommer oder Frühherbst, erfolgen. Zwischen einer nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infektion (Infektion mit dem Coronavirus) bzw. der letzten COVID-19-Impfung und der erneuten Impfung sollte möglichst ein Mindestabstand von 6 Monaten eingehalten werden [LL6].
  • Pneumokokken-Impfung (Impfung gegen bestimmte Lungenentzündungsbakterien) – Personen ab 60 Jahren sowie Erwachsene ab 18 Jahren mit chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollen entsprechend ihrer Impfanamnese (bisherigen Impfgeschichte) mit dem 20-valenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff (Impfstoff gegen 20 Pneumokokken-Typen) geimpft werden. Bei bereits erfolgten Pneumokokken-Impfungen sind Impfstoff und Abstand individuell zu berücksichtigen [LL6].
  • Impfung gegen das respiratorische Synzytialvirus (Impfung gegen das RSV-Atemwegsvirus) – die einmalige Impfung wird für alle Personen ab 75 Jahren empfohlen. Bei Personen im Alter von 60-74 Jahren ist sie bei einer relevant beeinträchtigenden chronischen Herz-Kreislauf-Erkrankung oder bei weiteren ausgeprägten Risikofaktoren nach individueller Indikationsstellung empfohlen [LL6].

Regelmäßige Kontrolluntersuchungen

  • Verlaufsbeurteilung – Häufigkeit und Umfang der Kontrolluntersuchungen richten sich nach Beschwerdesituation, Krankheitsstadium, Komorbiditäten und Therapie [LL1, LL2].
  • Zu überprüfende Parameter – Angina-pectoris-Symptomatik, Dyspnoe, körperliche Belastbarkeit, Blutdruck, Herzfrequenz, Lipidwerte (Blutfettwerte), Glucosemetabolismus (Zuckerstoffwechsel), Körpergewicht, Rauchstatus, Therapieadhärenz, Arzneimittelnebenwirkungen und psychosoziale Belastungen sollen regelmäßig erfasst werden [LL1, LL2].
  • Neue oder zunehmende Beschwerden – bei einer Verschlechterung der Belastbarkeit, neu auftretender Angina pectoris, Herzinsuffizienzzeichen (Anzeichen einer Herzschwäche), Synkopen oder Herzrhythmusstörungen ist eine zeitnahe weiterführende Diagnostik erforderlich [LL1, LL2].
  • Routinemäßige apparative Kontrollen – wiederholte Ischämietests (Untersuchungen auf eine Minderdurchblutung) oder bildgebende Untersuchungen (Untersuchungen mit medizinischen Bildern) sind bei klinisch stabilen und beschwerdefreien Patienten ohne konkrete diagnostische Fragestellung nicht regelhaft erforderlich [LL1, LL2].

