Verbrennungen – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz, pulsoxymetrischer Sauerstoffsättigung (Sauerstoffgehalt des Blutes) (SpO2), Körpertemperatur, Körpergewicht, Körpergröße; des Weiteren:
- Beurteilung von Allgemeinzustand und Bewusstseinslage
- Ganzkörperinspektion (Betrachtung des gesamten Körpers) des vollständig entkleideten Patienten unter Vermeidung einer Auskühlung
- Erfassung von Lokalisation und Ausdehnung sämtlicher Verbrennungsareale
- Bestimmung der verbrannten Körperoberfläche (VKOF) in Prozent der Körperoberfläche; Verbrennungen 1. Grades werden nicht zur VKOF gerechnet
- Neuner-Regel nach Wallace zur orientierenden Ersteinschätzung
- Handflächenregel bei kleinflächigen bzw. fleckig verteilten Verbrennungen; die Handfläche des Patienten einschließlich Finger entspricht ungefähr 1 % der Körperoberfläche
- Lund-Browder-Schema zur genaueren Bestimmung und Dokumentation
- Gezielte Beurteilung funktionell und prognostisch relevanter Lokalisationen, insbesondere Gesicht, Hals, Hände, Füße, große Gelenke, Genital- und Perinealregion (Dammregion)
- Beurteilung auf zirkuläre bzw. nahezu zirkuläre tiefgradige Verbrennungen an Extremitäten, Thorax (Brustkorb) und Abdomen (Bauch)
- Untersuchung von Mundhöhle, Oropharynx (Mundrachen) und oberen Atemwegen bei möglichem Inhalationstrauma (Schädigung der Atemwege durch eingeatmeten Rauch bzw. heiße Gase) [Gesichtsverbrennungen, versengte Gesichts- bzw. Nasenbehaarung, Ruß in Nase oder Mund bzw. rußhaltiges Sputum (Auswurf), Verbrennungen der Mundschleimhaut, Schleimhautödem (Schwellung der Schleimhaut), Heiserkeit bzw. kloßige Sprache, inspiratorischer Stridor (pfeifendes Atemgeräusch beim Einatmen)]
- Inspektion der Atembewegungen und Auskultation der Lunge (Abhören der Lunge); bei zirkulärer tiefgradiger Verbrennung von Thorax bzw. Abdomen Beurteilung der Atemmechanik [eingeschränkte Thoraxexkursion (Beweglichkeit des Brustkorbs) bzw. restriktive Atemmechanik (eingeschränkte Atembeweglichkeit)]
- Auskultation des Herzens (Abhören des Herzens)
- Untersuchung der peripheren Durchblutung bei zirkulären bzw. nahezu zirkulären Verbrennungen der Extremitäten einschließlich Hauttemperatur, Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederfüllung kleiner Blutgefäße) und peripherer Pulse sowie Prüfung von Motorik (Bewegungsfähigkeit) und Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) [zunehmende periphere Minderperfusion (verminderte Durchblutung) mit verzögerter Rekapillarisierung, kühlen Akren (Körperenden), Sensibilitäts- bzw. Motorikstörungen und im fortgeschrittenen Stadium abgeschwächten bzw. fehlenden Pulsen]
- Bei Stromverletzungen Ganzkörperinspektion einschließlich Suche nach Ein- und Austrittsstellen sowie Untersuchung der betroffenen Extremitäten auf tiefe Gewebeschädigung bzw. Kompartmentsyndrom (Druckschädigung von Muskeln und Nerven in einer Muskelloge) [Strommarken bzw. Ein- und Austrittsläsionen (Gewebeschäden), schmerzhafte pralle Muskellogen, Sensibilitäts- bzw. Motorikdefizite (Ausfälle der Bewegungs- bzw. Empfindungsfähigkeit)]
- Orientierende neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems), insbesondere bei Stromverletzungen bzw. Bewusstseinsstörungen [periphere bzw. zentrale neurologische Ausfälle (Ausfälle des Nervensystems) nach Stromverletzung]
- Bei entsprechendem Unfallmechanismus ergänzende vollständige traumatologische Untersuchung (Untersuchung auf Verletzungsfolgen) auf Begleitverletzungen
- Dermatologische Untersuchung (Untersuchung der Haut) – systematische Inspektion und Palpation (Abtasten) der Verbrennungsareale nach Entfernung störender Ruß- und Schmutzanhaftungen; Beurteilung von Farbe, Feuchtigkeit, Blasenbildung, Rekapillarisierung, Schmerzempfindlichkeit, Konsistenz des Wundgrundes und Haarverankerung:
- Verbrennung 1. Grades – Epidermis (Oberhaut) betroffen [Erythem (Hautrötung), ausgeprägte Schmerzhaftigkeit, keine Blasenbildung]
- Verbrennung 2a. Grades – oberflächliche Dermis (Lederhaut) betroffen [Blasenbildung, rosiger und gut rekapillarisierender Wundgrund, ausgeprägte Schmerzhaftigkeit, Haare fest verankert]
- Verbrennung 2b. Grades – tiefe Dermis betroffen [Blasenbildung, blasser und nicht bzw. nur schwach rekapillarisierender Wundgrund, verminderte Schmerzempfindlichkeit, Haare leicht zu entfernen]
- Verbrennung 3. Grades – gesamte Dermis betroffen [trockener, weißlicher, lederartig harter Wundgrund, fehlende Schmerzempfindlichkeit, keine Haare mehr vorhanden]
- Verbrennung 4. Grades – Schädigung über die Haut hinaus bis in Subkutis (Unterhaut), Faszien (Bindegewebshüllen), Muskulatur bzw. Knochen [Verkohlung und tiefreichende Gewebedestruktion (Gewebezerstörung)]
- Schmerz- und Sensibilitätsprüfung, ggf. ergänzend mittels vorsichtiger Nadelstichprobe; insbesondere zur klinischen Differenzierung oberflächlich- von tiefdermalen bzw. vollschichtigen Verbrennungen [starke Schmerzempfindlichkeit bei oberflächlich-dermaler Verbrennung; deutlich reduzierte bzw. fehlende Schmerzempfindlichkeit bei tiefdermaler bzw. vollschichtiger Verbrennung]
- Haarzugprobe zur ergänzenden Einschätzung der Verbrennungstiefe [fest verankerte Haare bei Verbrennung 2a Grades; leicht entfernbare Haare bei Verbrennung 2b. Grades; fehlende Haare bei Verbrennung 3. Grades]
- Bei initial nicht sicher bestimmbarer Verbrennungstiefe wiederholte klinische Beurteilung im Verlauf, da sich die Abgrenzung insbesondere zwischen Verbrennungen 2a und 2b Grades erst mit zunehmender Demarkation (Abgrenzung geschädigten von gesundem Gewebe) sicherer beurteilen lässt
- Orientierende ophthalmologische Untersuchung (Untersuchung der Augen) – insbesondere bei Gesichtsverbrennungen, Explosionen bzw. Stromverletzungen; Inspektion von Augenlidern, Konjunktiven (Bindehaut) und sichtbarer Augenoberfläche [periokuläre Verbrennung (Verbrennung im Bereich um das Auge), ausgeprägtes Lidödem (Schwellung der Augenlider) bzw. sichtbare okuläre thermische Schädigung (hitzebedingte Schädigung des Auges)]
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.