Ernährungstherapie bei immunologischer Schwäche/Infektanfälligkeit
Die Ernährungstherapie bei immunologischer Schwäche bzw. erhöhter Infektanfälligkeit umfasst diätetische Maßnahmen zur gezielten Unterstützung der angeborenen und adaptiven Immunabwehr. Sie stellt keinen kausalen Therapieansatz dar, sondern eine zentrale supportive Maßnahme im Gesamtkonzept der Prävention und Behandlung häufiger wiederkehrender Infektionen.
Im Gegensatz zu sekundären Immundefekten, die klar definierte, meist krankheits- oder therapiebedingte Störungen des Immunsystems darstellen, beschreibt die immunologische Schwäche keinen eigenständigen Krankheitsbegriff. Vielmehr handelt es sich um einen funktionellen Zustand mit erhöhter Anfälligkeit gegenüber Infektionen, häufig ohne eindeutig diagnostizierbare Grunderkrankung. Die Übergänge zwischen physiologischer Variabilität, funktioneller Immunschwäche und klinisch manifestem Immundefekt sind dabei fließend.
Dieser Zustand kann durch vielfältige Faktoren bedingt sein, die die Immunfunktion funktionell beeinträchtigen, ohne zwangsläufig einen manifesten Immundefekt im medizinischen Sinne darzustellen. Dazu zählen insbesondere Mangelernährung, Alterungsprozesse, psychophysischer Stress, Schlafmangel sowie eine Dysregulation des Darmmikrobioms (Darmflora). Auch Mikronährstoffdefizite spielen eine zentrale Rolle, da sie häufig unerkannt bleiben, aber funktionell relevante Einschränkungen der Immunantwort verursachen können.
Die Ernährung beeinflusst das Immunsystem auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Sie liefert strukturelle Bausteine für Immunzellen, moduliert entzündliche Prozesse, stabilisiert die Darmbarriere und beeinflusst die Zusammensetzung und Funktion des Mikrobioms. Eine unzureichende oder unausgewogene Ernährung kann hingegen zu einer erhöhten Infektanfälligkeit, verlängerten Krankheitsverläufen und einer verzögerten Regeneration führen.
Wissenschaftliche Grundlagen
Die wissenschaftliche Basis der Ernährungstherapie bei immunologischer Schwäche beruht auf der engen Interaktion zwischen Ernährung, Stoffwechsel und Immunsystem. Bereits klassische Untersuchungen zur Protein-Energie-Mangelernährung zeigen, dass eine unzureichende Nährstoffzufuhr zu einer signifikanten Beeinträchtigung sowohl der zellulären als auch der humoralen Immunantwort führt. Moderne Forschung hat dieses Verständnis erweitert und zeigt, dass auch subklinische Defizite einzelner Mikronährstoffe (Vitalstoffe) die Funktion von Immunzellen erheblich beeinträchtigen können.
Vitamin D reguliert die angeborene Immunität unter anderem über die Induktion antimikrobieller Peptide, die wie eine erste Schutzbarriere gegen Krankheitserreger wirken. Zink ist essentiell für die Entwicklung und Funktion von T-Lymphozyten, während Selen eine zentrale Rolle im antioxidativen Schutzsystem übernimmt. Vitamin C unterstützt die Barrierefunktion und wirkt als Antioxidans. Diese Effekte sind durch zahlreiche Metaanalysen und systematische Reviews gut belegt [1-3].
Parallel dazu hat sich die Bedeutung des intestinalen Mikrobioms als immunologisches Schlüsselorgan etabliert. Eine ballaststoffreiche Ernährung fördert die Bildung kurzkettiger Fettsäuren, die entzündungsmodulierend wirken und regulatorische T-Zellen beeinflussen. Dysbiosen (gestörtes Gleichgewicht der Darmflora) sind hingegen mit erhöhter Infektanfälligkeit und chronischer Entzündung assoziiert [2, 3].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie verfolgt das übergeordnete Ziel, die Immunfunktion funktionell zu stabilisieren und die Infektanfälligkeit nachhaltig zu reduzieren. Dabei steht nicht ein einzelner Biomarker im Vordergrund, sondern die Verbesserung eines komplexen immunologischen Gleichgewichts.
