Kontaktlinsenanpassung
Die Kontaktlinsenanpassung ist ein strukturierter, individualisierter Prozess zur Auswahl, Anpassung und klinischen Kontrolle einer Kontaktlinse. Ziel sind eine optimale Sehfunktion, eine physiologisch verträgliche Interaktion zwischen Kontaktlinse, Tränenfilm und Augenoberfläche sowie eine sichere Handhabung durch den Patienten. Die Kontaktlinsenanpassung umfasst daher nicht nur die Bestimmung der erforderlichen optischen Korrektur, sondern auch die Beurteilung von Hornhaut, Limbus (Randbereich der Hornhaut), Bindehaut, Augenlidern, Tränenfilm, Linsensitz, Linsenbewegung, Tragekomfort und individuellen Risikofaktoren [1, LL1, LL2].
Eine unzureichend angepasste oder unsachgemäß verwendete Kontaktlinse kann zu fluktuierender Sehschärfe (schwankender Sehschärfe), Beschwerden, mechanischen oder hypoxischen Veränderungen (Veränderungen durch Sauerstoffmangel) der Augenoberfläche sowie entzündlichen bzw. infektiösen Komplikationen bis hin zur visusbedrohenden mikrobiellen Keratitis (durch Krankheitserreger verursachten Hornhautentzündung) führen [LL2, LL3].
Indikationen
Eine fachgerechte Kontaktlinsenanpassung ist bei jeder Erstversorgung sowie bei einem Wechsel von Kontaktlinsentyp, Material, Design oder Tragemodus erforderlich. Eine erneute Anpassung bzw. Reevaluation (erneute Beurteilung) ist zudem bei veränderter Refraktion (Brechkraft des Auges), Visusminderung (Abnahme der Sehschärfe), Beschwerden, Veränderungen der Augenoberfläche oder nach okulären Eingriffen (Eingriffen am Auge) angezeigt [LL1].
- Refraktive bzw. optische Indikationen – Myopie (Kurzsichtigkeit), Hyperopie (Weitsichtigkeit), Astigmatismus (Hornhautverkrümmung), Presbyopie (Alterssichtigkeit), hohe Ametropien (starke Fehlsichtigkeiten) sowie ausgeprägte Anisometropie (unterschiedliche Brechkraft beider Augen).
- Irreguläre Hornhaut – z. B. Keratokonus (kegelförmige Vorwölbung der Hornhaut), andere Hornhautektasien (Vorwölbungen der Hornhaut), Hornhautnarben oder irregulärer Astigmatismus nach hornhautchirurgischen Eingriffen (Operationen an der Hornhaut) [LL4].
- Zustand nach Keratoplastik (Hornhauttransplantation) – insbesondere bei regulärem oder irregulärem postoperativem Astigmatismus, wenn mit Brillenkorrektur keine ausreichende Sehfunktion erreicht wird [4].
- Myopiekontrolle (Verlangsamung des Fortschreitens der Kurzsichtigkeit) – Anpassung spezieller weicher Kontaktlinsendesigns bzw. von Orthokeratologielinsen (Nachtlinsen zur vorübergehenden Formveränderung der Hornhaut) zur Hemmung der Myopieprogression bei geeigneten Kindern und Jugendlichen [LL7].
- Therapeutische Indikationen – z. B. Verbandkontaktlinsen (schützende therapeutische Kontaktlinsen) bei epithelialen Hornhautdefekten (oberflächlichen Defekten der Hornhaut) oder Sklerallinsen (Kontaktlinsen, die auf der Lederhaut aufliegen) bei schweren Erkrankungen der Augenoberfläche [LL4].
- Prothetische bzw. kosmetische Indikationen – z. B. optische Maskierung von Irisdefekten (Defekten der Regenbogenhaut), Aniridie (fehlender Regenbogenhaut) oder Wunsch nach kosmetisch getönten Kontaktlinsen.
- Beruf, Sport und Alltag – Situationen, in denen eine Brille die Sehfunktion, Bewegungsfreiheit oder berufliche Tätigkeit beeinträchtigt.
Kontraindikationen
Die Eignung zum Kontaktlinsentragen ist individuell zu beurteilen. Eine starre Einteilung vieler Befunde in absolute und relative Kontraindikationen (Gegenanzeigen) ist nicht mehr zeitgemäß, da Erkrankungen der Augenoberfläche, die für elektives Kontaktlinsentragen problematisch sind, zugleich eine Indikation für therapeutische Spezial- oder Sklerallinsen darstellen können [LL1, LL4].
