Diabetes mellitus Typ 1 – Differentialdiagnosen
Diagnostische Leitorientierung
- Bei Verdacht auf Diabetes mellitus Typ 1 sind insbesondere Manifestationsalter, Dynamik der Hyperglykämie, Gewichtsverlust, Ketose oder diabetische Ketoazidose (DKA), Body-Mass-Index (BMI), Familienanamnese, Inselautoantikörper gegen Glutamatdecarboxylase (GAD), Insulinoma-associated antigen 2 (IA-2) und Zinktransporter 8 (ZnT8) sowie C-Peptid zur Abgrenzung heranzuziehen.
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Alström-Syndrom – autosomal-rezessive Ziliopathie mit früher Netzhautdegeneration, Nystagmus oder Photophobie, Innenohrschwerhörigkeit, kindlicher Adipositas, ausgeprägter Insulinresistenz, Kardiomyopathie sowie Leber- und Nierenbeteiligung
- Bardet-Biedl-Syndrom (BBS) – Ziliopathie mit Netzhautdystrophie, postaxialer Polydaktylie, Adipositas, Hypogonadismus, Nierenanomalien, Lernstörung und erhöhtem Risiko für insulinresistenten Diabetes
- DIDMOAD-Syndrom (Diabetes insipidus, Diabetes mellitus, Optikusatrophie und Deafness; Wolfram-Syndrom) – autosomal-rezessive Erkrankung mit jungem, nicht autoimmunem, häufig insulinpflichtigem Diabetes, Optikusatrophie, Diabetes insipidus, sensorineuraler Schwerhörigkeit sowie neuro-urologischen oder neurologischen Auffälligkeiten
- Donohue-Syndrom (Leprechaunismus) – schwerster angeborener Insulinrezeptor-Defekt mit intrauteriner Wachstumsrestriktion, Dysmorphie, fehlendem subkutanem Fettgewebe, Acanthosis nigricans, massiver Hyperinsulinämie und wechselnden Hypo- und Hyperglykämien
- Genetische Lipodystrophien einschließlich lipatrophischer Diabetes – generalisierter oder partieller Verlust subkutanen Fettgewebes, muskulärer Habitus, Acanthosis nigricans, schwere Insulinresistenz, Hypertriglyzeridämie, Fettleber und häufig polyzystische Ovarialmorphologie
- Insulinresistenz-Syndrom Typ A – meistens autosomal-dominanter Insulinrezeptor-Defekt, typischerweise bei schlanken Jugendlichen oder jungen Frauen mit Acanthosis nigricans, Hyperandrogenämie, Oligo- oder Amenorrhoe, extrem erhöhter Insulinresistenz und fehlender Lipodystrophie
- Mitochondrialer Diabetes mit Innenohrschwerhörigkeit (mitochondrial diabetes and deafness, MIDD) – maternale Vererbung, Diabetes mit erhaltener oder langsam abnehmender β-Zell-Funktion, sensorineurale Schwerhörigkeit, häufig niedriger BMI, Makuladystrophie, Kardiomyopathie oder Nierenbeteiligung
- Myotone Dystrophie
- Myotone Dystrophie Typ 1 (DM1, Morbus Curschmann-Steinert) – myotone Muskelerkrankung mit distaler Muskelschwäche, Myotonie, Katarakt, kardialen Reizleitungsstörungen, Hypogonadismus und erhöhtem Risiko für Insulinresistenz oder Diabetes
- Myotone Dystrophie Typ 2 (DM2, proximale myotone Myopathie, PROMM) – myotone Muskelerkrankung mit proximaler Muskelschwäche, Myotonie, Myalgien, Katarakt, Herzrhythmusstörungen und möglicher Insulinresistenz
- Prader-Willi-Syndrom (PWS) – Imprinting-Störung der Region 15q11-q13 mit neonataler Muskelhypotonie, Trinkschwäche, später Hyperphagie durch fehlendes Sättigungsgefühl, Adipositas, Minderwuchs, Hypogonadismus, kognitiver Einschränkung und hohem Risiko für Diabetes mellitus Typ 2
- Rabson-Mendenhall-Syndrom – autosomal-rezessiver Insulinrezeptor-Defekt mit intrauteriner Wachstumsverzögerung, Zahnanomalien, Nagelveränderungen, Acanthosis nigricans, Hyperinsulinämie, Wachstumsstörung und früh schwerem insulinresistentem Diabetes
- Werner-Syndrom – autosomal-rezessives Progerie-Syndrom des Erwachsenenalters mit Kleinwuchs, vorzeitigem Ergrauen, Katarakt, Hautatrophie, Hypogonadismus, Arteriosklerose, Malignomneigung und häufig insulinresistentem Diabetes
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Transiente neonatale Hyperglykämie – vor allem bei Frühgeborenen, sehr niedrigem Geburtsgewicht, Sepsis, parenteraler Glukosezufuhr oder Glucocorticoidexposition; abzugrenzen vom neonatalen Diabetes mellitus bei persistierender Hyperglykämie
