Ernährungstherapie bei altersassoziierter Mangelernährung
Altersassoziierte Mangelernährung bezeichnet einen klinisch relevanten Mangel an Energie, Proteinen (Eiweiß) und/oder Mikronährstoffen (Vitalstoffen) bei älteren Menschen (> 65 Jahre), der zu messbaren Veränderungen von Körperzusammensetzung, Funktion und des allgemeinen Gesundheitszustands führt. Typischerweise handelt es sich um ältere Menschen, bei denen sich aufgrund physiologischer Alterungsprozesse, chronischer Erkrankungen und sozialer Faktoren ein Missverhältnis zwischen Bedarf und tatsächlicher Zufuhr entwickelt [1, 2].
Im klinischen Alltag wird altersassoziierte Mangelernährung heute meist anhand von Kriterien wie den sogenannten GLIM-Kriterien (Global Leadership Initiative on Malnutrition) oder durch Leitlinien wie ESPEN definiert. Hier spielen insbesondere folgende Merkmale eine Rolle [1, 2]:
- Nicht-intendierter Gewichtsverlust (z. B. > 5 % in 3 Monaten oder > 10 % in 6 Monaten)
- Niedriger BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index, altersadaptiert, z. B. < 22 bei ≥ 70-Jährigen)
- Reduzierte Muskelmasse (Sarkopenie/alters- oder krankheitsbedingten Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und Muskelfunktion), z. B. mittels Handkraft oder Muskelumfang
- Reduzierte Nahrungsaufnahme (Menge, Häufigkeit, Qualität)
- Ggf. entzündliche Aktivität oder chronische Erkrankungen als Auslöser
Wichtig ist die Abgrenzung: Nicht jeder ältere, schlanke Mensch ist mangelernährt, und nicht jede Mangelernährung ist rein altersbedingt. Von altersassoziierter Mangelernährung spricht man, wenn typische Faktoren des Alterns – Appetitverlust, sensorische Veränderungen (Geschmack, Geruch), Polypharmazie (ein Mensch nimmt gleichzeitig viele verschiedene Medikamente ein, meist fünf oder mehr), funktionelle Einschränkungen, kognitive Defizite, soziale Isolation – wesentlich zur Entstehung beitragen [1, 2].
Die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) ist hoch: In Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind 30-60 % der älteren Menschen von Mangelernährung oder einem erhöhten Risiko betroffen, in der Gemeinschaftsbevölkerung werden immerhin noch zweistellige Prävalenzen beschrieben [1, 2].
Unbehandelt führt altersassoziierte Mangelernährung zu:
- Sarkopenie (Verlust von Muskelmasse, -kraft und -funktion),
- erhöhter Sturz- und Frakturgefahr,
- schlechterer Wundheilung und
- häufigeren Krankenhausaufenthalten und höherer Mortalität (Sterblichkeit).
Damit ist sie ein eigenständiges geriatrisches Syndrom und ein zentrales Ziel der Ernährungstherapie im Alter [1, 2].
Wissenschaftliche Grundlagen
Mit der systematischen Erfassung von Gewichtsverläufen, Veränderungen der Körperzusammensetzung und der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie funktionellen Tests wurde klar, dass Mangelernährung kein Schicksal, sondern eine behandelbare Erkrankung ist – mit deutlich schlechteren Prognosen, wenn sie unentdeckt bleibt [1, 2].
Die medizinischen Grundlagen umfassen mehrere Ebenen. Auf physiologischer Ebene kommt es im Alter zu einer Verminderung der Muskelmasse und einer „anabolic resistance“, d. h., Proteine werden schlechter in Muskulatur eingebaut, gleichzeitig steigen Krankheits- und Entzündungsraten. Der Energiebedarf sinkt meist geringfügig, der Proteinbedarf und der Bedarf an bestimmten Mikronährstoffen bleiben aber gleich oder steigen sogar [1].
Der Appetitverlust ist zusätzlich ein zentrales Phänomen: Veränderungen von Hormonen (z. B. Leptin, Ghrelin), neurodegenerative Prozesse, reduzierte Geschmacks- und Geruchswahrnehmung sowie Kau- und Schluckstörungen führen dazu, dass viele ältere Menschen weniger Appetit haben und schneller satt sind [2]. Einsamkeit, Depression, Überforderung bei der Zubereitung, mangelnde Unterstützung im Alltag oder schluckangstbedingte Vermeidung von Mahlzeiten verstärken die Mangelernährung.
