Aufnahme hoher Energiemengen durch Kohlenhydrate
Kohlenhydrate bilden eine heterogene Gruppe energieliefernder Nährstoffe. Sie umfassen Mono- und Disaccharide (Einfach- und Zweifachzucker), Oligosaccharide (aus wenigen Zuckerbausteinen bestehende Mehrfachzucker), verdauliche Stärke, resistente Stärke (weitgehend unverdaulicher Stärkeanteil) und Ballaststoffe. Ihre gesundheitliche Bewertung darf daher nicht allein anhand der Gesamtmenge erfolgen, sondern muss die Lebensmittelquelle, den Verarbeitungsgrad, den Ballaststoffgehalt, den Anteil freier Zucker, die Energiedichte und die Gesamtenergiezufuhr berücksichtigen [1, LL1, LL2].
Eine hohe Energiezufuhr durch Kohlenhydrate ist insbesondere dann ungünstig, wenn die Gesamtenergiezufuhr den individuellen Energiebedarf dauerhaft überschreitet und ein erheblicher Anteil aus freien Zuckern, zuckergesüßten Getränken, ballaststoffarmen Getreideerzeugnissen oder energiedichten hochverarbeiteten Lebensmitteln stammt. Eine hohe Zufuhr ballaststoffreicher Kohlenhydratquellen wie Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst ist davon klar abzugrenzen [1, LL1, LL2].
Energetische Bedeutung der Kohlenhydrate
Verwertbare Kohlenhydrate liefern etwa 4 kcal pro Gramm [LL6]. Nach der Verdauung werden sie überwiegend als Monosaccharide aufgenommen. Glucose (Traubenzucker) kann unmittelbar zur Energiegewinnung genutzt oder in Form von Glykogen (Speicherform der Glucose) in Leber und Skelettmuskulatur gespeichert werden. Die Speicherkapazität für Glykogen ist begrenzt [LL4].
Eine hohe Kohlenhydratzufuhr führt nicht automatisch zu einer Zunahme des Körperfetts. Für die langfristige Gewichtsentwicklung ist entscheidend, ob die gesamte Energiezufuhr den Energieverbrauch übersteigt. Zur Gesamtenergiezufuhr tragen neben Kohlenhydraten auch Fett, Protein und Alkohol bei [2, LL1, LL6].
Kohlenhydratreiche Lebensmittel unterscheiden sich erheblich in ihrer Energiedichte. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und gekochte Kartoffeln besitzen aufgrund ihres Wasser- und Ballaststoffgehalts häufig eine niedrige bis moderate Energiedichte. Süßwaren, Backwaren, Desserts und zahlreiche hochverarbeitete Produkte können dagegen gleichzeitig raffinierte Stärke, freie Zucker und Fett enthalten. Eine hohe Energiezufuhr aus solchen Lebensmitteln ist deshalb nicht ausschließlich den enthaltenen Kohlenhydraten zuzuschreiben [LL1, LL2].
Gesamtenergiezufuhr und Makronährstoffverteilung
Für die Prävention der Adipositas (starkes Übergewicht) ist die Höhe der Gesamtenergiezufuhr relevanter als das Verhältnis von Kohlenhydraten, Fett und Protein. Die aktuelle S3-Leitlinie bewertet die Qualität der Evidenz für diese Aussage als moderat. Bei der Festlegung der Makronährstoffverteilung (Verteilung der energieliefernden Hauptnährstoffe) soll zugleich die Qualität der jeweiligen Makronährstoffquellen berücksichtigt werden [LL1].
Ein Cochrane-Review randomisierter kontrollierter Studien zeigte bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas bis zu einer Beobachtungsdauer von zwei Jahren wahrscheinlich nur geringe bis keine klinisch relevanten Unterschiede zwischen kohlenhydratreduzierten und ausgewogenen energiereduzierten Ernährungsformen hinsichtlich Gewichtsabnahme und kardiovaskulärer Risikofaktoren (Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen) [2].
