Aufnahme hoher Energiemengen durch Eiweiß
Proteine (Eiweiße) erfüllen strukturelle, enzymatische, regulatorische, immunologische und transportbezogene Funktionen. Sie versorgen den Organismus mit Aminosäuren (Eiweißbausteine) und Stickstoff und liefern zugleich etwa 17 kJ bzw. 4 kcal je Gramm. Eine hohe absolute Proteinzufuhr kann daher relevant zur Gesamtenergieaufnahme beitragen [LL1, LL2].
Der Begriff proteinreiche Ernährung ist wissenschaftlich nicht einheitlich definiert. In systematischen Übersichtsarbeiten und Interventionsstudien werden unterschiedliche absolute und relative Proteinzufuhren sowie unterschiedliche Vergleichsgruppen verwendet [1-9]. Die gesundheitliche Bewertung darf deshalb nicht allein anhand einer einzelnen Schwelle in Gramm pro Kilogramm Körpergewicht oder Energieprozent erfolgen.
Für die energetische Wirkung ist entscheidend, ob Protein andere Energieträger isoenergetisch (bei gleicher Energiezufuhr) ersetzt oder zusätzlich zur bisherigen Ernährung aufgenommen wird. Eine höhere Proteinmenge ist nicht zwangsläufig mit einer erhöhten Gesamtenergiezufuhr verbunden. Werden proteinreiche Lebensmittel, Proteinpulver, Getränke oder Riegel zusätzlich zu einer bereits bedarfsdeckenden Ernährung verzehrt, erhöhen sie jedoch die Energiezufuhr und können eine positive Energiebilanz mitbedingen.
Referenzwerte und obere Zufuhrgrenze
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt gesunden Erwachsenen von 19 bis unter 65 Jahren eine Proteinzufuhr von 0,8 g/kg Körpergewicht und Tag. Für Erwachsene ab 65 Jahren gilt ein Schätzwert von 1,0 g/kg Körpergewicht und Tag. Bei Erwachsenen mit einem Body-Mass-Index (Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße) über 25 kg/m2 soll das Normalgewicht und nicht unkritisch das aktuelle Körpergewicht für die Berechnung zugrunde gelegt werden [LL1].
Der Bevölkerungsreferenzwert der European Food Safety Authority (EFSA) beträgt für Erwachsene 0,83 g/kg Körpergewicht und Tag [LL2]. Die geringfügige Abweichung vom D-A-CH-Referenzwert beruht auf unterschiedlichen Ableitungs- und Rundungsverfahren.
Die Referenzwerte kennzeichnen eine bedarfsdeckende Zufuhr und keine obere Sicherheitsgrenze. Die EFSA konnte aufgrund unzureichender Daten keinen tolerierbaren oberen Zufuhrwert für Protein ableiten. Daraus darf weder eine Schädlichkeit jeder oberhalb des Referenzwertes liegenden Zufuhr noch die unbegrenzte Sicherheit sehr hoher Proteinmengen abgeleitet werden [LL2].
Nahrungsinduzierte Thermogenese und Energiebilanz
Eine Metaanalyse von 52 Studien zeigte, dass isoenergetische Mahlzeiten mit höherem Proteingehalt akut eine stärkere nahrungsinduzierte Thermogenese (durch die Nahrungsaufnahme ausgelöste Wärmebildung) und einen höheren Energieverbrauch hervorrufen als Mahlzeiten mit niedrigerem Proteingehalt. In länger dauernden Studien war eine höhere Proteinzufuhr ebenfalls mit einem geringfügig höheren Gesamtenergie- und Ruheenergieverbrauch verbunden [1].
Die erhöhte Thermogenese kompensiert jedoch nur einen Teil der aufgenommenen Energie. Protein ist daher trotz seines vergleichsweise hohen thermischen Effekts ein energieliefernder Nährstoff. Bei zusätzlicher Aufnahme bleibt eine positive Nettoenergiebilanz (Bilanz aus aufgenommener und verbrauchter Energie) möglich [1, 2].
Körpergewicht und Körperzusammensetzung
Die DGE-Umbrella-Review ergab wahrscheinliche Evidenz dafür, dass die täglich zugeführte Proteinmenge bei bedarfsgerechter Energiezufuhr das Körpergewicht, die Fettmasse und den Taillenumfang erwachsener Personen nicht relevant beeinflusst. Wird Protein isoenergetisch anstelle von Kohlenhydraten oder Fett aufgenommen, ist somit weder eine regelhafte Gewichtszunahme noch eine regelhafte Gewichtsabnahme zu erwarten [2].