Zentrale Annahmen moderner Leitlinien sind daher [1, 2]:
- Mangelernährung im Alter ist häufig, prognostisch relevant und behandelbar.
- Eine frühe Identifikation mittels Screening-Instrumenten (z. B. MNA-SF, MUST, SNAQ) ist entscheidend.
- Ernährungstherapie muss individualisiert, alltagsnah und interprofessionell (Arzt, Ernährungsfachkraft, Pflege, ggf. Logopädie, Physio) erfolgen.
- Ernährungstherapie ist besonders wirksam in Kombination mit Bewegungstherapie und funktionellem Training.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie bei altersassoziierter Mangelernährung zielt darauf ab, Energie- und Proteinmangel auszugleichen, Funktion und Selbstständigkeit zu erhalten oder zu verbessern und klinische Komplikationen zu reduzieren [1-3]. Primär sollen gewichtsstabilisierende oder -steigernde Effekte erzielt werden, wobei individuelles Zielgewicht, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und Patientenwunsch berücksichtigt werden. Ferner stehen funktionelle Zielparameter im Vordergrund, etwa die Verbesserung der Muskelkraft (Handkraft, Gehgeschwindigkeit), der Alltagskompetenzen sowie der Wundheilung und Infektanfälligkeit [1, 2].
Je nach Ausgangssituation können zusätzlich laborchemische Zielparameter definiert werden, z. B. Verbesserung der Vitamin-D- und B12-Spiegel, von Eisenstatus oder – vorsichtig zu interpretieren – von Albumin und anderen Entzündungsparametern.
In Leitlinien wird die Leitlinienlogik klar abgebildet [1-3]:
- Indikation: Positives Screening und/oder gesicherte Mangelernährung nach validierten Kriterien (z. B. GLIM), Gewichtsverlust, klinische Konsequenzen
- Intervention: Individualisierte Anpassung der Kost (Energie-, Protein- und Mikronährstoffzufuhr), Mahlzeitenstruktur, Konsistenzanpassung, Anreicherung, ggf. orale Nahrungssupplemente (ONS), bei Bedarf enterale oder parenterale Ernährung
- Monitoring: Regelmäßige Gewichtskontrollen (z. B. alle 2-4 Wochen), Verlauf der Energie- und Proteinaufnahme, Appetit, funktionelle Parameter sowie Laborwerte
- Risiken: Beobachtung möglicher Nebenwirkungen wie gastrointestinale Beschwerden, Flüssigkeitsimbalancen oder – bei schwer mangelernährten Patienten – Refeeding-Syndrom (gefährliche Stoffwechselreaktion, die auftreten kann, wenn stark mangelernährte ältere Menschen wieder zu schnell mit Energie und Kohlenhydraten versorgt werden und dadurch wichtige Elektrolyte abrupt absinken) [5]
Kurzfristig (2-6 Wochen) steht meist im Vordergrund, den Energie- und Proteinbedarf wieder zu erreichen und den Gewichtsverlust zu stoppen. Mittelfristig (6-12 Wochen) soll es zu einer Gewichtsstabilisierung oder moderaten Gewichtszunahme kommen. Langfristig ist das Ziel, Sarkopenie und Frailty (Gebrechlichkeit) zu reduzieren, Hospitalisierungen zu verringern und die Lebensqualität zu verbessern [1-3].
Grundprinzipien
Grundprinzip der Ernährungstherapie im Alter ist: kleine, häufige, energiedichte und proteinreiche Mahlzeiten, die an die individuellen Fähigkeiten und Vorlieben angepasst sind [1-3]. Statt großer, seltener Mahlzeiten erfüllen mehrere kleinere Mahlzeiten pro Tag (z. B. 3 Haupt- und 2-3 Zwischenmahlzeiten) die Bedürfnisse älterer Menschen mit reduziertem Appetit deutlich besser.
Die Mahlzeitenstruktur orientiert sich dabei idealerweise an vertrauten Essgewohnheiten und kulturellen Vorlieben. Bei Kau- oder Schluckstörungen ist die Anpassung der Konsistenz (weich, passiert, angedickt) essentiell, ggf. in Zusammenarbeit mit Logopädie und Schluckdiagnostik.
