Bioidentische Hormontherapie: Nutzen, Risiken und Evidenz

Die bioidentische Hormontherapie (engl. Bioidentical Hormone Replacement Therapy, BHRT) bezeichnet die Behandlung mit Hormonen, deren chemische und molekulare Struktur mit körpereigenen Hormonen übereinstimmt. Im Zusammenhang mit der Peri- und Postmenopause (Übergangsphase vor und Zeit nach der letzten Regelblutung) betrifft dies vor allem 17β-Estradiol und mikronisiertes Progesteron. Als Synonyme werden die Begriffe naturidentische oder körperidentische Hormontherapie verwendet.

Bioidentische Hormone sind seit Langem Bestandteil der regulären menopausalen Hormontherapie. Sie können als zugelassene Fertigarzneimittel oder als individuell hergestellte Rezepturen eingesetzt werden. Diese beiden Anwendungsformen müssen wissenschaftlich und regulatorisch klar voneinander getrennt werden.

Für zugelassene Präparate mit 17β-Estradiol und mikronisiertem Progesteron liegen standardisierte Daten zu Qualität, Pharmakokinetik, Wirksamkeit und Sicherheit vor. Für individuell hergestellte Hormonmischungen ist die Evidenz deutlich begrenzter. Entscheidend für den Nutzen und die Risiken einer bioidentischen Hormontherapie sind nicht allein die chemische Identität des Hormons, sondern ebenso Indikation, Dosis, Applikationsweg, Behandlungsdauer, Begleiterkrankungen und eine ausreichende Endometriumprotektion (Schutz der Gebärmutterschleimhaut).

Was bedeutet „bioidentisch“?

Als bioidentisch werden Hormone bezeichnet, deren chemische und molekulare Struktur mit einem körpereigenen Hormon übereinstimmt. Hierzu gehören insbesondere:

  • 17β-Estradiol: strukturell identisch mit dem wichtigsten endogenen Östrogen der Frau vor der Menopause.
  • Mikronisiertes Progesteron: strukturell identisch mit dem vom Corpus luteum (Gelbkörper) gebildeten Progesteron.
  • Estriol: ein physiologisch vorkommendes, schwächer wirksames Östrogen, das vor allem lokal vaginal eingesetzt wird.
  • Dehydroepiandrosteron: ein endogenes Steroidvorläuferhormon; intravaginales Prasteron kann beim genitourinären Syndrom der Menopause (Beschwerden an Geschlechtsorganen und Harnwegen durch Hormonmangel) eingesetzt werden.
  • Testosteron: ebenfalls ein physiologisches Hormon der Frau, dessen therapeutischer Einsatz jedoch einer besonderen Indikationsstellung bedarf.

„Bioidentisch“ beziehungsweise „naturidentisch“ bedeutet nicht, dass das Arzneimittel unmittelbar aus einer Pflanze oder aus dem menschlichen Körper gewonnen wird. Die Ausgangsstoffe können pflanzlichen Ursprungs sein, werden aber industriell chemisch umgewandelt, gereinigt und zu einem definierten Wirkstoff verarbeitet. Entscheidend ist die Struktur des fertigen Hormons.

Der Begriff sagt für sich allein nichts über Wirksamkeit, Arzneimittelqualität oder Sicherheit aus. Ein bioidentischer Wirkstoff kann Bestandteil eines zugelassenen Fertigarzneimittels oder einer individuell angefertigten Rezeptur sein. Diese Präparategruppen unterscheiden sich hinsichtlich Herstellung, Qualitätskontrolle, Standardisierung und klinischer Daten erheblich [1, 9, LL2, LL4].

Zugelassene bioidentische Hormone und individuelle Rezepturen

Zugelassene Arzneimittel mit 17β-Estradiol und mikronisiertem Progesteron unterliegen definierten Anforderungen an Reinheit, Wirkstoffgehalt, Stabilität, Bioverfügbarkeit und Pharmakovigilanz. Für sie liegen standardisierte Fachinformationen und klinisch geprüfte Dosierungs- und Anwendungsschemata vor.

Individuell hergestellte bioidentische Hormonrezepturen können beispielsweise Estradiol, Estriol, Progesteron, Testosteron oder Dehydroepiandrosteron in unterschiedlichen Kombinationen enthalten. Eine Rezeptur kann medizinisch sinnvoll sein, wenn ein benötigter Wirkstoff, eine geeignete Dosis oder eine bestimmte Darreichungsform nicht als zugelassenes Präparat verfügbar ist oder wenn eine relevante Unverträglichkeit gegenüber Hilfsstoffen besteht.