Primäre therapeutische Zielparameter sind eine Reduktion der Infekthäufigkeit, eine Verkürzung der Krankheitsdauer sowie eine Verbesserung klinischer und laborchemischer Marker (z. B. Entzündungsparameter, Ernährungsstatus).
Sekundär sollen die Lebensqualität, Belastbarkeit und Regenerationsfähigkeit verbessert werden.
Die leitlinienorientierte Logik folgt dem Schema:
- Indikation: erhöhte Infektanfälligkeit
- Intervention: Optimierung der Nährstoffzufuhr und entzündungsmodulierende Ernährung
- Monitoring: klinischer Verlauf, Infektrate, ggf. Laborparameter
- Risikobewertung: Mangelernährung
Kurzfristig liegt der Fokus auf der Stabilisierung der Abwehrmechanismen, langfristig auf der nachhaltigen Verbesserung der Immunresilienz.
Grundprinzipien
Die Ernährungstherapie basiert auf einer vollwertigen, überwiegend pflanzenbasierten und entzündungsmodulierenden Ernährungsweise mit hoher Nährstoffdichte. Entscheidend ist nicht ein einzelnes Lebensmittel, sondern das Gesamternährungsmuster.
Zentrale Prinzipien sind eine ausreichende Energiezufuhr zur Vermeidung kataboler Stoffwechsellagen, eine adäquate Proteinzufuhr zur Unterstützung der Immunzellneubildung sowie eine hohe Zufuhr an Mikronährstoffen und sekundären Pflanzenstoffen. Gleichzeitig sollen proinflammatorische (entzündungsfördernde) Faktoren wie hochverarbeitete Lebensmittel, Trans-Fettsäuren und übermäßiger Zuckerkonsum reduziert werden.
Eine regelmäßige Mahlzeitenstruktur unterstützt die metabolische Stabilität.
Extreme Diäten oder restriktive Ernährungsmuster sind zu vermeiden, da sie das Immunsystem zusätzlich belasten können.
Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt ist zudem die strikte Einhaltung hygienischer Standards bei der Lebensmittelzubereitung und -lagerung, um das Risiko lebensmittelbedingter Infektionen zu minimieren. Dies ist insbesondere bei stark immunsupprimierten Patienten von entscheidender Bedeutung.
Angestrebte Wirkmechanismen
Die immunmodulatorischen Effekte der Ernährung beruhen auf mehreren ineinandergreifenden Mechanismen. Zentral ist die Bereitstellung essentieller Mikronährstoffe, die als Cofaktoren in immunologischen Signalwegen fungieren. So beeinflusst Vitamin D die Expression antimikrobieller Peptide, während Zink und Selen zentrale Funktionen in der Immunzellproliferation (Vermehrung von Immunzellen durch Zellteilung) und im antioxidativen Schutz übernehmen [1, 3].
Omega-3-Fettsäuren wirken entzündungsmodulierend, indem sie die Bildung proinflammatorischer (entzündungsfördernder) Eicosanoide reduzieren. Dabei handelt es sich um Botenstoffe, die Entzündungen im Körper verstärken können. Gleichzeitig fördern Omega-3-Fettsäuren die Bildung sogenannter spezialisierter pro-resolvierender Mediatoren (entzündungsauflösende Botenstoffe). Diese tragen aktiv dazu bei, Entzündungen zu beenden und die Heilung einzuleiten. Auf diese Weise kann eine überschießende oder chronische Entzündungsreaktion abgeschwächt werden.
Eine ausreichende Proteinzufuhr trägt zur Synthese von Antikörpern und Immunzellen bei. Eine energetische Unterversorgung hingegen führt zu einer funktionellen Immunsuppression.