Temporäre bzw. wesentliche Kontraindikationen für elektives Kontaktlinsentragen
- Akute infektiöse Keratitis oder Konjunktivitis (Bindehautentzündung) – Kontaktlinsentragen bis zur Abheilung kontraindiziert.
- Akute relevante Entzündung der Augenoberfläche – zunächst Diagnostik und Behandlung der Ursache.
- Akuter Hornhautepitheldefekt (oberflächlicher Defekt der Hornhaut) – Ausnahme: gezielter therapeutischer Einsatz einer Verband- oder Sklerallinse unter fachärztlicher Kontrolle.
- Fehlende Fähigkeit zu sicherer Handhabung und Hygiene – sofern eine sichere Anwendung nicht durch Schulung bzw. Unterstützung gewährleistet werden kann.
Situationen mit erhöhtem Anpassungs- und Kontrollbedarf
- Trockene Augen bzw. instabiler Tränenfilm – vor Kontaktlinsenanpassung differenzierte Beurteilung und ggf. Behandlung der Augenoberfläche.
- Blepharitis (Lidrandentzündung) bzw. Meibomdrüsendysfunktion (Funktionsstörung der Talgdrüsen am Lidrand) – erhöhtes Risiko für Tragebeschwerden und Ablagerungen.
- Allergische Konjunktivitis (allergische Bindehautentzündung) – Anpassung abhängig von Aktivität und Schweregrad.
- Lidfehlstellungen und relevante Störungen des Lidschlags – mögliche Beeinträchtigung von Linsensitz und Tränenfilm.
- Verminderte Hornhautsensibilität (verminderte Empfindlichkeit der Hornhaut) – erhöhtes Risiko unbemerkter epithelialer Schäden.
- Zustand nach Hornhautchirurgie oder Keratoplastik – Spezialanpassung und engmaschigere Kontrolle erforderlich [4].
- Funktionelle Einäugigkeit (praktisch nur ein sehendes Auge) – keine generelle absolute Kontraindikation; aufgrund des erhöhten funktionellen Risikos besonders sorgfältige Indikationsstellung, Hygieneinstruktion und Kontrolle.
- Ungünstige Umweltbedingungen – z. B. starke Staub-, Rauch-, Aerosol- oder Dampfexposition.
Das Verfahren
Eine evidenzbasierte Kontaktlinsenanpassung erfolgt schrittweise. Die reine Messung der Hornhautkrümmung reicht nicht aus; entscheidend ist die Kombination aus Anamnese, objektiver Untersuchung, Auswahl einer geeigneten Kontaktlinsengeometrie, Trageprobe, dynamischer Sitzbeurteilung, Überrefraktion und anschließender Nachkontrolle [LL1].
Anamnese und Anforderungsprofil
- Refraktive und ophthalmologische Anamnese (augenärztliche Vorgeschichte) – bisherige Brillen- bzw. Kontaktlinsenkorrektur, Augenkrankheiten, Operationen, Verletzungen, bisherige Unverträglichkeiten.
- Kontaktlinsenanamnese – bisheriger Linsentyp, Material, Austauschintervall, tägliche Tragedauer, Trageabbrüche und Beschwerden.
- Allgemein- und Medikamentenanamnese – insbesondere Erkrankungen und Arzneimittel, die Augenoberfläche oder Tränenfilm beeinflussen können.
- Allergieanamnese.
- Berufliche und Umweltanamnese – Bildschirmarbeit, Klimatisierung, Staub, Rauch, Dämpfe, Sport sowie Wasserexposition.
- Trageziel – Vollzeit- oder gelegentliches Tragen, Sport, Beruf, Presbyopiekorrektur, Myopiekontrolle oder therapeutische Versorgung.
Refraktion und Sehfunktion
- Unkorrigierter und bestkorrigierter Visus (Sehschärfe).
- Objektive und subjektive Refraktion – sphärische und zylindrische Komponente einschließlich Achslage.
- Binokulare Sehfunktion (beidäugiges Sehen) – insbesondere bei Presbyopie, Monovision (unterschiedlicher Korrektur beider Augen für Ferne und Nähe) oder komplexen refraktiven Situationen.
- Überrefraktion mit eingesetzter Kontaktlinse – zentrale Grundlage für die definitive Kontaktlinsenstärke; bei hohen Refraktionsfehlern ist die unterschiedliche Scheitelbrechwertlage von Brille und Kontaktlinse zu berücksichtigen.
