Krankhafter Brustmilchausfluss (Galaktorrhoe) – Differentialdiagnosen
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Akromegalie (krankhafte Vergrößerung von Körperendteilen durch Wachstumshormonüberschuss) – seltene Ursache einer Galaktorrhoe (milchige Absonderung aus der Brustwarze), meist bei gemischt GH-/Prolaktin-sezernierendem Hypophysenadenom (gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse) oder durch Hypophysenstieldruck (Druck auf die Verbindung zwischen Gehirn und Hirnanhangsdrüse).
- Idiopathische Hyperprolaktinämie (Prolaktinerhöhung ohne erkennbare Ursache) – persistierende Prolaktinerhöhung nach Ausschluss von Schwangerschaft, medikamentöser Ursache, primärer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), chronischer Niereninsuffizienz (chronischer Nierenschwäche) und sellärer beziehungsweise parasellärer Raumforderung (Gewebevermehrung im Bereich der Hirnanhangsdrüse beziehungsweise neben der Hirnanhangsdrüse).
- Primäre Hypothyreose – TRH-vermittelte Stimulation der Prolaktinsekretion (Ausschüttung des milchbildenden Hormons); eine subklinische Hypothyreose (latente Schilddrüsenunterfunktion) ist nur selten klinisch relevante Ursache einer Galaktorrhoe.
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Leberzirrhose (Leberschrumpfung) – seltene Ursache einer Hyperprolaktinämie beziehungsweise Galaktorrhoe, insbesondere bei fortgeschrittener Leberfunktionsstörung.
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Prolaktinom (prolaktinbildender Tumor der Hirnanhangsdrüse) – wichtigste organische Ursache einer persistierenden Hyperprolaktinämie; bei Frauen häufig mit Galaktorrhoe, Oligomenorrhoe (verlängerten Monatszyklen), Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsblutung) oder Infertilität (Unfruchtbarkeit), bei Männern mit Libidoverlust (Verlust des sexuellen Verlangens), erektiler Dysfunktion (Erektionsstörung), Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) und gegebenenfalls Galaktorrhoe.
- Selläre, paraselläre oder supraselläre Raumforderungen (Gewebevermehrungen im Bereich der Hirnanhangsdrüse, neben der Hirnanhangsdrüse oder oberhalb der Hirnanhangsdrüse) – verursachen Galaktorrhoe meist durch Hypophysenstieldruck mit verminderter dopaminerger Hemmung (verminderter Hemmung durch den Botenstoff Dopamin) der Prolaktinsekretion; möglich bei Hypophysenadenomen, Kraniopharyngeom (gutartiger Tumor im Bereich der Hirnanhangsdrüse), Meningeom (Tumor der Hirnhaut), Metastasen (Tochtergeschwülsten) oder entzündlichen/infiltrativen Läsionen (entzündlichen oder einwachsenden Gewebeschädigungen).
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Hypothalamische oder hypophysäre Funktionsstörung (Funktionsstörung des Zwischenhirns oder der Hirnanhangsdrüse) – seltene Ursache durch Störung der dopaminergen Prolaktinhemmung, z. B. bei entzündlichen, infiltrativen oder postoperativen Läsionen (Gewebeschädigungen nach einer Operation).
- Rückenmarksläsionen (Schädigungen des Rückenmarks) oder neurogene Thoraxwandreizung (nervenbedingte Reizung der Brustwand) – seltene Ursache einer Galaktorrhoe durch reflektorische Stimulation der Prolaktinsekretion.
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Galaktozele (milchgefüllte Zyste) – laktationsassoziierte Retentionszyste (mit der Stillzeit verbundene Rückhaltezyste) mit milchigem Inhalt; klinisch vor allem bei tastbarer Raumforderung in Schwangerschaft, Stillzeit oder nach Abstillen relevant.
- Schwangerschaft beziehungsweise Laktationsphase (Stillphase) – physiologische Ursache einer milchigen Mamillensekretion (Absonderung aus der Brustwarze); bei prämenopausalen Patientinnen (Patientinnen vor den Wechseljahren) primär auszuschließen.
