Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität

Unter Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität versteht man alle strukturierten, ernährungsmedizinischen Maßnahmen, die gezielt bei älteren Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen eingesetzt werden, um Mangelernährung, Sarkopenie (alterungs- und krankheitsbedingter Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft), Frailty (Gebrechlichkeit) und damit verbundene Komplikationen zu verhindern oder zu behandeln.

Multimorbid bedeutet in diesem Kontext das gleichzeitige Vorliegen von mindestens zwei bis drei chronischen Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz (Herzschwäche), chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), chronische Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Demenz), deren Therapie einander beeinflusst und das Risiko für funktionelle Einschränkungen, Krankenhausaufenthalte und Pflegebedürftigkeit deutlich erhöht [1].

Die Ernährungstherapie ist ein individualisierter, leitlinienbasierter Therapiebaustein. Er umfasst die Erhebung des Ernährungszustands (Screening und Diagnostik), die Berechnung des Bedarfs, die Planung und Umsetzung maßgeschneiderter Ernährungsinterventionen (modifizierte Normalkost, angereicherte Kost, orale bilanzierte Diäten, ggf. enterale/parenterale Ernährung) sowie ein engmaschiges Monitoring. Ziel ist der Erhalt von Funktionalität, Autonomie und Lebensqualität unter Berücksichtigung der individuellen Krankheitslast und Therapieziele [1, 2].

Wissenschaftliche Grundlagen

Studien und Metaanalysen zeigten eine hohe Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von Mangelernährung und deren Zusammenhang mit erhöhter Morbidität (Krankheitslast), Mortalität (Sterblichkeit), Komplikationsrate und Verlängerung der Verweildauer [2, 4]. Die ESPEN-Guideline zur klinischen Ernährung und Hydrierung in der Geriatrie sowie die aktuelle deutsche S3-Leitlinie zur klinischen Ernährung und Hydrierung im Alter fassen diese Evidenz zusammen und geben konkrete Empfehlungen zur Prävention, Diagnostik und Therapie [1].

Medizinisch basiert Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität auf den Konzepten der Anaboleresistenz (verminderte Fähigkeit des Körpers, auf Eiweißzufuhr mit Muskelaufbau zu reagieren), der altersassoziierten Veränderung der Körperzusammensetzung (Abnahme der fettfreien Masse, Zunahme des viszeralen Fettgewebes) sowie der häufig vorhandenen chronisch niedriggradigen Inflammation („inflammaging“/dauerhaft leicht erhöhte Entzündungsaktivität im Körper). Diese Faktoren führen dazu, dass ältere Menschen einen relativ höheren Proteinbedarf haben und empfindlicher auf kalorische Defizite reagieren.

Bei Multimorbidität kommen krankheitsspezifische Einflüsse hinzu, etwa Dyspnoe (Atemnot) und erschwerte Nahrungsaufnahme bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) oder COPD, Polymedikation (gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten) mit Appetitminderung, Dysphagie (Schluckstörung) bei neurologischen Erkrankungen und kognitive Einschränkungen mit Ess- und Trinkstörungen [1, 3].

Zentrale Annahmen der Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität sind:

  1. Mangelernährung, Sarkopenie und Frailty sind modifizierbare Risikofaktoren – Ernährungsinterventionen können Verlauf und Prognose deutlich verbessern.
  2. Multimorbide geriatrische Patienten profitieren besonders von frühzeitigen, strukturierten Ernährungsmaßnahmen, weil sie eine hohe Vulnerabilität und gleichzeitig großes Verbesserungspotential aufweisen [1, 2, 4].
  3. Ernährung wirkt immer im Kontext – nur im Zusammenspiel mit Bewegungstherapie, medikamentöser Optimierung, Schmerzbehandlung, Sozialarbeit und Pflege lassen sich nachhaltige Effekte erzielen.

