Offene Wunde – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – bei ausgedehnter Verletzung bzw. relevantem Blutverlust inklusive:
    • Blutdruck [Hypotonie (niedriger Blutdruck) bei relevantem Blutverlust]
    • Puls [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) bei relevantem Blutverlust]
  • Wunde und Wundumgebung
    • Inspektion (Betrachtung) hinsichtlich Lokalisation (Lage), Länge, Breite und Tiefe der Wunde sowie Wundrändern, Wundgrund und Ausmaß des Gewebedefekts [klaffende Wundränder, freiliegendes Subkutangewebe (Unterhautgewebe), freiliegende Muskulatur, Sehnen oder Knochen]
    • Beurteilung der Blutung [aktive Blutung, pulsatile Blutung (stoßweise mit dem Herzschlag austretende Blutung)]
    • Beurteilung auf Kontamination (Verunreinigung) und Fremdkörper [sichtbare Verschmutzungen, Fremdkörper im Wundgebiet]
    • Beurteilung der Gewebevitalität (Lebensfähigkeit des Gewebes) [devitalisiertes (nicht mehr lebensfähiges) bzw. nekrotisches (abgestorbenes) Gewebe]
    • Inspektion der Wundumgebung [Rötung, Überwärmung, Schwellung, purulentes Exsudat (eitriges Wundsekret) bei lokaler Wundinfektion]
    • Vorsichtige Inspektion bzw. Exploration (Untersuchung) der Wunde zur Beurteilung einer Beteiligung tiefer Strukturen [Verletzung von Faszien (Bindegewebshüllen), Muskeln, Sehnen, Nerven, Gefäßen, Gelenken oder Knochen]
  • Regionale Funktions- und neurovaskuläre Untersuchung (Untersuchung von Nervenfunktion und Durchblutung) – insbesondere bei Wunden an den Extremitäten (Armen und Beinen):
    • Durchblutung – Beurteilung von Hautfarbe und Hauttemperatur, Kapillarfüllung (Wiederauffüllung kleinster Blutgefäße) sowie peripheren Pulsen (Pulse an Armen oder Beinen) distal (unterhalb) der Verletzung [verlängerte Kapillarfüllung, abgeschwächte bzw. fehlende periphere Pulse, blasse oder kühle Akren (Finger oder Zehen)]
    • Motorik (Bewegungsfunktion) – aktive Bewegungsprüfung der betroffenen Extremität bzw. der angrenzenden Gelenke [Bewegungseinschränkung bzw. Funktionsausfall bei Muskel-, Sehnen- oder Nervenverletzung]
    • Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) – seitenvergleichende Prüfung der Berührungs- und Schmerzempfindung im Versorgungsgebiet der betroffenen Nerven [Hypästhesie (verminderte Empfindungsfähigkeit), Anästhesie (fehlende Empfindungsfähigkeit)]
  • Ggf. chirurgische bzw. unfallchirurgische Untersuchung – bei tiefen oder komplexen Wunden, Schuss- und Stichverletzungen, starker oder nicht sicher stillbarer Blutung, Verdacht auf Verletzung tiefer Strukturen, Gelenkeröffnung oder offene Fraktur (Knochenbruch mit Verbindung zur Außenwelt)
  • Ggf. neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) – bei Verdacht auf periphere Nervenverletzung bzw. begleitende Verletzung des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark)

Red Flags (Warnzeichen) bei offener Wunde

  • Starke bzw. trotz adäquater Kompression (Druckausübung) nicht stillbare Blutung oder klinische Zeichen eines relevanten Blutverlusts
  • Pulsatile Blutung bzw. Verdacht auf relevante arterielle Gefäßverletzung (Verletzung einer Schlagader)
  • Fehlende distale Pulse oder klinische Zeichen einer Extremitätenischämie (unzureichende Durchblutung eines Arms oder Beins)
  • Neu aufgetretener motorischer oder sensibler Funktionsausfall distal der Verletzung
  • Freiliegende bzw. durchtrennte Sehnen, Muskeln, Nerven oder Gefäße
  • Freiliegender Knochen bzw. Verdacht auf offene Fraktur oder Gelenkeröffnung
  • Tiefe penetrierende Verletzung (tief eindringende Verletzung) von Hals, Thorax (Brustkorb), Abdomen (Bauchraum) oder Becken
  • Ausgedehnte Gewebezerstörung, Quetsch- oder Hochenergieverletzung

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.