Autismus – Differentialdiagnosen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Störungen, die bei Autismus-Spektrum-Störung (Autismus-Spektrum-Erkrankung, ASS) gehäuft koexistieren bzw. differenzialdiagnostisch relevant sind:
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- 22q11.2-Deletionssyndrom (DiGeorge-Syndrom) (Verlust eines kleinen Chromosomenabschnitts) – Chromosomenstörung (Störung der Erbanlagen) mit erhöhter Prävalenz von ASS, Sprachentwicklungsstörungen (verzögerte Sprachentwicklung) und psychiatrischen Auffälligkeiten
- Fragiles-X-Syndrom (Martin-Bell-Syndrom) – häufigstes monogenes Syndrom (durch Veränderung eines einzelnen Gens verursachte Erkrankung) mit Assoziation zu ASS; häufig kombiniert mit Intelligenzminderung (verminderte geistige Leistungsfähigkeit), Sprachentwicklungsstörung (verzögerte Sprachentwicklung) und Verhaltensauffälligkeiten
- Rett-Syndrom – genetische Entwicklungsstörung (erblich bedingte Störung der Entwicklung) mit autistischen Symptomen, insbesondere in frühen bzw. regressiven Krankheitsphasen; betrifft nahezu ausschließlich Mädchen
- Tuberöse Sklerose-Komplex – genetische Multisystemerkrankung (erblich bedingte Erkrankung mehrerer Organe) mit erhöhter Rate an ASS, Epilepsie (Anfallsleiden) und Intelligenzminderung (verminderte geistige Leistungsfähigkeit)
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Adipositas (starkes Übergewicht) – gehäuft infolge selektiven Essverhaltens, Bewegungsmangels und ggf. Psychopharmakotherapie (Behandlung mit Medikamenten gegen psychische Erkrankungen)
- Mangelernährung – möglich bei stark eingeschränktem bzw. selektivem Essverhalten
- Vitamin-D-Mangel – bei selektiver Ernährung und geringer Sonnenexposition (Sonneneinstrahlung) gehäuft
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Dysphagie (Schluckstörung) – mögliche Begleitstörung bei sensorischen Auffälligkeiten und oromotorischen Störungen (Störungen der Bewegungsabläufe im Mundbereich)
- Gastroösophageale Refluxkrankheit (Rückfluss von Magensäure in die Speiseröhre) – gehäuft bei Kindern mit ASS und häufig verbunden mit Ess- und Schlafstörungen
- Obstipation (Verstopfung) – häufige gastrointestinale Komorbidität (Begleiterkrankung des Magen-Darm-Traktes)
- Vermeidende/restriktive Ernährungsstörung – häufige Essstörung mit stark selektivem bzw. eingeschränktem Essverhalten
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Angststörungen – häufigste psychiatrische Komorbidität (psychische Begleiterkrankung); insbesondere soziale Angststörung, generalisierte Angststörung und spezifische Phobien (Ängste)
- Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – sehr häufige neuroentwicklungspsychiatrische Begleiterkrankung
- Depressive Störungen – insbesondere im Jugend- und Erwachsenenalter gehäuft
- Entwicklungsstörung der motorischen Koordination (Störung der Bewegungskoordination) – häufige Begleitstörung mit Ungeschicklichkeit und Problemen fein- bzw. grobmotorischer Abläufe
- Epilepsie (Anfallsleiden) – relevante neurologische Komorbidität (Begleiterkrankung des Nervensystems); insbesondere bei Intelligenzminderung oder Entwicklungsregression (Verlust bereits erworbener Fähigkeiten) gehäuft
- Intelligenzminderung (verminderte geistige Leistungsfähigkeit) – bei etwa 30-40 % der Betroffenen vorhanden
- Katatonie (schwere psychomotorische Störung) – seltene, aber klinisch wichtige Komplikation mit psychomotorischer Verlangsamung, Mutismus (sprechunfähigkeit trotz intakter Sprechorgane) oder Haltungsstereotypien (zwanghaft wiederholte Körperhaltungen)
- Mutismus – insbesondere selektiver Mutismus kann gemeinsam mit ASS auftreten
- Obsessiv-kompulsive Störung (Zwangsstörung) – wichtige Komorbidität; Abgrenzung gegenüber autismustypischen repetitiven Verhaltensweisen erforderlich
- Savant-Syndrom (Inselbegabung) – seltene Konstellation mit außergewöhnlichen Fähigkeiten in einem eng umschriebenen Bereich
- Schizophrenie (schwere psychische Erkrankung mit Realitätsverlust) und andere psychotische Störungen – im Erwachsenenalter differenzialdiagnostisch relevant
- Schlafstörungen – sehr häufig; insbesondere Ein- und Durchschlafstörungen
- Sprachentwicklungsstörungen – häufige Begleitstörung, insbesondere bei Kindern
- Stereotype Bewegungsstörung – repetitive, nicht zweckgerichtete Bewegungen wie Schaukeln, Händeflattern oder Kopfschlagen
- Tic-Störungen einschließlich Tourette-Syndrom – gehäuft bei ASS
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Enuresis (Einnässen) – gehäuftes funktionelles Begleitproblem, insbesondere im Kindesalter
Weiteres
- Die Begriffe Hörstummheit, Oligophrenie (veraltete Bezeichnung für Intelligenzminderung), psychischer Hospitalismus (seelische Entwicklungsstörung durch lange Heim- oder Krankenhausaufenthalte) sowie pauschale Persönlichkeitsstörungen gelten heute als veraltet bzw. nicht mehr leitliniengerecht und sollten in aktuellen Fachartikeln zu ASS nicht mehr verwendet werden.
- Affektive Störungen (Stimmungsstörungen), Bindungsstörungen oder oppositionelles Verhalten/Störung des Sozialverhaltens sollten nur bei gesicherter zusätzlicher Diagnose aufgeführt werden.
- Nicht alle genannten Erkrankungen werden durch ASS verursacht; teilweise handelt es sich um häufige Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), teilweise um genetische Syndrome oder differenzialdiagnostisch relevante Begleiterkrankungen.