Die Energiezufuhr wird in der Regel auf etwa 25-30 kcal/kgKG/Tag ausgerichtet und individuell angepasst. Ein weiteres Grundprinzip ist die Energiedichte: Mahlzeiten sollen nicht nur sättigen, sondern in kleinem Volumen möglichst viele Kalorien und Nährstoffe liefern. Praktisch erfolgt dies durch die Anreicherung von Speisen mit pflanzlichen Ölen, Butter, Sahne, Käse, Nüssen, Samen, Eiern oder speziellen Trinknahrungen [1-4].
Die Proteinzufuhr liegt bei geriatrischen Patienten häufig im Bereich von 1,0-1,2 g/kgKG/Tag, bei ausgeprägter Sarkopenie oder akuter Erkrankung werden oft 1,2-1,5 g/kgKG/Tag empfohlen, sofern Nierenfunktion und Komorbiditäten dies zulassen [1, 2].
Grundprinzip ist außerdem die Freude am Essen: Lieblingsspeisen, bekannte Gerichte, angenehme Umgebung, ausreichend Zeit und soziale Begleitung können die Aufnahme erheblich verbessern. Hier ist die Rolle von Angehörigen und Pflegekräften zentral.Phasenmodelle (z. B. zunächst Fokussierung auf Energiedichte, später auf Qualitätsoptimierung mit mehr Vollwertkost) können, müssen aber nicht formal eingesetzt werden. Wichtiger ist eine flexible, adaptive Vorgehensweise, die sich am klinischen Verlauf orientiert [1-3].
Angestrebte Wirkmechanismen
Durch eine ausreichende Zufuhr von Energie und insbesondere hochwertigem Protein sollen Muskelmasse und -funktion stabilisiert oder verbessert werden. Dies reduziert Frailty, Sturzrisiko und Pflegebedürftigkeit und verbessert die Prognose [1-3]. Auf Stoffwechselebene führen energiereiche, proteinbetonte Mahlzeiten und ggf. ONS zu einer Erhöhung der Gesamtkalorienaufnahme und einer besseren Abdeckung des Proteinbedarfs. Studien zeigen, dass ONS bei älteren, mangelernährten oder gefährdeten Personen zu einer Gewichtszunahme, verbesserten Muskelkraft und teils besseren körperlichen Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit führen können [3, 4].
Metaanalysen über ONS bei älteren Menschen – einschließlich frailer Patienten und Menschen mit Anorexie (Appetitlosigkeit) des Alterns – zeigen insgesamt positive Effekte auf Energieaufnahme, Körpergewicht und in einigen Studien auch auf Gehgeschwindigkeit und Handkraft, auch wenn die Heterogenität der Studien hoch ist [3, 4].
Leitlinien und Metaanalysen zeigen konsistent, dass eine strukturierte, früh begonnene und ausreichend intensive Ernährungstherapie bei älteren Menschen mit Mangelernährung klinische Endpunkte positiv beeinflussen kann, insbesondere wenn sie mit körperlichem Training und optimierter medizinischer Therapie kombiniert wird [1-4].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Ältere Menschen (meist ≥ 65 Jahre) mit:
- ungewolltem Gewichtsverlust
- reduziertem BMI
- reduziertem Appetit
- funktionellen Einschränkungen
- Geriatrische Patienten mit Sarkopenie, Frailty oder Multimorbidität, z. B. nach Stürzen, Frakturen oder Operationen
- Bewohner von Pflegeheimen oder betreuten Wohnformen, bei denen Screeninginstrumente ein erhöhtes Risiko anzeigen
- Ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen (z. B. Herzinsuffizienz (Herzschwäche), chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Tumorerkrankungen), bei denen es zu Gewichtsverlust und reduzierter Nahrungsaufnahme kommt [1, 2]
Eingeschränkte Eignung
- Schwere Schluckstörungen ohne adäquate logopädische Abklärung und Konsistenzanpassung
- Ausgeprägte Flüssigkeitsrestriktionen (z. B. bei schwerer Herz- oder Niereninsuffizienz/Nierenschwäche), die Energiedichte und Supplementwahl deutlich limitieren
- Ausgeprägte kognitive Störungen, bei denen eine eigenständige Umsetzung nicht möglich ist und keine Unterstützung vorhanden ist
Indikationsbezogene Eignung
- Onkologische Patienten mit Tumorkachexie (durch Krebs hervorgerufenes schweres Abbau-Syndrom, bei dem der Körper trotz ausreichender Nahrungszufuhr weiterhin an Gewicht, Muskelmasse und Kraft verliert): Ernährungstherapie zur Symptomlinderung und Funktionsverbesserung
- Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz oder COPD: Verbesserung von Kraft und Belastbarkeit
- Patienten mit chronischen Wunden oder Dekubitus → Optimierung der Wundheilung durch Protein- und Mikronährstoffzufuhr
Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)
Bei Niereninsuffizienz, schweren Lebererkrankungen oder dekompensierter Herzinsuffizienz muss die Ernährungstherapie – insbesondere die Protein- und Flüssigkeitszufuhr – individuell angepasst und eng ärztlich begleitet werden [1, 2].