Für eine proteinreiche Ernährung im Rahmen einer Energierestriktion (Verringerung der Energiezufuhr) bleibt die Evidenz aufgrund der niedrigen methodischen Qualität und Heterogenität der verfügbaren systematischen Übersichtsarbeiten unzureichend. Ein eigenständiger klinisch relevanter Gewichtsreduktionseffekt einer hohen Proteinzufuhr ist daher nicht gesichert [2].
Die Proteinquelle zeigte in der Umbrella-Review keinen belastbaren eigenständigen Einfluss auf Körpergewicht, Fettmasse oder Taillenumfang [2]. Diese Bewertung betrifft Protein als Nährstoff und darf nicht ungeprüft auf unterschiedliche proteinreiche Lebensmittel oder Ernährungsmuster übertragen werden.
Muskelmasse, Muskelkraft und körperliches Training
Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zeigte, dass eine erhöhte Proteinzufuhr bei gesunden Erwachsenen kleine zusätzliche Zuwächse der fettfreien Masse (Körpermasse ohne Fettgewebe) und der Muskelkraft unterstützen kann. Die Effekte waren insbesondere bei gleichzeitigem Krafttraining nachweisbar [3].
Eine erhöhte Proteinzufuhr allein ersetzt keinen adäquaten Trainingsreiz. Für den gezielten Muskelaufbau sind ein progressives Krafttraining, eine ausreichende Gesamtenergiezufuhr und eine bedarfsgerechte Proteinzufuhr gemeinsam erforderlich [3, LL5].
Eine allgemeingültige Zufuhrschwelle, oberhalb der bei sämtlichen Personengruppen keine weiteren muskulären Effekte auftreten, lässt sich aus der aktuellen Metaanalyse nicht ableiten. Die optimale Proteinzufuhr hängt unter anderem vom Ausgangsverzehr, Trainingszustand, Trainingsvolumen, Alter und Energiehaushalt ab [3, LL5].
Proteinzufuhr bei älteren Menschen
Für ältere Menschen empfiehlt die European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN) eine Proteinzufuhr von mindestens 1,0 g/kg Körpergewicht und Tag. Die Zufuhr soll individuell an Ernährungszustand, körperliche Aktivität, Erkrankungen und Verträglichkeit angepasst werden [LL3].
Für gesunde ältere Menschen werden häufig 1,0-1,2 g/kg Körpergewicht und Tag empfohlen. Bei akuter oder chronischer Erkrankung werden häufig 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht und Tag angestrebt, sofern keine medizinische Kontraindikation (medizinischer Grund gegen eine Maßnahme) besteht [LL3].
Eine unkritische Proteinrestriktion (Begrenzung der Eiweißzufuhr) kann bei älteren, gebrechlichen oder mangelernährten Menschen den Erhalt der Muskelmasse und körperlichen Funktion beeinträchtigen. Eine hohe Energieaufnahme durch Protein muss in dieser Bevölkerungsgruppe deshalb gegen das Risiko einer Sarkopenie (Abnahme von Muskelmasse und Muskelkraft) und Protein-Energie-Mangelernährung (Mangelernährung durch unzureichende Eiweiß- und Energiezufuhr) abgewogen werden [3, LL3].
Proteinzufuhr im Sport
Gesunde Erwachsene mit höchstens etwa fünf Stunden sportlicher Aktivität pro Woche benötigen nach dem DGE-Positionspapier im Regelfall keine über den Referenzwert von 0,8 g/kg Körpergewicht und Tag hinausgehende Proteinzufuhr [LL5].
Bei einem Trainingsumfang von mehr als fünf Stunden pro Woche kann abhängig von Sportart, Trainingsintensität, Trainingsziel und Trainingszustand eine Zufuhr von 1,2-2,0 g/kg Körpergewicht und Tag angemessen sein [LL5].
Die erforderliche Proteinzufuhr kann im Regelfall durch eine bedarfsgerechte Lebensmittelauswahl erreicht werden. Eine routinemäßige Einnahme von Proteinpräparaten ist bei ausreichender Energie- und Proteinzufuhr nicht erforderlich [LL5]. Werden Präparate zusätzlich zur üblichen Kost aufgenommen, ist ihre Energiezufuhr in die Gesamtenergiebilanz einzubeziehen.