Ein weiterer wichtiger Mechanismus ist die Stabilisierung der epithelialen Barrieren, insbesondere im Darm. Diese Barriere besteht aus einer Schutzschicht von Zellen, die den Darm nach innen abdichtet. Ist sie intakt, verhindert sie die Translokation von Pathogenen (das Übertreten von Krankheitserregern aus dem Darm in den Blutkreislauf). Dadurch wird das Immunsystem entlastet und die Infektanfälligkeit reduziert. Ballaststoffe sowie eine gesunde Mikrobiota (Darmflora) tragen wesentlich dazu bei, diese Schutzfunktion aufrechtzuerhalten.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Die Ernährungstherapie richtet sich an Personen mit erhöhter Infektanfälligkeit, unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache.
Geeignete Zielgruppen
- Kinder, geriatrische (ältere) Patienten
- Personen mit rezidivierenden (wiederkehrenden) Infekten
- Patienten mit chronischen Erkrankungen
- immunsupprimierte Patienten
Eingeschränkte Eignung
- Schwere akute Krankheitszustände
- Komplexe Stoffwechselerkrankungen
Indikationsbezogen
- Atemwegsinfekte
- Chronische Entzündungen
- Postinfektiöse Regeneration
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Die Durchführung beginnt mit einer strukturierten Analyse der aktuellen Ernährung sowie einer Bewertung des Ernährungsstatus. Dabei werden insbesondere Energiezufuhr, Proteinaufnahme und potentielle Mikronährstoffdefizite berücksichtigt.
Auf dieser Basis erfolgt die Festlegung des individuellen Bedarfs. Als orientierende Richtwerte gelten:
- Energiezufuhr: ca. 25-30 kcal/kg Körpergewicht pro Tag (bei ausgeprägter Entzündung oder Katabolismus ggf. bis 30-35 kcal/kg KG)
- Proteinzufuhr: ca. 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag (bei schwerer kataboler Stoffwechsellage bis zu 1,5-2,0 g/kg KG, sofern keine Kontraindikationen (Gegenanzeigen) wie schwere Niereninsuffizienz bestehen)
Ein häufiger Fehler ist der Versuch, die Ernährung abrupt und umfassend umzustellen, was häufig zu Überforderung und mangelnder Adhärenz (Umsetzbarkeit im Alltag) führt.
Sinnvoll ist ein schrittweises Vorgehen: Zunächst werden stark verarbeitete Lebensmittel reduziert und parallel nährstoffreiche Lebensmittel gezielt integriert.
Anschließend erfolgt eine Optimierung der Mahlzeitenstruktur mit Fokus auf Regelmäßigkeit und Nährstoffdichte.
Im weiteren Verlauf können spezifische Anpassungen, etwa eine gezielte Proteinzufuhr oder die Integration fermentierter Lebensmittel, erfolgen.
Die Dauer der Ernährungstherapie ist langfristig angelegt, da nachhaltige Effekte auf die Immunfunktion nur durch eine dauerhafte Ernährungsumstellung erreicht werden.
Empfohlene Lebensmittel
Die Ernährung sollte nährstoffreich, ausgewogen und möglichst frisch sein. Ziel ist es, den Körper optimal mit Energie, Proteinen und Mikronährstoffen zu versorgen, um das Immunsystem zu unterstützen.