Zielsetzung der Ernährungstherapie

Primäre therapeutische Zielparameter sind beispielsweise:

  • Körpergewicht und BMI (altersadaptiert; Ziel typischerweise BMI > 22),
  • Muskelmasse und Muskelkraft (z. B. Handkraft, Ganggeschwindigkeit),
  • Laborparameter wie Albumin/Präalbumin (Verlaufsmarker), C-reaktives Protein (CRP/Entzündungswert), ggf. Vitaminstatus,
  • krankheitsspezifische Marker wie HbA1c (Langzeitblutzuckerwert) und Nüchternglucose bei Diabetes mellitus, Blutdruck, Lipidprofile, Elektrolyte und Nierenfunktionswerte bei chronischer Nierenerkrankung (CKD) [1, 2].

Sekundäre Ziele umfassen Symptomkontrolle (z. B. weniger Fatigue (Erschöpfung), weniger Obstipation (Verstopfung), weniger Dyspnoe-bedingte Essprobleme), die Steigerung der Lebensqualität, eine Verringerung der Sturz- und Hospitalisierungsrate sowie – wo möglich und sinnvoll – eine Reduktion der Medikamentenlast (z. B. weniger Antidiabetika bei verbesserter Stoffwechsellage, weniger Protonenpumpenhemmer (Medikamente, die die Magensäureproduktion stark reduzieren) bei optimierter Ernährung) [1-4].

Die Leitlinienlogik lässt sich als Zyklus wie folgt zusammenfassen:

  • Indikation: Systematisches Screening auf Mangelernährung (z. B. MNA-SF, GLIM-Kriterien), Frailty und problematische Ernährungssituationen
  • Intervention: Abgestufte Maßnahmen von Ernährungsberatung und -anreicherung bis zu enteraler/parenteraler Ernährung
  • Monitoring: Regelmäßige Kontrolle von Gewicht, Funktion, Laborparametern und klinischem Verlauf
  • Risiken: Rechtzeitiges Erkennen und Managen von Komplikationen, z. B. Refeeding-Syndrom (lebensbedrohliche Elektrolyt- und Stoffwechselentgleisung beim zu schnellen Wiederernähren stark mangelernährter Menschen), Flüssigkeitsüberladung, dekompensierte Organinsuffizienz (ein geschädigtes Organ seine Funktion nicht mehr ausreichend aufrechterhalten kann – trotz aller körpereigenen und medizinischen Ausgleichsmechanismen)

Kurzfristig (Wochen bis wenige Monate) sollen Energie- und Proteinaufnahme, Hydratation (Flüssigkeitsversorgung des Körpers) und subjektives Wohlbefinden verbessert werden. Langfristig (Monate bis Jahre) wird angestrebt, Verlust an Muskelmasse und Funktion zu bremsen, Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern und Krankenhauseinweisungen zu reduzieren [1-4].

Grundprinzipien

Die Grundprinzipien der Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität orientieren sich an der Leitlinie zur klinischen Ernährung im Alter und an internationalen Empfehlungen, werden jedoch immer individuell an die Multimorbidität angepasst [1].

Eine ausreichende Energiezufuhr von im Mittel etwa 30 kcal/kg Körpergewicht pro Tag gilt als Richtwert, bei ausgeprägter Mangelernährung, starker Hyperaktivität (z. B. Unruhe bei Demenz) oder schweren katabolen Zuständen können bis 35-40 kcal/kg erforderlich sein [2]. Gleichzeitig wird ein erhöhter Proteinbedarf von in der Regel 1,0-1,2 g/kg KG, bei Sarkopenie und Frailty von 1,2-1,5 g/kg KG empfohlen, sofern die Nierenfunktion dies zulässt [1-3].

Die Mahlzeitenstruktur soll alltagstauglich und an Gewohnheiten angepasst sein. Bewährt haben sich 3 Haupt- und 2-3 Zwischenmahlzeiten, um die Energie- und Proteinzufuhr gleichmäßig zu verteilen und die Anaboleresistenz im Alter besser zu überwinden. Gerade bei vermindertem Appetit sind kleine, energiedichte Portionen und Snack-Mahlzeiten häufig erfolgreicher als große Tellergerichte.

Trinkmengen sollten – abhängig von Herz- und Nierenfunktion – meist 1,6-2,0 l/Tag betragen, idealerweise verteilt über den Tag.