Nierenfunktion und Urolithiasis (Harnsteinleiden)
Die DGE-Umbrella-Review schloss systematische Übersichtsarbeiten ein, deren randomisierte Primärstudien in den Hochproteingruppen Proteinzufuhren von 1,0-3,3 g/kg Körpergewicht und Tag untersuchten. Die Ergebnisse waren endpunktspezifisch: Für eine fehlende Erhöhung der Albuminausscheidung (Ausscheidung des Eiweißes Albumin im Urin) und für das Fehlen einer Assoziation mit dem Auftreten von Nierensteinen bestand mögliche Evidenz. Dagegen waren eine höhere glomeruläre Filtrationsrate (Maß für die Filterleistung der Nieren), ein Anstieg des Serumharnstoffs (Harnstoffwert im Blut) und eine erhöhte Calciumausscheidung (Ausscheidung von Calcium durch den Körper) im Urin unter höherer Proteinzufuhr wahrscheinlich bzw. möglicherweise nachweisbar. Diese Veränderungen wurden überwiegend als physiologische Anpassungsreaktionen (normale Anpassungen des Körpers) und nicht als Nachweis einer Nierenschädigung bewertet. Über mögliche renale Folgen (Folgen für die Nieren) einer über Jahrzehnte anhaltenden sehr hohen Proteinzufuhr lässt die Datenlage keine verlässliche Aussage zu [4].
Eine höhere Proteinzufuhr war wahrscheinlich mit einer erhöhten Calciumausscheidung im Urin verbunden. Die Gesamtevidenz zeigte jedoch keinen Zusammenhang zwischen der Gesamtproteinzufuhr und dem Auftreten von Nierensteinen. Eine erhöhte Calciurie (Calciumausscheidung im Urin) allein belegt daher keine proteininduzierte Urolithiasis [4].
Die meisten zugrunde liegenden Primärstudien waren von begrenzter Dauer. Langzeitfolgen einer sehr hohen Proteinzufuhr über Jahrzehnte können deshalb nicht zuverlässig beurteilt werden. Das Fehlen nachgewiesener Schäden in kurz- und mittelfristigen Studien ist nicht mit dem Nachweis langfristiger Unbedenklichkeit gleichzusetzen [4].
Für Menschen mit chronischer Nierenkrankheit gelten andere Voraussetzungen. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) empfiehlt bei Erwachsenen mit chronischer Nierenkrankheit der Stadien G3-G5 eine Proteinzufuhr von etwa 0,8 g/kg Körpergewicht und Tag. Bei Progressionsrisiko (Risiko des Fortschreitens der Erkrankung) soll eine hohe Proteinzufuhr von mehr als 1,3 g/kg Körpergewicht und Tag vermieden werden [LL4].
Bei chronischer Nierenkrankheit soll die Ernährungstherapie individuell an Nierenfunktion, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Ernährungszustand und Progressionsrisiko angepasst werden. Sehr niedrigproteinreiche Ernährungsformen erfordern eine engmaschige nephrologische (nierenmedizinische) und ernährungsmedizinische Betreuung [LL4].
Knochengesundheit
Die Hypothese, eine höhere Proteinzufuhr verursache aufgrund einer erhöhten Säurelast oder Calciumausscheidung regelhaft einen Knochenverlust, wird durch die aktuelle Gesamtevidenz nicht gestützt. Für die meisten untersuchten Parameter der Knochenmineraldichte (Mineralgehalt des Knochens) und für das allgemeine Frakturrisiko (Risiko für Knochenbrüche) lässt sich kein belastbarer nachteiliger Effekt einer höheren Proteinzufuhr ableiten [5].
Für Erwachsene ab 65 Jahren bestand mögliche Evidenz für ein niedrigeres Hüftfrakturrisiko bei höherer gegenüber niedrigerer Gesamtproteinzufuhr. In einer der maßgeblichen Metaanalysen war eine Proteinzufuhr von mehr als 0,93 g/kg Körpergewicht und Tag gegenüber einer niedrigeren Zufuhr mit einer mittleren Reduktion des Hüftfrakturrisikos um 11 % assoziiert. Aufgrund der Beobachtungsdaten, der heterogenen Zufuhrkategorien und des fehlenden signifikanten Dosis-Wirkungs-Nachweises lässt sich daraus weder ein kausaler Effekt noch ein konkreter therapeutischer Zielwert ableiten [5].