Ernährungsmedizin

  • Ernährungsberatung – die Beratung soll auf Ernährungsanamnese (Erfassung der Ernährungsgewohnheiten), Begleiterkrankungen, Körpergewicht, kulturellen Gewohnheiten und individuellen Präferenzen beruhen [LL1, LL4].
  • Mediterrane Ernährung (Mittelmeerkost) – empfohlen wird eine überwiegend pflanzenbasierte mediterrane Ernährungsweise mit hohem Anteil an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und ungesättigten Fettsäuren (günstigen Nahrungsfetten). In der randomisierten CORDIOPREV-Studie war eine mediterrane Ernährung bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit einer fettarmen Ernährung hinsichtlich schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse überlegen [2, LL1, LL4].
  • Gemüse und Obst – täglich sollten mindestens 400 g Gemüse und Obst verzehrt werden, wobei der Gemüseanteil überwiegen sollte [LL1, LL4].
  • Vollkornprodukte und Ballaststoffe (unverdauliche pflanzliche Nahrungsbestandteile) – Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und andere ballaststoffreiche Lebensmittel sollen regelmäßig verzehrt werden [LL1, LL4].
  • Nüsse und Samen – empfohlen werden etwa 30 g ungesalzene Nüsse oder Samen pro Tag, sofern keine Kontraindikationen bestehen [LL1, LL4].
  • Fisch – Fisch, vorzugsweise fettreicher Seefisch, kann ein- bis zweimal pro Woche Bestandteil der Ernährung sein [LL1, LL4].
  • Fettqualität – gesättigte Fettsäuren (überwiegend in tierischen Lebensmitteln enthaltene Fette) sollen durch einfach oder mehrfach ungesättigte Fettsäuren ersetzt werden. Geeignete Quellen sind insbesondere Olivenöl, Rapsöl, Nüsse, Samen und Fisch. Industrielle Trans-Fettsäuren (industriell veränderte ungünstige Fette) sind möglichst zu vermeiden [LL1, LL4].
  • Fleisch und verarbeitete Fleischwaren – der Konsum von rotem Fleisch soll begrenzt und der Konsum verarbeiteter Fleischwaren möglichst gering gehalten werden [LL4].
  • Zucker und hochverarbeitete Lebensmittel – zuckergesüßte Getränke, Süßwaren und stark verarbeitete, energiedichte Lebensmittel sollen nur selten konsumiert werden [LL4].
  • Kochsalz – eine übermäßige Kochsalzzufuhr soll vermieden werden. Bei arterieller Hypertonie ist eine Reduktion auf möglichst weniger als 5 g Kochsalz pro Tag anzustreben [LL4].
  • Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente) und Nahrungsergänzungsmittel – Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Omega-3-Fettsäure-Präparate (Fischölfettsäure-Präparate), Antioxidanzien (zellschützende Stoffe) oder L-Carnitin sollen ohne nachgewiesenen Mangel oder andere spezifische Indikation nicht zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse eingesetzt werden [LL1, LL4].
  • Detaillierte Informationen zur Ernährungsmedizin stehen exklusiv unseren Partnern zur Verfügung.
  • Auswahl geeigneter Lebensmittel auf Grundlage der Ernährungsanalyse
  • Siehe auch unter "Therapie mit Mikronährstoffen (Vitalstoffe)" – ggf. Einnahme eines geeigneten Nahrungsergänzungsmittels
    Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
    Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Sportmedizin