Angestrebte Wirkmechanismen

Eine bedarfsdeckende Energie- und Proteinzufuhr in Kombination mit ausreichender Bewegung soll die Muskelproteinsynthese stimulieren, den Verlust an Muskelmasse bremsen und damit Kraft, Mobilität und Alltagsfunktionen stabilisieren oder verbessern. Hierdurch sinken Sturzrisiko, Pflegebedürftigkeit und Hospitalisierungsrate [1-4].

Auf Stoffwechsellebene soll eine ausgewogene, an Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) angepasste Kost Glucose- und Fettstoffwechsel stabilisieren, Blutdruck und kardiovaskuläres Risiko positiv beeinflussen sowie chronisch niedriggradige Inflammation reduzieren. Mediterran geprägte Ernährungsmuster mit hohem Anteil an Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten, Nüssen und ungesättigten Fettsäuren sowie moderatem Fischkonsum werden mit besserer kardiometaboler Gesundheit und kognitiver Funktion im Alter in Verbindung gebracht [3, 5].

Netzwerkanalysen zeigen, dass ungünstige Ernährungsmuster (z. B. unzureichender Verzehr bestimmter Nahrungsmittel) mit spezifischen kognitiven Defiziten zusammenhängen können. Dies legt nahe, dass Ernährungstherapie auch über Mechanismen wie Mikronährstoffversorgung, Gefäßgesundheit und Neuroinflammation (Entzündungsvorgänge im Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) auf die Kognition (= Denken, Erinnern, Lernen, Verstehen, Entscheiden) wirkt [3, 5].

Zielgruppen und Ausschlusskriterien

Geeignete Zielgruppen

  • Hochbetagte Patienten (≥ 75 Jahre) mit multiplen chronischen Erkrankungen
  • Bewohner von Pflegeeinrichtungen, geriatrischen Reha-Kliniken oder Einrichtungen der Kurzzeitpflege
  • Ambulante Patienten mit Frailty, Sarkopenie, Demenz oder wiederkehrenden Hospitalisierungen

Eingeschränkte Eignung

  • Akute, noch nicht stabilisierte Krankheitsphasen (z. B. akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt), schwere akute Infektionen), in denen zunächst die Akuttherapie im Vordergrund steht
  • Fortgeschrittene Organinsuffizienzen mit starken diätetischen Restriktionen (z. B. terminale Herz- oder Niereninsuffizienz/Endstadium einer Herz‑ oder Nierenerkrankung), in denen eine Ernährungstherapie nur in enger Abstimmung mit Spezialisten erfolgen sollte

Indikationsbezogene Eignung und Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)

  • Gut geeignet ist Ernährungstherapie u. a. bei Typ‑2‑Diabetes mellitus, Adipositas im Alter (mit Vorsicht bei Gewichtsreduktion), chronische Nierenerkrankung im Stadium 1-4, chronischer Herzinsuffizienz (Herzschwäche), COPD, neurodegenerativen Erkrankungen, Frailty-Syndrom und Polypharmazie [1, 2, 4].
  • Komorbiditäten bestimmen Zielprioritäten (z. B. eher Gewichtsaufbau bei Sarkopenie vs. moderater Gewichtsverlust bei adipösem, gebrechlichem Diabetiker).

In jedem Fall sollte bei multimorbiden geriatrischen Patienten eine ärztlich gesteuerte, interdisziplinäre Planung der Ernährungstherapie erfolgen, da Wechselwirkungen mit Medikation und anderen Therapien häufig sind.

Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie

Die Durchführung der Ernährungstherapie beginnt mit einer strukturierten Vorbereitungsphase. Dazu gehören ein standardisiertes Screening auf Mangelernährung (z. B. MNA-SF), die Dokumentation von Gewicht, BMI, Gewichtsverlauf, Essgewohnheiten und Alltagsfunktionen sowie die Erfassung von Koch- und Einkaufsmöglichkeiten, Unterstützung durch Angehörige oder Pflegedienste und kulturellen bzw. individuellen Essenspräferenzen [1, 2].