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn steht eine gründliche Anamnese: Ernährungsanamnese (Essprotokoll, Vorlieben, Abneigungen), erhobene Screening- und Diagnoseinstrumente, Gewichtshistorie, Funktion, Komorbiditäten und psychosoziale Faktoren. Parallel sollte der Haushalt bzw. das Versorgungssetting erfasst werden: Wer kocht? Gibt es Einkaufshilfe? Können Verpackungen geöffnet, Herd/Backofen sicher bedient werden?
Ein häufiger Fehler zu Beginn ist, die Ernährung von heute auf morgen komplett umzustellen. In der Praxis ist es wesentlich erfolgreicher, kleine, akzeptable Veränderungen vorzunehmen: etwa die Lieblingssuppe mit Sahne anzureichern. Auch das Übersehen von Kau- oder Schluckstörungen (z. B. fehlende Zahnprothesen, trockener Mund, Angst vor Verschlucken) gehört zu den typischen Fallen.
Die Übergangsphase umfasst meist 2-4 Wochen, in denen Schritt für Schritt Energiedichte und Mahlzeitenhäufigkeit erhöht werden. Parallel kann bei Bedarf eine Trinknahrung (ONS) eingeführt werden, zunächst in kleiner Menge (z. B. 1 Flasche/Tag, auf mehrere kleine Portionen verteilt), um Akzeptanz und Verträglichkeit zu prüfen [3, 4].
Mentale und organisatorische Aspekte sind zentral: Feste Essenszeiten, angenehme Atmosphäre, ausreichend Zeit für die Mahlzeit, Vermeidung von Stress oder Druck („Sie müssen jetzt essen!“) und die Einbindung von Angehörigen und Pflege in die Zielsetzung erhöhen die Erfolgswahrscheinlichkeit.
Die Dauer der strukturierten Ernährungstherapie beträgt in der Regel mindestens 6-12 Wochen, oft darüber hinaus. Sinnvoll ist eine Verzahnung mit dem Alltag: Ein typischer Tagesablauf umfasst drei Hauptmahlzeiten plus mehrere kleine Snacks und ggf. ONS, die in bestehende Routinen integriert werden.
Das therapeutische Setting kann ambulant (Hausarztpraxis, Ernährungsberatung), stationär (Geriatrie, Innere Medizin) oder in Langzeitpflegeeinrichtungen stattfinden. Bei ausgeprägter Mangelernährung, komplexen Komorbiditäten oder Refeeding-Risiko ist eine ärztlich begleitete Therapie zwingend, während bei milder Mangelernährung mit stabiler Gesamtsituation oft eine strukturierte, aber selbstständig bzw. pflegegestützt umgesetzte Ernährungstherapie ausreicht [1-3].
Empfohlene Lebensmittel
Ziel ist eine energiedichte, proteinbetonte, gut kaubare und alltagsnahe Kost.
- Proteinreiche Lebensmittel: Eier, Quark, Joghurt, Käse, Hüttenkäse, Fisch, Geflügel, Hülsenfrüchte, Tofu
- Energiedichte Komponenten: Pflanzliche Öle (z. B. Raps-, Olivenöl), Butter, Sahne, Nüsse, Mandeln, Samen, Avocado
- Leicht zu kauende/zu schluckende Speisen: Weich gekochtes Gemüse, Kartoffelpüree, Cremesuppen, Aufläufe, weich gegarte Fleischgerichte, Pudding, Milchreis
- Angereicherte Alltagsgerichte: Kartoffelpüree mit Butter und Käse, Suppen mit Sahne und Ei, Porridge mit Nüssen und Trockenfrüchten, Brot mit reichlich Aufstrich (z. B. Frischkäse, Nussmus)
- ONS und Spezialprodukte: Trinknahrungen, proteinangereicherte Desserts, modulare Supplemente (z. B. Proteinpulver) nach Rücksprache
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Nicht alle Lebensmittel sind bei altersassoziierter Mangelernährung sinnvoll – vor allem dann nicht, wenn sie Magen-Darm-Beschwerden fördern oder „leeren Ballast“ liefern.
