Augenliderkrankungen – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Linderung von Beschwerden und Entzündung, Behandlung gesicherter Infektionen und Schutz der Augenoberfläche. Die Therapie richtet sich nach der jeweiligen Liderkrankung; eine allgemeine Empfehlung antibiotischer oder glucocorticoidhaltiger Augentropfen bzw. Augensalben ist nicht gerechtfertigt.
Therapieempfehlungen
Vor einer medikamentösen Behandlung sind insbesondere Blepharitis (Lidrandentzündung), Hordeolum (Gerstenkorn), Chalazion (Hagelkorn) und entzündliche Hauterkrankungen der Lider zu unterscheiden. Lidrandhygiene, angepasste Wärmebehandlung bzw. die Meidung auslösender Substanzen bilden, abhängig von der Diagnose, die Grundlage der Behandlung [1, 2, LL1, LL2].
| Erkrankung | Stellenwert der medikamentösen Therapie | Weiterführender Verweis |
|---|---|---|
| Blepharitis | Basisbehandlung durch Lidrandhygiene. Bei bakterieller anteriorer Blepharitis kann zeitlich begrenzt eine antibiotische Augensalbe erforderlich sein. Bei posteriorer Blepharitis bzw. Meibomdrüsen-Dysfunktion (Funktionsstörung der Talgdrüsen im Augenlid) stehen Wärmebehandlung und Sekretmobilisation im Vordergrund; systemische Antibiotika bleiben ausgewählten Fällen vorbehalten. Eine Demodex-assoziierte Blepharitis (durch Haarbalgmilben mitbedingte Lidrandentzündung) erfordert eine gesonderte Beurteilung [LL1]. | Siehe „Blepharitis/Pharmakotherapie“. |
| Hordeolum | Bei unkompliziertem Verlauf zunächst konservative Behandlung mit verträglicher lokaler Wärme; nicht ausdrücken. Ein routinemäßiger Zusatznutzen von Antibiotika ist nicht gesichert. Eine antibiotische Augensalbe kommt insbesondere bei begleitender bakterieller Lidrand- bzw. Bindehautentzündung infrage. Eine ausgedehnte Infektion erfordert eine gesonderte Beurteilung und ggf. systemische Antibiotika [1, 2]. | Siehe „Hordeolum/Pharmakotherapie“. |
| Chalazion | Überwiegend sterile Entzündungsreaktion bei verlegtem Drüsenausführungsgang; Antibiotika sind ohne zusätzliche bakterielle Infektion nicht angezeigt. Bei Persistenz augenärztliche Entscheidung über einen Eingriff oder eine intraläsionale Glucocorticoidinjektion (Einspritzung eines Glucocorticoids direkt in die Veränderung); diese ist keine Routinebehandlung im allgemeinen Medikamentenabschnitt [1]. | Siehe „Chalazion/Therapie“. |
| Entzündliche Hauterkrankungen der Lider | Bei atopischer Dermatitis (Neurodermitis) bzw. allergischem Kontaktekzem (allergische Hautreaktion nach Kontakt mit einem Auslöser): geeignete Basispflege und Meidung identifizierter Auslöser. Bei entzündlichem Schub ggf. kurzzeitig ein schwach wirksames topisches Glucocorticoid unter ärztlicher Anleitung; bei atopischem Lidekzem (Neurodermitis an der Lidhaut) kommen insbesondere topische Calcineurininhibitoren als steroidsparende Behandlung infrage. Seborrhoische Dermatitis (Hautentzündung mit fettigen Schuppen) und Rosazea (chronische Hauterkrankung mit Gesichtsrötungen) werden entsprechend der Grunderkrankung behandelt [LL2, FI3]. | Siehe „Atopische Dermatitis/Pharmakotherapie“, „Kontaktekzem/Pharmakotherapie“, „Seborrhoische Dermatitis/Pharmakotherapie“ und „Rosazea/Pharmakotherapie“. |
Zur Evidenzeinordnung: Eine retrospektive Untersuchung mit 2.712 Patienten zeigte bei Chalazion und Hordeolum keinen verbesserten Behandlungserfolg durch zusätzliche Antibiotika. Für nichtoperative Behandlungen des akuten inneren Hordeolums fand ein Cochrane-Review keine geeigneten kontrollierten Studien. Fehlende Evidenz ist dabei nicht mit einem gesicherten Nachweis fehlender Wirksamkeit gleichzusetzen [1, 2].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Die folgenden Präparate sind indikationsbezogene Beispiele. Sie stellen kein gemeinsames Behandlungsschema für sämtliche Augenliderkrankungen dar.
Antibiotika – Aminoglykoside zur lokalen Anwendung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Gentamicin, Augensalbe | Nur bei entsprechender bakterieller Infektion durch empfindliche Erreger; keine Routinebehandlung eines Chalazions. Verlaufskontrolle und zeitliche Begrenzung beachten [FI1]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese.
- Indikation: Bakterielle Blepharitis bzw. infektionsbezogene Anwendung beim Hordeolum nach ärztlicher Beurteilung [FI1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Gentamicin oder Bestandteile des Präparats.
- Nebenwirkungen: Lokale Reizung, Überempfindlichkeitsreaktionen; Resistenzselektion bei unnötiger bzw. verlängerter Anwendung.
