Bauchaortenaneurysma (Abdominales Aortenaneurysma) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch ein abdominales Aortenaneurysma (Bauchaortenaneurysma) (AAA) mitbedingt sein können:
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Aneurysmaruptur (Platzen der Gefäßaussackung) – wichtigste unmittelbar lebensbedrohliche Komplikation; möglich sind eine freie Ruptur mit intraperitonealer bzw. retroperitonealer Blutung oder eine zunächst gedeckte/chronisch gedeckte Ruptur. Das Rupturrisiko steigt insbesondere mit zunehmendem maximalem Aneurysmadurchmesser und ist bei Frauen bei vergleichbarem Durchmesser höher als bei Männern [1, 2, LL1, LL2].
- Bei kleinen asymptomatischen Aneurysmen ist das Rupturrisiko insgesamt niedrig; in der RESCAN-Metaanalyse betrug die geschätzte jährliche Rupturrate bei einem Durchmesser von 50 mm etwa 0,64 % bei Männern und 2,97 % bei Frauen [2, LL1].
- Die aktuellen ESVS-Leitlinien betrachten deshalb einen maximalen sonographischen Durchmesser von 55 mm bei Männern bzw. 50 mm bei Frauen als Schwelle, ab der eine elektive Versorgung erwogen werden sollte; diese Schwellen markieren keinen abrupten Anstieg, sondern dienen der Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1].
- Aortokavale Fistel (krankhafte Verbindung zwischen Hauptschlagader und unterer Hohlvene) – seltene Ruptur eines abdominalen Aortenaneurysmas in die Vena cava inferior mit ausgeprägtem arteriovenösem Shunt [3].
- Akute Rechtsherzbelastung (Überlastung der rechten Herzhälfte) bis zur High-output-Herzinsuffizienz (Herzschwäche durch übermäßig hohen Blutfluss)
- Venöse Hypertension (erhöhter Venendruck) mit Beinödemen (Wassereinlagerungen in den Beinen)
- Beeinträchtigung der Nierenperfusion bzw. Nierenfunktion bei ausgeprägter hämodynamischer Belastung
- Akute Extremitätenischämie (akute Minderdurchblutung einer Gliedmaße) – durch distale Embolisation (Verschleppung von Gefäßmaterial mit Gefäßverschluss) von thrombotischem Material aus dem Aneurysmasack oder, deutlich seltener, durch akute Thrombosierung (Bildung eines Blutgerinnsels) des Aneurysmas; das Spektrum reicht von digitaler Mikroembolisation (Verschluss kleinster Gefäße durch verschlepptes Material) bis zur akut bedrohten Extremität [LL1, LL2].
- Blue-toe-Syndrom (Blauzehensyndrom) bei Mikroembolisation in die Zehenarterien
- Akuter arterieller Verschluss (akuter Verschluss einer Schlagader) einer Becken- oder Beinarterie
- Bei ausgedehnter Aortenthrombose (Blutgerinnsel in der Hauptschlagader) beidseitige akute Extremitätenischämie möglich
- Tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) – selten infolge mechanischer Kompression der Vena cava inferior bzw. der Iliakalvenen durch ein großes Aneurysma oder durch periaortale Fibrose (Bindegewebsvermehrung um die Hauptschlagader) bei inflammatorischem abdominalem Aortenaneurysma (entzündlichem Bauchaortenaneurysma) [6].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Primäre aortoenterische Fistel (krankhafte Verbindung zwischen Hauptschlagader und Darm) – seltene, unmittelbar lebensbedrohliche Verbindung zwischen dem abdominalen Aortenaneurysma und dem Gastrointestinaltrakt; am häufigsten ist das Duodenum betroffen [4].
- Gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) mit Hämatemesis (Bluterbrechen) und/oder Meläna (Teerstuhl)
- Initial gelegentlich intermittierende sogenannte Herald-Blutung (Vorbotenblutung) vor einer massiven Blutung
- Massive gastrointestinale Hämorrhagie (starke Blutung im Magen-Darm-Trakt) mit nachfolgendem hämorrhagischem Schock (Kreislaufschock durch starken Blutverlust) möglich
- Aortoduodenales Syndrom (Einengung des Zwölffingerdarms durch die erweiterte Hauptschlagader) – sehr seltene mechanische Kompression insbesondere des dritten Duodenalabschnitts durch ein großes abdominales Aortenaneurysma mit proximaler gastrointestinaler Obstruktion [5].
- Duodenalobstruktion (Verschluss des Zwölffingerdarms)
- Magenentleerungsstörung (verzögerte Magenentleerung) mit Übelkeit und Erbrechen
- Gewichtsverlust und Dehydratation (Austrocknung) bei längerem Verlauf
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Hypovolämischer bzw. hämorrhagischer Schock (Kreislaufschock durch starken Flüssigkeits- bzw. Blutverlust) – Folge einer freien oder hämodynamisch relevanten gedeckten Aneurysmaruptur mit akutem intravasalem Volumenverlust; möglich sind rasche Kreislaufdekompensation (Versagen des Kreislaufs), Bewusstseinsverlust (Ohnmacht) und Kreislaufstillstand (Stillstand der Herz-Kreislauf-Funktion) [LL1, LL2].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Ureterobstruktion (Harnleiterverengung bzw. -verschluss) mit Hydronephrose (Harnstauungsniere) – seltene Komplikation, besonders bei inflammatorischem abdominalem Aortenaneurysma mit ausgeprägter periaortaler bzw. retroperitonealer Fibrose und Einbeziehung eines oder beider Ureteren [6, LL1].