Ein grundsätzlicher Wirksamkeits- oder Sicherheitsvorteil individuell hergestellter Rezepturen gegenüber zugelassenen Präparaten ist jedoch nicht nachgewiesen. Systematische Reviews fanden zwar Hinweise auf kurzfristige Wirkungen einzelner Rezepturen, die Studien waren aber klein, heterogen und überwiegend nicht dafür ausgelegt, seltene oder langfristige Endpunkte wie Brustkrebs, Endometriumkarzinom (Krebs der Gebärmutterschleimhaut), Herzinfarkt, Schlaganfall oder venöse Thromboembolien (durch Blutgerinnsel verursachte Gefäßverschlüsse) zuverlässig zu untersuchen [1].

Damit ist eine individuelle Rezeptur nicht grundsätzlich abzulehnen. Sie sollte jedoch eine medizinisch begründete Ausnahme und nicht allein wegen der Bezeichnung „bioidentisch“ oder „naturidentisch“ die bevorzugte Standardtherapie sein. Bei Verfügbarkeit geeigneter Präparate sind zugelassene bioidentische Arzneimittel vorzuziehen [9, LL2, LL4, LL5].

Evidenzbasierte Anwendungsgebiete

Die menopausale Hormontherapie ist die wirksamste medikamentöse Behandlung vasomotorischer Beschwerden (Hitzewallungen und Schweißausbrüche) wie Hitzewallungen und nächtlicher Schweißausbrüche. Sie kann darüber hinaus menopausenassoziierte Schlafstörungen und die Lebensqualität verbessern. Eine Standarddosis verhindert während der Anwendung den menopausenbedingten Verlust an Knochenmasse und vermindert das Frakturrisiko (Risiko für Knochenbrüche) [8, LL1-LL3].

Nach der Konsultationsfassung der aktualisierten deutschen S3-Leitlinie soll postmenopausalen Frauen mit vasomotorischen Beschwerden eine menopausale Hormontherapie angeboten werden, sofern keine Kontraindikationen vorliegen und eine Aufklärung über kurz- und langfristige Nutzen und Risiken erfolgt ist. Bei vorhandenem Uterus (Gebärmutter) ist eine kombinierte Östrogen-Gestagen-Therapie mit ausreichendem Gestagenanteil erforderlich; nach Hysterektomie (operativer Entfernung der Gebärmutter) kommt eine Östrogenmonotherapie (Behandlung ausschließlich mit einem Östrogen) infrage [LL1].

Die Indikation richtet sich nach der klinischen Symptomatik, dem Leidensdruck, den individuellen Risikofaktoren und den Präferenzen der Patientin. Eine Hormontherapie ist nicht allein aufgrund eines bestimmten Lebensalters oder eines isolierten Laborwertes indiziert.

Eine menopausale Hormontherapie soll nicht routinemäßig zur Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen (Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor deren erstmaligem Auftreten) oder einer Demenz (fortschreitenden Einschränkung geistiger Fähigkeiten) verordnet werden [8, LL1-LL3].

Für gesunde symptomatische Frauen unter 60 Jahren beziehungsweise innerhalb von zehn Jahren nach Eintritt der Menopause wird das Nutzen-Risiko-Verhältnis in internationalen Positionspapieren überwiegend als günstig beurteilt. Bei späterem Therapiebeginn steigen die absoluten Risiken insbesondere für vaskuläre Ereignisse (Erkrankungen der Blutgefäße). Eine starre Alters- oder Zeitgrenze für die Beendigung einer gut begründeten Therapie lässt sich daraus jedoch nicht ableiten; erforderlich sind regelmäßige individuelle Neubewertungen [LL2].

17β-Estradiol

17β-Estradiol kann oral oder transdermal als Pflaster, Gel oder Spray angewendet werden. Beide Applikationswege sind zur Behandlung vasomotorischer Beschwerden wirksam. Ihre metabolischen und vaskulären Wirkungen unterscheiden sich jedoch.