Proteinreiche Lebensmittel – Proteine sind für die Immunabwehr und den Muskelerhalt essentiell
- Fisch (z. B. Lachs, Makrele, Hering – zusätzlich reich an Omega-3-Fettsäuren)
- Eier
- Milchprodukte (Joghurt, Quark, Käse)
- Hülsenfrüchte (Linsen, Kichererbsen, Bohnen)
- Mageres Fleisch (Geflügel, Rind in moderaten Mengen)
Obst und Gemüse (5 Portionen pro Tag als Orientierung) – liefern wichtige Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe
- Kohlgemüse (z. B. Brokkoli, Rosenkohl, Rucola) enthält sekundäre Pflanzenstoffe (z. B. Sulforaphan), die immunmodulierend wirken können
- Bevorzugt bunt kombinieren (z. B. Beeren, Brokkoli, Spinat, Karotten, Paprika)
- Möglichst frisch oder schonend gegart
- Tiefkühlgemüse ist eine gute Alternative
Gesunde Fette – unterstützen entzündungsregulierende Prozesse, insbesondere durch Omega-3-Fettsäuren
- Olivenöl (z. B. für Salate oder leichtes Anbraten)
- Nüsse und Samen (z. B. Walnüsse, Mandeln, Leinsamen – enthalten pflanzliche Omega-3-Fettsäuren)
- Avocado
- Fette Meeresfische (z. B. Lachs, Hering, Makrele – besonders reich an den Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
Vollkornprodukte und ballaststoffreiche Lebensmittel – fördern die Darmgesundheit und damit auch das Immunsystem
- Vollkornbrot, Haferflocken, Naturreis
- Kombination mit Eiweiß (z. B. Haferflocken + Joghurt)
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Bestimmte Lebensmittel können Entzündungsprozesse fördern, den Nährstoffgehalt der Ernährung verschlechtern oder die Immunfunktion indirekt beeinträchtigen.
- Stark verarbeitete Lebensmittel – enthalten oft viele Zusatzstoffe, ungünstige Fette und wenig Nährstoffe
- Fertiggerichte, Fast Food
- Chips, Snacks, Instantprodukte
- Zuckerreiche Produkte – liefern „leere Kalorien“ und können Entzündungsprozesse fördern
- Süßigkeiten, Kuchen, Gebäck
- Gezuckerte Getränke (Cola, Limonade, Energydrinks)
- Trans-Fettsäuren und ungesunde Fette – wirken entzündungsfördernd
- Frittierte Lebensmittel
- Industrielle Backwaren
- Margarine minderer Qualität
Folgende Regeln sollten konsequent beachtet werden:
- Keine rohen tierischen Lebensmittel
→ Verzicht auf rohe oder nicht durchgegarte Eier (z. B. Spiegelei mit flüssigem Eigelb, Tiramisu), rohes Fleisch, rohen Fisch - Keine Rohmilchprodukte
→ Insbesondere Rohmilch und Rohmilchkäse meiden (erhöhtes Risiko für z. B. Listerien) - Speisen ausreichend erhitzen
→ Lebensmittel sollten gut durchgegart sein (Kerntemperatur ≥ 60-70 °C über mehrere Minuten) - Frische beachten
→ Angebrochene Lebensmittel zeitnah verbrauchen oder verwerfen - Vorsicht bei Speiseeis
→ Industriell abgepacktes Eis ist unproblematisch, Softeis sollte gemieden werden - Küchenhygiene einhalten
→ Gründliches Waschen von Händen, Obst und Gemüse
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Schädigung der Schleimhäute
- Beeinträchtigung der lokalen Immunabwehr
- Erhöht Infektionsrisiko
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz
Alkohol
- Reduktion der Immunantwort durch chronischen Konsum
- Kann die Nährstoffaufnahme beeinträchtigen
- Empfehlung: möglichst vermeiden oder stark reduzieren
- Niedrigrisikokonsum nur im Ausnahmefall
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Einkauf strategisch planen
- Einkaufsliste mit Fokus auf frische Lebensmittel erstellen
- „Basis-Lebensmittel“ fest definieren (Gemüse, Eier, Hafer, Nüsse)
Mahlzeiten vereinfachen
- 3-5 Standardgerichte etablieren (z. B. Gemüsepfanne + Proteinquelle)
- Keine komplizierten Rezepte notwendig
Protein bewusst einbauen
- Jede Mahlzeit sollte eine Proteinquelle enthalten
- Einfache Optionen: Joghurt, Eier, Hülsenfrüchte
Mikronährstoffe praktisch sichern
- Täglich Gemüse + Obst (Faustregel: 5 Portionen)
- Farbliche Vielfalt (sekundäre Pflanzenstoffe)
Darmgesundheit aktiv fördern
- Tägliche Ballaststoffe (Vollkorn, Gemüse)
- 1 Portion fermentierte Lebensmittel pro Tag
Infektphasen berücksichtigen
- Leicht verdauliche Kost (Suppen, weiche Lebensmittel)
- Flüssigkeitszufuhr erhöhen
Alltag integrieren
- Meal-Prep (Vorkochen)
- Gesunde Snacks vorbereiten
Diese Maßnahmen sind entscheidend für die langfristige Umsetzbarkeit und den Therapieerfolg.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Die Ernährungstherapie ist aus ernährungsphysiologischer Sicht als ausgewogen und evidenzbasiert einzustufen, sofern sie korrekt umgesetzt wird. Sie gewährleistet eine adäquate Versorgung mit Makronährstoffen (Hauptnährstoffe: Kohlenhydrate, Fette, Proteine (Eiweiß)) und eine hohe Dichte an essentiellen Mikronährstoffen.
