Carnivore-Diät

Die Carnivore-Diät (Ernährungsform mit ausschließlich oder nahezu ausschließlich tierischen Lebensmitteln) ist ein nicht einheitlich definiertes Ernährungsmuster, bei dem pflanzliche Lebensmittel vollständig oder nahezu vollständig ausgeschlossen werden. Die Lebensmittelauswahl umfasst vor allem Fleisch, Innereien, Fisch, Meeresfrüchte, Eier und tierische Fette. Milchprodukte werden je nach Variante einbezogen oder gemieden. Besonders restriktive Varianten beschränken sich im Wesentlichen auf rotes Fleisch, Salz und Wasser [1].

Die Carnivore-Diät ist nicht mit einer medizinisch indizierten ketogenen Ernährung (medizinisch eingesetzte, sehr kohlenhydratarme und fettreiche Ernährung) gleichzusetzen. Therapeutische ketogene Ernährungskonzepte besitzen definierte Indikationen (Anwendungsgebiete), eine festgelegte Makronährstoffzusammensetzung (Verteilung der Hauptnährstoffe), Supplementationsvorgaben (Vorgaben zur ergänzenden Nährstoffzufuhr) und strukturierte Überwachungsprotokolle. Für die Carnivore-Diät bestehen dagegen weder eine standardisierte Definition noch eine leitlinienbasierte präventive (vorbeugende) oder therapeutische (behandelnde) Indikation [1].

Direkte Evidenzlage

Die 2026 publizierte Scoping-Review (systematische Übersicht zur Erfassung der vorhandenen Forschung) zur Carnivore-Diät identifizierte neun Humanpublikationen. Die verfügbare Evidenz bestand überwiegend aus Fallberichten, Fallserien, selbstselektierten Internetbefragungen, einer kleinen explorativen Untersuchung und Modellierungen hypothetischer Speisepläne. Randomisierte kontrollierte Studien (Studien mit zufälliger Zuteilung zu Behandlungsgruppen), kontrollierte Langzeitinterventionen und prospektive Studien (vorausschauende Studien) mit klinischen Endpunkten lagen nicht vor [1].

Die Aussagekraft der verfügbaren Untersuchungen wird durch kleine und hochselektierte Studienpopulationen, uneinheitliche Definitionen der Carnivore-Diät, retrospektive Selbstauskünfte, fehlende Kontrollgruppen, kurze Beobachtungszeiten und die fehlende systematische Erfassung langfristiger klinischer Endpunkte (medizinisch relevante Behandlungsergebnisse) begrenzt [1, 3, 4].

Auf Grundlage dieser Daten können keine belastbaren Aussagen zur Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit), zu kardiovaskulären Ereignissen (Herz-Kreislauf-Ereignissen), zur Diabetesinzidenz (Häufigkeit neu auftretender Diabeteserkrankungen), zu Tumorerkrankungen, zum langfristigen Verlust der Nierenfunktion oder zur langfristigen Mikronährstoffsicherheit (Sicherheit der Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen) getroffen werden. Ebenso ist eine therapeutische Wirksamkeit bei Adipositas (starkem Übergewicht), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Autoimmunerkrankungen (Erkrankungen durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems), chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (lang anhaltenden entzündlichen Darmerkrankungen) oder psychischen Erkrankungen (seelischen Erkrankungen) nicht nachgewiesen [1].

Zusammensetzung und metabolische Charakteristika

Die Carnivore-Diät ist kohlenhydratarm bis praktisch kohlenhydratfrei sowie protein- und fettreich. Die tatsächliche Makronährstoffzusammensetzung variiert erheblich und hängt von der Auswahl magerer oder fettreicher Fleischsorten, von Innereien, Fisch, Eiern, Milchprodukten und zugesetzten tierischen Fetten ab [1, 2].

Bei sehr geringer Kohlenhydratzufuhr kann sich eine ketogene Stoffwechsellage (Stoffwechsellage mit vermehrter Nutzung von Fett und Bildung von Ketonkörpern) entwickeln. Sie ist jedoch nicht bei jeder Ausgestaltung der Carnivore-Diät gewährleistet. Die Ketonkörperbildung (Bildung von Energieträgern aus Fett) wird unter anderem durch die individuelle Kohlenhydrat-, Protein- und Energiezufuhr beeinflusst [1].