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Chronische Niereninsuffizienz – Ursache einer Hyperprolaktinämie durch verminderte renale Prolaktin-Clearance (Ausscheidung von Prolaktin über die Nieren); klinisch relevant insbesondere bei fortgeschrittener Nierenfunktionseinschränkung.
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Schädel-Hirn-Trauma (Kopfverletzung mit Gehirnbeteiligung) – seltene Ursache durch hypothalamisch-hypophysäre Dysregulation (Fehlsteuerung zwischen Zwischenhirn und Hirnanhangsdrüse) oder Hypophysenstieldysfunktion (Funktionsstörung der Verbindung zwischen Gehirn und Hirnanhangsdrüse).
- Thoraxwandtrauma (Verletzung der Brustwand), Thoraxoperation (Operation am Brustkorb) oder Verbrennung – seltene neurogene Ursache durch Brustwand- beziehungsweise Mamillenreizung (Brustwarzenreizung).
Medikamente
- Medikamenteninduzierte Hyperprolaktinämie (durch Medikamente verursachte Prolaktinerhöhung) – häufigste nicht physiologische Ursache einer Galaktorrhoe; besonders relevant sind Dopamin-D2-Rezeptorantagonisten (Wirkstoffe, die Dopaminrezeptoren blockieren) und Substanzen mit dopaminerger Hemmung.
- Antidepressiva (Medikamente gegen Depressionen) – insbesondere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), trizyklische Antidepressiva und Monoaminooxidase-Hemmer.
- Antiemetika/Prokinetika (Medikamente gegen Übelkeit/Medikamente zur Förderung der Magen-Darm-Bewegung) – insbesondere Metoclopramid, Domperidon und Alizaprid.
- Antihypertensiva (Blutdrucksenker) – insbesondere Methyldopa und Verapamil, selten weitere Calciumkanalblocker.
- Antipsychotika (Neuroleptika) – insbesondere Risperidon, Paliperidon, Amisulprid, Sulpirid, Haloperidol und Phenothiazine.
- H2-Rezeptorantagonisten (Magensäureblocker) – insbesondere Cimetidin; Ranitidin historisch relevant.
- Hormone – insbesondere Östrogene beziehungsweise orale Kontrazeptiva (Verhütungsmittel zum Einnehmen) sowie Antiandrogene (Gegenspieler männlicher Geschlechtshormone).
- Opioide (starke Schmerzmittel) – insbesondere Morphin, Hydromorphon und Methadon.
Weiteres
- Mechanische Mamillen-/Bruststimulation (mechanische Reizung der Brustwarze/Brust) – wiederholte Manipulation, Piercing, enge Kleidung, sexuelle Stimulation oder Milchpumpen können eine Galaktorrhoe auslösen oder unterhalten.
- Neonatale/peripubertäre Galaktorrhoe (Galaktorrhoe bei Neugeborenen oder um die Pubertät herum) – meist physiologische, passagere Hormonreaktion; bei Persistenz (Fortbestehen) oder zusätzlichen endokrinen Zeichen (hormonellen Zeichen) weiter abklärungsbedürftig.
- Normoprolaktinämische Galaktorrhoe (Galaktorrhoe bei normalem Prolaktinspiegel) – Galaktorrhoe bei normalem Prolaktin und normalem TSH (Schilddrüsensteuerhormon) nach Ausschluss pathologischer Mamillensekretion (krankhafter Absonderung aus der Brustwarze); häufig idiopathisch und bei geringer Symptomlast ohne Krankheitswert.
Hinweis!
Einseitige spontane Sekretion, blutige oder seröse Sekretion, Tastbefund, Mamillenekzem (Ekzem der Brustwarze), neu aufgetretene Sekretion bei Männern oder postmenopausale Sekretion (Sekretion nach den Wechseljahren) sprechen gegen eine einfache Galaktorrhoe und erfordern die Abklärung einer pathologischen Mamillensekretion. Wichtige Differenzialdiagnosen sind dann insbesondere duktales Papillom (gutartige Wucherung in einem Milchgang), Duktektasie/periduktale Mastitis (Erweiterung der Milchgänge/Entzündung um die Milchgänge), Mastitis (Brustentzündung), Brustabszess (Eiteransammlung in der Brust) und Mammakarzinom (Brustkrebs).