Die Energiezufuhr muss dem individuellen Bedarf angepasst werden. Eine negative Energiebilanz führt zu katabolen Stoffwechsellagen und kann die Immunfunktion erheblich beeinträchtigen. Insgesamt ist die Ernährungsform langfristig als ausgewogen und nachhaltig zu bewerten.
Die Proteinzufuhr spielt eine zentrale Rolle, da Aminosäuren für die Synthese von Immunzellen, Zytokinen (zentrale Botenstoffe des Immunsystems) und Antikörpern benötigt werden. Eine unzureichende Proteinzufuhr ist mit einer erhöhten Infektanfälligkeit assoziiert.
Gleichzeitig fördern Ballaststoffe die Darmgesundheit und damit einen zentralen Bestandteil der Immunabwehr.
Mikronährstoffe tragen nachweislich zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei. Sie sind an zentralen Prozessen der Immunregulation beteiligt, unter anderem an der Aufrechterhaltung epithelialer Barrieren, am Schutz vor oxidativem Stress sowie an der Regulation entzündlicher Signalwege. Subklinische Defizite sind häufig und können funktionell relevante Einschränkungen der Immunantwort verursachen, auch ohne manifeste Mangelzustände [1-3].
- Vitamin A: Substitution bei gesichertem Mangel zur Stabilisierung epithelialer Barrieren (z. B. Atemwegs- und Darmschleimhaut), insbesondere bei Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm), chronischen Darm- oder Lebererkrankungen; keine routinemäßige Hochdosisgabe ohne Mangel; bei chronischen Verläufen Monitoring zur Vermeidung von Unter- und Überversorgung [5]
- Vitamin C: Bei rezidivierenden (wiederkehrenden) Atemwegsinfekten und unzureichender Zufuhr therapeutischer Versuch im physiologischen bis moderaten Bereich möglich; primär Reduktion von Dauer und Schwere; Hochdosen bei Nephrolithiasis-Risiko (Nierensteine) oder Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) vermeiden; langfristig Sicherstellung einer bedarfsdeckenden Zufuhr bei erhöhter oxidativer Belastung [5]
- Vitamin D: Bestimmung von 25(OH)D bei Risikokonstellationen (z. B. rezidivierende Infekte, Malabsorption, Adipositas, geringe UV-Exposition); Substitution bei Mangel mit Ziel ≥ 50 nmol/l (≥ 20 ng/ml); kein Ersatz für kausale Therapie; bei chronischer Immundefizienz oder Glukokortikoidtherapie regelmäßige Kontrolle mit zusätzlicher knochenprotektiver Zielsetzung [5]
- Vitamin B6, Folsäure, Vitamin B12: Diagnostik bei Anämie (Blutarmut), Makrozytose (vergrößerte rote Blutkörperchen) oder Neuropathie (Nervenschädigung) sowie bei Risikokonstellationen (z. B. Malabsorption, Metformin-/PPI-Therapie); Substitution bei Mangel zur Unterstützung von Hämatopoese (Blutbildung) und Immunzellneubildung; bei Vitamin B12 im Graubereich Zusatzdiagnostik; Verlaufskontrolle zur Prävention hämatologischer und neurologischer Folgeschäden [5, 6]
- Eisen: Abklärung bei Infektanfälligkeit und Anämie; Substitution nur bei gesichertem Mangel, da freies Eisen Pathogenwachstum fördern kann; Ferritin bei Entzündung nur in Kombination mit CRP (C‑reaktives Protein) und Transferrinsättigung bewerten; langfristig individuelle Balance zwischen Mangelkorrektur und Vermeidung von Eisenüberladung [5]
