Hepatitis-E-Diagnostik
Das Hepatitis E-Virus (HEV) gehört zur Familie Hepeviridae (Virusfamilie) und ist ein einzelsträngiges RNA-Virus (Virus mit einfacher Erbsubstanz) [1, 2]. Für den Menschen sind vor allem die Genotypen 1-4 relevant [1, 2]. HEV 1 und HEV 2 sind überwiegend mit wasserassoziierten Ausbrüchen und Reiseinfektionen assoziiert, während HEV 3 und HEV 4 zoonotisch (von Tieren auf den Menschen übertragbar) übertragen werden; in Europa dominiert insbesondere HEV 3 [1-3].
Die Übertragung des Erregers (Infektionsweg) erfolgt vor allem fäkal-oral (über den Mund durch verunreinigte Ausscheidungen) über kontaminiertes Wasser bei HEV 1 und 2 sowie zoonotisch (von Tieren auf den Menschen übertragbar) über unzureichend erhitzte tierische Lebensmittel, insbesondere Schweinefleisch und Wild, bei HEV 3 und 4 [1-3]. Eine transfusionsassoziierte Übertragung (Übertragung durch Bluttransfusion) ist ebenfalls beschrieben [1-3].
Zu den Risikogruppen zählen vor allem Reisende in Endemiegebiete (Regionen mit gehäuftem Auftreten der Erkrankung), Immunsupprimierte (Personen mit geschwächtem Immunsystem), insbesondere Organtransplantierte, Patienten mit vorbestehender Lebererkrankung sowie Schwangere, da hier schwere oder chronische Verläufe auftreten können [1-3].
Die Prävalenz (Häufigkeit in der Bevölkerung) für Anti-HEV (Antikörper gegen HEV) liegt in Deutschland bei 16,8 % [4].
Synonyme
- Hepatitis E-Virus (HEV)
- HEV
- Orthohepevirus A
Charakteristische Laborbefunde
- HEV-RNA im Serum/Plasma oder Stuhl – Nachweis einer aktiven Infektion [1-3]
- Anti-HEV-IgM – Hinweis auf akute oder kürzlich abgelaufene Infektion [1-3]
- Anti-HEV-IgG – Kontaktmarker [1-3]
- Transaminasen – häufig deutlich erhöht, insbesondere Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT) und Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT) [1-3]
- Cholestaseparameter – gegebenenfalls erhöht, insbesondere alkalische Phosphatase (AP), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT) und Bilirubin [1, 3]
- Bei Immunsupprimierten (Personen mit geschwächtem Immunsystem) ist eine Seronegativität (fehlender Antikörpernachweis im Blut) trotz aktiver Infektion möglich, sodass die HEV-RNA-Diagnostik besonderes Gewicht hat [1, 3]
Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen
- Serologie (Untersuchung von Antikörpern im Blut) – Anti-HEV-Antikörper (IgM, IgG) [1-3]
- HEV-RNA mittels RT-PCR im Serum/Plasma; bei Immunsupprimierten und bei unklarer Serologie obligat [1-3]
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin [1-3]
- Gerinnungsparameter – Quick, INR [1, 3]
Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Quantitative HEV-RNA zur Verlaufsbeurteilung, insbesondere bei chronischer Infektion [1-3]
- Albumin zur Beurteilung der hepatischen Syntheseleistung (Bildungsfunktion der Leber) [1, 3]
- Thrombozyten (Blutplättchen) als indirekter Hinweis auf portale Hypertension (erhöhter Druck im Pfortadersystem)/Fibrose (Bindegewebsumbau der Leber) [1, 3]
- Weitere Virusserologien – HAV, HBV, HCV [1, 3]
- Autoimmunserologie – ANA, SMA zur differentialdiagnostischen Abklärung einer Autoimmunhepatitis (durch das Immunsystem verursachte Leberentzündung) [1, 3]
- Bei Immunsupprimierten (Personen mit geschwächtem Immunsystem) gegebenenfalls wiederholte HEV-RNA-Testung bei initial negativer Serologie und fortbestehendem klinischem Verdacht [1, 3]
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum für die Antikörperdiagnostik [1, 3]
- EDTA-Blut oder Plasma für die HEV-RNA-PCR [1-3]
- Stuhl für die HEV-RNA-PCR [1-3]
- Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich [1, 3]
