Makro- und Mikronährstoff-Mehrbedarf in der Stillphase
Die Laktationsphase ist durch einen erhöhten Energie- und Nährstoffumsatz gekennzeichnet. Für die kontinuierliche Synthese von Muttermilch (Brustmilch) werden Energie, Protein (Eiweiß), Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und weitere bioaktive Nahrungsbestandteile (körperlich wirksame Bestandteile der Nahrung) benötigt. Die ernährungsmedizinische Betreuung (medizinische Begleitung der Ernährung) verfolgt dabei zwei eigenständige Ziele: die Sicherung des mütterlichen Ernährungs- und Gesundheitsstatus sowie die Optimierung derjenigen Bestandteile der Muttermilch, deren Konzentration durch die mütterliche Ernährung oder eine gezielte Supplementierung (gezielte Einnahme von Nährstoffpräparaten) beeinflusst werden kann [1-6].
Der im Gesundheitslexikon verwendete Begriff Vitalstoffe ist ein redaktioneller Oberbegriff und keine wissenschaftlich einheitlich definierte Nährstoffklasse. Für die fachärztliche Bewertung müssen Makronährstoffe (Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate), Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, essenzielle Fettsäuren (lebensnotwendige Fettsäuren) und weitere physiologisch relevante Nahrungsbestandteile (für natürliche Körperfunktionen bedeutsame Nahrungsbestandteile) getrennt betrachtet werden.
Ein Mehrbedarf besteht während der Laktation nicht für alle Nährstoffe in gleichem Umfang. Ebenso ist die Annahme, die Schwangerschaft führe regelhaft zu einer generalisierten Erschöpfung sämtlicher mütterlicher Mikronährstoffspeicher (Körpervorräte an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen), wissenschaftlich nicht haltbar. Der individuelle Versorgungsbedarf wird vielmehr durch den Ernährungsstatus vor und während der Schwangerschaft, die Stillintensität, die gebildete Milchmenge, die Laktationsdauer, die Ernährungsform, peripartale Verluste (Verluste um den Geburtszeitpunkt herum), Begleiterkrankungen, Arzneimitteltherapien und mögliche Resorptionsstörungen (Störungen der Nährstoffaufnahme im Darm) bestimmt [5, 6].
Physiologische Grundlagen des Mehrbedarfs
Der zusätzliche Energiebedarf resultiert vor allem aus der Milchbildung. Für ausschließliches Stillen während der ersten 4-6 Monate gilt ein Richtwert von zusätzlich 500 kcal pro Tag [10]. Dieser populationsbezogene Richtwert ist im Einzelfall unter Berücksichtigung von Ausgangsgewicht, Gewichtsverlauf, körperlicher Aktivität, Stillintensität und tatsächlich gebildeter Milchmenge einzuordnen.
Für Stillende beträgt die empfohlene Proteinzufuhr 1,2 g pro Kilogramm Körpergewicht und Tag bzw. zusätzlich 23 g Protein pro Tag gegenüber nicht schwangeren und nicht stillenden Frauen [11]. Die Berechnung bezieht sich auf Normalgewicht. Bei einem Body-Mass-Index (Maßzahl für das Körpergewicht im Verhältnis zur Körpergröße) über 25 kg/m² soll das Normalgewicht zugrunde gelegt werden. Neben der Gesamtmenge sind Proteinqualität und eine ausreichende Zufuhr unentbehrlicher Aminosäuren (lebensnotwendige Eiweißbausteine) zu beachten [11].
Der Mehrbedarf einzelner Mikronährstoffe wird nicht ausschließlich durch den gesteigerten Energieumsatz bestimmt. Er ergibt sich je nach Nährstoff aus der Sekretion (Abgabe) in die Muttermilch, der mütterlichen Homöostase (körpereigenen Gleichgewichtsregulation), möglichen Speicherverlusten und der Prävention (Vorbeugung) eines klinisch relevanten Mangels [5, 6].
Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr sind populationsbezogene Zielgrößen für gesunde Personen. Sie sind weder diagnostische Grenzwerte (Messwerte zur Feststellung einer Erkrankung) für einen Nährstoffmangel noch unmittelbar mit präventiven oder therapeutischen Supplementdosierungen (Dosierungen zur Vorbeugung oder Behandlung) gleichzusetzen [15].