Topische Calcineurininhibitoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Tacrolimus, Hautsalbe | Bei entsprechender atopischer Dermatitis und unzureichendem Ansprechen bzw. Unverträglichkeit konventioneller Therapie. Nur auf die Lidhaut; nicht in die Augen oder auf Schleimhäute [FI3]. |
- Wirkweise: Hemmung der Calcineurin-abhängigen Entzündungsaktivierung.
- Indikation: Atopisches Lidekzem im Rahmen der zugelassenen Indikation; keine pauschale Anwendung bei jeder Liddermatitis (Entzündung der Lidhaut) [LL2, FI3].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; nicht auf klinisch infizierte Haut auftragen. Altersgrenzen und weitere Einschränkungen der Fachinformation beachten.
- Nebenwirkungen: Insbesondere vorübergehendes Brennen, Juckreiz und Wärmegefühl; mögliche lokale Infektionen.
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Antiseptika und Adstringenzien
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Bibrocathol, Augensalbe 2 % | Option bei chronischer Lidrandentzündung und nicht infektiösen Reizzuständen; kein Ersatz für eine erforderliche gezielte antiinfektive Therapie [FI2]. |
- Wirkweise: Antiseptisch, adstringierend und sekretionshemmend.
- Indikation: Chronische Lidrandentzündung bzw. nicht infektiöse Reizzustände entsprechend der Fachinformation.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Bibrocathol oder Hilfsstoffe, insbesondere Wollwachs.
- Nebenwirkungen: Lokale Überempfindlichkeitsreaktionen; vorübergehende Beeinträchtigung des Sehens durch den Salbenfilm [FI2].
Beachte
- Glucocorticoide am Lid: Bei Lidekzemen nur gezielt und zeitlich begrenzt einsetzen. Eine längerfristige bzw. wiederholte unkontrollierte Anwendung kann Hautatrophie (Dünnerwerden der Haut) verursachen und bei Anwendung im Augenbereich eine okuläre Hypertension (erhöhter Augeninnendruck) bzw. ein Glaukom (Grüner Star) oder eine Katarakt (Grauer Star) begünstigen. Hautpräparate dürfen nicht in das Auge gelangen [LL2].
- Keine pauschalen Kombinationspräparate: Antibiotika-Glucocorticoid-Kombinationen nicht allein aufgrund einer Lidreizung verordnen; die Indikation muss augenärztlich geklärt werden [LL1].
- Therapieversagen oder Rezidive: Diagnose überprüfen. Ein wiederkehrendes Chalazion an derselben Stelle bzw. eine atypische Lidveränderung erfordert eine augenärztliche Beurteilung und ggf. eine histologische Untersuchung (Untersuchung einer Gewebeprobe unter dem Mikroskop) [1].
Red Flags (Warnzeichen) bei Augenliderkrankungen
- Sehverschlechterung oder ausgeprägte Augenschmerzen: Bei Visusminderung (Sehverschlechterung), Photophobie (Lichtempfindlichkeit) oder Verdacht auf Hornhautbeteiligung (Mitbetroffenheit der durchsichtigen Vorderfläche des Auges) unverzüglich augenärztlich abklären.
- Verdacht auf Orbitaphlegmone (schwere bakterielle Entzündung in der Augenhöhle): Schmerzen bei Augenbewegungen, eingeschränkte Augenbeweglichkeit, Diplopie (Doppeltsehen) oder Proptosis (Hervortreten des Augapfels), insbesondere zusammen mit Fieber und zunehmender Schwellung, erfordern eine sofortige klinische Notfallabklärung. Eine lokale Salbentherapie ist unzureichend.
- Ausbreitende Infektion: Rasch zunehmende flächige Rötung und Schwellung, Fieber bzw. Allgemeinzustandsverschlechterung können auf eine präseptale Zellulitis (bakterielle Entzündung des Lidgewebes vor der Augenhöhle) oder eine weiterreichende Infektion hinweisen und erfordern eine dringliche ärztliche Untersuchung.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
Literatur
- Alsoudi AF, Ton L, Ashraf DC et al.: Efficacy of Care and Antibiotic Use for Chalazia and Hordeola. Eye Contact Lens. 2022;48(4):162-168. doi: 10.1097/ICL.0000000000000859.
- Lindsley K, Nichols JJ, Dickersin K: Non-surgical interventions for acute internal hordeolum. Cochrane Database Syst Rev. 2017;1(1):CD007742. doi: 10.1002/14651858.CD007742.pub4.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- American Academy of Ophthalmology: Blepharitis Preferred Practice Pattern. 2024. Leitlinie [LL1]
- S3-Leitlinie: Atopische Dermatitis (AD) [Neurodermitis; atopisches Ekzem]. (AWMF-Registernummer: 013-027), aktualisierte Langfassung 2026. Langfassung [LL2]
Fachinformationen
- Gent-Ophtal Augensalbe: Produktangaben und Zugang zur Fachinformation. Rote Liste [FI1]
- Posiformin 2 %, Augensalbe: Fachinformation. Fachinformation [FI2]
- Protopic, Tacrolimus: Europäische Produktinformation einschließlich Fachinformation. Produktinformation [FI3]