Diabetische Retinopathie – Differentialdiagnosen

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Altersabhängige Makuladegeneration (AMD; altersbedingte Erkrankung der Netzhautmitte) – bei Drusen (Ablagerungen unter der Netzhaut), Pigmentepithelveränderungen (Veränderungen der Pigmentschicht der Netzhaut), choroidaler Neovaskularisation (krankhafte Gefäßneubildung der Aderhaut), subretinaler Blutung (Blutung unter der Netzhaut) oder geographischer Atrophie (flächenhafter Gewebeschwund); relevante Abgrenzung bei Makulablutung, Exsudation (Flüssigkeits-/Eiweißaustritt) und Visusminderung (Sehverschlechterung)
  • Chorioretinopathia centralis serosa (zentrale seröse Netzhauterkrankung) – seröse neurosensorische Netzhautabhebung (flüssigkeitsbedingte Abhebung der Sinneszellschicht der Netzhaut), häufig ohne diabetestypische Mikroaneurysmen (kleine Gefäßaussackungen), ohne harte Exsudate und ohne periphere diabetische Mikroangiopathie (Erkrankung kleiner Blutgefäße)
  • Epiretinale Gliose (Narbenmembran auf der Netzhaut) – traktive Makulaverziehung (zugbedingte Verziehung der Netzhautmitte) mit Metamorphopsien (verzerrtem Sehen); kann ein diabetisches Makulaödem oder eine traktive diabetische Makulopathie (zugbedingte Erkrankung der Netzhautmitte) imitieren
  • Hypertensive Retinopathie (Netzhauterkrankung durch Bluthochdruck) – arterielle Engstellung (Verengung der Netzhautarterien), arteriovenöse Kreuzungszeichen (Druckzeichen an Kreuzungen von Arterien und Venen), flammenförmige Blutungen, Cotton-Wool-Herde (wattebauschähnliche Netzhautherde), harte Exsudate und bei schwerer Hypertonie (Bluthochdruck) Papillenödem (Schwellung des Sehnervenkopfes); wichtige Differenzialdiagnose und häufige Begleiterkrankung
  • Makuläre Teleangiektasie Typ 2 (erweiterte kleine Gefäße der Netzhautmitte) – juxtafoveale Teleangiektasien (Gefäßerweiterungen nahe der Sehgrube), kristalline Ablagerungen, foveale Atrophie (Gewebeschwund der Sehgrube) und gegebenenfalls neovaskuläre Komplikation; Abgrenzung gegenüber diabetischem Makulaödem und Mikroaneurysmen
  • Retinales arterielles Makroaneurysma (große arterielle Gefäßaussackung der Netzhaut) – fokale arterielle Aussackung, häufig mit retinaler Blutung (Netzhautblutung), harten Exsudaten oder Makulaödem; kann eine fokale diabetische Makulopathie imitieren
  • Retinaler Arterienastverschluss beziehungsweise Zentralarterienverschluss (Verschluss eines Netzhautarterienastes beziehungsweise der zentralen Netzhautarterie) – akute retinale Ischämie (Minderdurchblutung der Netzhaut) mit plötzlicher Visusminderung, retinaler Aufhellung und gegebenenfalls embolischem Gefäßverschluss (Gefäßverschluss durch verschlepptes Material); Abgrenzung gegenüber ischämischer diabetischer Retinopathie
  • Retinaler Venenastverschluss beziehungsweise Zentralvenenverschluss (Verschluss eines Netzhautvenenastes beziehungsweise der zentralen Netzhautvene) – einseitige retinale Blutungen, venöse Tortuositas (Schlängelung der Venen), Cotton-Wool-Herde, Makulaödem, Ischämieareale (Minderdurchblutungsareale) und gegebenenfalls Neovaskularisationen (Gefäßneubildungen); zentrale Differenzialdiagnose zur diabetischen Retinopathie
  • Retinale Vaskulitis (Gefäßentzündung der Netzhaut) – perivaskuläre Infiltrate (Entzündungsansammlungen um Gefäße), Gefäßleckage (Undichtigkeit von Gefäßen), Gefäßverschlüsse, Ischämieareale, retinale Blutungen und Makulaödem; Abgrenzung insbesondere bei Entzündungszeichen, atypischer Verteilung oder Systemerkrankung (Erkrankung des gesamten Körpers)
  • Uveitis posterior beziehungsweise Panuveitis (Entzündung der hinteren Augenabschnitte beziehungsweise des gesamten Augeninneren) – Vitritis (Glaskörperentzündung), chorioretinale Herde (Herde in Aderhaut und Netzhaut), retinale Vaskulitis und zystoides Makulaödem (zystenförmige Schwellung der Netzhautmitte); Differenzialdiagnose bei entzündlichem Fundusbefund (Augenhintergrundbefund)
  • Vitreomakuläre Traktion (Zug des Glaskörpers an der Netzhautmitte) – traktionsbedingtes Makulaödem, Makulaverziehung oder foveale Strukturveränderung; relevante Abgrenzung gegenüber diabetischem Makulaödem