Einfluss der mütterlichen Ernährung auf die Muttermilch
Die Zusammensetzung der Muttermilch unterliegt komplexen sekretorischen, hormonellen (durch körpereigene Botenstoffe gesteuerten) und homöostatischen Regulationsmechanismen. Sie wird zudem durch das Laktationsstadium, die Tageszeit, den Zeitpunkt innerhalb einer Stillmahlzeit, den Entleerungsgrad der Brust, das Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) bei der Geburt, die Probengewinnung, die Lagerung und die analytische Methodik beeinflusst. Einzelne Milchproben sind deshalb nur bei standardisierter Präanalytik (festgelegten Bedingungen vor der Laboranalyse) und geeigneten Referenzdaten interpretierbar [1-5].
Die Gesamtgehalte an Protein und Kohlenhydraten sowie in geringerem Maß der Gesamtfettgehalt sind gegenüber kurzfristigen Veränderungen der mütterlichen Ernährung vergleichsweise robust. Die Studienlage ist jedoch methodisch heterogen (uneinheitlich) und rechtfertigt nicht die pauschale Aussage, die Makronährstoffzusammensetzung der Muttermilch sei vollständig unabhängig vom mütterlichen Ernährungs- und Gesundheitsstatus [2, 3, 5].
Deutlich stärker durch die mütterliche Ernährung beeinflussbar ist das Fettsäuremuster der Muttermilch. Die konsistenteste Evidenz besteht für Docosahexaensäure (Omega-3-Fettsäure DHA) und Eicosapentaensäure (Omega-3-Fettsäure EPA). Auch für α-Linolensäure (pflanzliche Omega-3-Fettsäure) werden Zusammenhänge berichtet, während die Evidenz zur Arachidonsäure (Omega-6-Fettsäure) weniger eindeutig ist [1, 2, 5].
Für Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente besteht kein einheitliches Reaktionsmuster. Vergleichsweise konsistent ist die Abhängigkeit der Jod- und Selenkonzentration in der Muttermilch von der mütterlichen Zufuhr und Versorgung. Für einzelne wasser- und fettlösliche Vitamine werden ebenfalls Zusammenhänge beschrieben; deren Stärke hängt jedoch vom jeweiligen Vitamin, der Ausgangsversorgung, der Dosis, der Interventionsdauer (Dauer einer gezielten Maßnahme) und dem Laktationsstadium ab [1, 4, 5].
Die Ergebnisse der verfügbaren Reviews (wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten) unterscheiden sich teilweise in der Bewertung einzelner Vitamine. Dies ist vor allem auf heterogene Studiendesigns, unterschiedliche Supplementdosierungen, kleine Stichproben, uneinheitliche Zeitpunkte der Milchgewinnung und Unterschiede im Ausgangsstatus zurückzuführen. Aus dem Nachweis einer Veränderung nach hoch dosierter Supplementierung darf daher nicht unmittelbar auf den Effekt einer üblichen Nahrungszufuhr geschlossen werden [1, 2, 4].
Die Konzentrationen zahlreicher Mineralstoffe, insbesondere von Calcium, Eisen und Zink, reagieren bei ausreichend versorgten Frauen deutlich weniger auf kurzfristige Veränderungen der mütterlichen Zufuhr als das Fettsäuremuster sowie die Konzentrationen von Jod und Selen. Eine unzureichende mütterliche Zufuhr kann dennoch den mütterlichen Ernährungsstatus beeinträchtigen, auch wenn die Konzentration in der Muttermilch zunächst weitgehend aufrechterhalten wird [1, 5].
Ernährungsmedizinische Zielsetzung
Grundlage der Versorgung ist eine bedarfsdeckende Ernährung mit hoher Nährstoffdichte (hohem Nährstoffgehalt im Verhältnis zum Energiegehalt). Diese sollte insbesondere Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Samen und geeignete pflanzliche Öle umfassen. Abhängig von der Ernährungsform können Milchprodukte, Eier, Fisch, Fleisch und weitere tierische Lebensmittel zur Versorgung beitragen [6, 7].
