Sprechstörungen/Sprachstörungen – Ursachen

Sprechstörungen

Pathogenese (Krankheitsentstehung) der Sprechstörungen

Sprechstörungen bezeichnen die beeinträchtigte Artikulation der Sprache.
Man kann Störungen des Redeflusses von Störungen der Sprechmotorik unterscheiden.

Zu den Störungen des Redeflusses zählen:

  • Logophobie ‒ bezeichnet die Sprechangst des Sprachgestörten
  • Mutismus (F94.0) ‒ Stummheit bei intaktem Sprechorgan; vor allem bei Depression, Demenz, Stupor (Antriebstörung; Zustand mit vollständigem Aktivitätsverlust bei ansonsten wachem Bewusstseinszustand)
  • Poltern (F98.6) ‒ überhastetes und undeutliches Reden
  • Stottern (F98.5)

Zu den Störungen der Sprechmotorik zählen:

  • Dysarthrie (R47.1) ‒ erworbene Sprechstörung, die durch eine Störung der Sprechmotorik bedingt ist; die Sprache wird undeutlich und "verwaschen"; Dysarthrien gehören zu den häufigsten neurogenen Kommunikationsstörungen [1]
  • Dysglossie ‒ Störung des Sprechens, die durch Anomalien der Zunge, des Gaumens etc. bedingt ist
  • Dyslalie (Stammeln)

Ätiologie (Ursachen) der Sprechstörungen

Krankheitsbedingte Ursachen von Dysarthrien

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Degenerative Basalganglienerkrankungen (Chorea Huntington, Parkinson-Syndrome)
  • Motoneuronerkrankungen – Gruppe von Erkrankungen, die die Motoneurone betreffen. Motoneurone sind Nervenzellen des zentralen Nervensystems, die mit ihrem Axon eine direkte oder indirekte Kontrolle über einen Muskel ausüben
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Myasthenia gravis (MG; Synonyme: Myasthenia gravis pseudoparalytica; MG); seltene neurologische Autoimmunerkrankung, bei der spezifische Antikörper gegen die Acetylcholinrezeptoren vorliegen, mit charakteristischen Symptomen wie einer abnormen belastungsabhängigen und schmerzlosen Muskelschwäche, einer Asymmetrie, neben der örtlichen auch einer zeitlichen Wechselhaftigkeit (Fluktuation) im Verlauf von Stunden, Tagen bzw. Wochen, einer Besserung nach Erholungs- bzw. Ruhephasen; klinisch differenzieren lässt sich eine rein okuläre ("das Auge betreffend"), eine faziopharyngeal (Gesicht (Facies) und Rachen (Pharynx) betreffend) betonte und eine generalisierte Myasthenie; ca. 10 % der Fälle zeigen bereits eine Manifestation im Kindesalter.
  • Primäre Dystonien – Erkrankungen, deren einziges Symptom die Dystonie (Störungen der Haltungs- und Bewegungskontrolle) ist (keine Grunderkrankung)
  • Progressive supranukleäre Blickparese (PSP; Synonym: Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom (SRO)) – neurodegenerative Erkrankung unbekannter Genese, die mit einer progredienten Zelldestruktion im Bereich der Basalganglien einhergeht; Leitsymptom: progredient fortschreitende Parese (Lähmung) der Augenmuskeln, die mit einem parkinsonähnlichen Symptombild assoziiert ist.
  • Spinozerebelläre Ataxien (SCA) – Gruppe klinisch gleichartiger neurodegenerativer Erkrankungen; Symptomatik: abhängig vom Herd der Degeneration
  • Zerebrovaskuläre Erkrankungen (ischämische Infarkte und Blutungen der Hirngefäße)

Verletzungen, Vergiftungen und bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Schädel-Hirn-Traumata (SHT)

Sprachstörungen

Pathogenese (Krankheitsentstehung) der Sprachstörungen

Die deutliche Mehrheit der Aphasien (ca. 80 %) ist bedingt durch zerebrovaskuläre Erkrankungen wie dem Apoplex (Schlaganfall).

Die vaskulär bedingten (gefäßbedingten) Aphasien werden in vier Standardsyndrome unterteilt:

  • Globale Aphasie: schwerste Störung der Aphasie; betroffen sind alle sprachlichen Modalitäten wie Sprachproduktion, Sprachverständnis, Lesen und Schreiben
    Leitsymptome: Sprachautomatismen, Stereotypien; Spontansprache, Nachsprechen, Sprachverständnis und Wortfindung sind gestört
  • Broca-Aphasie: Patienten sprechen im Regelfall stockend in unvollständigen Sätzen und Auftreten von Fehlern in der Lautbildung (z. B. phonematische Paraphasien)
    Leitsymptome: vorhandener Agrammatismus, oft auch eine Sprechapraxie (Störung der Initiierung und Exekution der für das Sprechen notwendigen Bewegungsabläufe); Spontansprache und Nachsprechen sind gestört
  • Wernicke-Aphasie (frühere Bezeichnung: sensorische Aphasie): 
    Leitsymptome: Paragrammatismus sowie Paraphasien; Sprechen häufig flüssig, allerdings überschießend und inhaltsarm, dabei lässt sich häufig eine Störung des Sprachverstehens feststellen; Nachsprechen ist gestört/paraphrasisch (Wortverwechslungsstörung)
  • Anamnestische bzw. anatomische Aphasie: wird oft durch temporoparietale Läsionen hervorgerufen
    Leitsymptome: Wortfindungsstörungen und inhaltsarme Redefloskeln; Nachsprechen und Sprachverständnis sind leicht beeinträchtigt, die Wortfindung ist gestört 

