Hepatitis-B-Diagnostik

Das Hepatitis-B-Virus (Erreger der Hepatitis B) (HBV) gehört zur Familie der Hepadnaviridae und ist ein partiell doppelsträngiges DNA-Virus [1-5]. Eine HBV-Infektion kann akut oder chronisch verlaufen; die chronische Infektion ist mit einem erhöhten Risiko für Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) und hepatozelluläres Karzinom (Leberkrebs) assoziiert [1-5].

Übertragung

Die Übertragung des Erregers (Infektionsweg) erfolgt sexuell, perinatal (rund um die Geburt) oder parenteral (unter Umgehung des Darms, z. B. über Blut) über infektiöse Körperflüssigkeiten, insbesondere Blut [1-5]. Relevante Übertragungswege sind ungeschützter Sexualkontakt, vertikale Transmission (Übertragung von der Mutter auf das Kind) von der Mutter auf das Kind, gemeinsam benutzte Injektionsutensilien sowie Expositionen (Kontakt) im medizinischen Umfeld [1-5].

Risikogruppen

Zu den Risikogruppen zählen vor allem Personen mit erhöhtem Sexualexpositionsrisiko, Personen mit intravenösem Drogenkonsum, Haushalts- und Sexualkontaktpersonen HBV-Infizierter, Dialysepatienten, Personen mit Migrationsanamnese aus Hochprävalenzregionen (Regionen mit hoher Häufigkeit), Personen in Justizvollzugsanstalten sowie medizinisches Personal mit Exposition gegenüber Blut und anderen potenziell infektiösen Körperflüssigkeiten [1-5].

Seroprävalenz

Deutschland ist ein Land mit niedriger HBV-Prävalenz (Häufigkeit in der Bevölkerung). In populationsbasierten Studien lag die HBsAg-Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung im Bereich von etwa 0,3-0,7 % [4, 5].

Synonyme

  • Hepatitis-B-Virus (HBV)
  • HBV
  • Hepadnavirus B

Charakteristische Laborbefunde

  • HBsAg positiv – Leitsignal einer aktuellen HBV-Infektion [1-5]
  • Anti-HBc gesamt positiv – Hinweis auf aktuelle oder zurückliegende natürliche HBV-Infektion; nach Impfung nicht positiv [1-5]
  • Anti-HBc-IgM positiv – Hinweis auf akute oder kürzlich erworbene Infektion bzw. Reaktivierung (Wiederaufflammen einer Infektion) [1-5]
  • HBeAg positiv und/oder HBV-DNA nachweisbar – Hinweis auf aktive Virusreplikation (Virusvermehrung) und erhöhte Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit) [1-5]
  • Anti-HBs positiv – Hinweis auf Immunität (Schutz) nach Impfung oder ausgeheilter Infektion, im Kontext mit Anti-HBc zu interpretieren [1-5]
  • Transaminasen – häufig erhöht, insbesondere Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT) und Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT) [1-5]
  • Bei chronischer HBV-Infektion sollte eine Testung auf HDV erfolgen, insbesondere bei neu diagnostizierter HBsAg-Positivität [1-4]

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • Serologie (Untersuchung von Antikörpern im Blut) – HBsAg [1-5]
  • Serologie – Anti-HBc gesamt [1-5]
  • Serologie – Anti-HBs [1-5]
  • Bei HBsAg-Positivität zusätzlich – HBeAg, Anti-HBe, HBV-DNA [1-5]
  • Bei Verdacht auf akute Infektion zusätzlich – Anti-HBc-IgM [1-5]
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin [1-5]
  • Gerinnungsparameter – Quick, INR [1-4]
  • Testung auf HDV – Anti-HDV, bei positivem Antikörpernachweis HDV-RNA [1-4]