- Sehr voluminöse, energiearme Speisen (große Salatberge ohne ausreichend Fett, klare Brühen ohne Einlage) – sie sättigen, ohne ausreichend Kalorien zu liefern
- Sehr schwer kaubare oder trockene Lebensmittel (zähes Fleisch, harte Brotrinden, sehr trockene Kekse), wenn Kau- oder Schluckstörungen vorliegen
- Stark blähende Speisen (z. B. große Mengen rohes Kohlgemüse, sehr ballaststoffreiche Hülsenfrüchte ohne sorgfältige Zubereitung) bei empfindlichem Darm
- Stark bittere oder sehr scharfe Speisen, wenn sie den Appetit dämpfen
- Exzessive Mengen von zuckerreichen, aber nährstoffarmen Snacks (z. B. große Mengen Süßigkeiten statt energiedichter Zwischenmahlzeiten) – sie können sinnvoll ergänzt, aber sollten nicht die eigentlichen Mahlzeiten ersetzen
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Rauchen verschlechtert die Durchblutung, Wundheilung und Lungenfunktion und erhöht das Risiko für Komplikationen bei ohnehin vulnerablen älteren Patienten.
- Tabakkonsum wirkt sich zudem negativ auf Geruchs- und Geschmackssinn aus und kann damit die Esslust zusätzlich vermindern.
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Für ältere Menschen mit Mangelernährung ist Alkohol weder therapeutisch sinnvoll noch erforderlich. Alkohol liefert zwar Kalorien, ist aber „leere Energie“ ohne relevante Nährstoffdichte.
- Wenn kein spezifischer medizinischer Grund für strikten Verzicht besteht und kein schädlicher Konsum vorliegt, kann ein moderater Konsum toleriert werden.
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Hochprozentiger Alkohol sollte konsequent vermieden werden, insbesondere wegen Sturzrisiko und Interaktionen mit Medikamenten.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Einkauf und Vorratshaltung
- Basisausstattung im Haus: Immer einige energiedichte „Basisprodukte“ bereithalten: H-Milch, Sahne, Pflanzenöle, Nüsse, Nussmus, Käse, Eier, Tiefkühlgemüse, Brot/Brötchen zum Einfrieren, Haferflocken, Puddingpulver, Trinknahrungen
- Kleine, schwere statt große, leichte Produkte: Lieber eine kleine Packung Nüsse oder Käse als einen großen Kopf Salat – das spart Kraft beim Tragen und bringt mehr Energie und Protein.
- Einkaufshilfen nutzen: Lieferdienste, Familienangehörige, Nachbarschaftshilfe oder ambulante Dienste können regelmäßig „Standard-Einkaufslisten“ abarbeiten (z. B. wöchentlich). Eine feste Liste mit 10-15 immer wiederkehrenden Produkten erleichtert die Organisation.
- Portionsgrößen planen: Einzelportionen (z. B. kleine Joghurtbecher, Minikäse, kleine ONS-Flaschen) sind oft besser geeignet als Großpackungen, die im Kühlschrank alt werden.
Zubereitung
- Appetitanregung: Appetitanregend wirken Kräutertees sowie Lebensmittel, die natürliche Bitterstoffe enthalten – etwa Artischocken, Chicorée, Endivie, Grapefruit, Kurkuma, Kümmel, Rucola, Senfkörner, Spinat, Zimt oder Zitrone. Diese können helfen, den Appetit vor einer Mahlzeit zu steigern und die Verdauung anzuregen.
- Einfach und weich: Rezepte sollten wenig Schritte erfordern, gut gelingen und weich zu essen sein – z. B. Cremesuppen, Aufläufe, Kartoffelgerichte, Rührei, Eintöpfe, Porridge.