Orales Estradiol wird zunächst über die Leber metabolisiert und beeinflusst dadurch unter anderem Gerinnungsfaktoren, Triglyceride, Sexualhormon-bindendes Globulin und weitere hepatische Proteine. Transdermales Estradiol umgeht diesen First-Pass-Effekt (erste Verstoffwechselung eines eingenommenen Wirkstoffs in der Leber) weitgehend.

Systematische Reviews und Beobachtungsstudien sprechen dafür, dass eine orale Östrogentherapie mit einem höheren Risiko für venöse Thromboembolien verbunden ist als eine transdermale Therapie [6, 7]. Die Evidenz für den direkten Vergleich stammt allerdings überwiegend aus Beobachtungsstudien; randomisierte Studien mit klinischen vaskulären Endpunkten sind begrenzt.

Die transdermale Anwendung ist daher nicht risikofrei, besitzt aber insbesondere bei erhöhtem Thromboserisiko, Adipositas (starkem Übergewicht), Hypertriglyceridämie (erhöhten Blutfettwerten) oder relevanten metabolischen Begleiterkrankungen potenzielle Vorteile.

Auch die deutsche S3-Konsultationsfassung empfiehlt, darüber aufzuklären, dass das Risiko für Thromboembolien und Schlaganfälle unter oraler Östrogentherapie höher ist als unter transdermaler Applikation und dass das Risiko dosisabhängig ist [LL1].

Die Wahl des Applikationswegs sollte daher nicht allein aufgrund der bioidentischen Molekülstruktur, sondern anhand des individuellen Risikoprofils, der Begleiterkrankungen und der Präferenzen der Patientin erfolgen.

Mikronisiertes Progesteron

Bei einer systemischen Östrogentherapie und vorhandenem Uterus muss das Endometrium durch ein ausreichend dosiertes und ausreichend lange angewendetes Gestagen geschützt werden. Mikronisiertes Progesteron ist hierfür eine etablierte bioidentische Option.

Ein systematischer Review kommt zu dem Ergebnis, dass oral angewendetes mikronisiertes Progesteron in geprüften sequenziellen Regimen eine Endometriumprotektion gewährleisten kann. Für transdermale Progesteroncremes ist eine zuverlässige Endometriumprotektion dagegen nicht belegt [3]. Die kutane Resorption ist variabel und kann trotz scheinbar plausibler Speichel- oder Serumwerte unzureichend sein.

Die deutsche S3-Konsultationsfassung verlangt bei nicht hysterektomierten Frauen unter kombinierter Therapie eine mindestens 12-tägige, besser 14-tägige Gestagenanwendung pro Behandlungsmonat [LL1].

Mikronisiertes Progesteron weist gegenüber einigen synthetischen Gestagenen möglicherweise ein günstigeres metabolisches und vaskuläres Profil auf. Ein systematischer Review zu kardiovaskulären Endpunkten ergab keine Hinweise auf eine relevante Verschlechterung mehrerer kardiovaskulärer Risikomarker; belastbare randomisierte Daten zu klinischen Ereignissen bleiben jedoch begrenzt [4].

Für den Schlaf liegen positive Signale vor. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse randomisierter Studien zeigte Verbesserungen einzelner objektiver und subjektiver Schlafparameter, wobei viele Untersuchungen klein waren und teilweise gleichzeitig Estradiol eingesetzt wurde [5].

Mikronisiertes Progesteron kann daher bei geeigneter Indikation einen Zusatznutzen besitzen. Es ist jedoch kein allgemeines Schlafmittel und sollte nicht ohne gynäkologisch-endokrinologische Einordnung zur Behandlung unspezifischer Schlafstörungen eingesetzt werden.

Brustkrebsrisiko

Die Beurteilung des Brustkrebsrisikos erfordert eine Differenzierung nach Ausgangsrisiko, Behandlungsbeginn, Therapiedauer, Östrogenmonotherapie oder Kombinationstherapie und verwendetem Gestagen.

Eine kombinierte systemische Östrogen-Gestagen-Therapie kann das Brustkrebsrisiko geringfügig erhöhen. Das absolute Risiko hängt wesentlich vom individuellen Ausgangsrisiko und von der Behandlungsdauer ab. Die Risikoprofile einer Östrogenmonotherapie nach Hysterektomie und einer kombinierten Therapie sind nicht identisch [8, LL1, LL2].