- Zink: Diagnostik bei rezidivierenden Infekten, Wundheilungsstörungen oder Malabsorption; Substitution bei Mangel oder hoher klinischer Wahrscheinlichkeit; Langzeitgaben kontrolliert wegen Kupfermangel; bei Daueranwendung Kontrolle von Kupferstatus und Blutbild [5, 7]
- Selen: Statusbestimmung bei Risikogruppen (z. B. parenterale Ernährung (Nährstoffzufuhr über die Blutbahn), Dialyse, kritische Erkrankung); Substitution bei Mangel; keine generelle Supplementation bei ausreichender Versorgung; Langzeitmonitoring zur Vermeidung von Mangel- und Überversorgung [5, 8]
- Kupfer: Diagnostik bei Neutropenie (verminderte Anzahl bestimmter weißer Blutkörperchen), Anämie oder neurologischen Symptomen sowie bei langfristiger Zinkgabe; Mangelkorrektur immunologisch relevant; Kontrolle bei Risikokonstellationen (z. B. Malabsorption, bariatrische Chirurgie) [5]
- Omega‑3-Fettsäuren (EPA/DHA): Kein primärer antiinfektiver Ansatz; potenziell sinnvoll bei inflammatorischer Dysregulation (fehlregulierte Entzündungsreaktion) oder Hypertriglyzeridämie (erhöhte Blutfette); individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung; langfristig Bestandteil einer antiinflammatorischen Ernährung [5]
- Probiotika/Präbiotika: Bei rezidivierenden Atemwegsinfekten oder antibiotikaassoziierter Diarrhoe (durch Antibiotika verursachter Durchfall) ggf. sinnvoll (stammspezifisch); bei schwerer Immunsuppression zurückhaltend; kein Ersatz für Therapie primärer Immundefekte; Langzeitanwendung nur bei klarer Indikation [5, 9]
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die Ernährungstherapie gilt als sicher, jedoch bestehen relevante Risiken bei unsachgemäßer Umsetzung. Eine zu restriktive Ernährung kann zu Energie- und Proteinmangel führen und damit die Immunfunktion paradox verschlechtern. Insbesondere bei älteren oder chronisch kranken Patienten besteht ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung.
Gastrointestinale Beschwerden können insbesondere zu Beginn durch eine erhöhte Ballaststoffzufuhr auftreten. Diese sind meist transient und durch langsame Anpassung vermeidbar.
Langfristig können unausgewogene Ernährungsformen zu Mikronährstoffdefiziten führen. Zudem sind potentielle Wechselwirkungen mit Medikamenten zu berücksichtigen (z. B. Vitamin K und Antikoagulantien/Blutverdünner).
Eine regelmäßige Evaluation ist daher sinnvoll und insbesondere bei Risikopatienten erforderlich [2-4].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen
- Schwere Organinsuffizienz
- Komplexe Stoffwechselerkrankungen
Vorteile
- Verbesserung der Immunfunktion
- Reduktion der Infektanfälligkeit
- Unterstützung der Regeneration
Grenzen
- Keine kausale Therapie
- Abhängig von Adhärenz
- Interindividuelle Unterschiede
Wissenschaftliche Einordnung
Die aktuelle Evidenz zeigt konsistent, dass eine adäquate Ernährung eine zentrale Voraussetzung für eine funktionierende Immunabwehr darstellt. Leitlinien und systematische Reviews betonen insbesondere die Bedeutung einer ausreichenden Energie- und Proteinzufuhr sowie die Rolle spezifischer Mikronährstoffe [1-3].