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Anämische Retinopathie (Netzhauterkrankung bei Blutarmut) – retinale Blutungen, Cotton-Wool-Herde, Roth-Flecken (Blutungen mit hellem Zentrum) und gegebenenfalls Papillenödem; Abgrenzung bei systemischer Anämie (Blutarmut) und atypischer retinaler Blutungsverteilung
  • Antiphospholipid-Syndrom (Gerinnungsstörung durch Autoantikörper) – arterielle oder venöse retinale Gefäßverschlüsse, retinale Ischämie, Blutungen und Vaskulopathie (Gefäßerkrankung); relevant bei jüngeren Patienten oder thrombotischer Anamnese (Vorgeschichte mit Blutgerinnseln)
  • Hyperviskositätsretinopathie (Netzhauterkrankung durch zähflüssiges Blut) – venöse Dilatation (Venenerweiterung), Blutungen, Cotton-Wool-Herde, Makulaödem und Papillenödem; insbesondere bei monoklonalen Gammopathien (Erkrankungen mit vermehrtem gleichartigem Eiweiß im Blut) oder hämatologischen Erkrankungen (Bluterkrankungen)
  • Sichelzellretinopathie (Netzhauterkrankung bei Sichelzellerkrankung) – periphere retinale Ischämie, Sea-Fan-Neovaskularisationen (fächerförmige Gefäßneubildungen) und Glaskörperblutung (Blutung in den Glaskörper); wichtige Differenzialdiagnose proliferativer retinaler Gefäßveränderungen
  • Thrombotische Mikroangiopathie (kleingefäßige Gerinnselerkrankung) – retinale Blutungen, Cotton-Wool-Herde, Gefäßverschlüsse und Papillenödem im Kontext systemischer Mikroangiopathie
  • Thrombozytopenische Retinopathie (Netzhauterkrankung bei Blutplättchenmangel) – punktförmige, fleckförmige oder präretinale Blutungen (Blutungen vor der Netzhaut), häufig ohne diabetestypische Mikroaneurysmen und ohne stadientypische diabetische Verteilung

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Dyslipidämieassoziierte harte Exsudation (harte Ablagerungen bei Fettstoffwechselstörung) – ausgeprägte harte Exsudate im Makulabereich können eine diabetische Makulopathie verstärken oder bei atypischer Verteilung differenzialdiagnostisch relevant sein

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) mit hypertensiver Retinopathie – häufige Begleiterkrankung und Differenzialdiagnose; bei schwerer Ausprägung mit Blutungen, Cotton-Wool-Herden, harten Exsudaten, Makulaödem und Papillenödem
  • Karotisstenose (Verengung der Halsschlagader) mit okulärem Ischämiesyndrom (Minderdurchblutungssyndrom des Auges) – chronische okuläre Hypoperfusion (verminderte Durchblutung des Auges) mit mittelperipheren retinalen Blutungen, venöser Stauung, Irisneovaskularisation (Gefäßneubildung an der Regenbogenhaut), Netzhautneovaskularisation (Gefäßneubildung der Netzhaut) und gegebenenfalls okulären Schmerzen (Augenschmerzen)
  • Maligne Hypertonie (schwerer Bluthochdruck mit Organschädigung) – schwere hypertensive Retinopathie mit Papillenödem, Cotton-Wool-Herden, Blutungen, Exsudaten und akuter Visusgefährdung (Gefährdung des Sehens); Notfallabgrenzung gegenüber diabetischer Retinopathie