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Insulinresistenz-Syndrom Typ B – erworbene Autoantikörper gegen den Insulinrezeptor mit abrupter schwerer Insulinresistenz, extremem Insulinbedarf, Acanthosis nigricans, Wechsel zwischen Hyper- und Hypoglykämien und häufiger Assoziation mit Systemischem Lupus erythematodes (SLE) oder anderen Autoimmunerkrankungen
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Akromegalie – Hyperglykämie oder Diabetes durch Wachstumshormonexzess; Hinweise sind vergröberte Gesichtszüge, Akrenvergrößerung, Hyperhidrose, Arthropathie, Karpaltunnelsyndrom und Schlafapnoe
- Cushing-Syndrom – Hyperkortisolismus mit zentraler Adipositas, Striae rubrae, proximaler Myopathie, Hämatomneigung, Hypertonie, Osteoporose und steroidtypischer Insulinresistenz
- Diabetes mellitus Typ 2 – häufigste alternative Diabetesform; Hinweise sind Übergewicht oder Adipositas, Acanthosis nigricans, positive Familienanamnese, metabolisches Syndrom, fehlende Inselautoantikörper und relativ erhaltenes C-Peptid
- Hämochromatose – Eisenüberladung mit Diabetes, Leberwerterhöhung, Hepatomegalie, Arthropathie, Hautpigmentierung, Hypogonadismus oder Kardiomyopathie; Ferritin und Transferrinsättigung richtungsweisend
- Hyperthyreose – keine eigenständige Typ-1-Diabetes-nahe Differenzialdiagnose, aber relevante Ursache einer Demaskierung oder Aggravierung einer Hyperglykämie; Hinweise sind Gewichtsverlust trotz Appetit, Tachykardie, Tremor, Wärmeintoleranz, Struma oder endokrine Orbitopathie
- Ketoseanfälliger Diabetes mellitus Typ 2 (ketosis-prone diabetes, KPD) – Präsentation mit Ketose oder DKA trotz Typ-2-Diabetes-Phänotyp; häufig Adipositas, familiäre Belastung, negative Inselautoantikörper und Erholung der β-Zell-Funktion nach Akutphase
- Latenter Autoimmun-Diabetes im Erwachsenenalter (latent autoimmune diabetes in adults, LADA) – autoimmune Diabetesform des Erwachsenenalters mit positiver Inselautoantikörperdiagnostik, initial häufig fehlender Insulinpflichtigkeit, langsamerem C-Peptid-Abfall und späterer Insulinpflichtigkeit
- Maturity-onset diabetes of the young (MODY) – monogener Diabetes mit autosomal-dominanter Familienanamnese, Manifestation meistens vor dem 25. Lebensjahr, schlankem Phänotyp, fehlenden Inselautoantikörpern, erhaltenem C-Peptid und meistens fehlender Ketoazidose
- Mukoviszidose-assoziierter Diabetes (cystic fibrosis-related diabetes, CFRD) – Diabetes bei Mukoviszidose mit exokriner Pankreasinsuffizienz, chronischer pulmonaler Erkrankung, Malabsorption, Gewichtsproblemen und kombinierter Insulinsekretionsstörung mit krankheitsbedingter Insulinresistenz
- Neonataler Diabetes mellitus (NDM) – monogener Diabetes mit Manifestation vor dem 6. Lebensmonat; spricht gegen klassischen Typ-1-Diabetes, erfordert genetische Diagnostik, insbesondere bei KCNJ11-, ABCC8- oder INS-Varianten
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Kongenitale Rötelninfektion – seltene Ursache eines frühen Diabetes; Hinweise sind Katarakt, Innenohrschwerhörigkeit, angeborene Herzfehler, Mikrozephalie oder Entwicklungsstörung
- Kongenitale Zytomegalievirus-Infektion (CMV-Infektion) – sehr seltene Differenzialdiagnose bei neonataler oder frühkindlicher Hyperglykämie; nur bei passender klinischer Konstellation relevant, insbesondere mit intrauteriner Wachstumsrestriktion, Hepatosplenomegalie, Thrombozytopenie, intrakraniellen Verkalkungen oder Hörstörung
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)
- Chronische Pankreatitis – pankreatogener Diabetes mit Oberbauchschmerzen, rezidivierenden Schüben, exokriner Pankreasinsuffizienz, Steatorrhoe, Pankreasverkalkungen oder Gangveränderungen in der Bildgebung
- Pankreatogener Diabetes mellitus (Typ-3c-Diabetes) – Diabetes infolge Erkrankung des exokrinen Pankreas; Hinweise sind Pankreaserkrankung in der Anamnese, exokrine Insuffizienz, fehlende Inselautoantikörper, reduzierte Insulin- und Glukagonsekretion sowie erhöhtes Hypoglykämierisiko unter Insulin
- Rezidivierende akute Pankreatitis – wiederholte Pankreasentzündungen mit nachfolgender β-Zell-Schädigung; Hinweise sind typische Schmerzepisoden, erhöhte Pankreasenzyme, Gallensteinleiden, Alkoholtoxizität, Hypertriglyzeridämie oder genetische Pankreatitis-Konstellation