Typische Fehler zu Beginn sind eine zu theoretische Beratung ohne Blick auf die reale Wohn- und Pflegesituation, zu restriktive Empfehlungen („Diät für jede einzelne Erkrankung“) und das Übersehen von Schluckstörungen oder Zahnproblemen. Hilfreich ist eine Übergangsphase von 2-4 Wochen, in der zunächst einfach umsetzbare Maßnahmen (z. B. konsequente Kalorien- und Proteinanreicherung der gewohnten Kost, Einführung von Zwischenmahlzeiten, Trinkerinnerung) erprobt werden, bevor komplexere Anpassungen (z. B. spezielle Trinknahrung, Texturmodifikationen, enterale Ernährung) hinzukommen.

Im Alltag kann ein typischer Tagesablauf z. B. aus drei Hauptmahlzeiten mit energiedichter Kost, zwei proteinbetonten Snacks, regelmäßigen Trinkintervallen sowie verbindlichen Essenszeiten bestehen, die mit Medikamenteneinnahmen und pflegerischen Maßnahmen abgestimmt werden.

Je nach Schweregrad und Setting kann Ernährungstherapie ambulant, teilstationär oder stationär erfolgen. Leitlinien empfehlen bei geriatrischer Multimorbidität klar ein interdisziplinäres, ärztlich begleitetes Setting, in das Ernährungstherapeuten, Pflegekräfte, Physio-/Ergotherapie und Sozialdienst eingebunden sind [1, 2].

Empfohlene Lebensmittel

Grundsätzlich werden energiereiche, proteinbetonte, mikronährstoffdichte und gut kaubare/leicht verdauliche Lebensmittel favorisiert.

  • Proteinquellen: Milch und Milchprodukte (z. B. Joghurt, Quark, Käse), Eier, Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen), Fisch, Geflügel, bei Verträglichkeit auch mageres Fleisch
  • Energiedichte Lebensmittel: Pflanzliche Öle (z. B. Raps-, Olivenöl), Nüsse und Samen, Avocado, fettreiche Milchprodukte; diese eignen sich besonders zur Anreicherung von Suppen, Pürees, Desserts
  • Komplexe Kohlenhydrate und Ballaststoffe: Vollkornbrot, Haferflocken, Kartoffeln, Vollkornnudeln, Naturreis, gemüse- und obstreiche Kost zur Unterstützung von Darmfunktion, Blutzuckerkontrolle und Sättigung
  • Mikronährstoffreiche Lebensmittel: Gemüse in vielfältigen Farben, Obst, Nüsse, Fisch (Omega-3-Fettsäuren), ggf. angereicherte Produkte (z. B. Vitamin D)
  • Bei Kau- oder Schluckstörungen: Weiche, passierte oder angedickte Kost, Pürees, Cremesuppen, Smoothies, gut angepasste Konsistenzen entsprechend der Logopädie-Empfehlung

Die konkrete Auswahl sollte sich an individuellen Vorlieben, kulturellen Gewohnheiten und der häuslichen Situation orientieren, um die Akzeptanz hoch und die Umsetzung realistisch zu halten.

Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel

  • Sehr salzreiche Produkte (Fertigkost, Chips, gepökelte Fleischwaren) bei Herzinsuffizienz, Hypertonie und Niereninsuffizienz
  • Stark zuckerhaltige Getränke und Süßwaren (Softdrinks, Energy-Drinks, Süßigkeiten in großen Mengen) bei Diabetes mellitus und metabolischem Syndrom (klinische Bezeichnung für die Symptomkombination Adipositas (Übergewicht), Hypertonie (Bluthochdruck), erhöhte Nüchternglucose (Nüchternblutzucker) und Nüchterninsulin-Serumspiegel (Insulinresistenz) und Fettstoffwechselstörung)
  • Hochverarbeitete Fertigprodukte mit vielen Zusatzstoffen und schlechter Nährstoffdichte
  • Harte, trockene oder krümelige Lebensmittel (z. B. trockene Brötchen, hartes Fleisch, grobe Rohkost) bei Dysphagie oder Gebissproblemen

Die Kunst besteht darin, Restriktionen nur dort anzuwenden, wo sie einen echten klinischen Nutzen bringen, und ansonsten einen großzügigen, genussorientierten Rahmen zu lassen, um Appetit und Essfreude zu erhalten.