  • Bedeutung der Bewegungstherapie – regelmäßige körperliche Aktivität ist ein zentraler Bestandteil der kardiovaskulären Sekundärprävention. Sie verbessert die kardiorespiratorische Fitness (Leistungsfähigkeit von Herz, Kreislauf und Atmung), körperliche Belastbarkeit, Risikofaktoren und gesundheitsbezogene Lebensqualität [3, LL1, LL2, LL3].
  • Trainingsziele – angestrebt werden eine Verbesserung der symptomfreien Belastbarkeit, der kardiorespiratorischen, muskulären und metabolischen Fitness (Leistungsfähigkeit des Stoffwechsels) sowie der psychischen Stabilität und Lebensqualität [LL1, LL3].
  • Ärztliche Ausgangsbeurteilung – vor Beginn eines strukturierten Trainings sollen klinische Stabilität, linksventrikuläre Funktion, belastungsabhängige Ischämien, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckreaktion, Begleiterkrankungen und bisherige körperliche Aktivität beurteilt werden [LL1, LL3].
  • Belastungstest – bei gesichertem chronischen Koronarsyndrom wird insbesondere vor höher intensiver körperlicher Aktivität, bei bisheriger Inaktivität, unklarer Belastbarkeit oder geplantem Wettkampfsport ein symptomlimitierter maximaler Belastungstest (Belastungsuntersuchung bis zur Beschwerde- oder Leistungsgrenze) empfohlen. Er dient der Erfassung der Leistungsfähigkeit, Ischämieschwelle (Belastungsgrenze, ab der eine Minderdurchblutung auftritt), Blutdruckreaktion und belastungsinduzierten Herzrhythmusstörungen [LL1, LL3].
  • Individuelle Trainingsverordnung – der Trainingsplan soll nach dem FITT-Prinzip (Planung nach Häufigkeit, Intensität, Dauer und Trainingsart) aus Frequenz, Intensität, Trainingsdauer und Trainingsart individualisiert und regelmäßig angepasst werden [LL3].
  • Aerobes Ausdauertraining (Ausdauertraining mit ausreichender Sauerstoffversorgung)
    • Empfohlen werden insgesamt mindestens 150 Minuten aerobe körperliche Aktivität moderater Intensität pro Woche oder mindestens 75 Minuten hoher Intensität bzw. eine gleichwertige Kombination beider Intensitätsbereiche [LL3, LL4].
    • Bei klinisch stabiler koronarer Herzkrankheit und niedrigem trainingsassoziiertem Risiko sollte das Ausdauertraining auf mindestens 3, möglichst 5-7 Wochentage verteilt werden [LL1, LL3].
    • Geeignete Sportarten sind zügiges Gehen, Wandern, Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen, Skilanglauf und bei ausreichender Belastbarkeit langsames Laufen.
    • Untrainierte Patienten sollen mit kürzeren Einheiten und niedriger bis moderater Intensität beginnen. Zunächst wird die Trainingshäufigkeit, danach die Dauer und zuletzt die Intensität gesteigert.
  • Steuerung der Trainingsintensität
    • Die Intensität sollte vorzugsweise anhand einer symptomlimitierten Ergometrie (Belastungs-EKG bis zur Beschwerdegrenze) oder Spiroergometrie (Messung von Atmung und Kreislauf unter Belastung) festgelegt werden [LL1, LL3].
    • Bei niedriger Risikokonstellation liegt die moderate Trainingsintensität häufig bei etwa 55-70 % der im Belastungstest erreichten maximalen Leistungsfähigkeit [LL1].
    • Auf der Borg-Skala (Skala zur subjektiven Einschätzung der Belastung) von 6-20 entspricht eine moderate Belastung in der Regel einem subjektiven Belastungsempfinden von etwa 12-13 [LL1, LL3].
    • Unter einer Betablockertherapie (Behandlung mit herzfrequenzsenkenden Medikamenten) ist die alleinige Steuerung anhand der Herzfrequenz unzuverlässig. Das subjektive Belastungsempfinden, die gemessene Leistungsfähigkeit und die klinische Symptomatik sind stärker zu berücksichtigen [LL3].
    • Die Formel „220 minus Lebensalter“ liefert lediglich eine grobe Schätzung der maximalen Herzfrequenz und soll einen individuell gemessenen Belastungstest nicht ersetzen.
    • Bei nachgewiesener belastungsinduzierter Ischämie soll die Trainingsintensität unterhalb der individuellen Ischämie- bzw. Angina-pectoris-Schwelle liegen [LL1, LL3].
  • Krafttraining
    • Ein dynamisches Krafttraining der großen Muskelgruppen wird zusätzlich an mindestens 2 nicht unmittelbar aufeinanderfolgenden Tagen pro Woche empfohlen [LL1, LL3, LL4].
    • Untrainierte, ältere oder funktionell eingeschränkte Patienten können mit etwa 40-50 % des Einwiederholungsmaximums (höchstes Gewicht, das einmal bewältigt werden kann) und 10-15 Wiederholungen beginnen.