Die Knochengesundheit ist im klinischen Kontext gemeinsam mit Gesamtenergiezufuhr, Calcium- und Vitamin-D-Versorgung, Muskelmasse, körperlicher Belastung, Alter und hormonellen Faktoren zu bewerten.
Typ-2-Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit Typ 2)
In prospektiven Beobachtungsstudien war eine höhere Gesamtproteinzufuhr möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes mellitus assoziiert. Für eine Risikoerhöhung durch tierisches Protein und eine Risikosenkung durch pflanzliches Protein war die Evidenz unzureichend [6].
Systematische Übersichtsarbeiten randomisierter kontrollierter Studien ergaben keinen eindeutigen Effekt einer höheren Proteinzufuhr auf glykiertes Hämoglobin (Langzeitblutzuckerwert), Nüchternglukose (Blutzuckerwert im nüchternen Zustand) oder Nüchterninsulin (Insulinwert im nüchternen Zustand). Die Diskrepanz zwischen Beobachtungs- und Interventionsstudien erlaubt keine eindeutige kausale Zuordnung zur Proteinmenge [6].
Die beobachteten Assoziationen können durch Proteinquellen, Lebensmittelmatrix, Körpergewicht, Verarbeitungsgrad, substituierte Makronährstoffe und weitere Ernährungs- und Lebensstilfaktoren mitbedingt sein.
Blutdruck und kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen)
Für die Gesamtzufuhr von Protein sowie für tierisches und pflanzliches Protein besteht mögliche Evidenz dafür, dass kein relevanter Zusammenhang mit der Höhe des Blutdrucks besteht. Die Unsicherheit war insbesondere für pflanzliches Protein hoch. Ergebnisse zu einzelnen Proteinquellen, beispielsweise Milchprotein, dürfen nicht auf die Gesamtproteinzufuhr übertragen werden [7].
Für die koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörung des Herzmuskels durch verengte Herzkranzgefäße) besteht wahrscheinliche Evidenz für das Fehlen eines Zusammenhangs mit der Zufuhr von Gesamtprotein, tierischem und pflanzlichem Protein. Für Schlaganfall und kardiovaskuläre Gesamterkrankungen wurde die Evidenz je nach Proteinart als möglich oder unzureichend eingestuft [8].
Aus der verfügbaren Evidenz lässt sich keine eigenständige kardiovaskuläre Risikowirkung der Gesamtproteinmenge ableiten. Für die klinische Bewertung sind die jeweiligen Lebensmittelquellen, deren Verarbeitungsgrad und die dadurch ersetzten Lebensmittel von größerer Bedeutung als der isolierte Proteingehalt [7, 8].
Krebserkrankungen
Für eine fehlende Assoziation zwischen einer höheren Gesamtproteinzufuhr und dem Risiko für kolorektale Karzinome (Krebserkrankungen des Dick- und Enddarms) sowie Mammakarzinome (Brustkrebs) besteht mögliche Evidenz. Für Prostata-, Ovarial- und Pankreaskarzinome (Krebserkrankungen von Prostata, Eierstöcken und Bauchspeicheldrüse) ist die Evidenz für eine verlässliche Beurteilung der Proteinmenge unzureichend [9].
Aus diesen Daten kann weder eine generelle kanzerogene noch eine generelle protektive Wirkung einer hohen Gesamtproteinzufuhr abgeleitet werden. Ergebnisse zu einzelnen proteinreichen Lebensmitteln oder Lebensmittelgruppen dürfen nicht auf Protein als isolierten Nährstoff übertragen werden [9].
Proteinquelle und Mortalität (Sterblichkeit)
Eine Dosis-Wirkungs-Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien ergab eine inverse Assoziation zwischen der Zufuhr pflanzlichen Proteins und der Gesamtmortalität sowie der kardiovaskulären Mortalität. Für tierisches Protein zeigte sich keine entsprechende konsistente inverse Assoziation [10].
Diese Ergebnisse beruhen auf Beobachtungsstudien und belegen keine Kausalität. Menschen mit höherer pflanzlicher Proteinzufuhr können sich zugleich hinsichtlich Ballaststoffzufuhr, Lebensmittelverarbeitung, Körpergewicht, körperlicher Aktivität und weiterer Lebensstilfaktoren unterscheiden [10].
