Vorzeitiger Blasensprung – Symptome – Beschwerden
Folgende Symptome und Beschwerden können auf einen vorzeitigen Blasensprung (vorzeitiges Platzen der Fruchtblase) hinweisen:
Die Beschwerden betreffen sowohl den vorzeitigen Blasensprung am Termin ab 37+0 Schwangerschaftswochen als auch den frühen vorzeitigen Blasensprung vor 37+0 Schwangerschaftswochen. Kennzeichnend ist die Ruptur der Eihäute (Zerreißung der Fruchtblasenhüllen) vor Beginn der Geburtswehen. Schmerzen oder Wehen müssen beim Flüssigkeitsabgang nicht vorliegen [LL1-3].
Für die einzelnen Beschwerden liegen in den herangezogenen Quellen keine belastbaren, allgemein übertragbaren Häufigkeitsangaben vor. Deshalb erfolgen keine Prozentangaben und keine Rangfolge nach Häufigkeit.
Pathognomonische Symptome (eindeutig krankheitsbeweisende Beschwerden)
Ein allein aufgrund der Beschwerden sicher beweisendes Symptom gibt es nicht. Berichteter vaginaler Flüssigkeitsabgang kann auch durch Urinverlust oder vermehrtes Vaginalsekret (Scheidensekret) erklärt werden. Farbe, Geruch und Menge allein erlauben keine sichere Unterscheidung. Bei unklarem Befund ist eine geburtshilfliche Diagnosesicherung erforderlich [1, LL1, LL2].
Leitsymptome (führende Beschwerden)
- Plötzlicher schwallartiger oder anhaltender wässriger Flüssigkeitsabgang aus der Vagina (Scheide): Zentrales Verdachtszeichen, das ohne vorausgehende Wehentätigkeit auftreten kann. Die wahrgenommene Flüssigkeitsmenge ist variabel [1, LL1].
Hauptsymptome (primäre Symptome)
Weitere Erscheinungsformen desselben Leitsymptoms sind:
- Wiederholte Durchfeuchtung der Unterwäsche oder einer Vorlage: Mitunter wird lediglich ein ungewohntes Nässegefühl bemerkt [1].
- Intermittierender geringer Flüssigkeitsverlust (zeitweise auftretender geringer Flüssigkeitsverlust): Der Abgang kann tröpfelnd erfolgen und vorübergehend nicht wahrgenommen werden. Eine geringe Menge oder eine zwischenzeitlich trockene Vorlage schließt einen Blasensprung nicht sicher aus [1, LL2].
Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
- Nachfolgende Wehentätigkeit mit wiederkehrenden Unterbauchschmerzen: Hinweis auf einen beginnenden Geburtsverlauf; vor 37+0 Schwangerschaftswochen auf eine mögliche Frühgeburt (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche). Wehen sind keine Voraussetzung für die Diagnose [LL1, LL3].
- Veränderungen von Farbe oder Geruch der abgehenden Flüssigkeit: Können auf Blutbeimengungen, Mekonium (Kindspech) oder eine Infektion hinweisen und erfordern eine gesonderte Beurteilung. Auffällige Veränderungen sind unter den Warnzeichen aufgeführt [LL3].
Unspezifische Symptome (nicht eindeutig zuordenbare Beschwerden)
- Allgemeines Unwohlsein oder Krankheitsgefühl: Nicht beweisend für einen Blasensprung. Neu auftretende Beschwerden können bei bestehendem oder vermutetem Blasensprung jedoch eine Infektion anzeigen [LL2, LL3].
Warnzeichen (red flags)
Die folgenden Zeichen sind keine obligaten Beschwerden des Blasensprungs, sondern können auf begleitende Komplikationen hinweisen. Sie erfordern eine unverzügliche geburtshilfliche Beurteilung:
- Hinweise auf eine intraamniale Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase)
- Eine Körpertemperatur ab 38,0 °C oder Schüttelfrost: Die Temperaturangabe bezeichnet eine Warnschwelle für die unverzügliche Abklärung, nicht den alleinigen Nachweis einer intraamnialen Infektion [1, LL1].
- Übelriechende abgehende Flüssigkeit oder eitriger vaginaler beziehungsweise zervikaler Ausfluss (eitriger Ausfluss aus der Scheide beziehungsweise vom Gebärmutterhals) [1, LL1].
- Anhaltende Unterbauchschmerzen oder bei der Untersuchung festgestellte uterine Druckschmerzhaftigkeit (Druckschmerzhaftigkeit der Gebärmutter) [LL1, LL2].