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) nennt für eine vollwertige Mischkost weiterhin einen Orientierungswert von mehr als 50 % der Gesamtenergiezufuhr aus Kohlenhydraten [LL4]. Für die Adipositasprävention ist nach der aktuellen S3-Leitlinie jedoch die Gesamtenergiezufuhr relevanter als das Erreichen einer bestimmten Makronährstoffrelation [LL1].
Der DGE-Wert ist daher als Orientierungswert für eine bedarfsgerechte Mischkost und nicht als krankheitspräventive Mindestgrenze oder therapeutisch zwingende Makronährstoffrelation zu verstehen. Auch eine Ernährung mit niedrigerem Kohlenhydratanteil kann bedarfsgerecht sein, sofern die Versorgung mit Energie, Ballaststoffen und essenziellen Nährstoffen gewährleistet bleibt und die Kohlenhydratreduktion nicht durch ungünstige Fett- oder Proteinquellen kompensiert wird [2, LL1, LL4].
Kohlenhydratqualität
Für die gesundheitliche Bewertung kohlenhydrathaltiger Lebensmittel ist die Kohlenhydratqualität von zentraler Bedeutung. Wesentliche Qualitätsmerkmale sind der Ballaststoff- und Vollkornanteil, die natürliche Lebensmittelmatrix, der Verarbeitungsgrad, der Anteil freier Zucker sowie die begleitende Aufnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und weiteren bioaktiven Nahrungsbestandteilen [1, LL2].
Eine Serie systematischer Reviews und Metaanalysen mit 185 prospektiven Studien und 58 randomisierten kontrollierten Studien zeigte die konsistentesten gesundheitlichen Vorteile für eine höhere Ballaststoffzufuhr und den Verzehr von Vollkornprodukten. Die Evidenzsicherheit wurde für Ballaststoffe überwiegend als moderat und für Vollkornprodukte als niedrig bis moderat eingestuft. Für den glykämischen Index (Kennwert für den Blutzuckeranstieg nach einem Lebensmittel) und die glykämische Last (Kennwert für den Blutzuckeranstieg unter Berücksichtigung der aufgenommenen Menge) war die Evidenzsicherheit niedriger [1].
Der glykämische Index beschreibt den Blutglucoseanstieg nach Aufnahme einer definierten Menge verwertbarer Kohlenhydrate aus einem Lebensmittel im Vergleich zu einer Referenz. Die glykämische Last berücksichtigt zusätzlich die in einer Portion aufgenommene Menge verwertbarer Kohlenhydrate. Beide Kenngrößen erfassen jedoch weder die gesamte Nährstoffdichte noch den Ballaststoffgehalt, die Portionsgröße oder die vollständige Lebensmittelmatrix [1, LL2].
Ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, Kohlenhydrate ab einem Alter von zwei Jahren überwiegend aus Vollkornprodukten, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchten aufzunehmen. Diese Lebensmittel liefern neben Kohlenhydraten Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und weitere bioaktive Nahrungsbestandteile [LL2].
Eine höhere Ballaststoffzufuhr war in prospektiven Studien mit einer geringeren Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit), einer geringeren kardiovaskulären Mortalität (Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen) sowie einer geringeren Inzidenz (Neuerkrankungshäufigkeit) der koronaren Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße), des Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit Typ 2) und des kolorektalen Karzinoms (Dick- und Enddarmkrebs) assoziiert. Randomisierte kontrollierte Studien zeigten bei höherer Ballaststoffzufuhr geringfügige Verbesserungen des Körpergewichts, des systolischen Blutdrucks (oberer Blutdruckwert) und der Gesamtcholesterinkonzentration [1].
In der Metaanalyse von Reynolds et al. wurden die größten Risikoreduktionen bei einer Ballaststoffzufuhr von etwa 25-29 g täglich beobachtet [1]. Die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 25 g natürlich vorkommende Ballaststoffe täglich [LL2].
Der aktuelle DGE-Richtwert beträgt für erwachsene Frauen und Männer mindestens 30 g Ballaststoffe täglich. Zusätzlich wird eine Ballaststoffdichte von mindestens 14,6 g pro 1.000 kcal bzw. 3,5 g/MJ angestrebt [LL5].