Untersuchung des vorderen Augenabschnitts
Vor der Anpassung erfolgt eine biomikroskopische Untersuchung (Untersuchung mit der Spaltlampe). Beurteilt werden insbesondere Lider und Lidkanten, Meibomdrüsen, Lidschlag, Bindehaut, Limbus, Hornhautepithel (oberste Zellschicht der Hornhaut), Hornhautstroma (mittlere Schicht der Hornhaut) und vorhandene Gefäßneubildungen. Die Ausgangsbefunde sollten dokumentiert werden, damit kontaktlinsenassoziierte Veränderungen bei Nachkontrollen beurteilt werden können [LL1-LL3].
Tränenfilm und Augenoberfläche
Die Kontaktlinse bildet eine zusätzliche Grenzfläche innerhalb des Tränenfilms und verändert dessen Dynamik. Daher gehört die Beurteilung der Augenoberfläche zur Basisuntersuchung [1, LL1]. Je nach klinischer Situation sind insbesondere zu beurteilen:
- Tränenfilmstabilität – vorzugsweise nichtinvasive Tränenfilmaufrisszeit oder Fluorescein Break-up Time.
- Hornhaut- und Bindehautfärbung – z. B. mit Fluorescein bzw. Lissamingrün entsprechend Fragestellung.
- Tränenmeniskus und Tränenvolumen.
- Lidkanten und Meibomdrüsen.
- Symptome einer trockenen Augenoberfläche.
Eine einzelne verkürzte Tränenfilmaufrisszeit ist keine isolierte absolute Kontraindikation für Kontaktlinsen. Entscheidend sind das Gesamtbild aus Beschwerden, Tränenfilmstabilität, Oberflächenbefund und geplantem Kontaktlinsentyp. Insbesondere bei Erkrankungen der Augenoberfläche können geeignete Sklerallinsen sogar therapeutisch eingesetzt werden [LL4].
Vermessung der Hornhaut und des vorderen Augenabschnitts
- Keratometrie/Ophthalmometrie – Messung der zentralen Hornhautkrümmung und des regulären Hornhautastigmatismus.
- Hornhauttopographie bzw. Hornhauttomographie – insbesondere bei irregulärem Astigmatismus, Keratokonus, Orthokeratologie, Zustand nach refraktiver Hornhautchirurgie und komplexer formstabiler Kontaktlinsenanpassung.
- Horizontaler sichtbarer Irisdurchmesser bzw. Hornhautdurchmesser – relevant für die Auswahl des Gesamtdurchmessers insbesondere weicher Kontaktlinsen.
- Pupillendurchmesser – relevant bei multifokalen und speziellen optischen Designs.
- Vorderabschnitts-OCT bzw. profilometrische Verfahren – bei Spezial- und Sklerallinsen zur quantitativen Beurteilung von Clearance, Limbus und Auflagezone sinnvoll.
Bei weichen Kontaktlinsen kann die Passform nicht allein aus der zentralen Keratometrie vorhergesagt werden. Die gesamte sagittale Geometrie des vorderen Augenabschnitts sowie Material, Durchmesser und Basiskurve beeinflussen den Sitz; die definitive Beurteilung erfolgt deshalb klinisch mit der Kontaktlinse auf dem Auge [LL1].
Auswahl und Trageprobe
Ausgehend von Refraktion, Augenoberfläche, Hornhautgeometrie und Trageziel wird ein geeigneter Kontaktlinsentyp ausgewählt. Nach dem Aufsetzen einer Probelinse muss eine ausreichende Adaptations- bzw. Stabilisierungszeit abgewartet werden. Anschließend werden Visus, Überrefraktion, Zentrierung, Hornhaut- und Limbusabdeckung, Bewegung, Stabilität, Tränenaustausch und subjektiver Tragekomfort beurteilt [LL1].
Formstabile Kontaktlinsen
Bei cornealen formstabilen Kontaktlinsen erfolgt die Anpassung anhand von Hornhautgeometrie, Linsendesign und klinischer Trageprobe. Die Sitzbeurteilung erfolgt dynamisch an der Spaltlampe. Hierzu wird insbesondere das Fluoresceinbild des Tränenfilms zwischen Kontaktlinse und Hornhaut beurteilt.
Bewertet werden:
- Zentrierung – Lage der Kontaktlinse in Primärposition und bei Blickbewegungen.
- Bewegung beim Lidschlag – ausreichende, aber nicht übermäßige Beweglichkeit.
- Zentrale bzw. apikale Beziehung zur Hornhaut – Vermeidung relevanter fokaler Druckbelastung bzw. inadäquater zentraler Clearance.