- Störfaktoren
- Frühe Infektionsphase – serologische Marker können noch negativ sein [1-3]
- Immunsuppression (geschwächtes Immunsystem) – verzögerte oder fehlende Antikörperbildung [1-3]
- Präanalytische Verzögerungen (Verzögerungen bei der Probenverarbeitung), insbesondere bei Stuhlproben [1, 3]
- Methodenspezifische Unterschiede der Serologie können die Aussagekraft beeinflussen [1, 3]
- Methode
- Immunoassay (Labormethode zum Nachweis von Antikörpern), z. B. ELISA oder CLIA, für Anti-HEV-IgM und Anti-HEV-IgG [1, 3]
- RT-PCR als direkter Virusnachweis und diagnostischer Referenzstandard für die aktive Infektion [1-3]
Normbereiche (je nach Labor)
| Parameter | Referenzbereich |
| Anti-HEV-IgM | Negativ |
| Anti-HEV-IgG | Negativ |
| HEV-RNA | Nicht nachweisbar |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Verdacht auf akute Virushepatitis (akute Leberentzündung durch Viren) [1-3]
- Unklare Erhöhung der Transaminasen [1-3]
- Immunsupprimierte Patienten (Patienten mit geschwächtem Immunsystem) mit Leberwerterhöhung [1-3]
- Reiseanamnese in Endemiegebiete (Regionen mit gehäuftem Auftreten der Erkrankung) [1, 2]
- Verdacht auf lebensmittelassoziierte oder zoonotische (von Tieren auf den Menschen übertragene) HEV-Infektion [1-3]
- Therapiekontrolle bei chronischer HEV-Infektion [1, 3]
- Abklärung vor und nach Organtransplantation (Übertragung eines Organs) bei entsprechender Konstellation [1, 3]
Interpretation
- Erhöhte Werte
- HEV-RNA positiv – aktive HEV-Infektion [1-3]
- Anti-HEV-IgM positiv – akute oder kürzlich abgelaufene Infektion [1-3]
- Anti-HEV-IgG positiv – stattgehabte Infektion; isoliert nicht beweisend für eine akute Infektion [1-3]
- Erniedrigte Werte
- Negativer Antikörper- und RNA-Nachweis – kein Hinweis auf eine aktuelle oder stattgehabte Infektion [1-3]
- Spezifische Konstellationen
- Anti-HEV-IgM positiv und HEV-RNA positiv – akute Infektion [1-3]
- Anti-HEV-IgG positiv und HEV-RNA negativ – zurückliegende Infektion [1-3]
- Serologie negativ und HEV-RNA positiv – frühe Infektion oder Immunsuppression (geschwächtes Immunsystem) [1-3]
- Persistenz der HEV-RNA über mehr als 3 Monate – chronische HEV-Infektion, insbesondere bei Immunsupprimierten (Personen mit geschwächtem Immunsystem) [1-3]
Weiterführende Diagnostik
- Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) zur Beurteilung der Leberstruktur [1, 3]
- Elastographie zur nichtinvasiven Fibrosebeurteilung (Messung der Lebersteifigkeit) bei chronischem Verlauf [1, 3]
- Leberbiopsie (Gewebeentnahme aus der Leber) in ausgewählten unklaren Fällen [1, 3]
- Regelmäßige Verlaufskontrollen mit HEV-RNA und Leberparametern bei chronischer Infektion [1, 3]
Weitere Hinweise
- In Deutschland sind nach Infektionsschutzgesetz der Krankheitsverdacht, die Erkrankung und der Tod an akuter Virushepatitis (Leberentzündung durch Viren) meldepflichtig; das Robert Koch-Institut führt Hepatitis E gesondert im RKI-Ratgeber [2, 4]
Literatur
- European Association for the Study of the Liver. EASL Clinical Practice Guidelines on hepatitis E virus infection. J Hepatol. 2018;68(6):1256-1271.
https://doi.org/10.1016/j.jhep.2018.03.005 - World Health Organization. Hepatitis E. Fact sheet. Updated 10 Apr 2025.
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/hepatitis-e - Luo Q, Chen J, Zhang Y et al.: Viral hepatitis E: Clinical manifestations, treatment, and prevention. Liver Res. 2024;8(1):11-21.
https://doi.org/10.1016/j.livres.2024.01.001 - Faber MS, Wenzel JJ, Jilg W et al.: Hepatitis E virus seroprevalence among adults, Germany. Emerg Infect Dis. 2012;18(10):1654-1657.
https://doi.org/10.3201/eid1810.111756