Diabetische Retinopathie – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine diabetische Retinopathie (Netzhauterkrankung bei Diabetes mellitus) mitbedingt sein können:

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Diabetische Makulopathie (Erkrankung der Stelle des schärfsten Sehens bei Diabetes mellitus) mit diabetischem Makulaödem (Flüssigkeitsansammlung an der Stelle des schärfsten Sehens bei Diabetes mellitus) oder diabetischer Makulaischämie (Minderdurchblutung der Stelle des schärfsten Sehens bei Diabetes mellitus) – wichtigste Ursache einer Visusminderung (Sehverschlechterung) bei diabetischer Retinopathie [LL1, LL2, 1]
  • Glaskörperblutung (Blutung in den Glaskörper) – insbesondere bei proliferativer diabetischer Retinopathie (fortgeschrittener Netzhauterkrankung bei Diabetes mellitus mit Gefäßneubildungen) durch fragile retinale Neovaskularisationen (brüchige Gefäßneubildungen der Netzhaut) [LL1, LL2, 1]
  • Traktive Ablatio retinae (zugbedingte Netzhautablösung) – durch fibrovaskuläre Proliferationen (Bindegewebs- und Gefäßwucherungen) mit vitreoretinaler Traktion (Zug zwischen Glaskörper und Netzhaut); besonders relevant bei Makulabeteiligung (Beteiligung der Stelle des schärfsten Sehens) oder drohender Makulabeteiligung [LL1, LL2, 1]
  • Rezidivierende Glaskörperblutungen (wiederkehrende Blutungen in den Glaskörper) – bei persistierend aktiver proliferativer diabetischer Retinopathie oder vitreomakulärer Traktion (Zug zwischen Glaskörper und Stelle des schärfsten Sehens) [LL1, LL2, 1]
  • Neovaskuläres Glaukom (Grüner Star durch Gefäßneubildungen) – durch Rubeosis iridis (Gefäßneubildungen an der Regenbogenhaut) beziehungsweise Kammerwinkelneovaskularisationen (Gefäßneubildungen im Abflussbereich des Auges) bei schwerer retinaler Ischämie (Minderdurchblutung der Netzhaut) [LL2, 1]
  • Persistierende oder progrediente Visusminderung bis zur Erblindung – insbesondere bei unbehandelter oder fortgeschrittener proliferativer diabetischer Retinopathie, diabetischem Makulaödem, Makulaischämie, Glaskörperblutung oder traktiv bedingter Netzhautablösung [LL1, LL2, 1, 2]

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Apoplex (Schlaganfall) – die diabetische Retinopathie ist kein isolierter kausaler Auslöser (alleinige Ursache), aber ein unabhängiger Marker (Hinweiszeichen) eines erhöhten zerebrovaskulären Risikos (Risiko für Erkrankungen der Hirngefäße) bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit); das Risiko steigt mit dem Schweregrad der Retinopathie (Netzhauterkrankung) [3-5]
  • Koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) beziehungsweise Myokardinfarkt (Herzinfarkt) – diabetische Retinopathie, insbesondere diabetisches Makulaödem und proliferative diabetische Retinopathie, ist mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (Herzkreislaufereignisse) assoziiert (verbunden) [3-5]
  • Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – als prognostisch assoziiertes kardiovaskuläres Ereignis bei fortgeschrittener diabetischer Retinopathie beschrieben; Ausdruck einer systemischen mikro- und makrovaskulären Risikokonstellation (den ganzen Körper betreffenden Risikokonstellation kleiner und großer Blutgefäße) [4, 5]
  • Kardiovaskuläre Mortalität (Sterblichkeit durch Herzkreislauferkrankungen) – die diabetische Retinopathie ist ein Marker für erhöhte kardiovaskuläre Mortalität bei Diabetes mellitus [3, 5]