Genussmittelkonsum

Tabak (Rauchen)

  • Tabak beschleunigt das Fortschreiten vieler altersassoziierter Erkrankungen (kardiovaskulär, pulmonal, onkologisch).
  • Rauchen beeinträchtigt das Appetit- und Geschmacksempfinden und verschlechtert Heilungsprozesse.
  • Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.

Alkohol

  • Alkohol wirkt bei älteren Menschen bereits in geringen Mengen stärker (verminderter Wasseranteil, veränderte Pharmakokinetik) und kann Sturzrisiko, kognitive Einschränkungen und Medikamenteninteraktionen begünstigen.
  • In der Geriatrie ist Alkohol daher überwiegend kritisch bis schädlich zu bewerten, insbesondere bei Multimorbidität und Polypharmazie.

Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag

Gerade bei geriatrischer Multimorbidität entscheidet die praktische Umsetzbarkeit darüber, ob Ernährungstherapie wirklich wirkt. Im Fokus stehen deshalb einfache, niederschwellige Maßnahmen, die in den Alltag von Patienten, Angehörigen und Pflege eingebettet werden können.

Einkauf und Vorratshaltung
Es ist hilfreich, gemeinsam mit Patienten und ggf. Angehörigen eine Basisvorratsliste zu erstellen, die energiereiche und proteinbetonte Produkte enthält, z. B. H-Milch, Joghurt, Quark, Käse, Eier, Haferflocken, Nüsse, Pflanzenöle, Tiefkühlgemüse, Tiefkühlfisch, Dosentomaten, Hülsenfrüchte in Dosen. Diese Produkte sind lange haltbar, rasch verfügbar und ermöglichen spontan nahrhafte Mahlzeiten. Für Patienten mit eingeschränkter Mobilität sollten Lieferdienste oder Einkaufsdienste (z. B. über Pflegedienste, Nachbarschaftshilfe) aktiv organisiert werden.

Zubereitung
In der Küche sind einfache, zeitsparende Rezepte entscheidend: z. B. Haferbrei mit Milch, Nüssen und Obst zum Frühstück; Kartoffel- oder Gemüsesuppe, mit Sahne und Käse angereichert; Rührei mit Käse und Gemüse; Vollkornnudeln mit Linsenbolognese; Joghurt oder Quark mit Leinöl und Früchten. Wo die Kraft fehlt, kann mit Vorkochen und Einfrieren gearbeitet werden: Einmal pro Woche größere Portionen Suppe, Eintopf oder Auflauf kochen und portionsweise einfrieren. In Pflegeeinrichtungen lohnt sich die enge Abstimmung mit der Küche, um Wunschkomponenten einzubauen (z. B. Extraportion Käse, mehr Soße, zusätzliche Beilagen).

Alltagstauglichkeit (Beruf, Familie, sozialer Kontext)
Viele ältere Menschen leben allein und essen ungern solo – hier können regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten mit Angehörigen, Nachbarn, Mittagstischen der Gemeinde oder Tagespflege-Einrichtungen einen enormen Unterschied machen. Essenszeiten sollten möglichst fest strukturiert sein (z. B. Frühstück 8 Uhr, Zwischenmahlzeit 10:30 Uhr, Mittagessen 13 Uhr, Kaffee und Snack 16 Uhr, Abendessen 18:30 Uhr, ggf. Spätmahlzeit gegen 21 Uhr), um Vergessen zu verhindern und Medikamente daran anzupassen. Praktisch sind Nahrungs- und Trinkprotokolle, die von Patienten, Angehörigen oder Pflegekräften geführt werden – sie helfen Ärzten und Ernährungsfachkräften, Fortschritte und Probleme rasch zu erkennen.

Umgang mit typischen Hürden
Bei Appetitlosigkeit kann es helfen, zunächst nur kleine Portionen anzubieten, Gerichte optisch ansprechend anzurichten und auf vertraute Lieblingsspeisen zu setzen. Bei Demenz sind Rituale, Häppchen, einfache Geschirr- und Besteckformen und ruhige Essumgebungen wichtig. Bei Fatigue oder Dyspnoe kann das Essen auf mehrere sehr kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt werden. In jeder Situation gilt: Lieber realistisch machbare kleine Veränderungen konsequent umsetzen als perfekte, aber unrealistische Pläne entwerfen.

