Sprechstörungen/Sprachstörungen – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – bei akut aufgetretenen Sprech- oder Sprachstörungen insbesondere einschließlich Blutdruck, Puls und Beurteilung des Allgemeinzustands
- Neurologische Untersuchung
- Beurteilung von Bewusstseinslage (Wachheitszustand), Vigilanz (Wachheit), Orientierung, Aufmerksamkeit und Kooperationsfähigkeit; sprachabhängige Aufgaben bei Bedarf durch nonverbale Reaktionen ergänzen
- Orientierende Prüfung der Kommunikationsfähigkeit unter Berücksichtigung der prämorbiden (vor der Erkrankung bestehenden) Sprachkompetenz, Mehrsprachigkeit sowie möglicher Einschränkungen des Hör- und Sehvermögens
- Prüfung der Sprache:
- Spontansprache (frei gesprochene Sprache) und Gesprächsführung – Sprachfluss, Sprechmenge, Satzbau, Informationsgehalt, Wortfindung und kommunikative Angemessenheit [Anomie (Wortfindungsstörung), phonematische (lautbezogene) oder semantische (bedeutungsbezogene) Paraphasien (Wortverwechslungen), Neologismen (Wortneubildungen), Agrammatismus (Telegrammstil), Paragrammatismus (fehlerhafter Satzbau), Sprachautomatismen (unwillkürlich wiederkehrende Äußerungen)]
- Auditives Sprachverständnis (Verstehen gehörter Sprache) – Wort- und Satzverständnis sowie Ausführung ein- und mehrschrittiger Aufforderungen [beeinträchtigtes Sprachverständnis]
- Benennen von Gegenständen, Körperteilen, Farben und Handlungen [Benennstörung]
- Nachsprechen von Lauten, Wörtern und Sätzen zunehmender Länge und Komplexität [Nachsprechstörung]
- Lesen und Leseverständnis [Alexie (Verlust der Lesefähigkeit)]
- Spontanschreiben, Schreiben nach Diktat und Abschreiben [Agraphie (Verlust der Schreibfähigkeit)]
- Gestik und Gebrauch kommunikativer Ersatzstrategien
- Prüfung des Sprechens:
- Auditive Beurteilung von Atmung, Phonation (Stimmerzeugung), Resonanz, Artikulation (Lautbildung), Sprechtempo, Lautstärke, Prosodie (Sprachmelodie) und Verständlichkeit in Spontansprache, beim Vorlesen und beim Nachsprechen [verwaschene, verlangsamte, skandierende (abgehackt-rhythmische), gepresste, monotone oder übermäßig leise Sprechweise; Hypernasalität (übermäßig nasaler Stimmklang) oder Hyponasalität (verminderter nasaler Stimmklang); verminderte Sprechverständlichkeit]
- Prüfung der Dauerphonation (anhaltenden Stimmerzeugung) eines Vokals sowie rascher alternierender und sequenzieller Silbenfolgen, z. B. „pa-pa-pa“ und „pa-ta-ka“ [verlangsamte, unregelmäßige oder unkoordinierte Silbenproduktion]
- Prüfung auf belastungsabhängige Verschlechterung durch längeres Sprechen oder Vorlesen [zunehmende Dysarthrie (Sprechstörung durch beeinträchtigte Steuerung der Sprechmuskulatur) und Stimmermüdung]
- Prüfung auf Sprechapraxie (Störung der Planung von Sprechbewegungen):
- Spontansprache, Nachsprechen und Produktion automatisierter sowie willkürlicher Äußerungen unterschiedlicher Länge und artikulatorischer Komplexität [inkonstante Lautfehler, artikulatorische Suchbewegungen, silbische Segmentierung (Unterteilung in einzelne Silben), gestörte Prosodie, Zunahme der Fehler mit steigender Äußerungskomplexität]
- Prüfung des Redeflusses in Spontansprache und beim Vorlesen [Laut-, Silben- oder Wortwiederholungen, Lautdehnungen, Sprechblockierungen, auffällige Mitbewegungen]
- Hirnnervenstatus (Funktionsprüfung der Gehirnnerven) mit besonderer Beachtung der für Sprechen, Stimme und Schlucken relevanten Funktionen:
- V. Hirnnerv (Nervus trigeminus [Drillingsnerv]) – Kieferöffnung und Kieferschluss, Kraft und Beweglichkeit der Kaumuskulatur sowie Sensibilität (Empfindungsfähigkeit) im Gesichts- und Mundbereich
- VII. Hirnnerv (Nervus facialis [Gesichtsnerv]) – Gesichtssymmetrie, Stirnrunzeln, Lidschluss, Lippenrundung, Lippenschluss und Aufblasen der Wangen
- VIII. Hirnnerv (Nervus vestibulocochlearis [Hör- und Gleichgewichtsnerv]) – orientierende Hörprüfung