Prognosefaktoren

  • Diabetesdauer (Dauer der Zuckerkrankheit) – einer der stärksten Risikofaktoren (Einflussfaktoren auf das Erkrankungsrisiko) für Entstehung und Progression (Fortschreiten) der diabetischen Retinopathie [LL2]
  • Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker) beziehungsweise unzureichende glykämische Kontrolle (unzureichende Blutzuckerkontrolle) – höherer HbA1c-Wert (Langzeitblutzuckerwert) und geringere Glucose-Normzeit (Zeit im Zielbereich des Blutzuckers) sind mit höherem Risiko für diabetische Retinopathie beziehungsweise schwerere Retinopathiestadien (Stadien der Netzhauterkrankung) assoziiert [LL1, LL2, 6]
  • Glucosevariabilität (Blutzuckerschwankungen) – bei Typ-2-Diabetes (Diabetes mellitus Typ 2) zeigten Patienten im Quartil (Viertelgruppe) mit den höchsten Glucose-Normzeitanteilen deutlich seltener eine schwere Retinopathie als Patienten im Quartil mit den niedrigsten Werten; 3,5 % versus 9,7 % [6]
  • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) – fördert die Progression der nichtproliferativen diabetischen Retinopathie (frühe bis mittlere Netzhauterkrankung bei Diabetes mellitus ohne Gefäßneubildungen); Blutdruckkontrolle reduziert das Progressionsrisiko (Risiko des Fortschreitens) bei Patienten mit Hypertonie [LL1, LL2]
  • Diabetische Nephropathie (Nierenerkrankung bei Diabetes mellitus) beziehungsweise chronische Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) – eng mit diabetischer Retinopathie assoziiert und prognostisch ungünstig als Ausdruck generalisierter mikroangiopathischer Schädigung (den Körper betreffender Schädigung kleiner Blutgefäße) [LL2]
  • Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) – klinisch relevant insbesondere für diabetisches Makulaödem und Retinopathieprogression (Fortschreiten der Netzhauterkrankung); Fenofibrat (Blutfettsenker) kann bei nichtproliferativer diabetischer Retinopathie und Typ-2-Diabetes zur Progressionsreduktion (Verringerung des Fortschreitens) erwogen werden [LL2]
  • Schwangerschaft bei präexistentem Diabetes mellitus (bereits vor der Schwangerschaft bestehender Zuckerkrankheit) – erhöhtes Risiko für Progression einer vorbestehenden diabetischen Retinopathie; engmaschige ophthalmologische Kontrolle (augenärztliche Kontrolle) erforderlich [LL2]
  • Schweregrad der diabetischen Retinopathie – zunehmende Retinopathieschwere (Schwere der Netzhauterkrankung) erhöht das Risiko für visusbedrohende okuläre Komplikationen (das Sehvermögen bedrohende Komplikationen am Auge) und ist zugleich mit höherem kardiovaskulärem Risiko assoziiert [LL1, LL2, 4, 5]

Risikorechner für schwere Komplikationen durch Retinopathie oder diabetischen Fuß (Fußkomplikation bei Diabetes mellitus): QDiabetes Amputation and Blindness Risk Calculator; Grundlage ist die Entwicklung und Validierung (Überprüfung) von Risikogleichungen für Erblindung und Amputation (Entfernung eines Körperteils) bei Diabetes mellitus [2].

Literatur

  1. Lim JI, Kim SJ, Bailey ST et al.: Diabetic Retinopathy Preferred Practice Pattern®. Ophthalmology. 2025;132(4):P75-P162. https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2024.12.020
  2. Hippisley-Cox J, Coupland C: Development and validation of risk prediction equations to estimate future risk of blindness and lower limb amputation in patients with diabetes: cohort study. BMJ. 2015;351:h5441. https://doi.org/10.1136/bmj.h5441
  3. Kawasaki R, Tanaka S, Tanaka S et al.: Risk of Cardiovascular Diseases Is Increased Even with Mild Diabetic Retinopathy: The Japan Diabetes Complications Study. Ophthalmology. 2013;120(3):574-582. https://doi.org/10.1016/j.ophtha.2012.08.029
  4. Guo VY, Cao B, Wu X, Lee JJW, Zee BCY: Prospective Association between Diabetic Retinopathy and Cardiovascular Disease-A Systematic Review and Meta-analysis of Cohort Studies. Journal of Stroke and Cerebrovascular Diseases. 2016;25(7):1688-1695. https://doi.org/10.1016/j.jstrokecerebrovasdis.2016.03.009
  5. Xie J, Ikram MK, Cotch MF et al.: Association of Diabetic Macular Edema and Proliferative Diabetic Retinopathy With Cardiovascular Disease: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Ophthalmology. 2017;135(6):586-593. https://doi.org/10.1001/jamaophthalmol.2017.0988
  6. Lu J, Ma X, Zhou J et al.: Association of Time in Range, as Assessed by Continuous Glucose Monitoring, With Diabetic Retinopathy in Type 2 Diabetes. Diabetes Care. 2018;41(11):2370-2376. https://doi.org/10.2337/dc18-1131

Leitlinien

  1. National Institute for Health and Care Excellence: Diabetic retinopathy: management and monitoring. NICE guideline NG242. 2024. https://www.nice.org.uk/guidance/ng242
  2. American Diabetes Association Professional Practice Committee: Standards of Care in Diabetes-2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl 1). https://professional.diabetes.org/standards-of-care