Ernährungsphysiologische Bewertung

Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität ist aus ernährungsphysiologischer Sicht eine hoch relevante, meist notwendige Intervention, da sie gleich mehrere kritische Bereiche adressiert. Im Zentrum steht insbesondere die Proteinversorgung, da ältere Menschen aufgrund von Anaboleresistenz, chronischer Inflammation und häufig reduzierter Aufnahme ein erhöhtes Risiko für Muskelabbau haben. Die empfohlenen Zufuhrmengen von 1,0-1,2 g/kg KG bzw. 1,2-1,5 g/kg KG bei Sarkopenie sind im Alltag häufig nur mit gezielter Anreicherung, proteinreichen Snacks und ggf. oralen Supplementen zu erreichen [1-3]. Bei eingeschränkter Nierenfunktion ist eine individuell angepasste, moderat reduzierte Proteinzufuhr nötig, ohne in eine proteinarme Mangelernährung zu geraten – hier ist die enge Abstimmung mit Nephrologie und Ernährungsmedizin essentiell.

Die Energiezufuhr sollte so bemessen sein, dass ungewollter Gewichtsverlust verhindert und – bei bestehender Mangelernährung – ein moderater Gewichtszuwachs ermöglicht wird. Zugleich müssen bei Adipositas im Alter übermäßige Kalorienzufuhr und metabolische Komplikationen vermieden werden. In dieser Konstellation steht häufig nicht das Gewicht per se, sondern die Funktion (Muskelmasse, Mobilität) im Vordergrund [3, 4].

Ballaststoffe aus Vollkorn, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten unterstützen Darmfunktion und Blutzuckerregulation, dürfen aber bei Dysphagie, stark eingeschränkter Nahrungsaufnahmemenge oder gastrointestinalen Problemen nicht unkritisch erhöht werden.

Mikronährstoffseitig sind Vitamin D, Vitamin B12, Folsäure, Eisen, Zink und ggf. Thiamin besonders kritisch, da Mangelzustände häufig und klinisch relevant sind (z. B. hinsichtlich Sturzrisiko, kognitiver Funktion, Hämatopoese/Blutbildung). In vielen Fällen ist eine gezielte Supplementierung sinnvoll, idealerweise nach laborchemischer Kontrolle. Insgesamt lässt sich sagen, dass eine adäquat geplante Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität langfristig ausgewogen gestaltet werden kann und soll – Einseitigkeiten oder radikale Ausschlussdiäten sind in dieser Altersgruppe in der Regel kontraindiziert, weil sie das Risiko für Mangelernährung erhöhen [1-4].

Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen

Akut ist insbesondere das Refeeding-Syndrom bei stark mangelernährten Patienten zu nennen: Ein zu rascher Beginn mit hoher Energie- und Kohlenhydratzufuhr kann zu gefährlichen Elektrolytverschiebungen (v. a. Hypophosphatämie, Hypokaliämie, Hypomagnesiämie/erniedrigte Blutspiegel von Phosphat, Kalium und Magnesium), Flüssigkeitsretention, Herzinsuffizienz und Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) führen. Daher empfehlen Leitlinien bei schwerer Mangelernährung ein vorsichtiges, schrittweises Vorgehen mit engmaschigem Labor- und Volumenmonitoring [1, 2].

Weitere kurzfristige Risiken sind gastrointestinale Beschwerden (Blähungen, Völlegefühl, Diarrhoe/Durchfall oder Obstipation/Verstopfung) bei zu schneller Umstellung oder stark erhöhter Ballaststoffzufuhr. Bei Herz- oder Niereninsuffizienz kann eine unsachgemäße Steigerung der Flüssigkeits- oder Proteinzufuhr zur Dekompensation führen. Deshalb müssen Komorbiditäten konsequent berücksichtigt und Trink- sowie Proteinziele individuell angepasst werden.