Beobachtungsdaten und ein systematischer Review deuten darauf hin, dass Kombinationen mit mikronisiertem Progesteron bei einer Anwendung von bis zu etwa fünf Jahren möglicherweise mit einem geringeren Brustkrebsrisiko verbunden sind als Kombinationen mit bestimmten synthetischen Gestagenen [2]. Dies ist ein klinisch relevantes positives Signal. Es beweist jedoch nicht, dass mikronisiertes Progesteron das Brustkrebsrisiko vollständig aufhebt. Langfristige randomisierte Vergleichsstudien mit Brustkrebs als primärem Endpunkt fehlen.

Die Aussage, bioidentische Hormone verursachten grundsätzlich keinen Brustkrebs, ist daher ebenso wenig evidenzbasiert wie die pauschale Aussage, jede menopausale Hormontherapie sei mit einem hohen Brustkrebsrisiko verbunden. Erforderlich ist eine individualisierte Darstellung des absoluten Risikos.

Nach behandeltem Mammakarzinom (Brustkrebs) soll eine systemische menopausale Hormontherapie grundsätzlich nicht durchgeführt werden. In begründeten Einzelfällen kann sie nach Versagen nicht hormoneller Behandlungen, erheblicher Einschränkung der Lebensqualität und interdisziplinärer Beratung erwogen werden [LL1].

Endometrium und Blutungsstörungen

Eine alleinige systemische Östrogentherapie stimuliert bei vorhandenem Uterus das Endometrium und erhöht abhängig von Dosis und Dauer das Risiko einer Endometriumhyperplasie (übermäßigen Verdickung der Gebärmutterschleimhaut) und eines Endometriumkarzinoms. Eine adäquate Gestagenkomponente reduziert dieses Risiko [3, 8, LL1].

Bioidentisches Progesteron schützt das Endometrium nur dann zuverlässig, wenn Dosis, Applikationsweg und Anwendungsdauer ausreichend sind. Die alleinige Bezeichnung „Progesteron“ oder ein individuell bestimmter Speichelwert belegen keine ausreichende Endometriumprotektion [3, 9, LL4].

Neu auftretende oder persistierende Blutungen unter einer menopausalen Hormontherapie müssen entsprechend dem Alter, dem Therapieschema, dem Zeitpunkt des Therapiebeginns und den individuellen Risikofaktoren abgeklärt werden. Eine empirische Erhöhung der Progesterondosis ohne vorherige diagnostische Einordnung kann eine strukturelle oder neoplastische Ursache (durch eine Gewebeneubildung verursachte Ursache) überdecken.

Genitourinäres Syndrom der Menopause

Bei vaginaler Trockenheit, Brennen, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) oder rezidivierenden Harnwegsbeschwerden ist eine lokale vaginale Östrogentherapie besonders wirksam. Sie kann auch dann eingesetzt werden, wenn keine vasomotorischen Beschwerden und damit keine Indikation für eine systemische Hormontherapie bestehen [LL1-LL3].

Die deutsche S3-Konsultationsfassung empfiehlt, Patientinnen mit vulvovaginaler Atrophie (Rückbildung und Ausdünnung des Gewebes von Vulva und Scheide) eine lokale Östrogentherapie anzubieten. Sie nennt außerdem vaginale Estrioltherapie bei postmenopausaler Harninkontinenz (unwillkürlichem Harnverlust) und vor einer antibiotischen Langzeitprophylaxe bei rezidivierender unkomplizierter Zystitis (wiederkehrender unkomplizierter Blasenentzündung) [LL1].

Die systemische Exposition unter niedrig dosierten vaginalen Östrogenpräparaten ist deutlich geringer als unter einer systemischen Therapie. Bei Frauen nach hormonabhängigem Mammakarzinom ist dennoch eine abgestimmte individuelle Entscheidung erforderlich, insbesondere unter einer Therapie mit Aromatasehemmern.

Testosteron und Dehydroepiandrosteron

Testosteron ist ein körpereigenes und damit bioidentisches Hormon. Daraus ergibt sich jedoch keine allgemeine Indikation zur Behandlung von Müdigkeit, Gewichtszunahme, unspezifischem Leistungsabfall oder zur „Anti-Aging“-Therapie.

Eine evidenzbasierte Indikation besteht bei postmenopausalen Frauen mit einer diagnostizierten Störung des sexuellen Verlangens, wenn andere biologische, psychische, partnerschaftliche und medikamentöse Ursachen berücksichtigt wurden. Die Dosierung soll Testosteronkonzentrationen im physiologischen prämenopausalen Bereich erzielen. Supraphysiologische Dosierungen (Dosierungen oberhalb des natürlichen körperlichen Bereichs) und schwer steuerbare Implantate sind zu vermeiden [LL1, LL2].