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Glucagonom – neuroendokriner Tumor mit Diabetes, Gewichtsverlust, nekrolytischem migratorischem Erythem, Anämie, Diarrhoe, Stomatitis und Thromboseneigung
- Pankreaskarzinom – neu aufgetretener oder rasch entgleisender Diabetes, insbesondere im höheren Lebensalter, mit Gewichtsverlust, Oberbauch- oder Rückenschmerz, Appetitverlust oder schmerzlosem Ikterus
- Phäochromozytom – Katecholaminexzess mit paroxysmaler Hyperglykämie, Hypertoniekrisen, Palpitationen, Kopfschmerz, Schwitzen, Blässe und Tremor
- Somatostatinom – neuroendokriner Tumor mit Diabetes, Cholelithiasis, Steatorrhoe, Gewichtsverlust, Hypochlorhydrie und unspezifischen abdominellen Beschwerden
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Gestationsdiabetes mellitus (GDM) – erstmals in der Schwangerschaft diagnostizierte Glukosestoffwechselstörung; bei Diagnose im ersten Trimenon oder deutlicher Hyperglykämie muss präexistenter Diabetes einschließlich Diabetes mellitus Typ 1 abgegrenzt werden
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Nichtdiabetische Ketose oder Ketonurie – bei Fasten, Erbrechen, sehr kohlenhydratarmer Ernährung, Alkohol oder interkurrenter Erkrankung; Glukosewerte sind normal oder nur mäßig erhöht, HbA1c und Verlaufsdiagnostik sprechen gegen persistierenden Diabetes
- Stresshyperglykämie – transiente Hyperglykämie bei akuter Erkrankung, Sepsis, Trauma, Operation, Myokardinfarkt oder Schlaganfall; Abgrenzung durch HbA1c, Verlauf nach Rekonvaleszenz und wiederholte Plasmaglukosemessungen
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Pankreasresektion oder Pankreatektomie – nur bei entsprechender Anamnese relevante iatrogene Differenzialdiagnose eines insulinpflichtigen Diabetes durch Verlust endokriner Pankreasmasse; häufig kombiniert mit exokriner Pankreasinsuffizienz und fehlenden Inselautoantikörpern
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Pankreastrauma – nur bei entsprechender Trauma- oder Pankreatitisanamnese relevante Ursache eines pankreatogenen Diabetes durch posttraumatische β-Zell-Schädigung; anamnestisch relevant nach stumpfem oder penetrierendem Oberbauchtrauma, Pankreasruptur oder posttraumatischer Pankreatitis
Medikamente
- Alpelisib und andere Phosphoinositid-3-Kinase-alpha-Inhibitoren (PI3K-alpha-Inhibitoren) – onkologisch kontextabhängige Ursache einer ausgeprägten Hyperglykämie durch Störung der Insulinsignalübertragung, besonders bei Prädiabetes, Diabetesrisiko oder Kombinationstherapie
- Atypische Antipsychotika – insbesondere Clozapin und Olanzapin können Gewichtszunahme, Insulinresistenz, Hyperglykämie und selten Ketoazidose fördern; differenzialdiagnostisch nur bei entsprechender Medikamentenanamnese relevant
- Glucocorticoide – dosisabhängige, häufig postprandial betonte Hyperglykämie durch Insulinresistenz und gesteigerte hepatische Glukoseproduktion; zeitlicher Zusammenhang zur Steroidtherapie wegweisend
- Immuncheckpoint-Inhibitoren – können einen abrupten autoimmunen, insulinopenischen Diabetes mit DKA, niedrigem C-Peptid und teilweise positiven Inselautoantikörpern auslösen
- Immunsuppressiva nach Organtransplantation – insbesondere Tacrolimus, Sirolimus und Cyclosporin können posttransplantären Diabetes durch β-Zell-Toxizität und Insulinresistenz verursachen
- Interferon-alpha – seltene Auslösung oder Verstärkung autoimmuner β-Zell-Schädigung mit Manifestation eines Typ-1-ähnlichen Diabetes
- Pentamidin – β-Zell-toxische Substanz mit möglicher initialer Hypoglykämie und nachfolgendem insulinpflichtigem Diabetes
- Proteaseinhibitoren und weitere antiretrovirale Therapie bei Infektion mit dem humanen Immundefizienzvirus (HIV) – medikamentös-metabolische Ursache einer Hyperglykämie durch Insulinresistenz, Lipodystrophie und metabolische Nebenwirkungen; differenzialdiagnostisch nur bei entsprechender Therapieanamnese relevant
Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)
- Pyrinuron (Vacor; Rodentizid) – historisch beschriebene, seltene toxische β-Zell-Schädigung mit abruptem insulinpflichtigem Diabetes und Ketoazidoseneigung