    • Bei klinisch stabilen und trainierten Patienten kann die Belastung schrittweise auf etwa 60-80 % des Einwiederholungsmaximums mit 8-12 Wiederholungen und 2-3 Sätzen gesteigert werden [LL1, LL3].
    • Pressatmung (Luftanhalten unter starkem Pressen), maximale statische Belastungen und unkontrollierte Blutdruckspitzen sollen vermieden werden.
  • Gleichgewichts- und Koordinationstraining – ältere Patienten, insbesondere bei erhöhtem Sturzrisiko, sollen zusätzlich Gleichgewichts-, Koordinations- und funktionelle Kraftübungen durchführen [LL3, LL4].
  • Hochintensives Intervalltraining (Wechsel zwischen kurzen sehr intensiven Belastungen und Erholungsphasen) – hochintensives Intervalltraining kann bei ausgewählten, klinisch stabilen und zuvor ausreichend untersuchten Patienten Bestandteil einer überwachten kardiologischen Rehabilitation (medizinisch betreuten Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit bei Herzerkrankungen) sein. Eine generelle Überlegenheit gegenüber kontinuierlichem Training moderater Intensität ist nicht gesichert [7, LL3].
  • Trainingsbasierte kardiologische Rehabilitation – eine trainingsbasierte Rehabilitation reduziert bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit Krankenhausaufnahmen und Myokardinfarkte (Herzinfarkte) und verbessert die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Der Nutzen setzt ein strukturiertes, langfristig fortgeführtes Programm voraus [3, LL1, LL2].
  • Kontraindikationen für körperliches Training (Gründe gegen die Durchführung körperlichen Trainings) – bei akutem Koronarsyndrom, instabiler oder therapierefraktärer Angina pectoris, dekompensierter Herzinsuffizienz, unkontrollierten klinisch relevanten Herzrhythmusstörungen, symptomatischer hochgradiger Aortenstenose (schwerer Verengung der Aortenklappe mit Beschwerden), akuter Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder Perikarditis (Herzbeutelentzündung), akuter Lungenembolie (Verschluss einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel) oder anderen klinisch instabilen Erkrankungen darf kein Training begonnen werden [LL3].
  • Abbruchkriterien – das Training ist bei Angina pectoris, ungewöhnlicher Dyspnoe, Schwindel, Präsynkope (Beinahe-Bewusstlosigkeit), Synkope, relevanten Herzrhythmusstörungen, neurologischen Symptomen (Beschwerden des Nervensystems) oder pathologischer Blutdruckreaktion (krankhafter Blutdruckreaktion) sofort zu beenden.
  • Zurück zum Sport – nach einer längeren Sportpause, einem akuten Ereignis oder einer Revaskularisation erfolgt die Rückkehr schrittweise und abhängig von klinischem Verlauf, linksventrikulärer Funktion, Ischämie- und Rhythmusstatus sowie bisheriger Trainingserfahrung [LL3].
  • Wettkampfsport
    • Vor einer Teilnahme an Wettkampfsport ist eine umfassende sportkardiologische Risikostratifikation (ärztliche Einstufung des herzbedingten Sportrisikos) einschließlich maximaler Belastungsuntersuchung erforderlich [LL3].
    • Eine Teilnahme kann bei klinischer Stabilität, erhaltener linksventrikulärer Funktion, fehlender belastungsinduzierter Ischämie, fehlenden komplexen ventrikulären Herzrhythmusstörungen (schwerwiegenden Rhythmusstörungen aus den Herzkammern) und altersentsprechender Leistungsfähigkeit erwogen werden [LL3].
    • Bei relevanter Restischämie (verbleibender Minderdurchblutung), instabiler Symptomatik oder hohem Risiko für belastungsinduzierte kardiale Ereignisse wird von hochintensivem Wettkampfsport abgeraten [LL3].
    • Unter dualer antithrombotischer Therapie (Behandlung mit zwei gerinnungshemmenden Medikamenten) sind Kontakt- und Kollisionssportarten wegen des erhöhten Blutungsrisikos zu vermeiden [LL3].
  • Digitale Trainingsbegleitung – Bewegungstracker, Sportuhren, Apps und telemedizinische Anwendungen (medizinische Betreuung über digitale Kommunikationswege) können Aktivitätsmessung, Motivation und Therapieadhärenz unterstützen. Sie ersetzen weder die ärztliche Risikostratifikation noch eine fachlich angeleitete Rehabilitation [LL2, LL3].
  • Die Erstellung eines Fitness- bzw. Trainingsplans soll auf einem medizinischen Gesundheits- oder Sportlercheck beruhen.
  • Detaillierte Informationen zur Sportmedizin stehen exklusiv unseren Partnern zur Verfügung.