Die deutsche S3-Konsultationsfassung erlaubt eine Testosterontherapie bei postmenopausalen Frauen mit Hypoactive Sexual Desire Disorder (vermindertem sexuellem Verlangen mit persönlichem Leidensdruck) nach differenzierter Diagnostik [LL1].

Intravaginales Dehydroepiandrosteron beziehungsweise Prasteron kann beim genitourinären Syndrom der Menopause eine Option sein, wenn eine lokale Östrogentherapie nicht gewünscht wird oder nicht infrage kommt [LL1, LL3].

Hormonbestimmungen und Therapiekontrolle

Bei Frauen über 45 Jahren mit typischen Beschwerden und charakteristischen Zyklusveränderungen ist die Diagnose der Perimenopause in der Regel klinisch möglich. Einzelne Messungen von Follikel-stimulierendem Hormon oder Estradiol sind wegen der erheblichen hormonellen Schwankungen häufig nicht geeignet, die menopausale Phase zuverlässig zu klassifizieren.

Die Einstellung einer bioidentischen Hormontherapie erfolgt in erster Linie anhand von Beschwerden, Nebenwirkungen, Blutungsmuster und klinischem Risikoprofil. Routinemäßige Zielwerte für Estradiol oder Progesteron sind für die Behandlung typischer Wechseljahresbeschwerden nicht validiert.

Speicheltests eignen sich nicht zur individuellen Dosierung systemischer Hormonrezepturen. Die Konzentrationen können durch Tageszeit, Nahrungsaufnahme, Kontamination, Applikationszeitpunkt und methodische Faktoren beeinflusst werden. Ein vermeintlich „personalisierter“ Speichelwert ist daher keine tragfähige Grundlage, um Wirksamkeit oder Endometriumprotektion zu beurteilen [9, LL4, LL5].

Serumbestimmungen können in besonderen Situationen sinnvoll sein, beispielsweise bei ausbleibender klinischer Wirkung trotz vermuteter Adhärenz, ungewöhnlichen Nebenwirkungen, Verdacht auf Resorptionsstörungen (Störungen der Wirkstoffaufnahme) oder zur Vermeidung supraphysiologischer Testosteronkonzentrationen. Sie ersetzen jedoch nicht die klinische Beurteilung.

Hormonpellets und schwer steuerbare Depotpräparate

Subkutane Hormonpellets (unter die Haut eingesetzte Hormonstäbchen) können über Monate Hormone freisetzen. Nach Implantation lassen sie sich nicht kurzfristig absetzen oder zuverlässig titrieren. Insbesondere bei Testosteron können supraphysiologische Konzentrationen auftreten.

Für einen generellen Vorteil von Pellets gegenüber zugelassenen transdermalen oder oralen Präparaten besteht keine belastbare Evidenz. Aufgrund der eingeschränkten Steuerbarkeit und der begrenzten Langzeitsicherheitsdaten sollten sie nicht routinemäßig eingesetzt werden [9, LL2, LL4, LL5].

Mögliche Vorteile der zugelassenen bioidentischen Hormontherapie

Bei sachgerechter Indikation bieten zugelassene bioidentische Hormone mehrere klinisch relevante Möglichkeiten:

  • Hohe Wirksamkeit: Estradiol ist wirksam gegen vasomotorische Beschwerden und kann menopausenassoziierte Schlaf- und Lebensqualitätsbeeinträchtigungen vermindern.
  • Flexible Applikation: Transdermale Systeme ermöglichen eine Umgehung des hepatischen First-Pass-Effekts und können bei vaskulären oder metabolischen Risikofaktoren vorteilhaft sein.
  • Physiologisches Progesteron: Mikronisiertes Progesteron ist eine wirksame Option zur Endometriumprotektion und besitzt möglicherweise Vorteile gegenüber bestimmten synthetischen Gestagenen.
  • Lokale Behandlung: Vaginale Östrogene ermöglichen eine gezielte Therapie des genitourinären Syndroms bei geringer systemischer Exposition.
  • Individualisierbarkeit: Wirkstoff, Applikationsweg, Dosis und Therapieschema können an Symptomatik, Blutungsmuster, Begleiterkrankungen und Präferenzen angepasst werden.