Ätiologie (Ursachen) der Sprachstörungen

Krankheitsbedingte Ursachen

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Apoplex (Schlaganfall) und andere zerebrovaskuläre Erkrankungen

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hirntumoren, nicht näher bezeichnet

Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)

  • Gehörleiden, nicht näher bezeichnet

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angststörungen
  • Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)
  • Bindungsstörungen
  • Demenz, nicht näher bezeichnet
  • Enzephalitis (Gehirnentzündung)
  • Entzündliche Hirnerkrankungen, nicht näher bezeichnet
  • Epilepsie (Krampfleiden)
  • Frontalhirnsyndrom ‒ nach Läsion der Stirnhirnbasis auftretende Persönlichkeitsveränderungen wie Distanzlosigkeit, Enthemmung etc.
  • Hyperkinetische Störungen ‒ bei Kindern vorkommende Periode mit erhöhter Unruhe, die mit einer Aufmerksamkeitsstörung einhergeht
  • Kindliche Aphasie (engl. acquired childhood aphasia) – bedingt durch eine akute Hirnschädigung, die mit einem teilweisen oder auch vollständigen Verlust der bis dahin erworbenen sprachlichen Fähigkeiten einhergeht
  • Kommunikationsstörungen bei Verwirrtheit
  • Landau-Kleffner-Syndrom ‒ Aphasie und Epilepsie im Kindesalter
  • Morbus Alzheimer
  • Multiinfarktdemenz ‒ Demenz aufgrund von Hirnschäden nach mehreren Schlaganfällen
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Intelligenzminderung, nicht näher bezeichnet
  • Psychische Erkrankungen, nicht näher bezeichnet
  • Psychosen, nicht näher bezeichnet
  • Schizophrenie 
  • Selektiver Mutismus (Synonym: elektiver Mutismus; lat.: mutus „stumm“) – emotional bedingte psychische Störung, bei der die sprachliche Kommunikation stark beeinträchtigt ist; das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch selektives Sprechen mit bestimmten Personen oder in definierten Situationen Artikulation, Sprachverständnis und -ausdruck der Betroffenen liegen hingegen in der Regel im Normbereich, allenfalls sind sie leicht entwicklungsverzögert
  • Tiefgreifende Entwicklungsstörungen wie frühkindlicher Autismus – angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen wie z. B. Entwicklungsstörungen der Mundmotorik, phonetische Störungen

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Erworbene Aphasie, nicht näher bezeichnet

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Hypoxische Schädigung (Schädigung durch Mangelversorgung des Gewebes mit Sauerstoff) des Gehirns
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT)

Umweltbelastung – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Endokrine Disruptoren (Synonym: Xenohormone), die bereits in geringsten Mengen durch Veränderung des Hormonsystems die Gesundheit schädigen können – pränata­le Exposition (Aussetzung vor der Geburt) von endokrinen Disruptoren (u. a. Bisphenol A, Phthalate): 15 im Urin von Schwangeren nachgewiesene Substanzen waren mit einem erhöhten Risiko einer verzögerten sprachlichen Entwicklung in den ersten Lebensjahren verbunden [1]

Weitere Ursachen

  • Vernachlässigung ‒ bei Kindern mit Zeichen der Vernachlässigung kann es häufiger zu Sprachauffälligkeiten kommen

Sprachentwicklungsstörungen

Der mindestens 6‑monatige sprachliche Rückstand vor dem 36. Lebensmonat kennzeichnet die Sprachentwicklungsverzögerung.
Ab einem Alter von > 36 Monaten spricht man von einer Sprachentwicklungsstörung.

Beispiele für eine umschriebene Entwicklungsstörung des Sprechens und der Sprache (UESS):

  • Biographische Ursachen
    • Vorkommen von Sprachentwicklungsstörungen und Lese-Rechtschreibstörungen in der Familie
  • Nichterreichen typischer Meilen- und Grenzsteine (s. u. Anamnese)
  • Fehlen der Fähigkeiten in einzelnen Sprachbereichen (Lautbildung, Wortschatz, Grammatik und Pragmatik)
  • Fehlendes Kommunikationsinteresse des Kindes
  • Verhaltensauffälligkeiten

Literatur

  1. Caporale N et al.: From cohorts to molecules: Adverse impacts of endocrine disrupting mixtures 2022;375(6582) doi: 10.1126/science.abe8244