- Mittelperiphere Anpassung.
- Randabhebung – ausreichend für Tränenaustausch, ohne exzessiven Edge Lift.
- Lidinteraktion.
- Tränenaustausch unter der Kontaktlinse.
Ein „steiler“ oder „flacher“ Sitz darf nicht allein anhand eines einzelnen zentralen Fluoresceinmusters beurteilt werden. Die Interpretation ist abhängig von Hornhautform, Gesamtdurchmesser und Linsendesign. Bei Keratokonus bzw. anderen irregulären Hornhäuten ist insbesondere eine relevante fokale apikale Belastung zu vermeiden [LL1, LL4].
Weiche Kontaktlinsen
Bei weichen Kontaktlinsen wird die Passform primär durch die dynamische klinische Beurteilung nach ausreichender Stabilisierung auf dem Auge bewertet [LL1].
- Vollständige Hornhaut- und Limbusabdeckung.
- Zentrierung in Primärposition und bei Blickbewegungen.
- Bewegung nach dem Lidschlag.
- Lag bei Blickbewegungen.
- Push-up-Test – Beurteilung der Verschiebbarkeit und Rückzentrierung der Kontaktlinse.
- Visusstabilität.
- Subjektiver Komfort.
Ein zu enger Sitz kann sich durch geringe oder fehlende Bewegung, erschwerte manuelle Verschiebbarkeit, Hyperämie (verstärkte Rötung), Druckspuren und zunehmende Beschwerden im Tagesverlauf zeigen. Ein zu lockerer Sitz kann zu übermäßiger Bewegung, Dezentrierung, Fremdkörpergefühl und fluktuierender Sehschärfe führen.
Fluorescein wird bei aufgesetzten weichen Kontaktlinsen in der Routinediagnostik in der Regel vermieden, da der Farbstoff in das Linsenmaterial aufgenommen werden kann. Eine Färbungsbeurteilung der Hornhaut erfolgt zweckmäßig nach Entfernung der Kontaktlinse.
Torische und multifokale Kontaktlinsen
Bei torischen weichen Kontaktlinsen sind neben der allgemeinen Passform die Rotationslage und die Stabilität der Zylinderachse nach dem Lidschlag zu beurteilen. Erst nach Stabilisierung erfolgt die sphärozylindrische Überrefraktion und ggf. die Anpassung der bestellten Achslage [LL5].
Bei multifokalen Kontaktlinsen sind Fern-, Intermediär- und Nahsehfunktion sowie binokulares Sehen unter realitätsnahen Beleuchtungsbedingungen zu bewerten. Die subjektive Sehqualität ist neben dem klassischen Hochkontrastvisus ein wesentlicher Bestandteil der Anpassungsentscheidung [LL5].
Hybridkontaktlinsen
Hybridkontaktlinsen besitzen ein formstabiles optisches Zentrum und eine weiche periphere Schürze. Bei der Anpassung werden zentrale Clearance bzw. Beziehung zur Hornhaut, Zentrierung, Stabilität, Sitz der weichen Schürze, Luftblasen sowie der Tragekomfort beurteilt. Die definitive optische Korrektur erfolgt durch Überrefraktion [LL1, LL4].
Sklerallinsen
Die Anpassung von Sklerallinsen unterscheidet sich grundlegend von der Anpassung cornealer formstabiler Kontaktlinsen. Die Linse soll Hornhaut und Limbus vollständig überbrücken und mit ihrer peripheren Auflagezone gleichmäßig auf der Bindehaut über der Sklera (Lederhaut) aufliegen [LL6].
Vor dem Aufsetzen wird die Sklerallinse vollständig mit steriler, konservierungsmittelfreier Kochsalzlösung bzw. einer dafür vorgesehenen konservierungsmittelfreien Fülllösung gefüllt. Lufteinschlüsse unter der Linse sind zu vermeiden [LL6].
Beurteilt werden insbesondere:
- Zentrale Hornhaut-Clearance – ausreichende Überbrückung ohne Hornhautkontakt; Beurteilung nach Settling der Kontaktlinse.
- Limbale Clearance – Vermeidung einer mechanischen Belastung des Limbus.
- Haptische bzw. sklerale Auflagezone – gleichmäßige Auflage ohne relevante konjunktivale Kompression oder Gefäßblanching.
- Randverhalten – keine relevante Randabhebung oder lokale Einschnürung.
- Lufteinschlüsse.