- Energiedichte Tricks:
- In Suppen: Sahne, Crème fraîche, Butter, Käse, Ei einrühren
- In Kartoffelpüree: zusätzlich Butter, Käse, Milch oder Sahne
- In Porridge/Grießbrei: Milch statt Wasser, Nüsse, Trockenfrüchte, Honig
- Auf Brot: Doppelt belegen (z. B. Butter + Käse, Frischkäse + Lachs)
- Größere Portionen kochen, in kleine Behälter aufteilen und einfrieren (z. B. 4 Portionen Suppe, 4 Portionen Auflauf). So ist immer eine nahrhafte Mahlzeit griffbereit, wenn die Energie zum Kochen fehlt.
- Häppchen nutzen: Für Menschen, die unruhig sind oder nicht lange sitzen können, sind energiereiche Häppchen hilfreich: kleine Käsewürfel, Mini-Frikadellen, Eier-Viertel, belegte Häppchen, Obststücke, Energiekugeln (Nüsse, Trockenfrüchte).
Alltagstauglichkeit (Beruf, Familie, sozialer Kontext)
- Feste Essenszeiten: 3-5 Essfenster pro Tag einplanen (z. B. Frühstück, später Vormittagssnack, Mittagessen, Nachmittagssnack, Abendessen). Der Körper stellt sich darauf ein, der Appetit wird trainiert.
- Mahlzeiten vergesellschaften: Gemeinsam essen – mit Partner, Familie, Nachbarn oder in der Cafeteria des Pflegeheims – steigert oft automatisch die Essmenge. Einsame Mahlzeiten vor dem Fernseher führen häufig dazu, dass weniger gegessen wird.
- Essen sichtbar machen: Schalen mit energiedichten Snacks (Nüsse, Käsewürfel, Trockenfrüchte) sollten gut sichtbar stehen; „aus dem Auge, aus dem Sinn“ gilt auch fürs Essen.
- Trinknahrung clever einsetzen: ONS nicht zum Essen „hinzustellen“ und hoffen, dass die Flasche geleert wird, sondern gezielt einsetzen:
- als Zwischenmahlzeit (z. B. vormittags oder abends),
- auf 2-3 Portionen am Tag verteilt,
- ggf. gemischt mit Kaffee, Kakao oder Fruchtsaft, um Geschmack und Trinkfreude zu erhöhen [3, 4].
- Medikamentenzeitpunkte nutzen: Medikamente, die ohnehin zu bestimmten Zeiten genommen werden müssen, können als Anker für kleine Mahlzeiten oder Snacks dienen („Zu dieser Tablette gehört immer ein Käsebrot“).
- Belohnungsprinzip nutzen: Kleine, konkrete Ziele setzen („Diese Woche schaff ich jeden Tag 3 Mahlzeiten und 1 Snack“) und Erfolg benennen. Ggf. Familienmitglieder einbinden, die mit Lob und Unterstützung begleiten.
- Barrieren aktiv ansprechen: Typische Sätze wie „Ich hab eh keinen Hunger“, „Das lohnt sich ja nicht mehr“ können ein Hinweis auf depressive Verstimmungen oder Resignation sein. Hier ist es hilfreich, wertschätzend nachzufragen, entlastende Angebote zu machen (z. B. Essen liefern, selbst kochen, gemeinsam essen) und bei Verdacht auf Depression den Arzt einzubinden.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Aus ernährungsphysiologischer Sicht liegt bei altersassoziierter Mangelernährung meist eine Unterdeckung sowohl der Energie- als auch der Proteinzufuhr vor, oft begleitet von Mikronährstoffmängeln. Die Ernährungstherapie zielt daher auf eine adäquate Kalorienzufuhr und eine Proteinaufnahme ab, bei Sarkopenie und akuten Erkrankungen ggf. mehr – immer unter Berücksichtigung der Nierenfunktion und anderer Komorbiditäten [1, 2].
Besonders kritisch sind Vitamin D, Vitamin B12, Folsäure, Vitamin B6, Eisen, Zink und teilweise Selen. Defizite entstehen durch verminderte Aufnahme, Resorptionsstörungen (z. B. bei atrophischer Gastritis, PPI-Therapie/Einnahme von Protonenpumpenhemmern, z. B. Omeprazol, Pantoprazol) und erhöhten Bedarf bei Entzündungen. Eine gezielte Substitution (in Absprache mit dem Arzt) kann sinnvoll sein.
