Netzhautablösung (Ablatio retinae) – Symptome – Beschwerden
Folgende Symptome und Beschwerden können auf eine Ablatio retinae (Netzhautablösung) hinweisen.
Die nachfolgende Darstellung betrifft vor allem die rhegmatogene Netzhautablösung (durch einen Netzhautriss verursachte Netzhautablösung); traktive (durch Zug entstandene) und exsudative Formen (durch Flüssigkeitsansammlung entstandene Formen) können sich anders präsentieren [1].
Prädromalsymptome (Vorboten)
Vorboten entstehen häufig im Zusammenhang mit einer akuten hinteren Glaskörperabhebung (Ablösung der hinteren Grenzschicht des Glaskörpers von der Netzhaut). Sie können einem Netzhautriss oder einer Netzhautablösung vorausgehen, beweisen diese jedoch nicht [2, LL1].
- Photopsien (Lichtblitze):
- Kurze, wiederkehrende Lichtblitze, oft bogenförmig und seitlich im Gesichtsfeld; typischerweise an einem Auge.
- In Dunkelheit oder Dämmerung häufig deutlicher wahrnehmbar, jedoch nicht darauf beschränkt.
- Mitunter durch Augenbewegungen ausgelöst; Ausdruck eines mechanischen Zugs an der Netzhaut [LL1].
- Neu aufgetretene oder deutlich zunehmende Mouches volantes (wahrgenommene bewegliche Glaskörpertrübungen): Bewegliche Punkte, Fäden oder spinnwebartige Trübungen. Eine plötzliche Zunahme ist besonders abklärungsbedürftig [2, 4].
- Rußregen: Plötzlich zahlreiche dunkle Punkte oder eine wolkige Sehtrübung; mögliches Zeichen einer Glaskörperblutung (Blutung im Glaskörper) bei Netzhautriss [4].
Metamorphopsien (verzerrtes Sehen) sind keine verlässlichen Vorboten einer peripheren Netzhautablösung; sie sprechen insbesondere für eine Beteiligung der Makula (zentraler Netzhautbereich für das scharfe Sehen) oder eine andere Makulaerkrankung [1].
Netzhautablösung
Leitsymptome
Diese Beschwerden begründen den dringenden Verdacht auf eine Netzhautablösung:
- Gesichtsfeldausfall bzw. Skotom (blinder Bereich im Gesichtsfeld): Neu auftretender, anhaltender dunkler Schatten oder ein „Vorhang“, häufig vom Gesichtsfeldrand ausgehend und zur Mitte fortschreitend. Anders als Mouches volantes bewegt sich der Ausfall nicht frei mit dem Blick [3].
- Visusminderung (Abnahme der Sehschärfe): Plötzliche oder zunehmende Sehverschlechterung; eine ausgeprägte zentrale Sehverschlechterung weist besonders auf eine Beteiligung der Fovea centralis (Sehgrube im Zentrum der Makula) hin. Auch eine Glaskörperblutung kann die Sehschärfe vermindern [1, 4].
Hauptsymptome (primäre Symptome)
Weitere charakteristische Beschwerden sind:
- Metamorphopsien: Gerade Linien erscheinen verbogen oder wellig; insbesondere bei Beteiligung der Makula [1].
- Lichtblitze und neu aufgetretene oder zunehmende Mouches volantes: Häufige Begleiterscheinungen der zugrunde liegenden Glaskörperabhebung; sie können bei einer bereits bestehenden Netzhautablösung fehlen [3, 4].
- Verschwommenes oder schleierartiges Sehen: Möglich bei Glaskörperblutung oder fortschreitender Netzhautablösung [3, 4].
Begleitsymptome (sekundäre Symptome)
Eine rhegmatogene Netzhautablösung ist typischerweise schmerzlos. Augenschmerzen, ausgeprägte Rötung oder Lichtscheu sind keine charakteristischen Begleitsymptome und erfordern die Prüfung zusätzlicher oder anderer Augenerkrankungen [1, 3].
Unspezifische Symptome
Kopfschmerzen und allgemeines Unwohlsein sind keine etablierten Hinweise auf eine Netzhautablösung und tragen nicht zu ihrer zuverlässigen Erkennung bei.
Kleine periphere Netzhautablösungen können zunächst unbemerkt bleiben. Eine erhaltene zentrale Sehschärfe schließt eine Netzhautablösung nicht aus. Beschwerden können bereits vor Erreichen der Makula auftreten; umgekehrt müssen Lichtblitze oder Mouches volantes nicht vorausgehen [3].