Auf Stoffwechselebene kann eine ungeeignete Ernährungstherapie Hypo- oder Hyperglykämien (Unter- oder Überzuckerung) bei Diabetikern auslösen, insbesondere wenn die Medikation (Insulin, orale Antidiabetika) nicht entsprechend angepasst wird. Auch Blutdruck, Lipidprofile und Harnsäure können in beiden Richtungen beeinflusst werden.

Relevante Wechselwirkungen mit Medikamenten umfassen u. a. die Vitamin‑K‑Aufnahme bei Patienten unter Vitamin‑K-Antagonisten, die Natriumaufnahme bei Diuretika-Therapie (entwässernde Therapie) und das Risiko hypo- oder hyperkaliämischer Zustände bei ACE-Hemmern, Sartanen oder kaliumsparenden Diuretika.

Langfristig könnten unzureichend balancierte Ernährungskonzepte – z. B. dauerhaft stark salz- oder eiweißreiche Kost bei entsprechender Organvulnerabilität – die Progression von Herz- oder Nierenerkrankungen begünstigen. Auf der anderen Seite stellt eine unterlassene oder zu zurückhaltende Ernährungstherapie ein ebenso großes Risiko dar, da Mangelernährung, Sarkopenie und Frailty nachweislich mit erhöhter Mortalität, höherer Komplikationsrate und Verlust von Selbstständigkeit einhergehen [2, 4].

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Absolute Kontraindikationen

  • Unbehandelter mechanischer Ileus (Darmverschluss) oder akutes Abdomen (akute, oft lebensbedrohliche Bauchschmerzen mit Verdacht auf eine schwerwiegende Erkrankung im Bauchraum) → hier steht die chirurgisch-akute Versorgung im Vordergrund
  • Schwere metabolische Entgleisungen, bei denen zunächst Intensivtherapie notwendig ist (z. B. schweres diabetisches Koma, septischer Schock)

Relative Kontraindikationen (mit Monitoringbedarf)

  • Fortgeschrittene Herz- oder Niereninsuffizienz mit strenger Flüssigkeits- oder Proteinlimitierung
  • Schwere Leberinsuffizienz mit hepatischer Enzephalopathie (stark eingeschränktes Leberversagen, bei dem sich Giftstoffe im Blut ansammeln und dadurch das Gehirn geschädigt wird)
  • Ausgeprägte Essstörungen (z. B. Anorexia nervosa/Magersucht im Alter), bei denen spezialisierte psychotherapeutische Mitbehandlung notwendig ist

Vorteile

  • Verbesserter Ernährungszustand mit Stabilisierung oder Zunahme von Körpergewicht und Muskelmasse
  • Reduktion von Frailty, Sturzrisiko und funktionellen Einschränkungen
  • Günstige Effekte auf Glucose- und Fettstoffwechsel, Blutdruck und Entzündungsmarker
  • Weniger Infektionen und Komplikationen, kürzere oder weniger häufige Krankenhausaufenthalte
  • Steigerung von Wohlbefinden, Appetit, Genussfähigkeit und Lebensqualität

Grenzen

  • Kognitive Einschränkungen, Depression und soziale Isolation können die Umsetzung erheblich erschweren.
  • Strukturelle Limitationen (Personalmangel in Pflegeeinrichtungen, fehlende hauswirtschaftliche Unterstützung) begrenzen oft die praktische Realisierung.
  • Nicht alle Patienten sind bereit oder in der Lage, langfristig Ernährungsgewohnheiten zu verändern.

Wissenschaftliche Einordnung

Die Studienlage zur Ernährungstherapie im höheren Lebensalter ist umfangreich und überwiegend positiv, wenngleich in Teilen heterogen. Die ESPEN-Guideline und die S3-Leitlinie zur klinischen Ernährung und Hydrierung im Alter basieren auf einer Vielzahl randomisierter Studien, Beobachtungsstudien und systematischer Reviews und formulieren klare Empfehlungen zu Screening, Energie- und Proteinbedarf, Mikronährstoffversorgung und Einsatz von oralen Supplementen, enteraler und parenteraler Ernährung [1].