Die Ballaststoffzufuhr ist individuell zu steuern: Einerseits sind Ballaststoffe wichtig für Darmgesundheit und Mikrobiom (Darmflora). Andererseits können sehr ballaststoffreiche, voluminöse Speisen bei geringem Appetit und empfindlichem Darm kontraproduktiv sein. Eine moderate, gut verträgliche Ballaststoffzufuhr ist ideal, z. B. durch weich gekochtes Gemüse, Obstmus, Haferflocken und ggf. lösliche Ballaststoffe.
Ein weiteres Ziel der Ernährungstherapie ist, auch die Herz-Kreislauf-, Knochen- und Gehirngesundheit zu unterstützen (z. B. mediterran geprägte Kost mit viel Gemüse, hochwertigen Fetten, Fisch und moderatem Milchkonsum) [1, 2].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Das wichtigste spezifische Risiko bei schwerer Mangelernährung ist das Refeeding-Syndrom: Nach längerer Unterversorgung kann eine zu rasche Zufuhr von Energie (vor allem Kohlenhydraten) zu gefährlichen Elektrolytverschiebungen (Hypophosphatämie, -kaliämie, -magnesiämie/niedrige Blutspiegel von Phosphat, Kalium, Magnesium), Flüssigkeitsretention und Organversagen führen [5]. Besonders gefährdet sind ältere, multimorbide Patienten mit starkem Gewichtsverlust, sehr niedrigem BMI (Body-Mass-Index; Körpermassen-Index), langdauernder Nahrungsreduktion oder chronischen Erkrankungen [5].
Neben dem Refeeding-Syndrom können auch gastrointestinale Beschwerden auftreten: Übelkeit, Völlegefühl, Durchfall oder Verstopfung, insbesondere wenn Speisen schlagartig stark angereichert oder ONS zu schnell eingeführt werden. Hier ist ein langsames Vorgehen mit stufenweiser Steigerung der Energiedichte sinnvoll [1-4].
Wechselwirkungen mit Medikamenten sind ebenfalls zu beachten. So können z. B. vitamin-K-reiche Lebensmittel bei Patienten mit Vitamin-K-Antagonisten relevant sein, und Änderungen der Kohlenhydratzufuhr beeinflussen ggf. den Bedarf an Antidiabetika (blutzuckersenkende Medikamente). Auch bei Diuretika (entwässernde Medikamente), ACE-Hemmern (blutdrucksenkendes Medikament) oder anderen Medikamenten müssen Flüssigkeitsstatus und Elektrolyte im Blick bleiben.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Akute mechanische Obstruktion des Gastrointestinaltrakts (Blockade des Magen‑Darm‑Trakts durch ein physisches Hindernis) ohne adäquate Intervention
- Schwere, unbehandelte Dysphagie (Schluckstörung) mit hohem Aspirationsrisiko (Verschluckungsrisiko), bevor geeignete Konsistenz- und Schluckkonzepte etabliert wurden
- Akute, lebensbedrohliche Zustände, bei denen kurzfristig andere Maßnahmen priorisiert werden müssen
Relative Kontraindikationen (mit Monitoringbedarf)
- Schwere Niereninsuffizienz (insbesondere bei hoher Proteinzufuhr)
- Dekompensierte Herzinsuffizienz (das Herz ist so geschwächt, dass es den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen kann, trotz vorhandener Gegenmaßnahmen) mit strenger Flüssigkeitsrestriktion
- Ausgeprägte Leberinsuffizienz (Leberschwäche)
- Hohes Risiko für ein Refeeding-Syndrom, das ein sehr vorsichtiges, eng überwachtes Vorgehen erfordert [5]
Vorteile
- Verbesserung von Kraft und Mobilität (z. B. Gehgeschwindigkeit, Handkraft)
- Stabilisierung oder Zunahme von Körpergewicht und Muskelmasse
- Bessere Wundheilung und geringere Komplikationsrate nach Operationen
- Reduktion von Infektionen und Hospitalisierungen [1-4]
- Verbesserung von Lebensqualität, Selbstständigkeit und Teilhabe am Alltag
Grenzen
- Appetitmangel, kognitive Einschränkungen oder Ablehnung neuer Speisen können die Umsetzung erschweren.
- Bei ausgeprägter Multimorbidität oder fortgeschrittener, terminaler Erkrankung stehen häufig Symptomlinderung und Komfort im Vordergrund, nicht Gewichtszunahme.