Für die ernährungsmedizinische Betreuung ergeben sich drei zentrale Zielsetzungen:
- Sicherung der für Milchbildung, Regeneration (Erholung und Wiederherstellung) und mütterliche Stoffwechselfunktionen erforderlichen Energie- und Proteinzufuhr
- Erhaltung bzw. Wiederauffüllung beeinträchtigter mütterlicher Nährstoffspeicher
- gezielte Optimierung derjenigen Bestandteile der Muttermilch, die auf die mütterliche Ernährung oder Supplementierung ansprechen
Restriktive Ernährungsformen, ausgeprägte Nahrungsmittelausschlüsse sowie eine dauerhaft unzureichende Energie-, Protein- oder Mikronährstoffzufuhr erhöhen das Risiko für Versorgungslücken. Die Beurteilung darf sich nicht allein auf die Milchbildung oder die Gewichtsentwicklung des Säuglings beschränken, da die Aufrechterhaltung bestimmter Milchbestandteile zulasten mütterlicher Speicher erfolgen kann [5-7].
Risikokonstellationen
Eine vertiefte Ernährungsanamnese (systematische Erfassung der Ernährungsgewohnheiten) und gegebenenfalls eine risikoadaptierte Diagnostik (an das individuelle Risiko angepasste Untersuchung) sind insbesondere bei folgenden Konstellationen angezeigt [6-8]:
- vegane oder stark restriktive Ernährungsformen
- dauerhafter Ausschluss ernährungsphysiologisch relevanter Lebensmittelgruppen
- unzureichender Verzehr von Fisch, Milchprodukten oder jodiertem Speisesalz
- Untergewicht, ausgeprägte Gewichtsabnahme, Essstörungen oder anhaltend unzureichende Energiezufuhr
- Malabsorptionssyndrome (Erkrankungen mit gestörter Nährstoffaufnahme), chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (lang anhaltende entzündliche Erkrankungen des Darms) oder vorausgegangene bariatrische Operationen (Operationen zur Behandlung starken Übergewichts)
- stärkerer peripartaler Blutverlust, postpartale Anämie (Blutarmut nach der Geburt) oder bereits pränatal (vor der Geburt) verminderte Eisenspeicher
- chronische Erkrankungen oder Arzneimitteltherapien mit Einfluss auf Resorption, Stoffwechsel oder Ausscheidung von Nährstoffen
- klinische oder laborchemische Hinweise (durch Untersuchung oder Laborwerte erkennbare Hinweise) auf einen Nährstoffmangel
Bei veganer Ernährung ist eine zuverlässige und dauerhafte Vitamin-B12-Supplementierung obligat (unverzichtbar). Darüber hinaus sind insbesondere die Versorgung mit Jod, Docosahexaensäure, Protein, Calcium, Eisen, Zink, Vitamin D, Riboflavin (Vitamin B2) und Selen zu beurteilen. Aufgrund der begrenzten Evidenz für vegane Ernährung während Schwangerschaft und Stillzeit empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung eine qualifizierte Ernährungsberatung durch entsprechend geschulte Fachkräfte [7].
Gezielte Supplementierung
Eine fachgerecht eingesetzte Supplementierung ist in der Laktationsphase ein wichtiges präventives und therapeutisches Instrument (Mittel zur Vorbeugung und Behandlung). Sie kann erhöhte Zufuhrempfehlungen absichern, alimentäre Versorgungslücken (durch die Ernährung bedingte Versorgungslücken) schließen, mütterliche Speicher schützen und bei maternell responsiven Nährstoffen (Nährstoffen, deren Gehalt auf die mütterliche Zufuhr reagiert) die Konzentration in der Muttermilch erhöhen [1, 4-7].
Die Auswahl eines Präparats sollte sich an der Ernährungsform, der alimentären Zufuhr, dem Ausgangsstatus, klinischen Risikofaktoren, geeigneten Laborparametern (Laborwerten) und der Sicherheit der Gesamtzufuhr orientieren. Die Wirksamkeit ist nährstoffspezifisch und darf nicht allein aus der Zusammensetzung eines Multinährstoffpräparats (Präparats mit mehreren Nährstoffen) abgeleitet werden [1, 4, 16].
Docosahexaensäure nimmt aufgrund des Zusammenhangs zwischen mütterlicher Aufnahme und Milchkonzentration eine besondere Stellung ein. Stillende sollten durchschnittlich mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag zuführen [12]. Wird diese Menge nicht regelmäßig über geeignete fettreiche Meeresfische erreicht, ist eine gezielte Supplementierung mit Fischöl oder einer geeigneten Algenölquelle sinnvoll.