Eine hohe Kohlenhydratzufuhr aus ballaststoffreichen Lebensmitteln ist deshalb nicht mit einer hohen Zufuhr freier Zucker oder ballaststoffarmer raffinierter Getreideerzeugnisse gleichzusetzen. Eine pauschale Kohlenhydratrestriktion (Einschränkung der Kohlenhydratzufuhr) kann die Aufnahme von Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Obst und weiteren Ballaststoffquellen vermindern, wenn sie nicht qualitätsorientiert geplant wird [1, 9, LL1, LL2].
Freie und zugesetzte Zucker
Freie Zucker umfassen Mono- und Disaccharide, die Lebensmitteln durch Hersteller, Zubereitende oder Verbraucher zugesetzt werden, sowie natürlicherweise in Honig, Sirupen, Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten vorkommende Zucker. Die in intaktem Obst und Gemüse sowie in ungesüßter Milch enthaltenen Zucker zählen nach der WHO-Definition nicht zu den freien Zuckern [5, LL1, LL3].
Die S3-Leitlinie empfiehlt mit Empfehlungsgrad B und moderater Qualität der Evidenz, die Zufuhr freier Zucker zur Adipositasprävention auf weniger als 10 % der Gesamtenergiezufuhr zu begrenzen. Bei einer Gesamtenergiezufuhr von 2.000 kcal entspricht dies weniger als 50 g freien Zuckern täglich [LL1].
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) konnte keine tolerierbare obere Zufuhrmenge bzw. sichere Zufuhrgrenze für Gesamtzucker, zugesetzte Zucker oder freie Zucker ableiten. Sie empfiehlt, die Zufuhr zugesetzter und freier Zucker im Rahmen einer ernährungsphysiologisch bedarfsdeckenden Ernährung so gering wie möglich zu halten [5].
Zuckergesüßte Getränke
Zuckergesüßte Getränke stellen eine besonders relevante Quelle zusätzlicher Kohlenhydratenergie dar. Hierzu gehören insbesondere zuckerhaltige Erfrischungsgetränke, Energy-Drinks, gesüßte Fruchtgetränke sowie gesüßte Tee- und Kaffeegetränke [3, 8, LL1].
Eine Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien und randomisierter kontrollierter Studien bestätigte bei Kindern und Erwachsenen einen Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckergesüßter Getränke und einem höheren Body-Mass-Index (BMI, Maßzahl zur Beurteilung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße) bzw. Körpergewicht. In randomisierten Interventionsstudien führte die zusätzliche Bereitstellung zuckergesüßter Getränke im Vergleich zu nichtkalorischen Kontrollgetränken zu einer Gewichtszunahme [3].
Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass die zusätzlich aufgenommene Getränkeenergie häufig nicht vollständig durch eine geringere Energieaufnahme aus anderen Quellen kompensiert wird. Die aktuelle S3-Leitlinie empfiehlt deshalb mit Empfehlungsgrad A bei hoher Qualität der Evidenz, Getränke mit hohem Zuckergehalt zur Adipositasprävention zu begrenzen und zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs Wasser sowie ungesüßte Getränke zu bevorzugen [3, LL1].
Ein Umbrella-Review von 47 Metaanalysen beobachtender Studien mit mehr als 22 Millionen Personen bewertete die Evidenz für direkte Assoziationen zwischen einem höheren Konsum zuckergesüßter Getränke und kardiovaskulären Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Nephrolithiasis (Nierensteinerkrankung) sowie erhöhten Harnsäurekonzentrationen als überzeugend. Für eine nichtalkoholische Fettlebererkrankung (Fettlebererkrankung ohne schädlichen Alkoholkonsum) und Zahnkaries (Zahnfäule) wurde die Evidenz als hochgradig suggestiv eingestuft [8].
Diese Evidenzklassifikation beschreibt Stärke und Konsistenz statistischer Assoziationen. Aufgrund der beobachtenden Datengrundlage belegt sie nicht für jeden Endpunkt eine unabhängige Kausalität [8].