- Eine sehr einseitige Fokussierung auf Kalorien kann langfristig zu qualitativ schlechter Ernährung führen, wenn Vielfalt und Mikronährstoffversorgung vernachlässigt werden.
- Im häuslichen Setting können soziale und finanzielle Ressourcen die Umsetzung limitieren (z. B. keine Kochmöglichkeit, wenig Unterstützung).
Wissenschaftliche Einordnung
Die Studienlage zur Mangelernährung im Alter ist mittlerweile umfangreich. Leitlinien wie die ESPEN-Guideline zur klinischen Ernährung und Hydration (ausreichende Versorgung des Körpers mit Flüssigkeit) in der Geriatrie fassen die Evidenz zusammen und geben klare Empfehlungen zu Screening, Diagnostik und Therapie [1]. Neuere Übersichtsarbeiten betonen die hohe Prävalenz und die klinische Relevanz der Mangelernährung sowie die Wichtigkeit frühzeitiger, systematischer Ernährungstherapie [2].
Zur Wirksamkeit von oralen Nahrungssupplementen (ONS) liegen mehrere systematische Reviews und Metaanalysen vor, die zeigen, dass ONS bei älteren, mangelernährten oder risikoexponierten Personen Gewicht, Energieaufnahme und teils funktionelle Parameter verbessern können [3, 4].
Insgesamt kann gesagt werden: Die Ernährungstherapie bei altersassoziierter Mangelernährung ist wissenschaftlich gut begründet, pathophysiologisch plausibel und durch Leitlinien gestützt. Lücken bestehen vor allem in der Individualisierung der Proteinqualität, in Langzeitstudien zu Lebensqualität und Pflegebedürftigkeit sowie in der Integration von Bewegung, Psychosozialem und Ernährung in interdisziplinäre Versorgungsmodelle [1-5].
Fazit
Altersassoziierte Mangelernährung ist häufig, folgenreich und in vielen Fällen vermeidbar oder behandelbar. Sie ist eine eigenständige, prognoserelevante Diagnose, die frühzeitig erkannt und konsequent behandelt werden muss [1, 2].
Kurzfristig kann eine gezielte Ernährungstherapie Gewichtsverlust stoppen, Energie- und Proteinzufuhr verbessern und akute Risiken reduzieren. Mittelfristig ermöglicht sie Gewichtsstabilisierung, Aufbau von Muskelkraft, bessere Wundheilung und weniger Komplikationen. Langfristig trägt sie dazu bei, Autonomie, Mobilität und Lebensqualität zu erhalten – und Krankenhausaufenthalte wie Pflegebedürftigkeit zu verringern [1-4].
Wer altersassoziierte Mangelernährung übersieht oder bagatellisiert, nimmt vermeidbare Stürze, Komplikationen, Krankenhausaufenthalte und Pflegebedürftigkeit in Kauf. Wer sie erkennt und konsequent ernährungstherapeutisch behandelt, schafft die Grundlage für gesundes Altern trotz Erkrankungen.
Literatur
- Volkert D, Beck AM, Cederholm T, Cruz-Jentoft A, Goisser S, Hooper L et al.: ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr. 2019 Feb;38(1):10-47. doi: 10.1016/j.clnu.2018.05.024.
- Cruz-Jentoft AJ, Volkert D: Malnutrition in Older Adults. N Engl J Med. 2025 Jun 12;392(22):2244-2255. doi: 10.1056/NEJMra2412275.
- Thomson KH, Rice S, Arisa O, Johnson E, Tanner L, Marshall C et al.: Show more Effectiveness and cost-effectiveness of oral nutritional supplements in frail older people who are malnourished or at risk of malnutrition: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Healthy Longevity, 2022;3(10):e654‑e666. doi: 10.1016/S2666-7568(22)00171‑4.
- Li M, Zhao S, Wu S, Yang X, Feng H: Effectiveness of Oral Nutritional Supplements on Older People with Anorexia: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients. 2021 Mar 3;13(3):835. doi: 10.3390/nu13030835.
- Krutkyte G, Wenk L, Odermatt J, Schuetz P, Stanga Z, Friedli N: Refeeding Syndrome: A Critical Reality in Patients with Chronic Disease. Nutrients. 2022 Jul 12;14(14):2859. doi: 10.3390/nu14142859.