Augenliderkrankungen – Differentialdiagnosen

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Akute Entzündung der Orbita (Augenhöhle)
  • Blepharitis (Lidrandentzündung)
  • Blepharochalasis (wiederkehrende Lidschwellung mit erschlaffter Lidhaut) – rezidivierende, meist idiopathische Lidödeme (Lidschwellungen) mit konsekutiver Erschlaffung der Lidhaut
  • Blepharospasmus (Lidkrampf)
  • Chalazion (Hagelkorn)
  • Dakryoadenitis (Tränendrüsenentzündung) – Entzündung der Tränendrüse mit lateraler Oberlidschwellung
  • Dakryozystitis (Tränensackentzündung)
  • Dermatochalasis (Schlupflider)
  • Distichiasis (zusätzliche Wimpernreihe) – zusätzliche Wimpernreihe mit Reizung von Kornea (Hornhaut) oder Konjunktiva (Bindehaut)
  • Ektropium (Auswärtsdrehung des Lides)
  • Entropium (Einwärtsdrehung des Lides), ggf. auch Vorliegen von Trichiasis (Wimpernscheuern; Reiben von Wimpern auf der Kornea oder der Konjunktiva)
  • Floppy-Eyelid-Syndrom (schlaffes Oberlid-Syndrom) – schlaffes, leicht evertierbares Oberlid (nach außen umklappbares Oberlid), häufig assoziiert mit obstruktiver Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer durch verengte Atemwege)
  • Hordeolum (Gerstenkorn)
  • Lagophthalmus (unvollständiger Lidschluss) – unvollständiger Lidschluss, z. B. bei Fazialisparese (Gesichtsnervenlähmung) oder narbigen Lidveränderungen
  • Lidekzem (entzündlicher Hautausschlag am Lid)
  • Lidretraktion (Zurückziehen des Lides), z. B. bei endokriner Orbitopathie (hormonell bedingte Augenhöhlenerkrankung)
  • Meibom-Drüsen-Dysfunktion (Funktionsstörung der Lidrand-Talgdrüsen) – Funktionsstörung der Talgdrüsen des Lidrandes, häufig mit Blepharitis und trockenem Auge assoziiert
  • Myokymie (Muskelzucken) – unwillkürliche Muskelaktivität in Form kurzer tetanischer Kontraktionen (anhaltender Muskelanspannungen) in Muskelfasern des Musculus orbicularis oculi (Augenringmuskel)
  • Präseptale Zellulitis (Entzündung des Lid- und Weichteilgewebes vor der Augenhöhlenscheidewand) – bakterielle Entzündung von Lid und periokulärem Weichteilgewebe (Weichteilgewebe um das Auge) ohne Beteiligung der Orbita
  • Ptosis (Herabhängen des Oberlides); kann v. a. vorkommen bei:
    • Aponeurotische (involutionelle/senile) Ptose (altersbedingtes Herabhängen des Oberlides) – häufigste erworbene Ptoseform im Erwachsenenalter
    • Chronische progressive externe Ophthalmoplegie (CPEO; fortschreitende äußere Augenmuskellähmung) – progrediente Lähmung der äußeren Augenmuskeln infolge einer mitochondrialen Dysfunktion (Mitochondriopathie; Erkrankung der Zellkraftwerke)
    • Horner-Syndrom (Nervenstörung mit Lid- und Pupillenveränderung) – Trias einhergehend mit Miosis (Pupillenverengung), Ptosis und Pseudoenophthalmus (scheinbares Zurücksinken des Augapfels)
    • Okulomotoriusparese (Lähmung des Nervus oculomotorius, III. Hirnnerv)
    • Kongenitale Ptosis (angeborenes Herabhängen des Oberlides)
    • Myasthenia gravis (MG; Synonyme: Myasthenia gravis pseudoparalytica; MG; schwere belastungsabhängige Muskelschwäche); seltene neurologische Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch fehlgesteuerte körpereigene Abwehr), bei der spezifische Antikörper gegen die Acetylcholinrezeptoren (Andockstellen für den Nervenbotenstoff Acetylcholin) vorliegen, mit charakteristischen Symptomen wie einer abnormen belastungsabhängigen und schmerzlosen Muskelschwäche, einer Asymmetrie (Seitendifferenz), neben der örtlichen auch einer zeitlichen Wechselhaftigkeit (Fluktuation) im Verlauf von Stunden, Tagen bzw. Wochen, einer Besserung nach Erholungs- bzw. Ruhephasen; klinisch differenzieren lässt sich eine rein okuläre (das Auge betreffende), eine faziopharyngeal betonte (Gesicht und Rachen betreffende) und eine generalisierte Myasthenie (den ganzen Körper betreffende Muskelschwäche); ca. 10 % der Fälle zeigen bereits eine Manifestation (erstes Auftreten) im Kindesalter.
    • Myotone Dystrophie Typ 1 (Curschmann-Steinert; erbliche Muskelerkrankung mit verzögerter Muskelentspannung)
    • Mechanische Ptose durch Lid- oder Orbitamasse (Raumforderung in Lid oder Augenhöhle), z. B. Tumoren (Geschwülste) oder ausgeprägtes Chalazion
    • Pseudoptose (scheinbares Herabhängen des Oberlides), z. B. bei:
      • Dermatochalasis (Schlupflider)
      • Kontralateraler Lidretraktion (Zurückziehen des gegenüberliegenden Lides), z. B. bei endokriner Orbitopathie
      • Augenbrauensenkung (Brow ptosis; Absinken der Augenbraue)
  • Trichiasis (Wimpernscheuern) – Fehlstellung der Wimpern mit Reiben auf Kornea oder Konjunktiva
  • Verengter Tränenkanal
  • Xanthelasma (gelbliche Cholesterinablagerung am Lid)