Diese Vorteile beruhen auf den Eigenschaften definierter Wirkstoffe und geprüfter Therapieschemata. Sie lassen sich nicht automatisch auf jede individuell hergestellte bioidentische Hormonmischung übertragen.

Grenzen und potenzielle Risiken

Auch bioidentische Hormone sind pharmakologisch wirksame Substanzen. Mögliche unerwünschte Wirkungen umfassen unter anderem Brustspannen, Blutungsstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Flüssigkeitsretention, Hautreaktionen und dosisabhängige vaskuläre Risiken. Progesteron kann Müdigkeit oder Benommenheit hervorrufen.

Typische Ausschluss- oder Hochrisikosituationen für eine systemische menopausale Hormontherapie sind:

  • Ungeklärte vaginale Blutung.
  • Aktuelles oder früheres hormonabhängiges Mammakarzinom: Ausnahmen erfordern eine interdisziplinäre Einzelfallentscheidung.
  • Akute venöse Thromboembolie oder hohes thromboembolisches Risiko.
  • Manifeste koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörung des Herzmuskels), Schlaganfall oder andere relevante arterielle Gefäßerkrankung.
  • Schwere aktive Lebererkrankung.
  • Bekannte Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des Präparats.

Nicht jede dieser Situationen schließt jede lokale oder systemische Therapie absolut aus. Die Entscheidung hängt von Wirkstoff, Dosis, Applikationsweg, zeitlichem Abstand zum Ereignis und Behandlungsziel ab.

Praktisches Vorgehen

Vor Beginn einer systemischen bioidentischen Hormontherapie sollten Indikation, Blutungsmuster, Uterusstatus (Vorhandensein oder Fehlen der Gebärmutter), persönliche und familiäre Tumoranamnese (Vorgeschichte mit Tumorerkrankungen) sowie kardiovaskuläre, thromboembolische und metabolische Risikofaktoren erhoben werden. Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sollten entsprechend den geltenden Empfehlungen erfolgen.

Bevorzugt werden sollte die niedrigste Dosis, die eine klinisch ausreichende Symptomkontrolle ermöglicht. „Niedrigste wirksame Dosis“ bedeutet jedoch nicht, dass die Gestagenkomponente bei vorhandenem Uterus beliebig reduziert werden darf.

Nach Therapiebeginn ist eine zeitnahe Kontrolle von Wirksamkeit, Verträglichkeit und Blutungsmuster sinnvoll. Anschließend sollte mindestens jährlich überprüft werden, ob Indikation, Präparat, Dosis und Applikationsweg weiterhin angemessen sind.

Eine feste maximale Therapiedauer ist wissenschaftlich nicht für alle Frauen ableitbar. Mit zunehmendem Alter und wachsendem Abstand zur Menopause ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis jedoch erneut besonders sorgfältig zu bewerten [LL2].

Evidenz zu individuell hergestellten bioidentischen Hormonrezepturen

Der systematische Review von Liu et al. schloss randomisierte Studien zu individuell hergestellten bioidentischen Hormonpräparaten ein. In den überwiegend kurzfristigen Untersuchungen fanden sich für einige Symptome und Surrogatparameter günstige oder neutrale Ergebnisse. Die Heterogenität der Wirkstoffe, Dosierungen und Applikationswege begrenzt jedoch die Übertragbarkeit. Für klinisch entscheidende Langzeitendpunkte war die Datenbasis nicht ausreichend [1].

Die evidenzbasierte Schlussfolgerung lautet daher nicht, dass individuell hergestellte Rezepturen unwirksam oder grundsätzlich gefährlich seien. Vielmehr ist ihre Gleichwertigkeit oder Überlegenheit gegenüber zugelassenen Präparaten nicht hinreichend belegt.

Bei einer medizinisch begründeten Rezeptur sollten Zusammensetzung, Dosis, Applikationsweg, Off-Label-Use, fehlende Langzeitdaten und erforderliche Kontrollen transparent dokumentiert werden. Eine rezepturmäßige Herstellung allein macht eine Therapie weder individueller noch physiologischer, wenn die Dosierung nicht auf validierten klinischen Kriterien beruht.