Die Evidenz für einzelne Nährstoffe ist gut belegt, während komplexe Ernährungsmuster schwieriger isoliert zu untersuchen sind. Dennoch ergibt sich aus der Gesamtheit der Daten eine hohe Plausibilität für eine ganzheitliche, nährstoffreiche Ernährung.
Fazit
Die Ernährungstherapie bei immunologischer Schwäche stellt einen essentiellen Bestandteil eines ganzheitlichen Therapiekonzepts dar. Kurzfristig kann sie zur Stabilisierung der Immunfunktion beitragen, langfristig zur nachhaltigen Reduktion der Infektanfälligkeit.
Aus medizinischer Sicht ist sie klar sinnvoll und evidenzbasiert, insbesondere zur Korrektur von Nährstoffdefiziten und zur Unterstützung immunologischer Prozesse. Ihre Stärke liegt in der breiten Anwendbarkeit, der guten Verträglichkeit und der nachhaltigen Wirkung.
Im Vergleich zu pharmakologischen Maßnahmen ist sie jedoch als unterstützende, nicht als primäre Therapie zu verstehen. Entscheidend für den Erfolg ist die konsequente und langfristige Umsetzung im Alltag.
Literatur
- Calder PC: Nutrition, immunity and COVID-19. BMJ Nutr Prev Health. 2020 May 20;3(1):74-92. doi: 10.1136/bmjnph-2020-000085.
- Gombart AF, Pierre A, Maggini S: A Review of Micronutrients and the Immune System-Working in Harmony to Reduce the Risk of Infection. Nutrients. 2020 Jan 16;12(1):236. doi: 10.3390/nu12010236.
- Rondanelli M, Miccono A, Lamburghini S et al.: Self-Care for Common Colds: The Pivotal Role of Vitamin D, Vitamin C, Zinc, and Echinacea in Three Main Immune Interactive Clusters (Physical Barriers, Innate and Adaptive Immunity) Involved during an Episode of Common Colds – Practical Advice on Dosages and on the Time to Take These Nutrients/Botanicals in order to Prevent or Treat Common Colds. Evid Based Complement Alternat Med. 2018 Apr 29;2018:5813095. doi: 10.1155/2018/5813095.
- Calder PC, Carr AC, Gombart AF, Eggersdorfer M: Optimal Nutritional Status for a Well-Functioning Immune System Is an Important Factor to Protect against Viral Infections. Nutrients. 2020 Apr 23;12(4):1181. doi: 10.3390/nu12041181.
- National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements. Dietary Supplements for Immune Function and Infectious Diseases: Fact Sheet for Health Professionals. Updated March 10, 2025. Available from: https://ods.od.nih.gov/factsheets/ImmuneFunction-HealthProfessional/
- National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements: Vitamin B12: Fact Sheet for Health Professionals. Updated July 2, 2025. Available from: https://ods.od.nih.gov/factsheets/VitaminB12-HealthProfessional/
- National Institutes of Health, Office of Dietary Supplements: Zinc: Fact Sheet for Health Professionals. Updated January 6, 2026. Available from: https://ods.od.nih.gov/factsheets/Zinc-HealthProfessional/
- Filippini T, Fairweather-Tait S, Vinceti M: Selenium and immune function: a systematic review and meta-analysis of experimental human studies. Am J Clin Nutr. 2023 Jan;117(1):93-110. doi: 10.1016/j.ajcnut.2022.11.007.
- Zhao Y, Dong BR, Hao Q: Probiotics for preventing acute upper respiratory tract infections. Cochrane Database Syst Rev. 2022 Aug 24;8(8):CD006895. doi: 10.1002/14651858.CD006895.pub4.