Vorzeitiger Blasensprung – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen beziehungsweise Komplikationen, die durch einen vorzeitigen Blasensprung (vorzeitiges Platzen der Fruchtblase) mit bedingt sein können:
Das Komplikationsspektrum wird wesentlich durch das Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) beim Blasensprung und bei der Geburt, die Latenzzeit (Zeitspanne zwischen Blasensprung und Geburt), die verbleibende Fruchtwassermenge sowie das Vorliegen einer intraamnialen Infektion (Infektion innerhalb der Fruchtblase) bestimmt.
Beim vorzeitigen Blasensprung am Termin stehen maternale und neonatale infektiöse Komplikationen (infektionsbedingte Komplikationen bei Mutter und Neugeborenem) im Vordergrund [3]. Beim frühen vorzeitigen Blasensprung entstehen die meisten neonatalen Komplikationen mittelbar durch Frühgeburtlichkeit (zu frühe Geburt) und intrauterine Inflammation (Entzündung innerhalb der Gebärmutter) beziehungsweise Infektion [1, 4, 7, LL1, LL2]. Nach einem sehr frühen beziehungsweise präviablen Blasensprung (Blasensprung vor Erreichen der möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes) können persistierendes Oligohydramnion (anhaltend zu geringe Fruchtwassermenge) oder Anhydramnion (fehlendes Fruchtwasser) zusätzlich eine Lungenhypoplasie (Unterentwicklung der Lunge) und kompressionsbedingte Fehlstellungen verursachen; zugleich bestehen erhebliche maternale und perinatale Risiken (Risiken für die Mutter und das Kind um den Zeitraum der Geburt) [1, 2, LL1, LL3].
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Kompressionsbedingte Extremitätenfehlstellungen (durch Druck verursachte Fehlstellungen der Arme oder Beine), insbesondere Kontrakturen (dauerhafte Bewegungseinschränkungen von Gelenken) und Klumpfußdeformitäten (angeborene Fehlstellungen der Füße), bei sehr frühem Blasensprung mit lang anhaltendem Oligohydramnion oder Anhydramnion [1, LL1, LL3]
- Lungenhypoplasie bei sehr frühem Blasensprung und persistierendem Oligohydramnion oder Anhydramnion – Risiko einer schweren beziehungsweise letalen neonatalen respiratorischen Insuffizienz (schweren beziehungsweise tödlichen Atemschwäche des Neugeborenen) [1, LL1, LL3]
Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)
- Retinopathia praematurorum (Netzhauterkrankung bei Frühgeborenen) – durch extreme Frühgeburtlichkeit vermittelte Netzhauterkrankung; bei histologischer Chorioamnionitis (mikroskopisch nachgewiesener Entzündung der Eihäute) mit fetaler inflammatorischer Reaktion (Entzündungsreaktion des ungeborenen Kindes) zusätzlich erhöhtes Risiko [1, 7]
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Frühgeburtsbedingte Morbidität (durch Frühgeburt verursachte Krankheitsbelastung), insbesondere bei extremer Unreife sowie sehr niedrigem oder extrem niedrigem Geburtsgewicht [1, 2, LL1-3]
- Fetale beziehungsweise perinatale Komplikationen:
- Fetale Hypoxie (Sauerstoffmangel des ungeborenen Kindes) und Azidämie (Übersäuerung des Blutes) infolge Nabelschnurkompression (Zusammendrücken der Nabelschnur) oder vorzeitiger Plazentalösung (vorzeitiger Ablösung des Mutterkuchens) [1, LL1, LL2]
- Intrauteriner Fruchttod (Tod des ungeborenen Kindes im Mutterleib) sowie erhöhte perinatale und neonatale Mortalität (Sterblichkeit um die Geburt und in der Neugeborenenzeit) – insbesondere bei sehr frühem beziehungsweise präviablem Blasensprung [1, 2, LL1-3]
- Pathologisches Kardiotokogramm infolge Nabelschnurkompression oder fetaler Gefährdung (Gefährdung des ungeborenen Kindes) [LL1, LL2]
- Perinatale Asphyxie (schwerer Sauerstoffmangel des Kindes um den Zeitpunkt der Geburt) [1, LL1, LL2]
- Neonatale infektiöse und inflammatorische Komplikationen:
- Early-onset-Sepsis (früh auftretende schwere Infektion des Neugeborenen) [3, 4, 7, LL1, LL2]
