Vorzeitiger Blasensprung – Einleitung
Der vorzeitige Blasensprung (vorzeitiges Platzen der Fruchtblase) ist die spontane Ruptur (Zerreißung) der Eihäute (Hüllen der Fruchtblase) vor Beginn regelmäßiger Wehen – unabhängig vom Gestationsalter (Schwangerschaftsalter). Er eröffnet eine Verbindung zwischen Vaginalraum (Scheidenraum) und Amnionhöhle (Fruchtblase) und kann dadurch mit aufsteigender intraamnialer Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase), Nabelschnurkomplikationen und Frühgeburt (Geburt vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche) verbunden sein [LL1].
Synonyme: Vorzeitige Ruptur der Eihäute; prelabor rupture of membranes; premature rupture of membranes; PROM
ICD-10-GM 2026: O42.- Vorzeitiger Blasensprung
- O42.0 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenbeginn innerhalb von 24 Stunden
- O42.1- Vorzeitiger Blasensprung, Wehenbeginn nach Ablauf von 24 Stunden
- O42.11 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenbeginn nach Ablauf von 1 bis 7 Tagen
- O42.12 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenbeginn nach Ablauf von mehr als 7 Tagen
- O42.2- Vorzeitiger Blasensprung, Wehenhemmung durch Therapie
- O42.20 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenhemmung durch Therapie, Wehenbeginn innerhalb von 24 Stunden
- O42.21 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenhemmung durch Therapie, Wehenbeginn nach Ablauf von 1 bis 7 Tagen
- O42.22 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenhemmung durch Therapie, Wehenbeginn nach Ablauf von mehr als 7 Tagen
- O42.29 Vorzeitiger Blasensprung, Wehenhemmung durch Therapie, ohne Angabe des Wehenbeginns
- O42.9 Vorzeitiger Blasensprung, nicht näher bezeichnet
Klinische Ausprägungen und zeitliche Manifestation
- Vorzeitiger Blasensprung am Termin: Ruptur der Eihäute ab 37+0 Schwangerschaftswochen vor Wehenbeginn; englisch term prelabor rupture of membranes beziehungsweise term PROM
- Früher vorzeitiger Blasensprung: Ruptur der Eihäute vor 37+0 Schwangerschaftswochen und vor Wehenbeginn; englisch preterm prelabor rupture of membranes beziehungsweise PPROM
- Präviabler vorzeitiger Blasensprung (Blasensprung vor Erreichen der möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes): PPROM vor Erreichen der potenziellen fetalen Lebensfähigkeit (Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes); englisch previable PPROM. Der präviable PPROM ist eine besonders frühe Untergruppe des PPROM. Eine starre, weltweit einheitliche Gestationsgrenze besteht nicht; Beratung und Vorgehen richten sich nach Gestationsalter, fetalem Zustand (Zustand des ungeborenen Kindes), lokalen neonatologischen Behandlungsmöglichkeiten (Behandlungsmöglichkeiten für Neugeborene) und dem Willen der Schwangeren [LL1, LL2, LL4].
Epidemiologie
Ein vorzeitiger Blasensprung am Termin betrifft etwa 8-10 % der Terminschwangerschaften [1, 2]. Ein PPROM tritt bei etwa 2-3 % aller Schwangerschaften auf und ist mit ungefähr einem Drittel der Frühgeburten assoziiert [3, LL1, LL3].
Verlauf und Prognose
Verlauf
- Die Zeit zwischen Blasensprung und Wehen- beziehungsweise Geburtsbeginn wird als Latenzzeit (Zeitspanne bis zum Beginn der Wehen beziehungsweise Geburt) bezeichnet.
- Nach einem vorzeitigen Blasensprung am Termin beginnen bei etwa 60 % der Schwangeren innerhalb von 24 Stunden und bei mehr als 95 % innerhalb von 72 Stunden spontan Wehen [2].
- Beim PPROM ist die Latenzzeit individuell nur eingeschränkt vorhersagbar. Sie variiert mit dem Gestationsalter sowie mit Wehentätigkeit, Zervixbefund (Befund am Gebärmutterhals), Infektionszeichen und verbleibender Fruchtwassermenge; ein relevanter Anteil der Schwangeren entbindet innerhalb der ersten Woche [3, LL1, LL3].
