Videonystagmographie

Die Videonystagmographie ist eine diagnostische Methode der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, die durch Aufzeichnung von Augenbewegungen der Differentialdiagnostik von Gleichgewichtsstörungen dient.

Für einen intakten Gleichgewichtssinn ist das sensomotorische System (Sinneswahrnehmung und Bewegung) zuständig, dessen zentraler Bestandteil der vestibulookuläre Reflex (VOR) ist. Durch Informationsübertragung vom Labyrinth über den Nervus vestibularis (Gleichgewichtsnerv) zu Kerngebieten im Hirnstamm und letztlich den Augenmuskeln ermöglicht der Reflex eine Haltungsregulation, Blickstabilisierung und Orientierung im Raum. Bei Funktionsstörungen des Systems kann es zu Schwindel (Vertigo) und  Beeinträchtigungen des Gleichgewichtssinnes kommen. Beim Patienten äußert sich dieses z. B. als Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), vegetative Symptomatik (Nausea/Übelkeit) oder Störung der Blickstabilisierung, die man objektiv als Nystagmus (Augenzittern) wahrnehmen und mit Hilfe der Videonystagmographie registrieren kann. Je nach Richtung oder Art des Nystagmus erhält man Hinweise auf die Ursache bzw. Lokalisation der Schädigung des Gleichgewichtsapparates.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Die Indikation für eine Nystagmographie ist Vertigo (Schwindel) bzw. Störung des Gleichgewichts. Es handelt sich hierbei um ein Symptom, dem differentialdiagnostisch eine Vielzahl an Erkrankungen zugrunde liegen kann. Eine Aufzeichnung der Nystagmen kann Aufschluss über die Schwindelursachen geben.

A. Periphere vestibuläre Funktionsstörungen (Gleichgewichtsstörungen):

  1. Akuter einseitiger Vestibularisausfall
    • Plötzliche einseitige Störung des Gleichgewichtssinns, häufig nach grippalen Infekten.
    • Plötzlicher heftiger Drehschwindel, der für einige Tage bestehen bleibt. Nausea (Übelkeit) und Erbrechen.
    • Horizontaler/rotatorischer Spontannystagmus, verstärkt unter Aufhebung der Fixation. Das betroffene Labyrinth ist in der thermischen Labyrinthprüfung unter-/unerregbar.
  2. Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
    • Störung des Gleichgewichtorgans durch flottierende Partikel in der Endolymphe (Innenohrflüssigkeit).
    • Heftige, rezidivierende (wiederauftretende) Drehschwindelanfälle, meist durch bestimme Lagerungen hervorgerufen.
    • Rotatorischer Nystagmus zu einer Seite nach Einnehmen der Kopfhängelage und bei Wiederaufrichten Nystagmus in die Gegenrichtung (Lagerungsprobe, Hallpike-Manöver).
  3. Morbus Menière
    • Trias aus Schwindelattacken, Tinnitus und anfallartiger Schwerhörigkeit.
    • Während der Attacken vestibulärer Nystagmus zur gesunden Seite. Im Verlauf Unterfunktion des Labyrinths der betroffenen Seite (thermische Labyrinthprüfung).
  4. Beidseitiger peripherer Vestibularisausfall
    • Gleichgewichtsbeschwerden durch beidseitigen Ausfall der Vestibularisorgane. Meist systemische Ursachen wie ototoxische (ohrgiftige) Medikamente oder gewerbliche Noxen (Umweltnoxen/Arbeitsplatzbelastungen). Lokal auch durch Labyrinthitis (Entzündung des Labyrinths) oder kongenitale (angeborene) Fehlbildungen möglich.
    • Kein Nystagmus nachweisbar, da es kein Überwiegen einer Seite gibt. Bei der thermischen Labyrinthprüfung sind die Nystagmen nur sehr schwach ausgeprägt.

B- Zentrale/neurale vestibuläre Funktionsstörungen:

  1. Ischämien (Durchblutungsstörungen) im Hirnstamm (z. B. Kleinhirninfarkt)
  2. Entzündungen (z. B. Multiple Sklerose)
  3. Infektionen (z. B. virale Enzephalitis)
  4. Tumoren (z. B. Kleinhirn-Brücken-Winkel-Tumoren, Gliome etc.)
  5. Metabolische Störungen (z. B. Wernicke-Korsakow-Syndrom)
  6. Traumata (z. B. Hirnstammkontusion)

Zentrale Störungen des Gleichgewichtssinnes führen zu charakteristischen Nystagmen:

  • Blickrichtungsnystagmus (regelmäßiger Blickrichtungsnystagmus: tritt beim Blick in eine bestimmte Richtung auf (nicht beim Blick geradeaus) oder Blickrichtungsnystagmus regellos: beim Blick geradeaus und bei Änderung der Blickrichtung wechselt der Nystagmus seine Intensität)
  • Rein rotatorischer oder rein vertikaler Nystagmus
  • Keine Hemmung des Nystagmus durch optische Fixation
  • Optokinetischer Reflex gestört oder nicht vorhanden

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Es gibt keine Kontraindikationen für die alleinige Videonystagmographie. Bei der Auswahl der verschiedenen Nystagmus-Provokationsformen sollte jedoch auf individuelle Kontraindikationen geachtet werden:

Bei der thermischen Labyrinthprüfung muss eine Trommelfellperforation ausgeschlossen sein. Bei bekannter Perforation kann alternativ eine Reizung mit warmer/kalter Luft erfolgen.

Das Verfahren

Unter Verdunkelung (Aufhebung der optischen Fixation) können mit einer Infrarotkamera die Pupillenbewegungen automatisch verfolgt und somit spontane oder induzierte Nystagmen aufgezeichnet werden. Die Ergebnisse werden automatisch von einem Computer analysiert, wobei z. B. die Geschwindigkeit der langsamen Nystagmusphase zur Auswertung beiträgt.

Die Untersuchungstechnik

Dem Patienten wird eine Videomaske mit einer integrierten Kamera aufgesetzt. Zusätzlich kann die Maske verdunkelt werden, um eine optische Fixierung zu verhindern. Ein Nystagmus kann anschließend auf verschiedene Weisen ausgelöst werden, wobei üblicherweise folgende Untersuchungsschritte durchgeführt werden:

  1. Registrierung eines Spontannystagmus: Es wird geprüft, ob ein Nystagmus ohne Kopf- oder Körperbewegungen vorhanden ist. Die Prüfung erfolgt mit und ohne Blickfixation sowie in verschiedenen Augenstellungen.
  2. Blickfolgetest: Der Patient verfolgt willkürlich eine langsame Bewegung, wobei auf das Vorhandensein von Sakkaden (ruckartige Nachholbewegungen) zu achten ist.
  3. Optokinetische Reizung: Bei fester Kopfhaltung wird ein Streifenmuster, das möglichst das gesamte Blickfeld ausfüllt, nach links und rechts bewegt. Ein optokinetischer Nystagmus ist physiologisch und sollte beim Gesunden vorhanden sein. 
  4. Rotatorische Reizung: Mittels eines Drehstuhls wird ein rotatorischer Nystagmus ausgelöst, der ebenfalls physiologisch ist und z. B. Hinweise auf die korrekte Funktion des vestibulookuläre Reflex (VOR) gibt.
  5. Thermische Reizung: Durch Spülung des äußeren Gehörgangs mit kaltem und warmem Wasser werden die Labyrinthe einzeln gereizt, sodass es physiologisch zur Induktion eines Nystagmus kommen muss.
  6. Lage- und Lagerungsprobe: Nystagmen können durch Einnehmen unterschiedlicher Kopf- bzw. Körperpositionen provoziert werden. Bei der statischen Lageprüfung wird der Patient langsam in eine Rücken-, Rechts-, Links- und Körperhängelage gebracht und auf einen Nystagmus geprüft. Die eingenommene Lage selbst ist dabei der Auslöser der Augenbewegung. Die dynamische Lagerungsprobe (nach Hallpike-Dix) hingegen ist eine Methode, bei der durch einen Lagewechsel ein Nystagmus ausgelöst wird. Der Patient wird dabei schnell aus einer sitzenden Position in eine Kopfhängelage und wieder zurück ins Sitzen gebracht, sodass es durch die Bewegung möglicherweise zu einem Lagerungsnystagmus kommt.

Mögliche Komplikationen

Bei der alleinigen Videonystagmographie sind keine Komplikationen zu erwarten. Bedingt durch die verschiedenen Arten der Nystagmusinduktion können jedoch außer den Augenbewegungen weitere Reaktionen auftreten:

  • Nausea (Übelkeit) und Erbrechen (vegetative Symptomatik besonders bei der rotatorischen und thermischen Reizung)
  • Verstärktes Schwindelgefühl
  • Kurzzeitige Desorientiertheit/Benommenheit

Literatur

  1. Grevers G, Iro H, Probst R: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Georg Thieme-Verlag 2008
  2. Behrbohm H, Kaschke O, Nawka T: Kurzlehrbuch Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Georg Thieme-Verlag 2009
  3. Schmid-Priscoveanu A, Allum JHJ: Die Infrarot- und die Videookulographie – Alternativen zur Elektrookulographie? HNO May 1999, 47, 5, pp 472–478. doi: 10.1007/s001060050407
  4. Walther LE: Diagnostik und Therapie vestibulärer Störungen. Springer-Verlag

     
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