Fruchtsäfte und intaktes Obst
Die Zucker in Fruchtsäften werden den freien Zuckern zugerechnet. Fruchtsäfte können zwar Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe enthalten, besitzen jedoch nicht die vollständige Ballaststoffstruktur und Lebensmittelmatrix des intakten Obstes. Sie sollen daher nicht uneingeschränkt mit ganzen Früchten gleichgesetzt werden [LL1-LL3].
Eine Dosis-Wirkungs-Metaanalyse von 29 prospektiven Kohortenstudien zeigte pro zusätzlicher täglicher Portion eines zuckergesüßten Getränks ein um 25 % höheres Risiko für einen neu auftretenden Typ-2-Diabetes. Für eine zusätzliche tägliche Portion Fruchtsaft betrug die Risikoerhöhung 5 %. Die Evidenzsicherheit wurde für beide Getränkekategorien als moderat bewertet [6].
Für zugesetzte Zucker und Fructose (Fruchtzucker) als isolierte Expositionen zeigte diese Metaanalyse keine statistisch signifikante positive Assoziation mit dem Auftreten eines Typ-2-Diabetes. Auch für Gesamtzucker und Saccharose (Haushaltszucker) wurde kein konsistent erhöhtes Risiko festgestellt [6].
Die Ergebnisse unterstreichen, dass Lebensmittelquelle und Darreichungsform für die gesundheitliche Bewertung aussagekräftiger sein können als die isolierte Zuckermenge [6].
Raffinierte Stärke und hochverarbeitete Lebensmittel
Raffinierte Getreideerzeugnisse weisen im Vergleich zu entsprechenden Vollkornprodukten geringere Anteile an Getreideballaststoffen und häufig niedrigere Gehalte verschiedener Mikronährstoffe auf. Der Grad der Zerkleinerung, die Stärkeaufschließung, die Zubereitung und die Zusammensetzung der Mahlzeit beeinflussen die Verdauungsgeschwindigkeit und die postprandiale Glucosereaktion (Blutzuckerreaktion nach einer Mahlzeit) [1, LL2].
Viele energiedichte hochverarbeitete Lebensmittel enthalten eine Kombination aus raffinierter Stärke, zugesetzten Zuckern und Fett. Eine mit solchen Produkten verbundene hohe Energiezufuhr kann deshalb nicht ausschließlich einem einzelnen Makronährstoff zugerechnet werden [LL1].
Für die Ernährungstherapie ist der Austausch raffinierter Getreideprodukte durch Vollkornvarianten evidenzbasiert besser begründet als eine undifferenzierte Reduktion sämtlicher kohlenhydrathaltiger Lebensmittel [1, LL1, LL2].
Körpergewicht und Adipositas
Ein hoher Kohlenhydratanteil an der Gesamtenergiezufuhr ist für sich genommen nicht als gesicherter unabhängiger Risikofaktor für Adipositas belegt. Die aktuelle S3-Leitlinie kommt zu dem Ergebnis, dass Ernährungsformen mit unterschiedlichen Makronährstoffrelationen zur Vermeidung einer Gewichtszunahme und zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden können, sofern eine bedarfsgerechte bzw. energiereduzierte Gesamtzufuhr erreicht wird [2, LL1].
Eine energiereduzierte kohlenhydratarme Ernährung kann zu einer Gewichtsabnahme führen. Eine energiereduzierte ausgewogene Ernährung erzielt im Mittel vergleichbare Ergebnisse über ein bis zwei Jahre. Die Auswahl der Ernährungsform sollte deshalb die Lebensmittelauswahl, Nährstoffdichte, Ballaststoffzufuhr, individuelle Präferenzen, metabolische Situation und langfristige Adhärenz (Einhaltung der Ernährungsempfehlungen) berücksichtigen [2, LL1].
Die aktuelle Evidenz unterstützt keine bestimmte Makronährstoffverteilung als grundsätzlich überlegen für die langfristige Gewichtsentwicklung. Entscheidend sind eine bedarfsgerechte Gesamtenergiezufuhr, die Qualität der Lebensmittel und die langfristige Umsetzbarkeit der Ernährungsform [2, LL1].