Jod ist ein weiterer zentraler Nährstoff. Der Referenzwert für Stillende beträgt 230 µg pro Tag. Zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung mit jodiertem Speisesalz soll während der Stillzeit ein Supplement mit 100 µg Jod pro Tag eingenommen werden [13]. Bei Schilddrüsenerkrankungen, einer zusätzlichen Jodexposition (Aufnahme größerer Jodmengen) durch Arzneimittel oder der Einnahme weiterer jodhaltiger Präparate ist die Dosierung ärztlich abzustimmen.
Vitamin B12 muss bei veganer Ernährung zuverlässig supplementiert werden. Auch bei Malabsorption (gestörter Nährstoffaufnahme), nach bariatrischen Operationen oder bei längerfristiger Einnahme resorptionsbeeinflussender Arzneimittel kann eine gezielte Supplementierung erforderlich sein [7].
Eisen sollte nicht allein aufgrund des Stillens routinemäßig therapeutisch supplementiert werden. Der aktuelle Referenzwert beträgt für Frauen nach der Geburt unabhängig vom Stillstatus 16 mg pro Tag [14]. Dieser Referenzwert dient der alimentären Versorgung und stellt keine therapeutische Dosierung dar.
Eine therapeutische Eisengabe richtet sich nach Anämie- und Eisenstatus (Ausmaß der Blutarmut und Versorgung des Körpers mit Eisen), geburtshilflichem Blutverlust, klinischer Symptomatik (Beschwerden und Krankheitszeichen), Schweregrad, Verträglichkeit und erforderlicher Geschwindigkeit der Substitution (gezielten Zufuhr). Die internationalen Leitlinien sind hinsichtlich Screeningzeitpunkten (Zeitpunkten für Früherkennungsuntersuchungen), diagnostischen Schwellenwerten und Behandlungsregimen (festgelegten Behandlungsschemata) nicht vollständig einheitlich; weitgehend übereinstimmend wird jedoch ein risikoadaptiertes Vorgehen empfohlen [8].
Für Vitamin D, Calcium, Zink, Selen, Folat (Vitamin B9) und weitere Mikronährstoffe besteht keine einheitliche Supplementierungsindikation (medizinische Begründung für eine Einnahme) für alle Stillenden. Eine gezielte Einnahme kann bei unzureichender Zufuhr, erhöhtem Risiko, eingeschränkter Resorption oder nachgewiesenem Mangel medizinisch sinnvoll bzw. erforderlich sein [4, 6, 7].
Unspezifische Hochdosispräparate sind einer indikationsbezogenen Supplementierung nicht grundsätzlich überlegen. Zu berücksichtigen sind die Gesamtzufuhr aus Lebensmitteln, angereicherten Lebensmitteln und Präparaten, tolerierbare obere Zufuhrmengen (höchste langfristig als sicher geltende Aufnahmemengen), Mehrfachsupplementierungen, Arzneimittelinteraktionen (gegenseitige Beeinflussungen mit Medikamenten) und Risiken einer Überversorgung [16].
Besondere Aufmerksamkeit erfordern unter anderem vorgeformtes Vitamin A (bereits wirksames Vitamin A, Retinol), Vitamin D, Vitamin B6, Jod, Selen und Eisen. Die tolerierbare obere Zufuhrmenge bezeichnet die chronische Gesamtzufuhr (langfristige Gesamtaufnahme), bei der für die Allgemeinbevölkerung voraussichtlich kein gesundheitliches Risiko besteht; sie ist weder Zielwert noch therapeutische Dosis [16].
Ernährungsmedizinische Diagnostik
Die Basisdiagnostik umfasst eine strukturierte Ernährungs- und Supplementanamnese (Erfassung der Ernährung und eingenommener Nährstoffpräparate). Erfasst werden sollten insbesondere Stillintensität, Ernährungsform, ausgeschlossene Lebensmittelgruppen, Energie- und Proteinaufnahme, Fischverzehr, Verwendung von Jodsalz, Gewichtsverlauf, geburtshilflicher Blutverlust, gastrointestinale Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts), Voroperationen und Arzneimittel [5-8].