Psychotherapie

  • Psychische Komorbiditäten (seelische Begleiterkrankungen) – Patienten mit koronarer Herzkrankheit sollen bei klinischem Verdacht auf Depression, Angststörung (krankhaft ausgeprägte Angst), posttraumatische Belastung (seelische Reaktion nach einem stark belastenden Ereignis) oder relevante psychosoziale Belastungen strukturiert untersucht werden [LL1, LL7].
  • Psychotherapeutische Behandlung (Behandlung seelischer Erkrankungen mit Gesprächen und psychologischen Verfahren) – bei entsprechender Indikation sollen evidenzbasierte psychotherapeutische Verfahren angeboten werden. Psychologische Interventionen (psychologische Behandlungsmaßnahmen) können depressive und ängstliche Symptome sowie die gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessern; ein gesicherter Effekt auf die kardiovaskuläre Mortalität (Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen) ist nicht nachgewiesen [6, LL7].
  • Stressbewältigung – Entspannungsverfahren, achtsamkeitsbasierte Interventionen, progressive Muskelentspannung (schrittweises An- und Entspannen der Muskulatur) und andere Verfahren zur Stressbewältigung können ergänzend eingesetzt werden. Sie ersetzen nicht die leitliniengerechte kardiologische Behandlung.
  • Soziale Unterstützung – fehlender sozialer Rückhalt, Einsamkeit und berufliche oder familiäre Belastungen sollen im Behandlungsplan berücksichtigt werden [LL1, LL7].
  • Detaillierte Informationen zur Psychosomatik (Zusammenhang zwischen seelischen und körperlichen Beschwerden) einschließlich Stressmanagement stehen exklusiv unseren Partnern zur Verfügung.

Komplementäre Behandlungsmethoden

  • Nahrungsergänzungsmittel und antioxidative Präparate (Präparate mit zellschützenden Stoffen) – eine routinemäßige Anwendung zur Verbesserung der Prognose der koronaren Herzkrankheit wird ohne nachgewiesenen Mangel oder spezifische medizinische Indikation nicht empfohlen [LL1, LL4].
  • Grundsatz – komplementäre Verfahren (ergänzende Behandlungsmethoden) dürfen die leitliniengerechte medikamentöse Therapie, Revaskularisation, Risikofaktorkontrolle und kardiologische Rehabilitation nicht ersetzen.

Rehabilitation

Eine kardiologische Rehabilitation soll insbesondere nach einem akuten Koronarsyndrom, Myokardinfarkt, einer koronaren Bypass-Operation (operativen Umgehung verengter Herzkranzgefäße) sowie nach ausgewählten perkutanen Koronarinterventionen und bei Patienten mit hohem Rehabilitationsbedarf angeboten werden [LL1, LL2].

Die kardiologische Rehabilitation gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen:

Phase I

  • Die Frühmobilisation (frühzeitige Wiederaufnahme körperlicher Bewegung) und erste rehabilitative Maßnahmen beginnen während der Akutbehandlung im Krankenhaus.
  • Die Belastung wird abhängig von klinischer Stabilität, Komplikationen und funktioneller Leistungsfähigkeit schrittweise gesteigert.

Phase II

  • Die Anschlussrehabilitation (Rehabilitation direkt nach der Krankenhausbehandlung) erfolgt unmittelbar oder zeitnah nach Abschluss der Akutbehandlung ambulant oder stationär.
  • Somatische Rehabilitation (körperbezogene Rehabilitation) – medizinische Überwachung, Bewegungstherapie, Trainingssteuerung und Optimierung der kardiovaskulären Risikofaktoren.
  • Edukative Rehabilitation (schulende Rehabilitation) – Schulung zu Erkrankung, Medikamenten, Warnsymptomen, körperlicher Aktivität, Ernährung und Selbstmanagement.
  • Psychologische Rehabilitation (seelisch unterstützende Rehabilitation) – Diagnostik und Behandlung von Depression, Angst, Krankheitsverarbeitung und psychosozialen Belastungen.
  • Sozialmedizinische Rehabilitation (Unterstützung bei der beruflichen und sozialen Wiedereingliederung) – Beratung zur beruflichen und sozialen Wiedereingliederung sowie zur stufenweisen Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit.