Hinweis: Die Fovea centralis liegt im Zentrum der Makula und ermöglicht das schärfste Sehen. Eine Ablösung mit noch anliegender Fovea ist besonders dringlich zu behandeln, um die zentrale Sehfunktion zu erhalten [1].
Risikokonstellationen und Einordnung von Netzhautlöchern
- Erhöhtes Risiko: Insbesondere Myopie (Kurzsichtigkeit), Pseudophakie (Zustand mit eingesetzter künstlicher Augenlinse) nach Kataraktoperation, Netzhautablösung am Partnerauge, periphere Netzhautdegenerationen (Gewebeveränderungen am äußeren Netzhautbereich) und Augentrauma (Augenverletzung). Männliches Geschlecht und jüngeres Alter zum Zeitpunkt einer Kataraktoperation erhöhen das postoperative Risiko zusätzlich [LL1].
- Akute symptomatische Hufeisenrisse (frische, Beschwerden verursachende hufeisenförmige Netzhautrisse): Bei persistierendem Zug an der Netzhaut in der Regel rasche Behandlung mittels Laser- oder Kryokoagulation [LL1].
- Asymptomatische atrophische Rundlöcher (beschwerdefreie rundliche Netzhautlöcher durch Gewebeschwund) und Gitterdegenerationen (gitterartige Ausdünnungen der Netzhaut): Keine pauschale prophylaktische Laserindikation allein aufgrund vorhandener Risikofaktoren. Die Entscheidung richtet sich nach dem individuellen Netzhautbefund; ein Nutzen der routinemäßigen Behandlung ist durch randomisierte Studien nicht nachgewiesen [5, LL1].
Red Flags (Warnzeichen) bei Ablatio retinae
- Neuer Schatten, „Vorhang“, Gesichtsfeldausfall oder plötzliche Sehverschlechterung: Unverzügliche augenärztliche Notfalluntersuchung [3].
- Erstmalige Lichtblitze, plötzlich deutlich mehr Mouches volantes oder Rußregen: Dringliche augenärztliche Untersuchung möglichst noch am selben Tag, auch bei erhaltener Sehschärfe und fehlenden Schmerzen [4, LL1].
- Neue oder zunehmende Beschwerden nach zunächst unauffälliger Untersuchung: Sofortige erneute Vorstellung. In einer prospektiven Untersuchung entwickelten etwa 3 % der Patienten mit zunächst unkomplizierter hinterer Glaskörperabhebung innerhalb von zwei Monaten einen Netzhautriss [2].
Zur Abklärung ist eine Untersuchung der gesamten Netzhaut einschließlich der Peripherie bei erweiterter Pupille erforderlich, ggf. mit skleraler Indentation. Netzhautfotografien oder eine OCT der Makula allein schließen periphere Risse nicht aus. Bei fehlendem Funduseinblick (Einblick auf den Augenhintergrund), etwa durch Glaskörperblutung, ist ergänzend eine okuläre Sonographie erforderlich [2, LL1].
Abkürzungsverzeichnis
- OCT – optische Kohärenztomographie
Literatur
- Lin JB, Narayanan R, Philippakis E et al.: Retinal detachment. Nat Rev Dis Primers. 2024;10:18. doi:10.1038/s41572-024-00501-5.
- Nixon TRW, Davie RL, Snead MP: Posterior vitreous detachment and retinal tear – a prospective study of community referrals. Eye (Lond). 2024;38:786-791. doi:10.1038/s41433-023-02779-3.
- American Society of Retina Specialists: Retinal Detachment. Patienteninformation. Abruf: 19.10.2026.
- American Society of Retina Specialists: Retinal Tears. Patienteninformation. Abruf: 19.10.2026.
- Wilkinson CP: Interventions for asymptomatic retinal breaks and lattice degeneration for preventing retinal detachment. Cochrane Database Syst Rev. 2014;(9):CD003170. doi:10.1002/14651858.CD003170.pub4.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Kim SJ, Bailey ST, Kovach JL et al.: Posterior Vitreous Detachment, Retinal Breaks, and Lattice Degeneration Preferred Practice Pattern®. American Academy of Ophthalmology. Ophthalmology. 2025;132(4):P163-P196. doi:10.1016/j.ophtha.2024.12.023. [LL1]