Eine hohe Proteinzufuhr kann die Sättigung erhöhen. Gleichzeitig kann die extreme Einschränkung der Lebensmittelauswahl die spontane Energiezufuhr vermindern. Ein dadurch möglicher Gewichtsverlust ist weder spezifisch für die Carnivore-Diät noch durch kontrollierte Langzeitstudien zu diesem Ernährungsmuster belegt [1].

Direkt untersuchte subjektive und metabolische Veränderungen

In einer internetbasierten Befragung wurden 2.029 selbstselektierte Erwachsene untersucht, die nach eigener Angabe seit mindestens sechs Monaten eine Carnivore-Diät praktizierten. Die Teilnehmenden berichteten überwiegend eine hohe Zufriedenheit und subjektive Verbesserungen ihres Gesundheitszustands. Die Ernährungsform wurde im Median (mittlerer Wert einer nach Größe geordneten Reihe) seit 14 Monaten durchgeführt [3].

Die Untersuchung erlaubt aufgrund der Rekrutierung über soziale Medien, der Selbstselektion, des retrospektiven Designs (rückblickenden Studiendesigns), fehlender Kontrollpersonen und weitgehend selbstberichteter Ausgangs- und Verlaufsdaten keine kausalen Aussagen (Aussagen über Ursache und Wirkung) zu Wirksamkeit oder Sicherheit. Personen, die die Ernährungsform aufgrund unerwünschter Wirkungen bereits beendet hatten, wurden durch das Studiendesign wahrscheinlich unzureichend erfasst [1, 3].

Bei einer Teilgruppe mit verfügbaren Lipidwerten (Blutfettwerten) lag das mittlere Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin (LDL-C, sogenanntes ungünstiges Cholesterin) bei 172 mg/dl. High-Density-Lipoprotein-Cholesterin (HDL-C, sogenanntes günstiges Cholesterin) und Triglyceride (Neutralfette im Blut) lagen demgegenüber im günstigen Bereich. Da keine standardisierten Ausgangsmessungen, keine zentrale Labordiagnostik und keine Kontrollgruppe vorlagen, kann aus diesen Daten weder ein günstiger noch ein ungünstiger kausaler Diäteffekt abgeleitet werden [3].

In einer explorativen deutschen Untersuchung wurden 24 Personen mit selbst zusammengestellter Carnivore-Diät ausgewertet. Das mediane Gesamtcholesterin stieg von 224 auf 305 mg/dl und das mediane Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin von 157 auf 256 mg/dl. Bei einzelnen Personen mit initial erhöhtem Hämoglobin A1c (Langzeitblutzuckerwert) oder erhöhten Triglyceriden wurden gleichzeitig Abnahmen dieser Parameter beobachtet [4].

Auch diese Untersuchung besaß keine Kontrollgruppe, umfasste eine kleine und selektierte Stichprobe und beruhte teilweise auf retrospektiv bereitgestellten Laborbefunden. Die Ergebnisse belegen daher keine kausale Wirkung. Sie zeigen jedoch, dass unter einer Carnivore-Diät ausgeprägte Erhöhungen atherogener Lipoproteine (gefäßschädigender Blutfettpartikel) auftreten können [1, 4].

Mikronährstoffversorgung

Die bislang detaillierteste Analyse der Nährstoffversorgung beruht auf vier hypothetischen Carnivore-Speiseplänen für gesunde Erwachsene. Die Studie untersuchte weder reale Langzeitanwender noch biochemische (durch Laboruntersuchungen nachweisbare) oder klinische Mangelzustände. Die Ergebnisse sind daher ausschließlich als rechnerische Hinweise auf potenzielle Über- und Unterversorgungen zu interpretieren [2].

Riboflavin (Vitamin B2), Niacin (Vitamin B3), Vitamin B6 und Vitamin B12 – Die verwendeten Referenzwerte wurden in sämtlichen modellierten Speiseplänen erreicht [2].

Vitamin A – Die rechnerische Zufuhr erreichte die Referenzwerte und war bei Einbeziehung von Leber teilweise sehr hoch. Die Versorgung hing wesentlich von der Art und Menge der verzehrten Innereien ab [2].

Phosphor, Zink und Selen – Die verwendeten Referenzwerte wurden in den untersuchten Speiseplänen erreicht [2].

Thiamin (Vitamin B1) – Die Referenzwerte wurden in allen vier Speiseplänen unterschritten. Eine zuverlässig bedarfsdeckende Zufuhr war in den modellierten Varianten nicht gewährleistet [2].

Vitamin C – Die modellierte Zufuhr lag in allen vier Speiseplänen unter den verwendeten Referenzwerten. Kleine Mengen in Innereien oder anderen tierischen Lebensmitteln gewährleisteten keine rechnerisch bedarfsdeckende Zufuhr [2].

Folat (Vitamin B9) – Die Folatzufuhr hing wesentlich von der Einbeziehung von Leber und Eiern ab. In mehreren Varianten wurden die Referenzwerte nicht erreicht [2].

Vitamin D – Eine bedarfsdeckende Zufuhr war nicht in allen Speiseplänen gewährleistet. Die rechnerische Zufuhr wurde insbesondere durch fettreichen Fisch, Eier und angereicherte Milchprodukte beeinflusst [2].

Calcium – Die Referenzwerte wurden in den Modellierungen überwiegend nicht erreicht. Das Risiko einer niedrigen Zufuhr war bei Varianten ohne Milchprodukte und ohne mit Gräten verzehrten Fisch besonders ausgeprägt [2].

Magnesium – Die Referenzwerte wurden in allen modellierten Speiseplänen unterschritten. Durch den Ausschluss von Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und Gemüse entfallen wesentliche Magnesiumquellen [2].

Kalium – Die Zufuhr lag in mehreren Speiseplänen unter den Referenzwerten. Das Ausmaß der Unterdeckung hing von der Fleischmenge sowie der Einbeziehung von Fisch, Meeresfrüchten und Milchprodukten ab [2].

Jod – Die rechnerische Zufuhr schwankte erheblich. Eine ausreichende Versorgung war insbesondere von Meeresfisch, Meeresfrüchten, Milchprodukten und jodiertem Speisesalz abhängig [2].

Eisen – Die Eisenzufuhr war bei Männern überwiegend ausreichend, konnte bei Frauen mit höherem Eisenbedarf jedoch unter den Referenzwerten liegen. Die hohe Bioverfügbarkeit (Verwertbarkeit durch den Körper) von Hämeisen (Eisen aus tierischen Lebensmitteln) gewährleistete somit nicht in jedem modellierten Speiseplan eine ausreichende Gesamtzufuhr [2].

Natrium – Die Zufuhr überschritt in mehreren Modellierungen die verwendeten Grenzwerte. Insbesondere gesalzene und verarbeitete Fleischprodukte können zu einer hohen Natriumzufuhr beitragen [2].

Ballaststoffe – Die Ballaststoffzufuhr lag in den modellierten Speiseplänen unter 1 g täglich und damit weit unter den geltenden Referenzwerten [2, LL1].

Die tatsächliche Mikronährstoffzufuhr einer Carnivore-Diät hängt wesentlich von der Lebensmittelauswahl ab. Fisch und Meeresfrüchte können die Zufuhr von Jod, Vitamin D, Selen und langkettigen Omega-3-Fettsäuren (bestimmten mehrfach ungesättigten Fettsäuren) erhöhen. Milchprodukte können Calcium und Jod liefern. Eier und Innereien können zur Versorgung mit Folat, Vitamin A und weiteren Mikronährstoffen (Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen) beitragen [1, 2].

Eine regelmäßig hohe Leberzufuhr kann gleichzeitig zu einer sehr hohen Aufnahme präformierten Vitamin A (bereits wirksamer Form des Vitamins A) führen. Die Modellierungsstudie erlaubt jedoch keine Aussage über die tatsächliche Häufigkeit einer Vitamin-A-Überversorgung bei Personen mit Carnivore-Diät [2].

Aus einer rechnerisch niedrigen Zufuhr folgt nicht zwangsläufig ein biochemisch oder klinisch manifester Mangel (im Labor oder anhand körperlicher Zeichen nachweisbarer Mangel). Umgekehrt beweist das Fehlen kurzfristiger Mangelsymptome keine langfristig bedarfsdeckende Versorgung. Systematische Studien mit wiederholten Ernährungsprotokollen, Biomarkern (messbaren biologischen Kennwerten) und klinischen Endpunkten fehlen [1, 2].

Ballaststoffe und pflanzliche Lebensmittel

Eine strikt durchgeführte Carnivore-Diät enthält praktisch keine Ballaststoffe. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen eine Zufuhr von mindestens 25 g natürlich vorkommenden Ballaststoffen täglich. Als bevorzugte Kohlenhydratquellen werden Vollkornprodukte, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte genannt [LL1].

Eine aktualisierte Metaanalyse (statistische Zusammenfassung mehrerer Studien) von 64 prospektiven Kohortenstudien (vorausschauenden Beobachtungsstudien) mit insgesamt 3.512.828 Teilnehmenden zeigte, dass eine höhere Ballaststoffzufuhr mit einer niedrigeren Gesamtmortalität sowie einer niedrigeren kardiovaskulären (Herz-Kreislauf-bedingten) und krebsbedingten Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert war [5].

Diese Beobachtungsdaten belegen keine direkte gesundheitliche Schädigung durch die Carnivore-Diät. Sie zeigen jedoch, dass durch den vollständigen Ausschluss ballaststoffreicher Lebensmittel ein Ernährungsfaktor entfällt, der in umfangreichen prospektiven Daten konsistent mit günstigeren Langzeitergebnissen assoziiert ist [5].

Mit dem Ausschluss pflanzlicher Lebensmittel entfällt außerdem die Zufuhr zahlreicher Polyphenole (bestimmter schützender Pflanzenstoffe), Carotinoide (pflanzlicher Farbstoffe) und weiterer bioaktiver Pflanzenstoffe (biologisch wirksamer Pflanzenbestandteile). Für die klinischen Langzeitfolgen ihres vollständigen Ausschlusses im Rahmen einer Carnivore-Diät liegen keine direkten Studien vor [1].

Fettqualität und atherogene Lipoproteine

Der Anteil gesättigter Fettsäuren (bestimmter Fette, die vor allem in tierischen Lebensmitteln vorkommen) innerhalb einer Carnivore-Diät hängt von der konkreten Lebensmittelauswahl ab. Varianten mit hohem Anteil fettreichen roten Fleisches, Butter, Talg, Schmalz oder fettreichen Milchprodukten können eine hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren erreichen [1, 2].

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, die Zufuhr gesättigter Fettsäuren auf höchstens 10 % der Gesamtenergiezufuhr zu begrenzen. Gesättigte Fettsäuren sollen vorzugsweise durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren, einfach ungesättigte Fettsäuren aus pflanzlichen Quellen oder Kohlenhydrate aus ballaststoffreichen Lebensmitteln ersetzt werden [LL2].

Das wissenschaftliche Statement der European Association of Preventive Cardiology und der Association of Cardiovascular Nursing & Allied Professions empfiehlt zur kardiovaskulären Prävention (Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen) überwiegend pflanzenbetonte Ernährungsmuster mit Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und Nüssen sowie eine Begrenzung gesättigter Fettsäuren und des Konsums von rotem bzw. verarbeitetem Fleisch [10].

Die Leitlinie der European Society of Cardiology zur kardiovaskulären Prävention empfiehlt ebenfalls eine mediterrane oder vergleichbar pflanzenbetonte Ernährung, eine hohe Zufuhr ballaststoffreicher Lebensmittel und den Ersatz gesättigter durch ungesättigte Fettsäuren [LL3].

Die 2025 aktualisierte Leitlinie der European Society of Cardiology und der European Atherosclerosis Society bestätigt Low-Density-Lipoprotein-Cholesterin als zentralen modifizierbaren Risikofaktor (beeinflussbaren Risikofaktor) und hält an risikoadaptierten LDL-C-Zielwerten fest [LL4]. Ein günstiger Verlauf von Triglyceriden, High-Density-Lipoprotein-Cholesterin oder Glucoseparametern (Blutzuckerwerten) hebt die prognostische Bedeutung (Bedeutung für den weiteren Krankheitsverlauf) eines ausgeprägten Anstiegs von LDL-C bzw. Apolipoprotein B (Eiweißbestandteil gefäßschädigender Blutfettpartikel) daher nicht auf [LL3, LL4].

Eine Metaanalyse von 30 randomisierten Studien zeigte, dass vegetarische oder vegane Ernährungsinterventionen im Vergleich zu omnivoren Kontrolldiäten das LDL-C im Mittel um 0,30 mmol/l und Apolipoprotein B um 12,92 mg/dl reduzierten [9].

Diese Metaanalyse untersuchte nicht die Carnivore-Diät. Sie zeigt jedoch, dass die Zusammensetzung der Protein- und Fettquellen sowie die Einbeziehung pflanzlicher Lebensmittel atherogene Lipoproteine relevant beeinflussen können [9].