Mikronährstoffmedizinische Bedeutung
Aus der verfügbaren Evidenz lässt sich kein charakteristisches Mikronährstoffmangelsyndrom (typische Kombination von Beschwerden durch einen Mikronährstoffmangel) ableiten, das unmittelbar durch eine hohe Proteinmenge verursacht wird. Das mikronährstoffmedizinische Risiko wird vielmehr durch die ausgewählten Proteinquellen, die Lebensmittelmatrix und die Verdrängung anderer Lebensmittel bestimmt [11, LL6].
Eine systematische Übersichtsarbeit zeigte bei Erwachsenen deutliche Unterschiede der Nährstoffzufuhr und des Nährstoffstatus zwischen veganen, vegetarischen und fleischhaltigen Ernährungsformen. Diese Unterschiede beschreiben vollständige Ernährungsmuster und dürfen nicht als unmittelbare Wirkung pflanzlichen oder tierischen Proteins interpretiert werden [11].
Bei vegetarischen und veganen Ernährungsformen waren die Zufuhr bzw. der Status von Vitamin B12, Vitamin D, Eisen, Zink, Iod und Calcium teilweise niedriger als bei fleischhaltiger Ernährung. Gleichzeitig waren unter pflanzenbasierter Ernährung die Zufuhr von Ballaststoffen, Folat, Vitamin C, Vitamin E, Magnesium und mehrfach ungesättigten Fettsäuren häufig höher [11].
Auch bei fleischhaltigen Ernährungsmustern wurden Risiken für eine unzureichende Zufuhr einzelner Nährstoffe, darunter Ballaststoffe, Folat, Vitamin D, Vitamin E, Calcium und Magnesium, beschrieben [11]. Eine ausreichende Mikronährstoffversorgung ist somit bei keiner Ernährungsform allein durch die Proteinquelle gewährleistet.
Bei veganer Ernährung muss eine zuverlässige Vitamin-B12-Versorgung sichergestellt werden. Ferner sind insbesondere Iod, Calcium, Eisen, Zink, Vitamin D, Riboflavin (Vitamin B2) sowie langkettige Omega-3-Fettsäuren individuell zu berücksichtigen [11, LL6].
Proteinreiche Fertigprodukte, Riegel und nicht angereicherte Proteinpulver sind nicht automatisch mikronährstoffreich. Sie können vollwertige Proteinquellen und pflanzliche Lebensmittel nicht hinsichtlich ihrer gesamten Lebensmittelmatrix ersetzen.
Eine hohe Proteinzufuhr allein stellt keine Indikation für eine pauschale Supplementierung von Vitaminen, Mineralstoffen oder antioxidativen Substanzen dar. Eine Supplementierung soll sich an Ernährungsform, dokumentierter Unterversorgung, erhöhtem Bedarf, Resorptionsstörung (gestörte Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm) und klinischer Situation orientieren [LL6].
Ernährungsmedizinische Beurteilung
Für die klinische Einordnung einer hohen Proteinzufuhr sind die absolute Zufuhr in Gramm pro Tag, die körpergewichtsbezogene Zufuhr in Gramm pro Kilogramm Normal- bzw. Referenzgewicht und Tag sowie der Anteil an der Gesamtenergiezufuhr zu erfassen [LL1, LL2].
Zusätzlich sind Gesamtenergiezufuhr, Gewichtsverlauf, körperliche Aktivität, Trainingsziel, Alter, Ernährungszustand, Proteinquellen und die Verwendung von Proteinpräparaten zu berücksichtigen. Bei einem Body-Mass-Index über 25 kg/m2 soll für die Bedarfsberechnung das Normalgewicht zugrunde gelegt werden [LL1].
Bei bekannter oder vermuteter chronischer Nierenkrankheit muss die Proteinzufuhr im Rahmen der leitliniengerechten nephrologischen Diagnostik beurteilt werden. Dazu gehören insbesondere die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate und die Albuminausscheidung im Urin. Eine routinemäßige nephrologische Labordiagnostik allein aufgrund einer geringfügig oberhalb des Referenzwertes liegenden Proteinzufuhr bei klinisch nierengesunden Erwachsenen lässt sich aus der verfügbaren Evidenz nicht ableiten [4, LL4].