- Fetale inflammatorische Reaktion bei histologischer Chorioamnionitis – histologisch als Funisitis (Entzündung der Nabelschnur) oder Chorionvaskulitis (Entzündung der Blutgefäße in den Eihäuten) nachweisbar; assoziiert mit erhöhten Risiken für Early-onset-Sepsis, bronchopulmonale Dysplasie (chronische Lungenerkrankung bei Frühgeborenen), intraventrikuläre Hirnblutung (Hirnblutung in die Hirnkammern) und Retinopathia praematurorum [7]
- Neonatale respiratorische Komplikationen:
- Atemnotsyndrom des Neugeborenen (schwere Atemstörung des Neugeborenen) [1, LL1, LL2]
- Bronchopulmonale Dysplasie – insbesondere bei extremer Frühgeburtlichkeit und zusätzlicher fetaler inflammatorischer Reaktion [1, 7]
- Persistierende pulmonale Hypertonie des Neugeborenen (anhaltend erhöhter Blutdruck im Lungenkreislauf des Neugeborenen), insbesondere im Zusammenhang mit Lungenhypoplasie [1]
- Schwere respiratorische Insuffizienz (schwere Atemschwäche) mit Beatmungspflicht [1, LL1-3]
- Neurologische Komplikationen:
- Intraventrikuläre Hirnblutung – vorwiegend durch extreme Frühgeburtlichkeit vermittelt; bei fetaler inflammatorischer Reaktion zusätzlich erhöhtes Risiko [1, 7]
- Nekrotisierende Enterokolitis (schwere entzündliche Darmerkrankung des Neugeborenen) – vor allem durch Frühgeburtlichkeit vermittelte Komplikation [1, LL1, LL2]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Neurologische Entwicklungsbeeinträchtigungen (Beeinträchtigungen der Entwicklung von Gehirn und Nervensystem) bei sehr unreifen Frühgeborenen nach frühem vorzeitigem Blasensprung:
- Beeinträchtigung der kognitiven Entwicklung (Beeinträchtigung von Denken, Lernen und Gedächtnis)
- Hör- oder Sehbeeinträchtigung
- Infantile Zerebralparese (frühkindliche Bewegungsstörung infolge einer Schädigung des Gehirns) und andere motorische Einschränkungen
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Klinische intraamniale Infektion, auch als klinische Chorioamnionitis (klinisch erkennbare Entzündung der Eihäute und Fruchthöhle) bezeichnet – kann einem Blasensprung vorausgehen oder während der Latenzzeit als Folge einer aszendierenden Infektion (aufsteigenden Infektion) auftreten [3, 4, LL1, LL2]
- Histologische Chorioamnionitis – pathologisch-anatomischer Befund, der auch ohne klinische Infektionszeichen vorliegen kann; eine zusätzliche Funisitis oder Chorionvaskulitis weist auf eine fetale inflammatorische Reaktion hin [4, 5, 7]
- Maternale Sepsis (schwere Infektionsreaktion des mütterlichen Organismus) – seltene, potenziell lebensbedrohliche Komplikation, insbesondere bei sehr frühem Blasensprung und abwartendem Vorgehen [2, 4, LL1, LL3]
- Nabelschnurkompression und Nabelschnurvorfall (Vorfall der Nabelschnur vor das Kind) bei verminderter Fruchtwassermenge [1, LL1, LL2]
- Oligohydramnion oder Anhydramnion [1, LL1-3]
- Postpartale Endometritis (Entzündung der Gebärmutterschleimhaut nach der Geburt) [3, 4, LL1, LL2]
- Schwere maternale Blutung (schwere Blutung der Mutter) [1, 2, LL3]
- Spontane oder medizinisch indizierte Frühgeburt (spontane oder aus medizinischen Gründen vorzeitig herbeigeführte Geburt) [1, 2, LL1-3]
- Vorzeitige Plazentalösung [1, LL1, LL2]
Weiteres
- Schwere maternale Morbidität (schwere Krankheitsbelastung der Mutter) mit Notwendigkeit einer Laparotomie – seltene Komplikation, deren Risiko bei abwartendem Vorgehen nach präviablem beziehungsweise periviablem Blasensprung (Blasensprung im Grenzbereich der möglichen Lebensfähigkeit des ungeborenen Kindes) erhöht sein kann [2, LL3]
Prognosefaktoren
- Gestationsalter beim Blasensprung – ein sehr frühes Gestationsalter ist mit einer ungünstigeren neonatalen Prognose (Prognose des Neugeborenen) verbunden [1, 2, LL1-3]
- Gestationsalter bei der Geburt – wichtigster prognostischer Faktor für Überleben und frühgeburtsbedingte Morbidität [1, 2, LL1-3]
- Latenzzeit:
- Eine ausreichende Latenz kann einen Gewinn an fetaler Reife (Reife des ungeborenen Kindes) ermöglichen.