Proteinquelle und Mortalität

Für die langfristige Mortalität unter einer Carnivore-Diät bestehen keine direkten Daten. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Dosis-Wirkungs-Metaanalyse (Metaanalyse zum Zusammenhang zwischen Menge und Wirkung) prospektiver Kohortenstudien untersuchte jedoch die Zufuhr von Gesamtprotein, tierischem Protein und pflanzlichem Protein [8].

Eine höhere Zufuhr pflanzlichen Proteins war mit einer niedrigeren Gesamtmortalität und kardiovaskulären Mortalität assoziiert. Der rechnerische Ersatz von 3 % der Energiezufuhr aus tierischem Protein durch pflanzliches Protein war ebenfalls mit einer niedrigeren Gesamtmortalität verbunden [8].

Diese Ergebnisse erlauben keine direkte Risikoabschätzung der Carnivore-Diät. Sie sprechen jedoch gegen die Annahme, dass die ausschließliche Verwendung tierischer Proteinquellen einen nachgewiesenen langfristigen gesundheitlichen Vorteil besitzt [8].

Typ-2-Diabetes – indirekte Evidenz

Für die Inzidenz eines Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit des Erwachsenenalters) unter einer Carnivore-Diät bestehen keine prospektiven Langzeitdaten. Eine internationale Metaanalyse auf der Grundlage individueller Teilnehmerdaten umfasste 1.966.444 Erwachsene aus 31 Kohorten in 20 Ländern [6].

Eine höhere Zufuhr von unverarbeitetem rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch war mit einer höheren Inzidenz des Typ-2-Diabetes assoziiert. Pro 100 g unverarbeitetem rotem Fleisch täglich betrug die Hazard-Ratio (Verhältnis der Ereignisraten) 1,10. Pro 50 g verarbeitetem Fleisch täglich betrug die Hazard-Ratio 1,15 [6].

Diese Ergebnisse stellen indirekte Evidenz zu einzelnen Hauptbestandteilen vieler Carnivore-Varianten dar. Sie beweisen keine kausale Wirkung des gesamten Ernährungsmusters und können nicht ohne Berücksichtigung der konkreten Lebensmittelauswahl auf jede Carnivore-Diät übertragen werden [6].

Kolorektales Karzinom – indirekte Evidenz

Zur Inzidenz kolorektaler Karzinome (Dick- und Enddarmkrebs) unter einer Carnivore-Diät liegen keine direkten Langzeitstudien vor. Eine 2025 publizierte Metaanalyse prospektiver Studien zeigte jedoch Assoziationen zwischen einem hohen Verzehr von rotem bzw. verarbeitetem Fleisch und einem erhöhten kolorektalen Karzinomrisiko [7].

Im Vergleich der höchsten mit den niedrigsten Verzehrkategorien betrug die zusammengefasste Hazard-Ratio 1,15 für rotes Fleisch und 1,21 für verarbeitetes Fleisch [7].

Die Übertragbarkeit auf eine Carnivore-Diät hängt wesentlich davon ab, welchen Anteil rotes und verarbeitetes Fleisch einnimmt. Eine Ernährung, die überwiegend aus Fisch, Eiern und unverarbeiteten tierischen Lebensmitteln besteht, besitzt diesbezüglich ein anderes Expositionsprofil (Muster der Belastung durch bestimmte Einflüsse) als eine Ernährung mit hohem Anteil an Wurst, Speck und anderem verarbeitetem Fleisch [7].

Nierenfunktion

Für nierengesunde Erwachsene ist nicht belegt, dass jede erhöhte Proteinzufuhr kurzfristig eine chronische Nierenkrankheit (dauerhafte Einschränkung der Nierenfunktion) verursacht. Die langfristige renale Sicherheit (Sicherheit für die Nieren) einer sehr hohen Proteinzufuhr innerhalb einer Carnivore-Diät wurde jedoch nicht systematisch untersucht [1].

Für Erwachsene mit chronischer Nierenkrankheit der Stadien G3-G5 empfiehlt Kidney Disease: Improving Global Outcomes eine Proteinzufuhr von etwa 0,8 g/kg Körpergewicht und Tag. Bei Erwachsenen mit chronischer Nierenkrankheit und Progressionsrisiko (Risiko des Fortschreitens der Erkrankung) soll eine hohe Proteinzufuhr von mehr als 1,3 g/kg Körpergewicht und Tag vermieden werden [LL5].