Phase III

  • Die langfristige ambulante Nachsorge dient der Stabilisierung der erzielten Therapieerfolge.
  • Herzgruppen, strukturierte Trainingsprogramme und wohnortnahe Versorgungsangebote können die dauerhafte körperliche Aktivität und Therapieadhärenz unterstützen.

Trainingsbasierte Rehabilitationsprogramme sind mit einer Reduktion von Krankenhausaufnahmen und Myokardinfarkten sowie einer Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität verbunden [3].

Organisationen und Selbsthilfegruppen

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Literatur

  1. Critchley JA, Capewell S: Mortality Risk Reduction Associated With Smoking Cessation in Patients With Coronary Heart Disease: A Systematic Review. JAMA. 2003;290(1):86-97. doi: 10.1001/jama.290.1.86
  2. Delgado-Lista J et al.: Long-term secondary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet and a low-fat diet (CORDIOPREV): a randomised controlled trial. Lancet. 2022;399(10338):1876-1885. doi: 10.1016/S0140-6736(22)00122-2
  3. Dibben G et al.: Exercise-based cardiac rehabilitation for coronary heart disease. Cochrane Database Syst Rev. 2021;11(11):CD001800. doi: 10.1002/14651858.CD001800.pub4
  4. Verheye S et al.: Efficacy of a Device to Narrow the Coronary Sinus in Refractory Angina. N Engl J Med. 2015;372(6):519-527. doi: 10.1056/NEJMoa1402556
  5. Foley MJ et al.: Coronary sinus reducer for the treatment of refractory angina (ORBITA-COSMIC): a randomised, placebo-controlled trial. Lancet. 2024;403(10436):1543-1553. doi: 10.1016/S0140-6736(24)00256-3
  6. Ski CF et al.: Psychological interventions for depression and anxiety in patients with coronary heart disease, heart failure or atrial fibrillation. Cochrane Database Syst Rev. 2024;4(4):CD013508. doi: 10.1002/14651858.CD013508.pub3
  7. Taylor JL et al.: Short-term and Long-term Feasibility, Safety, and Efficacy of High-Intensity Interval Training in Cardiac Rehabilitation: The FITR Heart Study Randomized Clinical Trial. JAMA Cardiol. 2020;5(12):1382-1389. doi: 10.1001/jamacardio.2020.3511
  8. Köhler TS et al.: The Princeton IV Consensus Recommendations for the Management of Erectile Dysfunction and Cardiovascular Disease. Mayo Clin Proc. 2024;99(9):1500-1517. doi: 10.1016/j.mayocp.2024.06.002

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische KHK. (AWMF-Registernummer: nvl-004), Version 7.0, 30. August 2024. Langfassung
  2. Vrints C, Andreotti F, Koskinas KC et al.: 2024 ESC Guidelines for the management of chronic coronary syndromes. Eur Heart J. 2024;45(36):3415-3537. doi: 10.1093/eurheartj/ehae177
  3. Pelliccia A, Sharma S, Gati S et al.: 2020 ESC Guidelines on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease. Eur Heart J. 2021;42(1):17-96. doi: 10.1093/eurheartj/ehaa605
  4. Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM et al.: 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42(34):3227-3337. doi: 10.1093/eurheartj/ehab484
  5. Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ et al.: 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. Eur Heart J. 2023;44(38):3720-3826. doi: 10.1093/eurheartj/ehad191
  6. Robert Koch-Institut: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin. 2026;4:1-79. Aktualisierte Fassung vom 9. Juli 2026. doi: 10.25646/13636.5
  7. Bueno H, Deaton C, Farrero M et al.: 2025 ESC Clinical Consensus Statement on mental health and cardiovascular disease: developed under the auspices of the ESC Clinical Practice Guidelines Committee: Developed by the task force on mental health and cardiovascular disease of the European Society of Cardiology (ESC). Endorsed by the European Federation of Psychologists' Associations AISBL (EFPA), the European Psychiatric Association (EPA), and the International Society of Behavioral Medicine (ISBM). Eur Heart J. 2025;46(41):4156-4225. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf191