Pfunds-Kur
Die Pfunds-Kur ist ein langfristig angelegtes, verhaltensorientiertes Ernährungs- und Bewegungsprogramm zur Gewichtsreduktion. Ziel ist keine kurzfristige Diät, sondern eine dauerhafte Umstellung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens mit moderater, kontinuierlicher Gewichtsabnahme.
Charakteristisch sind eine fettarme, kohlenhydratbetonte Mischkost, ein einfaches Selbstkontrollsystem zur Begrenzung der Fettzufuhr („Fettaugen“) sowie die systematische Förderung körperlicher Aktivität.
Einzuordnen ist die Pfunds-Kur als Diät mit präventivem und therapeutischem Anspruch bei Übergewicht und Adipositas. Sie basiert auf ernährungsmedizinischen und verhaltenspsychologischen Prinzipien. Die Grundlogik (Lebensstilintervention als Basistherapie bei Adipositas) steht im Einklang mit aktuellen Leitlinien [1, 4].
Entstehung und wissenschaftliche Grundlagen
Die Pfunds-Kur wurde Anfang der 1990er-Jahre von dem Ernährungspsychologen Volker Pudel entwickelt. Ziel war es, ein praktikables und alltagstaugliches Programm zu schaffen, das sich bewusst von restriktiven Diäten abgrenzt und stattdessen auf langfristige Lernprozesse und Selbstregulation setzt. Eine zentrale Publikation ist das Buch „PfundsFit – Das Abnehmbuch“ aus dem Jahr 2005, das gemeinsam mit dem Sportwissenschaftler Wolfgang Bergmann erschien. In den Folgejahren wurde das Konzept in modifizierter Form auch von gesetzlichen Krankenkassen im Rahmen von Präventionsprogrammen eingesetzt.
Wissenschaftlich basiert die Pfunds-Kur auf dem Prinzip der Energiebilanz, nach dem das Körpergewicht langfristig durch das Verhältnis von Energieaufnahme und Energieverbrauch bestimmt wird. Fett wird aufgrund seiner hohen Energiedichte als wesentlicher Einflussfaktor einer positiven Energiebilanz betrachtet. Ergänzend fließen ernährungspsychologische Konzepte ein, insbesondere Selbstbeobachtung, schrittweise Verhaltensänderung und der bewusste Verzicht auf rigide Verbote, was als Kernelement verhaltensbasierter Gewichtsprogramme in der aktuellen Evidenz wiederkehrt [2, 4].
Zielsetzung der Diät
Ziel der Pfunds-Kur ist eine langfristige, stabile Gewichtsreduktion durch eine nachhaltige Veränderung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens. Im Gegensatz zu kurzfristigen Diäten steht nicht der schnelle Gewichtsverlust, sondern die dauerhafte Gewichtsstabilisierung im Vordergrund.
Im Lifestyle-Bereich dient die Pfunds-Kur der Prävention von Übergewicht sowie der Verbesserung der körperlichen Fitness und Alltagsaktivität. Therapeutisch wird sie bei Übergewicht und Adipositas eingesetzt.
Primäre therapeutische Zielparameter sind Körpergewicht, Body-Mass-Index (BMI; Körpermassenindex) und Taillenumfang.
Sekundäre Ziele umfassen die Verbesserung der Lebensqualität, der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie die Reduktion adipositasassoziierter Risikofaktoren [1, 4].
Grundprinzipien
Das Grundprinzip der Pfunds-Kur ist eine fettarme Mischkost ohne generelle Lebensmittelverbote. Die tägliche Fettzufuhr wird auf maximal 60 g begrenzt. Zur Vereinfachung wird Fett in sogenannten Fettaugen gezählt, wobei ein Fettauge 3 g Fett entspricht. Pro Tag sind maximal 20 Fettaugen erlaubt, pro Woche 140. Die Fettzufuhr soll überwiegend über pflanzliche Fette erfolgen.
Ein zentrales Element ist die Integration körperlicher Aktivität. Bewegung wird über sogenannte Fittis honoriert, wobei ein Fitti einem Fettauge entspricht. Dadurch können durch körperliche Aktivität zusätzliche Fettaugen ausgeglichen werden.
Das Konzept setzt bewusst auf Eigenverantwortung, Selbstkontrolle und das schrittweise Erlernen eines ausgewogenen Ernährungsverhaltens statt auf starre Vorgaben oder Verbote. Selbstmonitoring und Verhaltenskomponenten gelten in aktuellen Übersichten und Meta-Analysen als relevante Wirkfaktoren der Lebensstiltherapie [2, 4].
Angestrebte Wirkmechanismen
Durch die Begrenzung der Fettzufuhr wird die Energiedichte der Ernährung reduziert, was eine negative Energiebilanz begünstigt. Die kohlenhydratbetonte, ballaststoffreiche Kost erhöht das Nahrungsvolumen und fördert die Sättigung bei vergleichsweise niedriger Energiedichte. Die regelmäßige körperliche Aktivität steigert den Energieverbrauch und wirkt sich unabhängig vom Gewichtsverlust positiv auf metabolische Parameter aus [1, 4].
Das zugrunde liegende Energiemodell entspricht dem klassischen Modell der Energiebilanz. Die im Originalkonzept vertretene Annahme, dass Kohlenhydrate erst oberhalb einer Zufuhr von etwa 500 g pro Tag relevant in Fett umgewandelt werden, gilt aus heutiger Sicht als vereinfachend und nicht evidenzbasiert; entscheidend ist die Gesamtenergiezufuhr im Kontext des individuellen Verbrauchs [4].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Die Pfunds-Kur richtet sich an Erwachsene mit dem Ziel einer langfristigen und strukturierten Gewichtsreduktion.
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas Grad I (BMI ≥ 30 und < 35)
- Personen mit Bewegungsmangel, die schrittweise aktiver werden möchten
- Präventive Anwendung bei beginnender Gewichtszunahme
Eingeschränkte Eignung
- Personen mit stark eingeschränkter Mobilität
- Menschen mit Essstörungen in der Vorgeschichte (nur mit besonderer Vorsicht; Fokus auf Essverhalten/Selbstmonitoring kann bei Personen mit besonderer psychischer oder gesundheitlicher Empfindlichkeit problematisch sein) [5]
Indikationsbezogene Eignung und Komorbiditäten
- Übergewicht und Adipositas ohne schwerwiegende Begleiterkrankungen
- Bei adipositasassoziierten Komorbiditäten ist eine ärztliche Einordnung sinnvoll, da Leitlinien ein strukturiertes Monitoring und ggf. Therapieeskalation empfehlen [1, 4].
Insgesamt ist eine individuelle medizinische Einschätzung empfehlenswert, insbesondere bei bestehenden Begleiterkrankungen.
Durchführung und Ablauf der Diät
Die Durchführung beginnt mit der Auseinandersetzung mit Fettgehalten von Lebensmitteln und dem Erlernen des Fettaugen-Systems.
Zu Beginn treten häufig Fehleinschätzungen der Fettmengen auf, insbesondere bei verarbeiteten Lebensmitteln oder außer Haus verzehrten Speisen.
Eine Übergangsphase dient der Anpassung des Ernährungsalltags und der schrittweisen Steigerung der körperlichen Aktivität.
Die tägliche Fettzufuhr wird kontinuierlich dokumentiert und mit der erlaubten Tages- und Wochenmenge abgeglichen.
Körperliche Aktivität wird regelmäßig in den Alltag integriert und über Fittis berücksichtigt.
Die Pfunds-Kur ist als Dauerernährung konzipiert und erfordert keinen definierten Ausstieg oder Übergang, da der Alltag selbst Ziel der Intervention ist. Die Umsetzung erfolgt in der Regel selbstständig, kann jedoch auch im Rahmen ambulanter Präventionsprogramme erfolgen.
Der Ablauf ist nicht zeitlich begrenzt.
Langfristig ist realistisch mit teilweisem Wiederanstieg des Gewichts zu rechnen. Dennoch können Lebensstilprogramme anhaltende kardiometabolische Vorteile zeigen, auch wenn das Gewicht wieder zunimmt [3].
Empfohlene Lebensmittel
Die Pfunds-Kur basiert auf einer ausgewogenen, fettarmen Mischkost.
Empfohlene Lebensmittelgruppen und Beispiele
- Gemüse, Salate und Hülsenfrüchte
- Obst
- Vollkornprodukte
- Fettarme Milch und Milchprodukte
- Mageres Fleisch und fettarmer Fisch
- Pflanzliche Öle in begrenzter Menge
Durch diese Lebensmittelauswahl wird eine hohe Nährstoffdichte bei moderater Energiedichte erreicht.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Zur Begrenzung der Fettzufuhr sollten bestimmte Lebensmittel gemieden oder deutlich eingeschränkt werden.
Ausgeschlossene bzw. stark eingeschränkte Lebensmittel
- Fettreiche Fleisch- und Wurstwaren
- Frittierte Speisen
- Sahne, Butter und fettreiche Käsesorten
- Süßwaren mit hohem Fett- und Energiegehalt
Eine bewusste Auswahl erleichtert die Einhaltung der Fettobergrenze im Alltag.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Eine konsequente Planung des Einkaufs, die Bevorzugung fettarmer Zubereitungsarten wie Dünsten oder Grillen sowie das regelmäßige Lesen von Nährwertangaben erleichtern die Umsetzung.
Im beruflichen und familiären Alltag kann eine flexible Wochenplanung helfen, auch außer Haus die Fettzufuhr besser abzuschätzen.
Regelmäßige Bewegung sollte fest in den Tagesablauf integriert werden, da die Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltensmodulen als Basis empfohlen wird [1, 4].
Ernährungsphysiologische Bewertung
Ernährungsphysiologisch handelt es sich bei der Pfunds-Kur um eine fettarme, ausgewogene Mischkost mit moderater Energiereduktion. Die Makronährstoffverteilung ist kohlenhydratbetont, der Fettanteil reduziert, die Proteinzufuhr in der Regel ausreichend. In der Praxis ist entscheidend, dass die Reduktion der Fettzufuhr tatsächlich zu einer Reduktion der Gesamtenergie führt; eine reine „Fettbremse“ kann sonst durch größere Portionsgrößen, energiereiche, kohlenhydratreiche Snacks oder häufiges Außer-Haus-Essen kompensiert werden.
Bei abwechslungsreicher Lebensmittelauswahl ist die Versorgung mit Mikronährstoffen typischerweise ausreichend. Kritische Mikronährstoffe sind im Rahmen einer fettarmen Mischkost weniger ein generelles Mangelthema als bei stark eliminierenden Diäten. Potentiell relevante Punkte sind eher individualabhängig (z. B. Vitamin D, Jod, Eisen bei spezifischen Ernährungsgewohnheiten). Ein praktischer Schwachpunkt ist, dass eine starke Fettreduktion – je nach Lebensmittelauswahl – auch die Zufuhr essentieller Fettsäuren senken kann; das ist vermeidbar, wenn pflanzliche Öle und Nüsse/Samen in moderaten Mengen gezielt eingeplant werden. [4]
Die Ballaststoffzufuhr ist bei konsequenter Orientierung an Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten günstig. Das unterstützt Sättigung, Blutzuckerregulation und Darmfunktion und kann die langfristige Umsetzbarkeit verbessern. Langfristig ist die Kostform grundsätzlich ausgewogen und alltagstauglich, sofern neben der Fettbegrenzung die Gesamtkalorien, die Proteinqualität und die Bewegungsroutine beachtet werden.
Die Pfunds-Kur ist damit in ihrer ernährungsphysiologischen Grundidee kompatibel mit modernen Leitlinienstrategien der Adipositastherapie [1, 4].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Typische Nährstoffmängel sind nicht zu erwarten, sofern die Mischkost tatsächlich vielfältig umgesetzt wird.
Stoffwechselveränderungen ergeben sich primär aus der Gewichtsreduktion und sind in der Regel günstig.
Gastrointestinale Nebenwirkungen (Magen-Darm-Beschwerden) sind nicht typisch, können aber bei rascher Ballaststoffsteigerung (z. B. mehr Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte) als Blähungen oder veränderte Stuhlfrequenz auftreten.
Relevante Wechselwirkungen ergeben sich weniger aus der Diätform selbst als aus dem Gewichtsverlust:
- Bei Personen mit Typ-2-Diabetes kann eine Reduktion der Energiezufuhr und ein Anstieg der Aktivität eine Anpassung antidiabetischer Medikation erforderlich machen (v. a. bei Hypoglykämierisiko/Risiko für Unterzuckerung).
- Bei antihypertensiver Therapie kann eine Blutdrucksenkung unter Gewichtsverlust eine Dosisanpassung nötig machen.
Kurzfristige Risiken bestehen meist im Bereich unrealistischer Erwartungen und Überforderung durch das Zählsystem.
Langfristig ist das Hauptthema die Umsetzbarkeit: Gewicht kann teilweise wieder ansteigen, dennoch können Lebensstilprogramme auch bei Gewichtswiederanstieg anhaltende Vorteile für Risikofaktoren zeigen [3, 4].
Kontraindikationen
Bei bestimmten Personengruppen ist eine ärztliche Rücksprache empfohlen.
Absolute Kontraindikationen
- Schwere Essstörungen (z. B. Anorexia nervosa/Magersucht, Bulimia nervosa/Ess-Brech-Sucht) [5]
Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)
- Schwangerschaft und Stillzeit (keine Gewichtsreduktion anstreben)
- Chronische Erkrankungen mit spezifischem Ernährungsbedarf oder komplexer Medikation (z. B. fortgeschrittene Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), instabiler Diabetes mellitus) [1, 4]
In diesen Fällen ist eine individuelle medizinische Abklärung erforderlich.
Vorteile
- Langfristig ausgerichtetes Konzept mit Fokus auf nachhaltige Verhaltensänderung [2, 4]
- Ausgewogene Mischkost, dadurch in der Regel gute Mikronährstoffabdeckung
- Integration körperlicher Aktivität [1, 4]
- Moderates Tempo der Gewichtsreduktion, was das Risiko eines ausgeprägten Jo-Jo-Effekts verringern kann [3, 4]
Nachteile
- Langsame Gewichtsreduktion kann motivationsmindernd wirken, insbesondere bei unrealistischen Erwartungen
- Fettaugen-System im Alltag teilweise aufwendig, vor allem bei häufigem Essen außer Haus
- Energieüberschuss trotz Fettbegrenzung möglich, wenn Portionsgrößen und energiereiche Kohlenhydratquellen nicht beachtet werden [4]
- Bei Personen mit besonderer psychischer oder gesundheitlicher Empfindlichkeit kann starkes Selbstmonitoring problematisch sein; Essstörungsrisiken sollten aktiv mitgedacht werden [5]
Diese Aspekte erfordern Aufmerksamkeit und individuelle Anpassung.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Pfunds-Kur ist kein eigenständiges, leitliniengestütztes Krankheitsprogramm, entspricht aber in ihren Grundprinzipien den heutigen Empfehlungen zur Behandlung von Übergewicht und Adipositas: energiereduzierte, ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und verhaltensorientierte Interventionen als Basistherapie [1, 4].
Die Studienlage speziell zur „Pfunds-Kur“ ist begrenzt, die Plausibilität ergibt sich aus der hohen Übereinstimmung mit evidenzbasierten Komponenten der Lebensstiltherapie, deren Wirksamkeit und Grenzen (u. a. langfristige Gewichtsentwicklung) in Meta-Analysen und Langzeitbeobachtungen beschrieben werden [2, 3].
Fazit
Die Pfunds-Kur ist ein langfristig angelegtes, verhaltensorientiertes Ernährungskonzept zur nachhaltigen Gewichtsreduktion. Kurzfristig ist eine moderate, sichere Gewichtsabnahme realistisch, langfristig steht die Stabilisierung im Vordergrund. Medizinisch-ernährungswissenschaftlich ist die Grundidee als leitliniennah einzustufen, weil Ernährung, Bewegung und Verhalten kombiniert werden [1, 4]. Im Vergleich zu restriktiven Diäten ist die Pfunds-Kur insgesamt ausgewogener und alltagstauglicher, erfordert jedoch für den Erfolg neben der Fettbegrenzung auch eine konsequente Beachtung der Gesamtenergiezufuhr sowie eine dauerhaft etablierte Bewegungsroutine [3, 4].
Literatur
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- Jensen MD, Ryan DH, Apovian CM et al.: 2013 AHA/ACC/TOS guideline for the management of overweight and obesity in adults: A Report of the American College of Cardiology/American Heart Association Task Force on Practice Guidelines and The Obesity Society. Circulation. 2014;129(25 Suppl 2):S102-S138. doi: 10.1161/01.cir.0000437739.71477.ee.
- Hall KD, Guo J: Obesity energetics: body weight regulation and the effects of diet composition. Gastroenterology. 2017;152(7):1718-1727.e3. doi: 10.1053/j.gastro.2017.01.052.
- Dombrowski SU, Knittle K, Avenell A, Araújo-Soares V, Sniehotta FF: Long term maintenance of weight loss with non-surgical interventions in obese adults: systematic review and meta-analyses. BMJ. 2014;348:g2646. doi: 10.1136/bmj.g2646.
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