Eine undifferenzierte Bestimmung sämtlicher Mikronährstoffe ist weder erforderlich noch aufgrund methodischer Einschränkungen sinnvoll. Die Labordiagnostik (Untersuchung von Blut oder anderen Körperproben) soll aus Anamnese, klinischem Befund und einer konkreten Fragestellung abgeleitet werden. Auswahl und Interpretation der Parameter erfolgen nährstoffspezifisch.
Bei erhöhtem Risiko für eine postpartale Anämie gehören Blutbild (Laboruntersuchung der Blutzellen) und eine gezielte Beurteilung des Eisenstatus zur Diagnostik. Zu berücksichtigen ist, dass Ferritin (Eisenspeicherprotein) als Akutphaseprotein (Eiweiß, dessen Konzentration sich bei Entzündungen verändert) durch Entzündung und die postpartale inflammatorische Reaktion (Entzündungsreaktion nach der Geburt) erhöht sein kann. In der frühen postpartalen Phase kann eine isolierte Ferritinbestimmung deshalb den Eisenstatus falsch günstig erscheinen lassen [8, LL1].
Ferritin ist bei klinisch gesunden Personen ein geeigneter Marker der Eisenspeicher. Bei Entzündung oder Infektion muss die Konzentration im Zusammenhang mit klinischen Befunden und Entzündungsmarkern (Laborwerten für Entzündungen) interpretiert werden; eine isolierte Ferritinkonzentration ist dann für die Beurteilung des Eisenstatus nicht ausreichend [LL1].
Für andere Mikronährstoffe sind jeweils geeignete Parameter oder Parameterkombinationen auszuwählen. Serum- oder Plasmakonzentrationen (Konzentrationen im flüssigen Anteil des Blutes) bilden den funktionellen Versorgungsstatus nicht bei jedem Nährstoff zuverlässig ab. Laborbefunde müssen daher zusammen mit Ernährungsanamnese, klinischem Status, Supplementanamnese und gegebenenfalls Verlaufskontrollen bewertet werden [5, 6].
Abgrenzung zur Versorgung des Säuglings
Die mütterliche Nährstoffzufuhr und die direkte Supplementierung des Säuglings sind getrennte ernährungsmedizinische Ebenen. Mütterliche Referenzwerte und Supplementdosierungen dürfen nicht auf den Säugling übertragen werden.
Dies gilt insbesondere für Frühgeborene (vor der 37. Schwangerschaftswoche geborene Kinder). Muttermilch bleibt die bevorzugte Ernährung, deckt bei sehr unreifen oder sehr kleinen Frühgeborenen jedoch häufig nicht allein den hohen Bedarf an Energie, Protein und einzelnen Mineralstoffen. Die Indikation zur Anreicherung der Muttermilch und zur direkten kindlichen Supplementierung richtet sich nach Geburtsgewicht, Gestationsalter, Wachstum und klinischer Situation und ist neonatologisch (durch die Medizin für Neugeborene) festzulegen [9].
Eine historische Tabelle mit pauschalen Bedarfsmengen für Reif- und Frühgeborene ist für eine Einführung zum mütterlichen Nährstoffmehrbedarf daher nicht sachgerecht. Pädiatrische Prophylaxen (vorbeugende Maßnahmen in der Kinderheilkunde) und die neonatologische Ernährung müssen in eigenständigen Fachartikeln dargestellt werden.
Systematik der nachfolgenden Fachartikel
Die nachfolgenden Fachartikel behandeln den Nährstoffbedarf während der Laktationsphase differenziert nach folgenden Gruppen:
- Vitamine – Referenzwerte, Einfluss des mütterlichen Status auf die Muttermilch, Risikogruppen, Diagnostik und Supplementierung
- Mineralstoffe – physiologischer Bedarf, mütterliche Homöostase, Knochenstoffwechsel (Auf- und Abbauvorgänge des Knochens) und klinische Supplementierungsindikationen
- Spurenelemente – insbesondere Eisen, Jod, Zink, Selen, Kupfer und weitere essenzielle Spurenelemente
- Essenzielle Fettsäuren – Linolsäure (Omega-6-Fettsäure), α-Linolensäure sowie die langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren (bestimmte mehrfach ungesättigte Fette) Arachidonsäure, Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure
- Weitere Mikronährstoffe – unter anderem Cholin (vitaminähnlicher Nährstoff), Carnitin (Transportstoff für Fettsäuren im Energiestoffwechsel) und weitere ernährungsphysiologisch relevante Substanzen
Fazit
Die Laktation erfordert eine gezielte, nährstoffdichte und individuell angepasste Ernährung. Der Mehrbedarf ist nährstoffspezifisch und wird wesentlich durch Stillintensität, Ausgangsversorgung, Ernährungsform, peripartale Verluste und individuelle Risikofaktoren bestimmt. Eine generalisierte Erschöpfung sämtlicher Mikronährstoffspeicher ist nicht anzunehmen [5, 6].