Umbrella-Reviews und Metaanalysen zeigen, dass nutritive Interventionen bei älteren Menschen insgesamt zu einer Verbesserung von Ernährungsstatus, Körpergewicht und teilweise auch funktionellen Endpunkten führen, wenn auch nicht alle Studien konsistent sind [2, 4]. Narrative Reviews und neuere Arbeiten zu Ernährungsmustern und kognitiven Funktionen unterstreichen die Bedeutung qualitativer Aspekte der Ernährung (z. B. mediterran geprägte Kost, Proteinqualität, Mikronährstoffdichte) für gesundes Altern und die Prävention funktioneller Einschränkungen [3, 5].

Die DEGAM-Living-Guideline zur Multimorbidität betont zudem die Notwendigkeit, Patientenziele zu priorisieren, polypragmatische Therapien zu vermeiden und nachhaltige, alltagsnahe Strategien zu verfolgen – genau hier fügt sich Ernährungstherapie als zentraler, aber nicht alleiniger Baustein ein.

Fazit

Kurzfristig kann eine gezielte, leitlinienorientierte Ernährungstherapie bei geriatrischer Multimorbidität Appetit, Energie- und Proteinzufuhr, Hydratation und subjektives Wohlbefinden deutlich verbessern und damit Krankenhausaufenthalte und Komplikationen verringern. Langfristig trägt sie maßgeblich dazu bei, Muskelmasse und Funktion zu erhalten, Frailty zu reduzieren, Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern und die Lebensqualität zu steigern [1-4].

Im Vergleich zu vielen anderen Therapieansätzen – etwa rein pharmakologischen Strategien – ist Ernährungstherapie kosteneffektiv, meist gut verträglich und an individuelle Wünsche anpassbar. Ihr volles Potential entfaltet sie allerdings nur, wenn sie frühzeitig begonnen, interdisziplinär geplant und konsequent in den Alltag integriert wird. Für Ärzte bedeutet dies, Ernährung als gleichwertige Säule neben Medikation, Bewegungstherapie und psychosozialen Interventionen zu betrachten.

Im Gesamtbild moderner geriatrischer Versorgung sollte Ernährungstherapie bei Multimorbidität daher als Standard und nicht als Option verstanden werden: Sie ist ein zentraler, evidenzbasierter Bestandteil guter medizinischer Praxis, der – richtig umgesetzt – entscheidend dazu beiträgt, dass ältere Menschen trotz hoher Krankheitslast so lange wie möglich selbstständig, würdevoll und mit guter Lebensqualität leben können.

Literatur

  1. Volkert D, Beck AM, Cederholm T, Cruz-Jentoft A, Goisser S, Hooper L et al.: ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2019 Feb;38(1):10-47. doi: 10.1016/j.clnu.2018.05.024.
  2. Heck B: Mangelernährung in der Geriatrie – aktuelle Evidenz und Handlungsstrategien. DGNeurologie. 2025;8:504-508. doi: 10.1007/s42451-025-00792-2.
  3. Cava E, Lombardo M: Narrative review: nutritional strategies for ageing populations – focusing on dysphagia and geriatric nutritional needs. Eur J Clin Nutr. 2025 Apr;79(4):285-295. doi: 10.1038/s41430-024-01513-w.
  4. Poscia A, Milovanovic S, La Milia DI, Duplaga M, Grysztar M, Landi F et al.: Effectiveness of nutritional interventions addressed to elderly persons: umbrella systematic review with meta-analysis. Eur J Public Health. 2018 Apr 1;28(2):275-283. doi: 10.1093/eurpub/ckx199.
  5. Li X, Chen C, Xu X, Zheng T, Li Y, Cai Q et al.: A Network Analysis of Food Intake and Cognitive Function in Older Adults with Multimorbidity: A National Cross-Sectional Study. Nutrients. 2025 Aug 27;17(17):2767. doi: 10.3390/nu17172767.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Klinische Ernährung in der Geriatrie. (AWMF-Registernummer: 073-019), Mai 2013 Langfassung
  2. S3-Leitlinie: Multimorbidität – Living Guideline. (AWMF-Registernummer: 053-047), DEGAM-Leitlinie Nr. 20, Modulversion 3, 2024.