- Maternale oder fetale Tachykardie (beschleunigter Herzschlag der Mutter oder des ungeborenen Kindes) als ärztlich feststellbare Warnbefunde; beide sind allein nicht beweisend für eine Infektion [1, LL2].
- Hinweise auf Blutung oder vorzeitige Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens)
- Frische vaginale Blutung oder deutlich blutige Flüssigkeit, besonders bei stärkerer Blutung oder anhaltenden Bauchschmerzen [LL1, LL3].
- Hinweise auf eine mögliche fetale Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes)
- Gegenüber dem individuellen Bewegungsmuster verminderte oder fehlende Kindsbewegungen: Bereits eine wahrgenommene Abnahme sollte unverzüglich gemeldet und beurteilt werden; eine ausgeprägte Verminderung muss nicht abgewartet werden [LL2, LL3].
- Grünlich oder bräunlich verfärbte Flüssigkeit als möglicher Hinweis auf Mekoniumbeimengung; diese beweist für sich allein keine fetale Hypoxie (Sauerstoffmangel des ungeborenen Kindes) [LL3].
- Pathologisches Kardiotokogramm (CTG) als apparativer Warnbefund, nicht als subjektive Beschwerde [LL1].
- Hinweis auf einen Nabelschnurvorfall (Vorfall der Nabelschnur vor das Kind)
- Sichtbare Nabelschnur am Scheideneingang oder bei ärztlicher Untersuchung nachweisbare Nabelschnur in der Vagina: akuter geburtshilflicher Notfall. Außerhalb einer Klinik ist sofort der Rettungsdienst zu verständigen; keine vaginale Selbstuntersuchung durchführen [2].
Einzelne Warnzeichen sichern die Diagnose einer intraamnialen Infektion nicht [LL1, LL2]. Fehlendes Fieber schließt eine intraamniale Infektion nicht zuverlässig aus; bei entsprechenden weiteren klinischen Zeichen kann auch ohne maternales Fieber (Fieber der Mutter) ein begründeter Infektionsverdacht bestehen [LL4]. Entscheidend ist die gemeinsame Beurteilung des klinischen Verlaufs sowie der maternalen und fetalen Befunde (Befunde der Mutter und des ungeborenen Kindes) [LL1, LL2, LL4].
Auch ohne Warnzeichen sollte bei Verdacht auf Fruchtwasserabgang unmittelbar Kontakt mit der geburtshilflichen Betreuung aufgenommen werden. Bei Verdacht vor 37+0 Schwangerschaftswochen oder bei Warnzeichen ist eine unverzügliche klinische Abklärung erforderlich [1, LL3].
Bei anhaltendem oder erneutem Flüssigkeitsabgang ist auch nach zunächst unauffälliger beziehungsweise nicht eindeutiger Untersuchung eine erneute geburtshilfliche Abklärung erforderlich [1, LL2].
Abkürzungsverzeichnis
- ACOG: American College of Obstetricians and Gynecologists
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- CTG: Kardiotokogramm
- LL: Leitlinie
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: When your waters break prematurely. Patienteninformation, Juni 2019. Volltext.
- Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: Umbilical cord prolapse in late pregnancy. Patienteninformation, überprüft am 04.08.2025. Volltext.
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Prävention und Therapie der Frühgeburt. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-025. Version 5.0, Stand September 2022; Gültigkeit verlängert bis 30.09.2026. Langfassung. [LL1]
- Thomson AJ, on behalf of the Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: Care of Women Presenting with Suspected Preterm Prelabour Rupture of Membranes from 24+0 Weeks of Gestation. Green-top Guideline No. 73. BJOG 2019;126(9):e152-e166. Im Oktober 2024 überprüft und um zwei Jahre verlängert. Leitlinienstatus. doi: 10.1111/1471-0528.15803 [LL2]
- National Institute for Health and Care Excellence: Intrapartum care. NICE Guideline NG235, veröffentlicht am 29.09.2023, zuletzt aktualisiert am 09.06.2026. Insbesondere Abschnitt 1.7: Prelabour rupture of membranes at term. Empfehlungen. [LL3]
- American College of Obstetricians and Gynecologists: ACOG Clinical Practice Update: Update on Criteria for Suspected Diagnosis of Intraamniotic Infection. Obstet Gynecol 2024;144(1):e17-e19. Aktualisierung der diagnostischen Kriterien des Committee Opinion No. 712; von der Society for Maternal-Fetal Medicine unterstützt. doi: 10.1097/AOG.0000000000005593 [LL4]