Die Leitlinie empfiehlt außerdem eine vielfältige Ernährung mit einem höheren Anteil pflanzlicher als tierischer Lebensmittel. Eine proteinreiche Carnivore-Diät entspricht daher bei chronischer Nierenkrankheit nicht den leitlinienbasierten Ernährungsempfehlungen [LL5].

Personengruppen mit besonderem Risiko

Ein validiertes System absoluter oder relativer Kontraindikationen (Gegenanzeigen) für die Carnivore-Diät existiert nicht. Für bestimmte Personengruppen fehlen Sicherheitsdaten vollständig oder es bestehen etablierte Ernährungsvorgaben, die mit einer Carnivore-Diät nicht vereinbar sein können [1, 2, LL3-LL5].

Eine Anwendung ist insbesondere kritisch zu bewerten bei:

  • Kindern und Jugendlichen
  • Schwangeren und Stillenden
  • Personen mit chronischer Nierenkrankheit
  • Personen mit familiärer Hypercholesterinämie (erblich bedingt stark erhöhten Cholesterinwerten)
  • Personen mit deutlich erhöhtem LDL-C oder Apolipoprotein B
  • Personen mit bestehender atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung (durch Gefäßverkalkung verursachter Herz-Kreislauf-Erkrankung)
  • Personen mit bereits nachgewiesener Mikronährstoffunterversorgung (unzureichender Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen)

Für Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende liegen keine kontrollierten Untersuchungen zur Sicherheit der Carnivore-Diät vor. Aufgrund des erhöhten Nährstoffbedarfs und der möglichen Unterdeckung von Folat, Vitamin C, Vitamin D, Calcium, Magnesium, Jod und Kalium kann eine bedarfsdeckende Versorgung erschwert sein [1, 2].

Ärztliche Betreuung bei bereits praktizierter Carnivore-Diät

Für die Carnivore-Diät existiert kein validiertes medizinisches Monitoringprotokoll (festgelegtes Verfahren zur Verlaufskontrolle). Entscheidet sich ein Patient trotz ärztlicher Aufklärung für die Fortführung, kann eine individualisierte Verlaufskontrolle zur Erkennung plausibler Risiken erwogen werden. Dieses Vorgehen ist eine pragmatische klinische Ableitung und kein Nachweis für die Sicherheit oder medizinische Empfehlung der Ernährungsform.

Ernährungsmedizinische Anamnese (Erhebung der Ernährungsvorgeschichte) – Erfasst werden sollten die Dauer und konkrete Variante der Ernährungsform, Art und Menge von Fleisch, Innereien, Fisch, Eiern und Milchprodukten, der Anteil verarbeiteter Fleischwaren, die Verwendung von Jodsalz und Supplementen sowie der Gewichts- und Beschwerdeverlauf.

Kardiometabolische Risikobewertung (Beurteilung von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiken) – Bei entsprechender klinischer Indikation können Blutdruck, Nüchternglucose (Blutzuckerwert nach Nahrungspause), Hämoglobin A1c, Gesamtcholesterin, LDL-C, High-Density-Lipoprotein-Cholesterin, Triglyceride, Non-HDL-Cholesterin (Summe der ungünstigen Cholesterinanteile) und Apolipoprotein B bestimmt werden [1, 3, 4, LL3, LL4].

Nierenbezogene Risikobewertung – Bei hoher Proteinzufuhr, eingeschränkter Nierenfunktion oder renalen Risikofaktoren können Kreatinin (Abbauprodukt zur Beurteilung der Nierenfunktion), geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (Maß für die Filterleistung der Nieren) und Urin-Albumin-Kreatinin-Ratio (Verhältnis von Eiweiß und Kreatinin im Urin) erhoben werden [LL5].

Mikronährstoffbezogene Diagnostik – Laboruntersuchungen sollen nicht schematisch, sondern anhand der Lebensmittelauswahl, der Dauer der Ernährungsform, klinischer Symptome und individueller Risikofaktoren ausgewählt werden. Je nach Befund können Blutbild, Ferritin (Eisenspeicherwert), Transferrinsättigung (Maß für die Eisenbeladung des Transporteiweißes), Folat, Vitamin B12, 25-Hydroxyvitamin D (Speicherform von Vitamin D im Blut), Calcium, Magnesium und Kalium relevant sein [1, 2].