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Alopecie (Haarausfall)
  • Atopisches Ekzem (Neurodermitis) – kann periokuläre Ekzeme (entzündliche Hautausschläge um das Auge) und Lidödeme verursachen
  • Kontaktdermatitis, allergisch oder irritativ (allergische oder reizbedingte Kontaktentzündung der Haut) – häufige Ursache von Lidekzem, Lidschwellung und Juckreiz
  • Psoriasis vulgaris (Schuppenflechte) – kann den Lidrand und die periokuläre Haut betreffen
  • Rosacea (Kupferrose) – häufig assoziiert mit Blepharitis, Meibom-Drüsen-Dysfunktion und rezidivierenden Chalazien
  • Seborrhoisches Ekzem (fettig-schuppender Hautausschlag) – häufige dermatologische Begleiterkrankung bei Blepharitis

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Chagas-Krankheit (Amerikanische Trypanosomiasis; parasitäre Infektionskrankheit) – Romana-Zeichen (einseitige Lid- und Bindehautschwellung): Rötung und Schwellung der Lider
  • Demodikose (Milbenbefall) – Befall der Lidränder mit Demodex-Milben, assoziiert mit chronischer Blepharitis
  • Erysipel (Wundrose) – akute bakterielle Hautinfektion mit scharf begrenzter Rötung und Schwellung, auch periokulär möglich
  • Herpes-simplex-Infektion (Infektion mit Herpes-simplex-Viren) – kann als vesikuläre Blepharokonjunktivitis (bläschenbildende Lid- und Bindehautentzündung) auftreten
  • Herpes zoster (Gürtelrose)
  • Impetigo contagiosa (Borkenflechte) – oberflächliche bakterielle Hautinfektion, auch am Lid möglich
  • Läusebefall (Pedikulose, Kopflausbefall)
  • Molluscum contagiosum (Dellwarze)
  • Trachom (chronische Chlamydieninfektion des Auges) – chronische Chlamydia-trachomatis-Infektion mit narbigen Lidveränderungen, Entropium und Trichiasis