Glucosestoffwechsel und Typ-2-Diabetes
Verdauliche Stärke und Disaccharide werden im Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt) enzymatisch zu resorbierbaren Monosacchariden abgebaut. Der anschließende Anstieg der Blutglucose stimuliert physiologisch die Insulinsekretion (Insulinausschüttung). Dieser Vorgang ist Bestandteil der normalen Regulation des Kohlenhydratstoffwechsels [LL4].
Die verfügbare Evidenz rechtfertigt keine einfache Kausalkette von einer hohen Gesamtzufuhr an Kohlenhydraten über eine gesteigerte Insulinsekretion zum Auftreten eines Typ-2-Diabetes. Die Dosis-Wirkungs-Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien zeigte erhöhte Risiken für zuckergesüßte Getränke und Fruchtsäfte, jedoch keine statistisch signifikante positive Assoziation für zugesetzte Zucker oder Fructose als isolierte Expositionen [6].
Ein Rapid Review mit Metaanalysen verglich bei Menschen mit Diabetes ballaststoffreichere Ernährungsformen mit höherem Kohlenhydratanteil mit ballaststoffärmeren Ernährungsformen mit niedrigerem Kohlenhydratanteil. Von den 499 eingeschlossenen Personen hatten 98 % einen Typ-2-Diabetes [9].
Die ballaststoffreicheren Ernährungsformen mit höherem Kohlenhydratanteil führten im Mittel zu stärkeren Senkungen des glykierten Hämoglobins (Langzeitblutzuckerwert), des Nüchterninsulins, des Gesamtcholesterins und des LDL-Cholesterins (ungünstiger Cholesterinanteil). Da Ballaststoff- und Kohlenhydratmenge gleichzeitig verändert wurden, erlauben die Ergebnisse keine isolierte Bewertung des Kohlenhydratanteils. Sie unterstreichen jedoch die Bedeutung der Ballaststoffzufuhr für die Beurteilung kohlenhydratreicher Ernährungsformen [9].
Leberfett und Dyslipidämie
Eine Metaanalyse von 51 kontrollierten Ernährungsstudien untersuchte unterschiedliche Lebensmittelquellen fructosehaltiger Zucker unter verschiedenen Bedingungen der Energiezufuhr [7].
Wurden zuckergesüßte Getränke zusätzlich zur Ausgangsernährung aufgenommen und dadurch erhebliche überschüssige Energiemengen zugeführt, stiegen der intrahepatozelluläre Fettgehalt (Fettgehalt in den Leberzellen) und die Alanin-Aminotransferase (ALT, Leberenzym) an. Die Evidenzsicherheit wurde für die Zunahme des Leberfetts als hoch und für den Anstieg der Alanin-Aminotransferase als moderat bewertet [7].
Bei isoenergetischer Substitution (Austausch bei gleicher Energiezufuhr) anderer Makronährstoffe durch fructosehaltige Zucker zeigte sich kein entsprechender genereller Effekt auf Leberfett oder Leberenzyme. Die Ergebnisse unterstützen keinen generellen, von Energieüberschuss und Lebensmittelquelle unabhängigen ungünstigen Effekt fructosehaltiger Zucker auf die untersuchten Leberparameter [7].
Die EFSA bewertet die Evidenz für einen positiven kausalen Zusammenhang zwischen der Zufuhr zugesetzter bzw. freier Zucker und Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) als moderat. Diese Bewertung bezieht sich auf zugesetzte und freie Zucker und darf nicht auf ballaststoffreiche Kohlenhydratquellen übertragen werden [5].
Mikronährstoffmedizinische Bedeutung
Kohlenhydratreiche Lebensmittel können je nach Lebensmittelgruppe sehr unterschiedliche Beiträge zur Mikronährstoffversorgung leisten. Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst und Kartoffeln liefern neben Kohlenhydraten unter anderem Ballaststoffe, verschiedene B-Vitamine, Folat, Kalium, Magnesium, Eisen und weitere bioaktive Nahrungsbestandteile [LL1, LL2].