Eine erneute ernährungsmedizinische Bewertung ist insbesondere bei einem deutlichen Anstieg von LDL-C oder Apolipoprotein B, einer Verschlechterung der Nierenfunktion, Albuminurie (erhöhter Eiweißausscheidung im Urin), Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze), Anämie (Blutarmut), klinischen Mangelzeichen (körperlich erkennbaren Zeichen eines Nährstoffmangels), Eintritt einer Schwangerschaft oder ausgeprägten gastrointestinalen Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) angezeigt.

Ernährungsmedizinische Gesamtbewertung

Tierische Lebensmittel können hochwertiges Protein, Vitamin B12, gut verfügbares Eisen, Zink, Selen und weitere Mikronährstoffe in hoher Konzentration liefern. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein ausschließlich tierisches Ernährungsmuster langfristig alle ernährungsphysiologischen Anforderungen erfüllt [1, 2].

Die direkte Evidenz zur Carnivore-Diät ist für eine positive Nutzen-Risiko-Bewertung nicht ausreichend. Berichtete Gewichtsabnahmen, subjektive Gesundheitsverbesserungen und Veränderungen einzelner Stoffwechselmarker (messbarer Kennwerte des Stoffwechsels) stammen überwiegend aus unkontrollierten und hochselektierten Untersuchungen [1, 3, 4].

Demgegenüber bestehen direkte Hinweise auf eine extrem niedrige Ballaststoffzufuhr, rechnerische Unterdeckungen mehrerer Mikronährstoffe und teilweise ausgeprägte Erhöhungen des LDL-C [1-4]. Die indirekte Evidenz zu Ballaststoffen, Proteinquellen sowie rotem und verarbeitetem Fleisch unterstützt ebenfalls keine langfristige Empfehlung zum vollständigen Ausschluss pflanzlicher Lebensmittel [5-10].

Die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bevorzugen eine abwechslungsreiche Ernährung mit einem hohen Anteil pflanzlicher Lebensmittel und einer Begrenzung des Konsums von Fleisch und Wurst [11].

Keine der für diesen Artikel ausgewerteten ernährungsmedizinischen, kardiovaskulären oder nephrologischen Leitlinien (Leitlinien zu Nierenerkrankungen) empfiehlt die Carnivore-Diät. Die ausgewerteten Leitlinien empfehlen vielmehr ballaststoffreiche pflanzliche Lebensmittel, eine Begrenzung gesättigter Fettsäuren und bei chronischer Nierenkrankheit eine Begrenzung hoher Proteinzufuhren [LL1-LL5].

Fazit

Die Carnivore-Diät ist ein nicht standardisiertes, extrem restriktives Ernährungsmuster ohne leitlinienbasierte präventive oder therapeutische Indikation.

Eine hohe Zufuhr von Protein, Vitamin B12, Eisen, Zink und Selen ist möglich. Gleichzeitig bestehen relevante Risiken für eine unzureichende Zufuhr von Ballaststoffen, Thiamin, Vitamin C, Folat, Vitamin D, Calcium, Magnesium, Kalium und Jod. Das individuelle Versorgungsprofil hängt stark von der Einbeziehung von Fisch, Meeresfrüchten, Eiern, Milchprodukten und Innereien ab [1, 2].

Von besonderer klinischer Bedeutung sind mögliche ausgeprägte Erhöhungen von LDL-C und Apolipoprotein B. Hinzu kommen die fehlende Langzeitsicherheit und die indirekte Evidenz zu hohen Verzehrmengen von rotem und verarbeitetem Fleisch [1, 4, 6, 7, LL3, LL4].

Eine langfristige Carnivore-Diät kann auf Grundlage der gegenwärtigen Evidenz aus ernährungsmedizinischer Sicht nicht empfohlen werden.

Literatur

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  2. Goedeke S, Murphy T, Rush A, Zinn C: Assessing the Nutrient Composition of a Carnivore Diet: A Case Study Model. Nutrients. 2025;17(1):140. doi:10.3390/nu17010140
  3. Lennerz BS, Mey JT, Henn OH, Ludwig DS: Behavioral Characteristics and Self-Reported Health Status among 2029 Adults Consuming a “Carnivore Diet”. Curr Dev Nutr. 2021;5(12):nzab133. doi:10.1093/cdn/nzab133
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Leitlinien

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