- Eine lang anhaltende Latenz bei persistierendem Oligohydramnion oder Anhydramnion erhöht das Risiko pulmonaler und kompressionsbedingter Komplikationen (Komplikationen der Lunge und durch Druck verursachte Komplikationen).
- Infektionszeichen während der Latenz verschlechtern die maternale und neonatale Prognose (Prognose der Mutter und des Neugeborenen) [1, 2, LL1-3].
- Verbleibende Fruchtwassermenge sowie Dauer eines Oligohydramnions oder Anhydramnions [1, LL1-3]
- Klinische intraamniale Infektion, histologische Chorioamnionitis oder fetale inflammatorische Reaktion [4, 5, 7, LL1-3]
- Vorzeitige Plazentalösung [1, LL1, LL2]
- Nabelschnurvorfall oder wiederholte Nabelschnurkompression [1, LL1, LL2]
- Fetaler Wachstums-, Doppler- und Überwachungsbefund [LL1, LL2]
- Indikationsgerechte und rechtzeitige antenatale Lungenreifeinduktion (Behandlung zur Förderung der Lungenreifung des ungeborenen Kindes vor der Geburt) nach Erreichen des Gestationsalters, ab dem eine neonatale Reanimation (Wiederbelebung des Neugeborenen) und Intensivtherapie (intensivmedizinische Behandlung) angestrebt werden [LL1-3]
- Versorgung und Geburt in einem geeigneten Perinatalzentrum (spezialisierten Zentrum für die Versorgung von Risikoschwangerschaften und Neugeborenen) [LL1-3]
- Schwere respiratorische, infektiöse oder neurologische Morbidität in der Neonatalperiode (schwere Erkrankungen der Atmung, durch Infektionen oder des Nervensystems in der Neugeborenenzeit) als ungünstiger Langzeitprognosefaktor [6, 7]
Abkürzungsverzeichnis
- ACOG: American College of Obstetricians and Gynecologists
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- DGGG: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- LL: Leitlinie
- OEGGG: Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
- PPROM: preterm prelabor rupture of membranes
- S2k: konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
- SGGG: Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring
Literatur
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- Bhullar H, Stritzke A, Makarchuk S et al.: Long-term neurodevelopmental outcomes at three years in preterm infants born before 29 Weeks gestation following Preterm Premature Rupture of Membranes (PPROM). J Perinatol 2025;45(2):180-185. doi: 10.1038/s41372-024-02134-8
- Kovács K, Kovács ŐZ, Bajzát D et al.: The histologic fetal inflammatory response and neonatal outcomes: systematic review and meta-analysis. Am J Obstet Gynecol 2024;230(5):493-511.e3. doi: 10.1016/j.ajog.2023.11.1223
Leitlinien
- Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Prävention und Therapie der Frühgeburt. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 015-025, Version 5.0, Stand 01.10.2022, gültig bis 30.09.2026, derzeit in Überarbeitung. Langfassung; Kurzfassung [LL1]
- Society of Obstetricians and Gynaecologists of Canada; Ronzoni S, Boucoiran I, Yudin MH et al.: Guideline No. 430: Diagnosis and management of preterm prelabour rupture of membranes. J Obstet Gynaecol Can 2022;44(11):1193-1208.e1. doi: 10.1016/j.jogc.2022.08.014 [LL2]
- Society for Maternal-Fetal Medicine; Battarbee AN, Osmundson SS, McCarthy AM et al.: Society for Maternal-Fetal Medicine Consult Series #71: Management of previable and periviable preterm prelabor rupture of membranes. Vom American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG) gebilligt und als ACOG Clinical Guidance übernommen. Am J Obstet Gynecol 2024;231(4):B2-B15. doi: 10.1016/j.ajog.2024.07.016 [LL3]