Die Makronährstoffzusammensetzung der Muttermilch ist vergleichsweise robust. Das Fettsäuremuster sowie die Konzentrationen bestimmter Vitamine, von Jod und von Selen können dagegen durch die mütterliche Ernährung oder Supplementierung beeinflusst werden. Die Evidenzstärke unterscheidet sich deutlich zwischen den einzelnen Nährstoffen [1-5].
Eine gezielte Supplementierung ist insbesondere bei offiziellen Handlungsempfehlungen, alimentär nicht erreichbarer Zufuhr, restriktiven Ernährungsformen, Resorptionsstörungen oder nachgewiesenem Mangel sinnvoll. Für die fachärztliche Praxis ist eine strukturierte Kombination aus Ernährungsanamnese, Risikostratifizierung (Einteilung nach dem individuellen Risiko), gezielter Labordiagnostik und indikationsgerechter Supplementierung entscheidend.
Literatur
- Falize C, Savage M, Jeanes YM, Dyall SC: Evaluating the relationship between the nutrient intake of lactating women and their breast milk nutritional profile: a systematic review and narrative synthesis. Br J Nutr. 2024;131(7):1196-1224. doi:10.1017/S0007114523002775
- Petersohn I, Hellinga AH, van Lee L et al.: Maternal diet and human milk composition: an updated systematic review. Front Nutr. 2024;10:1320560. doi:10.3389/fnut.2023.1320560
- Adhikari S, Kudla U, Nyakayiru J, Brouwer-Brolsma EM: Maternal dietary intake, nutritional status and macronutrient composition of human breast milk: systematic review. Br J Nutr. 2022;127(12):1796-1820. doi:10.1017/S0007114521002786
- Keikha M, Shayan-Moghadam R, Bahreynian M, Kelishadi R: Nutritional supplements and mother’s milk composition: a systematic review of interventional studies. Int Breastfeed J. 2021;16(1):1. doi:10.1186/s13006-020-00354-0
- Prentice AM: Maternal Nutritional Status and Breastmilk Composition. Ann Nutr Metab. 2026; online ahead of print. doi:10.1159/000551917
- Perichart-Perera O: Nutrition for Optimal Lactation. Ann Nutr Metab. 2025;81(Suppl 3):33-44. doi:10.1159/000541757
- Klug A, Barbaresko J, Alexy U et al.: Update of the DGE position on vegan diet – Position statement of the German Nutrition Society (DGE). Ernahrungs Umschau. 2024;71(7):60-84. doi:10.4455/eu.2024.22
- Mintsopoulos V, Tannenbaum E, Malinowski AK, Shehata N, Walker M: Identification and treatment of iron-deficiency anemia in pregnancy and postpartum: A systematic review and quality appraisal of guidelines using AGREE II. Int J Gynaecol Obstet. 2024;164(2):460-475. doi:10.1002/ijgo.14978
- Embleton ND, Moltu SJ, Lapillonne A et al.: Enteral Nutrition in Preterm Infants (2022): A Position Paper From the ESPGHAN Committee on Nutrition and Invited Experts. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2023;76(2):248-268. doi:10.1097/MPG.0000000000003642
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Energie – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Stand der Ableitung 2015. Website
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Protein – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Stand der Ableitung 2017. Website
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Fett, essenzielle Fettsäuren – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Website
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Jod – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Stand der Ableitung 2025. Website
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Eisen – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Website
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Website
- European Food Safety Authority: Overview on Tolerable Upper Intake Levels as derived by the Scientific Committee on Food and the EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies. Version 11, August 2025. Dokument
Leitlinien
- World Health Organization: WHO guideline on use of ferritin concentrations to assess iron status in individuals and populations. Geneva 2020. Website