- Unilaterale oder bilaterale Hydronephrose
- Postrenales akutes Nierenversagen (akutes Nierenversagen durch Harnabflussstörung) bei hochgradiger bilateraler Obstruktion möglich
Prognosefaktoren
- Maximaler Aneurysmadurchmesser – wichtigster etablierter morphologischer Prädiktor der Ruptur; das Rupturrisiko nimmt mit zunehmendem Durchmesser deutlich zu [1, 2, LL1, LL2].
- Weibliches Geschlecht – bei gleichem Aneurysmadurchmesser höheres Rupturrisiko als bei Männern; in der individuellen Patientendaten-Metaanalyse kleiner Aneurysmen war die Rupturrate bei Frauen annähernd vierfach erhöht [2].
- Aktives Rauchen – mit beschleunigtem Aneurysmawachstum und einem etwa verdoppelten Rupturrisiko bei kleinen abdominalen Aortenaneurysmen assoziiert [2].
- Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) bzw. höherer Blutdruck – mit einem erhöhten Rupturrisiko assoziiert [2].
- Rasche Größenzunahme – eine Zunahme von > 10 mm/Jahr gilt als auffällig und kann mit einem erhöhten Rupturrisiko verbunden sein; wegen relevanter Messvariabilität soll ein vermeintlich rasches Wachstum zunächst durch erneute standardisierte Messung bestätigt werden [LL1].
- Symptomatisches abdominales Aortenaneurysma – neu aufgetretene, dem Aneurysma zuzuordnende abdominale oder lumbale Schmerzen bzw. Druckdolenz (Druckschmerzhaftigkeit) kennzeichnen auch ohne nachgewiesene Ruptur eine prognostisch relevante Hochrisikosituation und erfordern eine dringliche gefäßchirurgische Beurteilung [LL1, LL2].
- Aneurysmamorphologie – sakkuläre Aneurysmen sowie besondere anatomische Konstellationen können eine individualisierte Beurteilung bereits bei geringerem Durchmesser erforderlich machen; die Evidenz für eigenständige quantitative Rupturgrenzen ist jedoch begrenzt [LL1].
Literatur
- Leone N, Broda MA, Eiberg JP et al.: Systematic Review and Meta-Analysis of the Incidence of Rupture, Repair, and Death of Small and Large Abdominal Aortic Aneurysms under Surveillance. J Clin Med. 2023;12(21):6837. doi: 10.3390/jcm12216837.
- Sweeting MJ, Thompson SG, Brown LC et al.: Meta-analysis of individual patient data to examine factors affecting growth and rupture of small abdominal aortic aneurysms. Br J Surg. 2012;99(5):655-665. doi: 10.1002/bjs.8707.
- Dakis K, Nana P, Kouvelos G et al.: Treatment of Aortocaval Fistula Secondary to Abdominal Aortic Aneurysm: A Systematic Review. Ann Vasc Surg. 2023;90:204-217. doi: 10.1016/j.avsg.2022.11.008.
- Fransvea P, Partipilo T, Donati T et al.: Primary aortoenteric fistula: a case report and literature review. Int J Surg Case Rep. 2026;138(3):674-679. doi: 10.1097/RC9.0000000000000083.
- AlAmoudi TA, Ibrahim AH, AlMaawali L et al.: The overall outcome of aortoduodenal syndrome following endovascular vs open surgical interventions. JVS-Vascular Insights. 2024;2:100138. doi: 10.1016/j.jvsvi.2024.100138.
- Kashyap VS, Fang R, Fitzpatrick CM et al.: Caval and ureteral obstruction secondary to an inflammatory abdominal aortic aneurysm. J Vasc Surg. 2003;38(6):1416-1421. doi: 10.1016/S0741-5214(03)00795-X.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Wanhainen A, Van Herzeele I, Bastos Goncalves F et al.: Editor's Choice – European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2024 Clinical Practice Guidelines on the Management of Abdominal Aorto-Iliac Artery Aneurysms. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2024;67(2):192-331. doi: 10.1016/j.ejvs.2023.11.002. [LL1]
- Mazzolai L, Teixido-Tura G, Lanzi S et al.: 2024 ESC Guidelines for the management of peripheral arterial and aortic diseases. Eur Heart J. 2024;45(36):3538-3700. doi: 10.1093/eurheartj/ehae179. [LL2]
- S3-Leitlinie: Abdominelles Aortenaneurysma. Stand Juli 2018; derzeit in Überarbeitung. (AWMF-Registernummer 004-014). Juli 2018 Langfassung. [LL3]