- Während der Latenz bestehen fortdauernde Risiken einer intraamnialen Infektion, Nabelschnurkompression (Zusammendrücken der Nabelschnur) und vorzeitigen Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens). Das Infektionsrisiko nimmt insbesondere bei längerer Dauer zwischen Blasensprung und Geburt zu [2-4, LL1, LL3, LL4].
Rezidivrisiko (Risiko des erneuten Auftretens)
Nach einem PPROM ist das Risiko in einer nachfolgenden Schwangerschaft erhöht. Eine aktuelle Metaanalyse ermittelte für einen erneuten PPROM eine gepoolte Rate von 18 % (95%-Konfidenzintervall 12-25 %) und für eine erneute Frühgeburt vor 37+0 Schwangerschaftswochen eine Rate von 34 % (95%-Konfidenzintervall 22-59 %); wegen der hohen Heterogenität der eingeschlossenen Studien sind diese Werte als Orientierungsgrößen zu verstehen [5].
Prognose
- Maternale Prognose (mütterliche Prognose): Bei unkompliziertem Verlauf und leitliniengerechter Überwachung ist die Prognose überwiegend gut. Beim präviablen PPROM und beim PPROM im Grenzbereich der fetalen Lebensfähigkeit kann ein abwartendes Vorgehen jedoch mit erheblicher maternaler Morbidität (mütterlicher Krankheitsbelastung) verbunden sein. Prognostisch relevant sind insbesondere eine klinische intraamniale Infektion bis hin zur maternalen Sepsis (schweren Blutvergiftung der Mutter), eine vorzeitige Plazentalösung und Blutungskomplikationen [3, LL1-4].
- Fetale und neonatale Prognose (Prognose für das ungeborene Kind und das Neugeborene): Wichtigster Prognosefaktor beim PPROM ist das Gestationsalter bei Blasensprung und insbesondere bei Geburt. Mit zunehmender Schwangerschaftsdauer steigen Überlebenswahrscheinlichkeit und Reife, während die durch Frühgeburt bedingte Morbidität abnimmt [3, LL1, LL3, LL4]. Beim präviablen PPROM und beim PPROM im Grenzbereich der fetalen Lebensfähigkeit ist die individuelle Prognose besonders unsicher; ein fetaler Nutzen des abwartenden Vorgehens kann nicht garantiert werden und erfordert eine ergebnisoffene interdisziplinäre Beratung [LL2, LL4].
- Verbleibende Fruchtwassermenge: Ein anhaltendes ausgeprägtes Oligohydramnion (zu wenig Fruchtwasser) beziehungsweise Anhydramnion (fehlendes Fruchtwasser) erhöht insbesondere bei präviablem PPROM das Risiko für Nabelschnurkompression, pulmonale Hypoplasie (Unterentwicklung der Lunge) und lagebedingte Deformitäten. Oligohydramnion ist bei sehr unreifen Neugeborenen mit ungünstigeren neonatalen Ergebnissen assoziiert [4, LL1, LL4].
- Intraamniale Infektion: Eine klinische intraamniale Infektion verschlechtert die maternale und neonatale Prognose und erfordert eine zeitnahe Entbindung [LL1, LL3, LL4]. Eine histologische Chorioamnionitis (mikroskopisch nachgewiesene Entzündung der Eihäute) wird dagegen in der Regel erst postpartal (nach der Geburt) durch die Untersuchung von Plazenta (Mutterkuchen) und Eihäuten diagnostiziert und ist nicht mit der klinischen intraamnialen Infektion gleichzusetzen [3]. Sie dokumentiert eine intrauterine Entzündungsreaktion (Entzündungsreaktion in der Gebärmutter) und ist mit einem erhöhten Risiko für eine frühe und späte neonatale Sepsis assoziiert [6].
- Beim vorzeitigen Blasensprung am Termin ist die perinatale Prognose (Prognose des Kindes um den Zeitraum der Geburt) überwiegend günstig; mit zunehmender Dauer zwischen Blasensprung und Geburt steigt jedoch das Infektionsrisiko [1, 2].