- IX. Hirnnerv (Nervus glossopharyngeus [Zungen-Rachen-Nerv]) und X. Hirnnerv (Nervus vagus [Eingeweidenerv]) – Gaumensegelhebung, Phonation, Stimmqualität, willkürlicher Hustenstoß und Schluckfunktion
- XII. Hirnnerv (Nervus hypoglossus [Unterzungennerv]) – Zungenstellung in Ruhe sowie Beweglichkeit, Kraft, Geschwindigkeit und Koordination der Zunge
- Untersuchung von Motorik (Bewegungsfunktion), Muskeltonus (Muskelspannung), Muskeleigenreflexen (körpereigenen Muskelreflexen), Pyramidenbahnzeichen (Hinweisen auf eine Schädigung der motorischen Nervenbahnen), Sensibilität, Koordination, Stand und Gang
- Prüfung auf faziale oder Extremitätenparesen (Lähmungen des Gesichts oder der Gliedmaßen), Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Tremor (Zittern), Rigor (Muskelsteifigkeit), Bradykinese (Bewegungsverlangsamung), Dystonie (anhaltende unwillkürliche Muskelanspannung), Chorea (unwillkürliche überschießende Bewegungen), Neglect (Nichtbeachtung einer Körper- oder Raumhälfte) sowie orale oder Extremitätenapraxie (Störung zielgerichteter Bewegungsabläufe) zur neurologischen Einordnung
- Bei Dysarthrie, bulbären Auffälligkeiten (Zeichen einer Störung der Hirnnervenfunktionen für Sprechen und Schlucken) oder klinischem Verdacht auf eine begleitende Dysphagie (Schluckstörung): orientierende klinische Prüfung von Speichelkontrolle, Schlucken, Stimmveränderung nach dem Schlucken und Hustenstoß
- Bei auffälligem orientierendem Sprachbefund standardisierte weiterführende Testung, z. B.:
- Aachener Aphasie-Test (AAT)
- Aphasie-Schnell-Test (AST)
- Bielefelder Aphasie Screening (BIAS)
- Hals-Nasen-Ohren-ärztliche und orofaziale Untersuchung (Untersuchung von Mund und Gesicht)
- Inspektion von Lippen, Mundhöhle, Zähnen, Zunge, hartem und weichem Gaumen, Gaumenbögen und Rachen
- Beurteilung von Lippen- und Kieferschluss, Zungenbeweglichkeit, Gaumensegelbewegung sowie Symmetrie, Kraft und Koordination der orofazialen Muskulatur
- Orientierende Prüfung des Hörvermögens; bei auffälligem Befund weiterführende audiologische Abklärung
- Beurteilung von Stimme, Stimmansatz und Resonanz zur Abgrenzung einer begleitenden Stimmstörung
- Bei Kindern zusätzlich entwicklungsbezogene Untersuchung
- Beurteilung des Sprachverständnisses, des aktiven Wortschatzes, der Grammatik, der Lautbildung, des Redeflusses und der kommunikativen Interaktion in Bezug auf das Entwicklungsalter [altersunangemessen eingeschränktes Sprachverständnis, reduzierter Wortschatz, Dysgrammatismus (fehlerhafte Grammatik), phonologische (die Lautordnung betreffende) oder artikulatorische Auffälligkeiten]
- Beurteilung der allgemeinen psychomotorischen (Bewegung und seelische Entwicklung betreffenden), kognitiven und sozial-kommunikativen Entwicklung
- Untersuchung der orofazialen Motorik und orientierende Hörprüfung
Red Flags (Warnzeichen) bei Sprechstörungen/Sprachstörungen
- Plötzlich einsetzende Aphasie (Sprachstörung), Dysarthrie oder Sprechapraxie, auch als isoliertes Symptom – dringender Verdacht auf Schlaganfall (akute Durchblutungsstörung oder Blutung im Gehirn) oder transitorische ischämische Attacke (vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns); unverzügliche notfallmedizinische Abklärung
- Zusätzliche akute Fazialisparese (Gesichtslähmung), Extremitätenparese (Lähmung einer Gliedmaße), Sensibilitätsstörung (Störung des Empfindungsvermögens), Gesichtsfeldausfall (Ausfall eines Bereichs des Sehfeldes), Blickdeviation (zwanghafte Blickwendung), Ataxie oder Bewusstseinsstörung
- Akute Sprech- oder Sprachstörung mit neu aufgetretenem stärkstem Kopfschmerz, Erbrechen, Krampfanfall oder Meningismus (schmerzhafter Nackensteife)
- Akute bulbäre Symptomatik mit Dyspnoe (Atemnot), Stridor (pfeifendes Atemgeräusch), ausgeprägter Dysphagie, Speichelaspiration (Eindringen von Speichel in die Atemwege) oder ineffektivem Hustenstoß
- Rasch progrediente oder belastungsabhängig zunehmende Dysarthrie zusammen mit Schluck- oder Atemmuskelschwäche
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.