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Cytomegalievirus-Retinitis (Netzhautentzündung durch Cytomegalievirus) – nekrotisierende Retinitis (gewebezerstörende Netzhautentzündung) mit retinalen Blutungen und Gefäßbeteiligung, insbesondere bei schwerer Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems); Abgrenzung bei atypischer nekrotisierender Retinitis
  • HIV-Retinopathie (Retinopathie bei Infektion mit dem humanen Immundefizienz-Virus; Netzhauterkrankung bei Infektion mit dem menschlichen Immunschwäche-Virus) – Cotton-Wool-Herde und retinale Mikroangiopathie, meist ohne typische diabetische Makulaexsudation und ohne diabetestypische Stadienabfolge
  • Syphilitische Retinitis beziehungsweise Chorioretinitis (Netzhautentzündung beziehungsweise Netzhaut-Aderhaut-Entzündung bei Syphilis) – entzündliche retinale oder chorioretinale Herde, Vaskulitis, Makulaödem und Vitritis; Abgrenzung bei entzündlichem oder atypischem Fundusbefund

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Morbus Behçet (entzündliche Gefäßerkrankung) – okklusive retinale Vaskulitis (verschließende Gefäßentzündung der Netzhaut), retinale Blutungen, Ischämieareale, Makulaödem und rezidivierende intraokulare Entzündung (wiederkehrende Entzündung im Augeninneren)
  • Sarkoidose (entzündliche Knötchenerkrankung) – okuläre Beteiligung (Beteiligung des Auges) mit posteriorer Uveitis, retinaler Periphlebitis (Entzündung der Netzhautvenen), Makulaödem oder chorioretinalen Herden
  • Systemischer Lupus erythematodes (entzündliche Autoimmunerkrankung) – lupusassoziierte Retinopathie (Netzhauterkrankung bei Lupus) mit Cotton-Wool-Herden, retinalen Blutungen, Gefäßverschlüssen und gegebenenfalls retinaler Vaskulitis

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Leukämische Retinopathie (Netzhauterkrankung bei Blutkrebs) – retinale Blutungen, Roth-Flecken, Cotton-Wool-Herde, venöse Stauung und gegebenenfalls retinale Infiltrate (Einlagerungen von Krankheitszellen in der Netzhaut); relevante Differenzialdiagnose bei hämatologischer Systemerkrankung

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Präeklampsie/Eklampsie (schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck mit Organbeteiligung/Krampfanfall) mit retinaler Beteiligung – hypertensive Retinopathie, Vasospasmen (Gefäßkrämpfe), seröse Netzhautablösung (flüssigkeitsbedingte Netzhautablösung), retinale Blutungen und akute Visusstörungen (Sehstörungen); relevante Differenzialdiagnose bei Schwangeren mit Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) mit hypertensiver beziehungsweise urämischer Retinopathie (Netzhauterkrankung bei Harnvergiftung) – retinale Blutungen, Cotton-Wool-Herde, harte Exsudate, Makulaödem und Papillenödem bei nephrogener Hypertonie (nierenbedingtem Bluthochdruck) oder urämischer Mikroangiopathie

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Strahlenretinopathie (Netzhauterkrankung nach Bestrahlung) – mikrovaskuläre Retinopathie nach orbitaler (die Augenhöhle betreffender), kranialer (den Schädel betreffender) oder nasopharyngealer Bestrahlung (Bestrahlung des Nasenrachenraums) mit Mikroaneurysmen, Kapillarverschluss (Verschluss kleinster Blutgefäße), Makulaödem, retinalen Blutungen, Cotton-Wool-Herden und Neovaskularisationen; klinisch relevante Imitation einer diabetischen Retinopathie

Medikamente

  • Corticosteroide (Kortisonpräparate) – können eine Chorioretinopathia centralis serosa begünstigen und dadurch ein diabetisches Makulaödem klinisch imitieren
  • MEK-Inhibitoren (zielgerichtete Krebsmedikamente) – können seröse Netzhautveränderungen oder makulaödemähnliche Befunde verursachen; Differenzialdiagnose bei zeitlichem Zusammenhang mit onkologischer Therapie (Krebstherapie)
  • Tamoxifen (Antiöstrogen) – kristalline Retinopathie (Netzhauterkrankung mit kristallartigen Ablagerungen) und Makulaödem; Abgrenzung gegenüber diabetischem Makulaödem bei entsprechender Medikamentenanamnese (Medikamentenvorgeschichte)