Assoziierte Erkrankungen und diagnostische Überschneidungen
- Frühgeburt und spontane vorzeitige Wehentätigkeit [3, LL1, LL3, LL4]
- Intraamniale Infektion beziehungsweise Chorioamnionitis [3, 6, LL1, LL3, LL4]
- Oligohydramnion oder Anhydramnion [4, LL1, LL4]
- Vorzeitige Plazentalösung [3, LL1, LL3, LL4]
- Nabelschnurkompression oder Nabelschnurvorfall (Vorfall der Nabelschnur vor das Kind) [3, LL1, LL3, LL4]
- Zervixinsuffizienz (Schwäche des Gebärmutterhalses) [LL1]
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- ICD-10-GM: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, German Modification
- LL: Leitlinie
- OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
- PROM: prelabor rupture of membranes
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
- SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
- Ramirez-Montesinos L, Downe S, Ramsden A: Systematic review on the management of term prelabour rupture of membranes. BMC Pregnancy Childbirth 2023;23:650. doi: 10.1186/s12884-023-05878-x [1]
- Starrach T, Ehmann L, Volkmann H et al.: PROM at term: when might be the best time to induce labour? A retrospective analysis. Arch Gynecol Obstet 2025;312:247-255. doi: 10.1007/s00404-025-07981-0 [2]
- Seravalli V, Colucci C, Di Cencio C et al.: Latency to delivery and incidence of adverse obstetric and perinatal outcomes in preterm premature rupture of membranes before 32 weeks. Arch Gynecol Obstet 2025;311:1569-1577. doi: 10.1007/s00404-025-07970-3 [3]
- Kim MS, Kim S, Seo Y et al.: Impact of preterm premature rupture of membranes and oligohydramnios on in-hospital outcomes of very-low-birthweight infants. J Matern Fetal Neonatal Med 2023;36(1):2195523. doi: 10.1080/14767058.2023.2195523 [4]
- Min Y, Yao Q: Risk of recurrent preterm premature rupture of membrane in subsequent pregnancy: a systematic review and meta-analysis. J Matern Fetal Neonatal Med 2026;39(1):2610066. doi: 10.1080/14767058.2025.2610066 [5]
- Beck C, Gallagher K, Taylor LA et al.: Chorioamnionitis and Risk for Maternal and Neonatal Sepsis: A Systematic Review and Meta-analysis. Obstet Gynecol 2021;137(6):1007-1022. doi: 10.1097/AOG.0000000000004377 [6]
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Prävention und Therapie der Frühgeburt. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-025, Version 5.0, Stand 01.10.2022, gültig bis 30.09.2026, in Überarbeitung. Langfassung; Kurzfassung; Berger R, Abele H, Bahlmann F et al.: Prevention and Therapy of Preterm Birth. Guideline of the DGGG, OEGGG and SGGG (S2k Level, AWMF Registry Number 015/025, September 2022) – Part 2 with Recommendations on the Tertiary Prevention of Preterm Birth and on the Management of Preterm Premature Rupture of Membranes. Geburtsh Frauenheilk 2023;83(5):569-601. doi: 10.1055/a-2044-0345 [LL1]
- Society for Maternal-Fetal Medicine, Battarbee AN, Osmundson SS et al.: Society for Maternal-Fetal Medicine Consult Series #71: Management of previable and periviable preterm prelabor rupture of membranes. Am J Obstet Gynecol 2024;231(4):B2-B15; vom American College of Obstetricians and Gynecologists im August 2024 als klinische Leitlinie anerkannt. Leitlinienfassung. doi: 10.1016/j.ajog.2024.07.016 [LL2]
- Thomson AJ, Royal College of Obstetricians and Gynaecolaogists: Care of Women Presenting with Suspected Preterm Prelabour Rupture of Membranes from 24+0 Weeks of Gestation. Green-top Guideline No. 73. BJOG 2019;126(9):e152-e166; im Oktober 2024 überprüft, Gültigkeit um zwei Jahre verlängert. Leitlinienfassung. doi: 10.1111/1471-0528.15803 [LL3]
- Hall M, Care A, Goodfellow L et al., Royal College of Obstetricians and Gynaecologists: Care of Women With Preterm Prelabour Rupture of the Membranes Prior to 24+0 Weeks of Gestation: Scientific Impact Paper No. 76. BJOG 2025;132(11):e162-e174. Leitlinienfassung. doi: 10.1111/1471-0528.18175 [LL4]