- Midday Fogging bzw. Eintrübung des Flüssigkeitsreservoirs.
- Visus und Überrefraktion.
Eine unnötig große zentrale Flüssigkeitsschicht sollte vermieden werden, da Material, Linsendicke und Dicke des postlinsalen Flüssigkeitsreservoirs gemeinsam die Sauerstoffversorgung der Hornhaut beeinflussen. Die endgültige Beurteilung darf deshalb nicht unmittelbar nach dem Aufsetzen erfolgen, sondern muss die Setzung der Linse auf dem Auge berücksichtigen [LL2, LL6].
Bei Keratokonus und anderen irregulären Hornhäuten können Sklerallinsen eine ausgeprägte Verbesserung der Sehfunktion ermöglichen. Aktuelle systematische Reviews bestätigen zudem ihren hohen Stellenwert bei Keratokonus sowie nach Keratoplastik, weisen jedoch auf die Heterogenität der Langzeitdaten hin [4, 5].
Orthokeratologielinsen
Die Anpassung von Orthokeratologielinsen erfordert eine dokumentierte Hornhauttopographie bzw. Hornhauttomographie vor Behandlungsbeginn. Verwendet werden formstabile Reverse-Geometry-Kontaktlinsen, die typischerweise während des Schlafs getragen werden und eine kontrollierte, reversible Umformung der vorderen Hornhaut bewirken [LL7].
Die Anpassung umfasst insbesondere Ausgangsrefraktion, Hornhauttopographie, Pupillengröße, Augenoberfläche, Linsenzentrierung und Fluoresceinmuster. Nach Beginn der Behandlung sind frühe und regelmäßige Kontrollen mit Visus, Refraktion, Hornhauttopographie und biomikroskopischer Untersuchung erforderlich. Aufgrund des nächtlichen Tragens kommt der konsequenten Hygiene und Infektionsprävention besondere Bedeutung zu [LL3, LL7].
Handhabung und Hygiene
Eine Kontaktlinsenanpassung ist erst abgeschlossen, wenn der Patient die Kontaktlinse sicher einsetzen, entfernen und entsprechend dem jeweiligen Linsensystem pflegen kann. Die praktische Schulung, Hygieneinstruktion und Vermittlung eines geeigneten Pflege- und Austauschregimes sind integraler Bestandteil der Kontaktlinsenversorgung [LL1, LL3].
- Händehygiene vor jedem Kontakt mit Kontaktlinse und Auge.
- Kein Kontakt mit Leitungswasser – Kontaktlinsen nicht mit Leitungswasser reinigen, abspülen oder aufbewahren.
- Schwimmen und Duschen mit Kontaktlinsen vermeiden – insbesondere direkten Wasserkontakt zwischen Kontaktlinse und Auge vermeiden.
- Kein Schlafen mit Kontaktlinsen, sofern nicht ausdrücklich ein dafür zugelassenes und medizinisch indiziertes Tragesystem verwendet wird.
- Austauschintervalle einhalten – Tageslinsen nach einmaligem Gebrauch entsorgen.
- Pflegesystem korrekt verwenden – kein Nachfüllen alter Desinfektionslösung.
- Kontaktlinsenbehälter regelmäßig erneuern.
Wasserexposition, Wiederverwendung von Tageslinsen und Schlafen mit Kontaktlinsen sind relevante vermeidbare Risikofaktoren für schwere infektiöse Komplikationen [3, LL3]. In einer Fall-Kontrollstudie war das Risiko einer Akanthamöbenkeratitis (durch Akanthamöben verursachte Hornhautentzündung) bei Trägern wiederverwendbarer weicher Kontaktlinsen höher als bei Trägern von Tageskontaktlinsen; auch Duschen mit Kontaktlinsen, Wiederverwendung von Tageslinsen und Nachttragen waren mit einem erhöhten Risiko assoziiert [3].
Nachkontrolle
Regelmäßige Nachkontrollen sind integraler Bestandteil der Kontaktlinsenversorgung. Das Kontrollintervall richtet sich nach Kontaktlinsentyp, Tragemodus, Alter, Augenoberfläche, Grunderkrankung und individuellem Risikoprofil. Speziallinsen, therapeutische Kontaktlinsen und Orthokeratologie erfordern in der Regel engmaschigere Kontrollen als unkomplizierte etablierte Tagestragesysteme [LL1, LL4, LL6, LL7].
Bei der Nachkontrolle sollten mindestens erhoben werden:
- Aktuelle Tragezeit und subjektiver Komfort.
- Visus und ggf. Überrefraktion.