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Aktinische Keratose (Lichtschwiele) – intraepidermale Präkanzerose (Krebsvorstufe in der Oberhaut) UV-exponierter Hautareale; am Lidrand klinisch relevant als Differenzialdiagnose zu Plattenepithelkarzinom
  • Basalzellkarzinom (weißer Hautkrebs) – häufigster maligner Lidtumor (bösartiger Lidtumor); typischerweise langsam wachsender, perliger oder ulzerierter Knoten (geschwürig veränderter Knoten), häufig mit Teleangiektasien (sichtbar erweiterten kleinen Blutgefäßen) und Verlust der Wimpernarchitektur
  • Hämangiom (Blutschwämmchen) – benigne vaskuläre Neubildung (gutartige Gefäßneubildung), bei Kindern insbesondere als infantiles Hämangiom mit möglicher mechanischer Ptosis oder Amblyopierisiko (Risiko einer Sehschwäche)
  • Keratoakanthom (rasch wachsender Hornknoten) – rasch wachsender keratotischer Knoten (verhornender Knoten); klinische Abgrenzung zum Plattenepithelkarzinom oft schwierig
  • Lidtumoren, benigne (gutartige Lidtumoren), z. B. Papillom (Warzenwucherung), seborrhoische Keratose (Alterswarze), Naevus (Muttermal), Hidrozystom (Schweißdrüsenzyste), Syringom (gutartige Schweißdrüsenwucherung) oder Trichoepitheliom (gutartige Haarfollikelwucherung)
  • Lymphom des Lides oder der okulären Adnexe (Lymphdrüsenkrebs des Lides oder der Augenanhangsgebilde) – meist langsam progrediente, schmerzlose Schwellung oder Raumforderung; Differenzialdiagnose chronischer Lid- oder Orbitaschwellungen
  • Malignes Melanom des Lides (schwarzer Hautkrebs des Lides) – pigmentierter oder amelanotischer (nicht pigmentierter) maligner Tumor; klinische Warnzeichen sind Größenprogredienz (Größenzunahme), irreguläre Pigmentierung (unregelmäßige Färbung), Ulzeration (Geschwürbildung) und Wimpernverlust
  • Merkelzellkarzinom (seltener aggressiver Hautkrebs) – seltener, aggressiver neuroendokriner Hauttumor (von Hormon- und Nervenzellen ausgehender Hauttumor); kann als schnell wachsender, rötlich-violetter, schmerzloser Lidknoten imponieren
  • Plattenepithelkarzinom (Stachelzellkrebs) – maligner epithelialer Tumor (bösartiger Tumor der Deckzellschicht), häufig an UV-exponierter Lidhaut; klinisch oft hyperkeratotisch (stark verhornt), ulzeriert oder infiltrierend (einwachsend)
  • Talgdrüsenkarzinom (Talgdrüsenkrebs) – seltener, aber klinisch wichtiger maligner Lidtumor; kann ein rezidivierendes Chalazion, ein persistierendes Hordeolum oder eine chronische einseitige Blepharitis imitieren

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit Eiweißverlust) – Sammelbegriff für Symptome bei Erkrankungen des Glomerulums (Nierenfilterkörperchen) mit Proteinurie (Eiweiß im Urin), Hypoproteinämie (vermindertem Eiweiß im Blut), peripheren Ödemen (Wassereinlagerungen an Armen und Beinen) und Hyperlipoproteinämie (erhöhten Blutfetten)

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Angioödem (tiefe Schwellung von Haut oder Schleimhaut)
  • Chemische oder thermische Lidverletzung (Verätzung oder Verbrennung des Lides) – kann Lidödem, Narbenbildung, Entropium, Ektropium oder Lagophthalmus verursachen
  • Fremdkörper- oder kontaktlinsenassoziierte Reizung – kann reaktive Lidrandentzündung, Tränenfluss und Lidschwellung verursachen
  • Periorbitales Hämatom (Bluterguss um das Auge) – traumatische Einblutung der Lid- und periokulären Weichteile

Medikamente

  • Angiotensin-Converting-Enzyme-Hemmer (Blutdruckmedikamente) – können ein Bradykinin-vermitteltes Angioödem mit Lid- und Gesichtsschwellung auslösen
  • Prostaglandinanaloga (Augendrucksenker) – können eine prostaglandinassoziierte periorbitale Veränderung (durch Prostaglandinanaloga verursachte Veränderung um das Auge) mit Vertiefung der oberen Lidfurche, Enophthalmus (Zurücksinken des Augapfels), Ptosis oder periorbitaler Fettatrophie (Rückbildung des Fettgewebes um das Auge) verursachen
  • Topische Ophthalmika (äußerlich am Auge angewendete Augenmedikamente), Kosmetika oder Konservierungsmittel – können irritative oder allergische Kontaktdermatitis der Lider verursachen

Weitere Ursachen

  • Insektenstich