Eine hohe Aufnahme zugesetzter oder freier Zucker war in einem aktuellen systematischen Review überwiegend mit einer geringeren Qualität der Gesamternährung assoziiert. Wiederholt wurden niedrigere berechnete Aufnahmen von Ballaststoffen, Vitamin D, Calcium und Kalium beschrieben [4].
Der Review umfasste ausschließlich Querschnittsstudien. Die Evidenzsicherheit wurde deshalb als sehr niedrig bewertet. Aus den Ergebnissen kann weder eine kausale Verminderung der Mikronährstoffversorgung noch ein regelhaft auftretender klinischer Mikronährstoffmangel (Mangel an Vitaminen oder Mineralstoffen) abgeleitet werden [4].
Die mikronährstoffmedizinische Relevanz einer hohen Energiezufuhr durch nährstoffarme Kohlenhydratquellen besteht damit primär in einer möglichen Verringerung der Nährstoffdichte der Gesamternährung. Entscheidend ist, ob zucker- und stärkereiche Produkte Lebensmittel mit höherer Ballaststoff- und Mikronährstoffdichte ersetzen [4, LL1, LL2].
Die verfügbare Evidenz liefert keine Grundlage für eine spezifische Mikronährstoffsupplementierung (gezielte Ergänzung von Vitaminen und Mineralstoffen) allein aufgrund einer hohen Kohlenhydratzufuhr [4].
Zahngesundheit
Die leitlinienrelevante Evidenz und die quantitativen Grenzwerte zur Kariesprävention beziehen sich auf freie Zucker und nicht auf die Gesamtzufuhr an Kohlenhydraten [10, LL3].
Ein aktualisierter systematischer Review bestätigte eine positive Assoziation zwischen der Höhe der Zuckerzufuhr und der Kariesbelastung bei Kindern und Erwachsenen. Für eine geringere Kariesbelastung bei einer Zufuhr freier Zucker von weniger als 10 % der Gesamtenergiezufuhr besteht Evidenz moderater Qualität [10].
Für einen zusätzlichen Nutzen einer Begrenzung freier Zucker auf weniger als 5 % der Gesamtenergiezufuhr wurde die Evidenz als niedrig bewertet [10]. Die WHO spricht für weniger als 10 % eine starke und für weniger als 5 % eine bedingte Empfehlung aus [LL3].
Ernährungsmedizinische Erfassung
Die Bewertung einer hohen Energiezufuhr durch Kohlenhydrate sollte nicht allein anhand der Kohlenhydratmenge erfolgen. Erfasst werden sollten:
- Anteil der Kohlenhydrate an der Gesamtenergiezufuhr
- absolute Gesamtenergiezufuhr im Verhältnis zum individuellen Energiebedarf
- Menge und Häufigkeit zuckergesüßter Getränke
- Zufuhr freier und zugesetzter Zucker
- Verzehr von Fruchtsäften und Smoothies
- Anteil raffinierter Getreideprodukte
- Anteil von Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst
- tägliche Ballaststoffzufuhr und Ballaststoffdichte
- Energiedichte und Verarbeitungsgrad kohlenhydratreicher Lebensmittel
- gleichzeitige Aufnahme von Fett in Süßwaren, Backwaren und hochverarbeiteten Produkten
- körperliche Aktivität und weitere Determinanten des Energieverbrauchs
- Gewichtsverlauf und Taillenumfang
- individuelle metabolische Begleiterkrankungen (begleitende Stoffwechselerkrankungen)
Der Energieanteil aus Kohlenhydraten kann nach folgender Formel berechnet werden:
Kohlenhydrate in Energieprozent – Gramm verwertbare Kohlenhydrate pro Tag × 4 kcal ÷ Gesamtenergiezufuhr in kcal × 100
Für die Bewertung einer möglichen energetischen Überversorgung ist zusätzlich die absolute Gesamtenergiezufuhr erforderlich. Ein hoher prozentualer Kohlenhydratanteil kann bei insgesamt bedarfsgerechter Energiezufuhr anders zu bewerten sein als ein niedrigerer Kohlenhydratanteil bei ausgeprägtem Energieüberschuss [2, LL1].