- Linsenzustand – Ablagerungen, Defekte, Alter der Kontaktlinse.
- Linsensitz – Zentrierung, Bewegung bzw. Auflage und Clearance entsprechend dem Kontaktlinsentyp.
- Spaltlampenbefund – Lider, Bindehaut, Limbus und Hornhaut.
- Hornhaut- und Bindehautfärbung bei entsprechender Indikation.
- Tränenfilm und Meibomdrüsen.
- Hygiene und Compliance.
Kontaktlinsenassoziierte Beschwerden sollten nicht allein durch einen Wechsel der Kontaktlinsenstärke behandelt werden. Insbesondere Augenoberfläche, Tränenfilm, Passform, Material, Austauschintervall, Tragezeit und Pflegeverhalten müssen systematisch analysiert werden. Für die häufig eingesetzte symptomatische Behandlung mit Benetzungstropfen ist die Evidenz nach einer Cochrane-Analyse von 2024 nur von niedriger bis sehr niedriger Sicherheit [2].
Mögliche Komplikationen
- Mikrobielle Keratitis – potenziell visusbedrohende Komplikation; insbesondere bei Nachttragen, mangelhafter Hygiene oder Wasserkontakt [LL3].
- Akanthamöbenkeratitis – seltene, aber schwere infektiöse Keratitis; Wasserkontakt ist ein zentraler vermeidbarer Risikofaktor [3].
- Sterile Hornhautinfiltrate (nicht infektiöse Einlagerungen in der Hornhaut) bzw. sterile Keratitis (nicht infektiöse Hornhautentzündung).
- Hornhauterosionen (oberflächliche Verletzungen der Hornhaut) und epitheliale Defekte.
- Hornhautödem (Schwellung der Hornhaut) – insbesondere bei unzureichender Sauerstoffversorgung.
- Hornhautneovaskularisation (Einwachsen neuer Blutgefäße in die Hornhaut) – mögliche Folge chronischer Hypoxie bzw. mechanischer Belastung.
- Kontaktlinseninduzierte trockene Augen (durch Kontaktlinsen verursachte trockene Augen) bzw. Kontaktlinsenbeschwerden.
- Riesenpapilläre Konjunktivitis (Bindehautentzündung mit großen Schleimhauterhebungen).
- Tight-Lens-Syndrom (zu fest sitzende Kontaktlinse) – zu enger bzw. immobilisierter Linsensitz mit Hyperämie, Beschwerden und möglicher Hornhautbeteiligung.
- Kontaktlinsenbedingte Hornhautverformung (durch Kontaktlinsen verursachte Verformung der Hornhaut) – insbesondere bei formstabilen Kontaktlinsen; kann die Refraktion und Hornhauttopographie vorübergehend beeinflussen.
- Sklerallinsenspezifische Probleme – konjunktivales Blanching, Impingement, Lufteinschlüsse, Midday Fogging, limbaler Kontakt oder Hornhautödem [LL6].
Red Flags (Warnzeichen) bei Kontaktlinsenanpassung
- Akute Visusminderung.
- Starke bzw. zunehmende Augenschmerzen.
- Ausgeprägte Photophobie (Lichtscheu).
- Deutliche einseitige Rötung.
- Hornhautinfiltrat (Einlagerung in der Hornhaut) bzw. Hornhauttrübung.
- Epitheldefekt bzw. Hornhautulkus (Hornhautgeschwür).
- Eitrige Sekretion.
- Ausgeprägtes Hornhautödem.
- Kontaktlinsenassoziierte Beschwerden nach Wasserkontakt – insbesondere bei Schmerzen und disproportional geringem initialem klinischem Befund an Akanthamöbenkeratitis denken.
Bei diesen Befunden ist die Kontaktlinse abzusetzen und eine zeitnahe bzw. bei Verdacht auf infektiöse Keratitis unverzügliche augenärztliche Untersuchung erforderlich [LL3].
Literatur
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- Mushtaq A, Alvi I: Long-Term Effectiveness of Scleral Lens Treatment in the Management of Keratoconus: A Systematic Review. Cureus 2025;17(1):e77102. doi: 10.7759/cureus.77102
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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- Morgan PB, Murphy PJ, Gifford KL et al.: BCLA CLEAR - Effect of contact lens materials and designs on the anatomy and physiology of the eye. Cont Lens Anterior Eye 2021;44(2):192-219. doi: 10.1016/j.clae.2021.02.006. Evidenzbasierter BCLA-Konsensusbericht. [LL2]
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