Fazit

Die bioidentische Hormontherapie ist weder pauschal eine besonders sichere „natürliche“ Therapie noch grundsätzlich kritisch zu beurteilen. Zugelassenes 17β-Estradiol und mikronisiertes Progesteron sind evidenzbasierte und etablierte Bestandteile der menopausalen Hormontherapie.

Besonders die transdermale Estradioltherapie kann wegen des fehlenden hepatischen First-Pass-Effekts bei bestimmten Risikokonstellationen Vorteile bieten. Mikronisiertes Progesteron gewährleistet bei adäquater Anwendung eine Endometriumprotektion und weist hinsichtlich Brust, Stoffwechsel und Gefäßrisiko günstige, bislang jedoch nicht in allen Punkten durch langfristige randomisierte Vergleichsstudien gesicherte Signale auf.

Die wesentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen „natürlich“ und „synthetisch“, sondern zwischen standardisierten, zugelassenen Präparaten mit geprüfter Qualität und individuell hergestellten Rezepturen mit begrenzterer Evidenz.

Eine gut begründete, individuell ausgewählte bioidentische Hormontherapie kann menopausale Beschwerden wirksam lindern und die Lebensqualität deutlich verbessern. Voraussetzungen sind eine klare Indikation, realistische Aufklärung, ausreichende Endometriumprotektion und regelmäßige klinische Überprüfung.

Stand der Leitlinienbewertung: 28. September 2026. Die aktualisierte deutsche S3-Leitlinie liegt zu diesem Zeitpunkt als Konsultationsfassung vor und ist noch nicht als finale Fassung veröffentlicht.

Abkürzungsverzeichnis

  • ACOG: American College of Obstetricians and Gynecologists
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • HSDD: Hypoactive Sexual Desire Disorder
  • LL: Leitlinie beziehungsweise Positionspapier
  • NICE: National Institute for Health and Care Excellence

© Deutsche Klinik für Prävention, Bad Münder

Literatur

  1. Liu Y, Yuan Y, Day AJ et al.: Safety and efficacy of compounded bioidentical hormone therapy (cBHT) in perimenopausal and postmenopausal women: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Menopause. 2022;29(4):465-482. doi: 10.1097/GME.0000000000001937 [1]
  2. Stute P, Wildt L, Neulen J: The impact of micronized progesterone on breast cancer risk: a systematic review. Climacteric. 2018;21(2):111-122. doi: 10.1080/13697137.2017.1421925 [2]
  3. Stute P, Neulen J, Wildt L: The impact of micronized progesterone on the endometrium: a systematic review. Climacteric. 2016;19(4):316-328. doi: 10.1080/13697137.2016.1187123 [3]
  4. Kaemmle LM, Stadler A, Kots LA et al.: The impact of micronized progesterone on cardiovascular events – a systematic review. Climacteric. 2022;25(4):327-336. doi: 10.1080/13697137.2021.2022644 [4]
  5. Nolan BJ, Liang B, Cheung AS: Efficacy of micronized progesterone for sleep: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trial data. J Clin Endocrinol Metab. 2021;106(4):e942-e951. doi: 10.1210/clinem/dgaa873 [5]
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  8. Bofill Rodriguez M, Yong LN, Mirkov S, Bekos C, Lethaby A, Farquhar C: Long-term hormone therapy for perimenopausal and postmenopausal women. Cochrane Database Syst Rev. 2026;9:CD004143. doi: 10.1002/14651858.CD004143.pub7 [8]
  9. Santoro N, Braunstein GD, Butts CL et al.: Compounded bioidentical hormones in endocrinology practice: an Endocrine Society scientific statement. J Clin Endocrinol Metab. 2016;101(4):1318-1343. doi: 10.1210/jc.2016-1271 [9]

Leitlinien und Positionspapiere

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  2. The North American Menopause Society Advisory Panel: The 2022 hormone therapy position statement of The North American Menopause Society. Menopause. 2022;29(7):767-794. doi: 10.1097/GME.0000000000002028 [LL2]
  3. National Institute for Health and Care Excellence: Menopause: identification and management. NICE Guideline NG23. Updated November 2024. Leitlinie [LL3]
  4. Endocrine Society: Compounded Bioidentical Hormone Therapy. Position Statement. October 2019. Positionspapier [LL4]
  5. American College of Obstetricians and Gynecologists: Compounded Bioidentical Menopausal Hormone Therapy. ACOG Clinical Consensus No. 6. November 2023. Clinical Consensus [LL5]