Ernährungstherapeutische Maßnahmen
- Gesamtenergiezufuhr an den individuellen Energiebedarf anpassen – die langfristige Energiebilanz ist für die Gewichtsentwicklung relevanter als eine isolierte Makronährstoffrelation [2, LL1]
- Kohlenhydratqualität priorisieren – Vollkornprodukte, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte als primäre Kohlenhydratquellen auswählen [1, LL2]
- Ballaststoffzufuhr sicherstellen – für Erwachsene mindestens 30 g täglich und mindestens 14,6 g pro 1.000 kcal anstreben [LL5]
- Freie Zucker begrenzen – weniger als 10 % der Gesamtenergiezufuhr [5, LL1, LL3]
- Zuckergesüßte Getränke begrenzen – Wasser und ungesüßte Getränke zur Deckung des Flüssigkeitsbedarfs bevorzugen [3, LL1]
- Fruchtsäfte nur in moderaten Mengen aufnehmen – Zucker aus Fruchtsäften als freie Zucker berücksichtigen [6, LL1, LL3]
- Raffinierte Getreideprodukte durch Vollkornvarianten ersetzen – Ballaststoffgehalt und Nährstoffdichte der Ernährung erhöhen [1, LL1, LL2]
- Energiedichte hochverarbeiteter Lebensmittel berücksichtigen – insbesondere Kombinationen aus raffinierter Stärke, freien Zuckern und Fett begrenzen [LL1]
- Kohlenhydratrestriktion nicht isoliert bewerten – Qualität der Ersatznährstoffe, Ballaststoffzufuhr und langfristige Umsetzbarkeit berücksichtigen [2, LL1]
Fazit
Eine hohe Energiezufuhr durch Kohlenhydrate ist nicht mit einem hohen Kohlenhydratanteil allein gleichzusetzen. Für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas ist die langfristige Gesamtenergiebilanz relevanter als das Verhältnis von Kohlenhydraten, Fett und Protein [2, LL1].
Die gesundheitliche Wirkung kohlenhydratreicher Lebensmittel hängt wesentlich von ihrer Qualität und Lebensmittelmatrix ab. Ballaststoffreiche Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst sind von freien Zuckern, zuckergesüßten Getränken, raffinierter Stärke und energiedichten hochverarbeiteten Produkten klar abzugrenzen [1, LL1, LL2].
Besonders konsistente Evidenz für eine zusätzliche Energieaufnahme und Gewichtszunahme besteht für zuckergesüßte Getränke. Ein erheblicher Energieüberschuss durch zuckergesüßte Getränke kann außerdem den intrahepatozellulären Fettgehalt und die Alanin-Aminotransferase erhöhen. Für die isolierte Gesamtzufuhr von Kohlenhydraten ist dagegen kein unabhängiger adipogener Effekt (gewichtsfördernder Effekt) nachgewiesen [2, 3, 7, LL1].
Aus mikronährstoffmedizinischer Sicht ist vor allem die Nährstoffdichte der Gesamternährung relevant. Eine hohe Zufuhr zugesetzter und freier Zucker ist mit einer geringeren Ernährungsqualität und teilweise niedrigeren berechneten Aufnahmen von Ballaststoffen, Vitamin D, Calcium und Kalium assoziiert. Ein kausaler klinischer Mikronährstoffmangel ist dadurch nicht belegt [4].
Die evidenzbasierte Ernährungstherapie richtet sich daher nicht gegen Kohlenhydrate als Stoffgruppe. Sie verbindet eine bedarfsgerechte Gesamtenergiezufuhr mit einer hohen Kohlenhydratqualität, ausreichender Ballaststoffzufuhr, der Begrenzung freier Zucker und dem bevorzugten Verzehr gering verarbeiteter pflanzlicher Lebensmittel [1, LL1-LL5].
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- World Health Organization: Carbohydrate intake for adults and children: WHO guideline. Geneva: World Health Organization; 2023. Leitlinie
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- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Kohlenhydrate. Referenzwerte
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Ballaststoffe. Referenzwerte
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr – Energie. Referenzwerte