Eine gezielte Mikronährstoffdiagnostik richtet sich nach Ernährungsform, Anamnese (Krankengeschichte), klinischen Befunden, Begleiterkrankungen und konkretem Verdacht auf eine unzureichende Versorgung. Eine unspezifische umfassende Labordiagnostik sämtlicher Mikronährstoffe ist durch eine hohe Proteinzufuhr allein nicht begründet.
Ernährungsmedizinische Intervention
Die Intervention richtet sich nicht allein nach der Proteinmenge, sondern nach Gesamtenergiebilanz, Alter, körperlicher Aktivität, Ernährungszustand, Nierenfunktion und Qualität der Proteinquellen.
- Gesunde Erwachsene unter 65 Jahren – Orientierung am Referenzwert von 0,8 g/kg Normalgewicht und Tag [LL1]
- Gesunde Erwachsene ab 65 Jahren – Orientierung am Schätzwert von 1,0 g/kg Körpergewicht und Tag sowie individuelle Anpassung an Ernährungszustand und Aktivität [LL1, LL3]
- Ältere Menschen mit akuter oder chronischer Erkrankung – häufig 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht und Tag bei fehlender Kontraindikation [LL3]
- Sportlich aktive Erwachsene mit hohem Trainingsumfang – individualisierte Zufuhr von 1,2-2,0 g/kg Körpergewicht und Tag [LL5]
- Chronische Nierenkrankheit der Stadien G3-G5 – etwa 0,8 g/kg Körpergewicht und Tag und Vermeidung von mehr als 1,3 g/kg Körpergewicht und Tag bei Progressionsrisiko [LL4]
- Vegane Ernährung – zuverlässige Vitamin-B12-Versorgung und Beachtung weiterer potenziell kritischer Nährstoffe [LL6]
Bei einer positiven Energiebilanz sollten insbesondere zusätzlich konsumierte Proteinshakes, Riegel und proteinangereicherte Zwischenmahlzeiten in die Energieanalyse einbezogen werden. Eine medizinisch indizierte Erhöhung der Proteinzufuhr sollte möglichst in die bestehende Gesamtenergiezufuhr integriert und nicht unstrukturiert addiert werden.
Die bevorzugten Proteinquellen sollten zugleich eine hohe Nährstoffdichte und eine günstige Lebensmittelmatrix aufweisen. Hierzu zählen insbesondere Hülsenfrüchte, Sojaprodukte, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen sowie entsprechend dem individuellen Ernährungsmuster Milchprodukte, Eier, Fisch und wenig verarbeitetes Fleisch.
Fazit
Protein liefert etwa 4 kcal je Gramm und kann bei zusätzlicher Aufnahme zu einer positiven Energiebilanz beitragen. Eine hohe Proteinmenge ist jedoch nicht automatisch mit einer erhöhten Gesamtenergiezufuhr verbunden.
Bei bedarfsgerechter Energiezufuhr beeinflusst die täglich zugeführte Proteinmenge Körpergewicht, Fettmasse und Taillenumfang wahrscheinlich nicht relevant. Für einen eigenständigen Gewichtsreduktionseffekt proteinreicher Kostformen im Rahmen einer Energierestriktion reicht die Evidenz nicht aus [2].
Eine erhöhte Proteinzufuhr steigert die nahrungsinduzierte Thermogenese und kann in Verbindung mit Krafttraining kleine zusätzliche Zuwächse der fettfreien Masse und Muskelkraft unterstützen [1, 3]. Eine allgemeingültige obere Schwelle für muskuläre Effekte lässt sich aus der verwendeten Metaanalyse nicht ableiten.
Für nierengesunde Erwachsene zeigt die verfügbare Evidenz für die meisten untersuchten Nierenendpunkte keinen belastbaren Zusammenhang mit einer höheren Proteinzufuhr. Die Langzeitsicherheit sehr hoher Zufuhren über Jahrzehnte bleibt jedoch ungeklärt. Bei chronischer Nierenkrankheit muss die Zufuhr leitliniengerecht individualisiert werden [4, LL4].
Eine hohe Proteinzufuhr verursacht kein belegtes spezifisches Mikronährstoffmangelsyndrom. Für die mikronährstoffmedizinische Bewertung sind Proteinquelle, Lebensmittelmatrix, Ernährungsform und Verdrängungseffekte entscheidend [11, LL6].
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