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • Quantitative HBV-DNA zur Beurteilung der Virusreplikation und Therapiekontrolle [1-4]
  • Quantitatives HBsAg in ausgewählten Konstellationen (Befundzusammenhängen) zur Verlaufsbeurteilung [1, 3]
  • Albumin zur Beurteilung der hepatischen Syntheseleistung (Bildungsleistung der Leber) [1-4]
  • Kleines Blutbild einschließlich Thrombozyten (Blutplättchen) als indirekter Hinweis auf portale Hypertension (erhöhter Druck im Pfortadersystem)/Fibrose (Bindegewebsumbau) [1-4]
  • Nierenparameter – Kreatinin, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate, ggf. Phosphat vor und unter antiviraler Therapie [1, 3, 4]
  • Weitere Virusserologien – HAV, HCV, HEV, HIV, bei Bedarf EBV und CMV [1-4]
  • Autoimmunserologie – ANA, SMA, LKM-Antikörper bei differentialdiagnostischem Verdacht auf Autoimmunhepatitis (durch das Immunsystem verursachte Leberentzündung) [1, 3]
  • Alpha-Fetoprotein in ausgewählten Konstellationen, jedoch nicht als alleiniger Screeningparameter für das hepatozelluläre Karzinom [1, 3]

Screening auf Hepatitis-B-Infektion bei Schwangeren

  • Nach den in Deutschland geltenden Mutterschaftsrichtlinien soll bei allen Schwangeren ein Screening auf HBsAg erfolgen [3, 5]
  • Das Screening erfolgt regelhaft im letzten Schwangerschaftsdrittel, in der Praxis üblicherweise nach der 32. Schwangerschaftswoche, sofern es nicht bereits früher veranlasst wurde [3, 5]
  • Bei positiver HBsAg-Testung sind geburtsmedizinische und pädiatrische (kinderärztliche) Maßnahmen zur Verhinderung der Mutter-Kind-Übertragung erforderlich [3-5]

Schema zur Stufendiagnostik

Konstellation Typische Befunde Bewertung
Sehr frühe Infektionsphase HBV-DNA positiv, HBsAg negativ oder positiv, Anti-HBc negativ, Anti-HBs negativ Sehr frühe akute HBV-Infektion möglich
Akute Infektion HBsAg positiv, Anti-HBc gesamt positiv, Anti-HBc-IgM positiv, HBV-DNA meist positiv, Anti-HBs negativ Akute HBV-Infektion
Fensterphase HBsAg negativ, Anti-HBs negativ, Anti-HBc gesamt positiv, Anti-HBc-IgM positiv, HBV-DNA negativ oder positiv Akute Infektion in serologischer Übergangsphase
Chronische Infektion HBsAg länger als 6 Monate positiv, Anti-HBc gesamt positiv, Anti-HBc-IgM negativ, HBV-DNA negativ oder positiv, Anti-HBs negativ Chronische HBV-Infektion
Ausgeheilte Infektion HBsAg negativ, Anti-HBc gesamt positiv, Anti-HBs positiv, HBV-DNA negativ Abgelaufene, immunologisch kontrollierte Infektion
Impfimmunität HBsAg negativ, Anti-HBc negativ, Anti-HBs positiv Immunität nach HBV-Impfung
Okkulte HBV-Infektion HBsAg negativ, Anti-HBc positiv, HBV-DNA positiv, Anti-HBs negativ oder positiv Okkulte HBV-Infektion

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum für HBsAg, Anti-HBs, Anti-HBc, Anti-HBc-IgM, HBeAg und Anti-HBe [1-5]
    • EDTA-Blut oder Plasma für HBV-DNA [1-4]
    • Serum für Anti-HDV, EDTA-Blut oder Plasma für HDV-RNA [1-4]
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich [1-4]
  • Störfaktoren
    • Sehr frühe Infektionsphase – serologische Marker können noch unvollständig sein [1-4]
    • Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) – atypische oder abgeschwächte Antikörperantwort möglich [1-4]
    • Reaktivierung unter immunsuppressiver Therapie – serologische und virologische Konstellationen können vom Regelfall abweichen [1, 3, 4]
    • Methodenspezifische Unterschiede der Assays können die Vergleichbarkeit beeinflussen [1, 3]
  • Methode
    • Immunoassay für HBsAg, Anti-HBs, Anti-HBc, Anti-HBc-IgM, HBeAg und Anti-HBe [1-5]
    • Nukleinsäureamplifikationstechnik, z. B. PCR, für HBV-DNA [1-4]
    • Nukleinsäureamplifikationstechnik, z. B. PCR, für HDV-RNA bei positiver HDV-Serologie [1-4]

Normbereiche (je nach Labor)

Parameter Referenzbereich
HBsAg Negativ
Anti-HBc gesamt Negativ
Anti-HBc-IgM Negativ
HBeAg Negativ
Anti-HBe Negativ
Anti-HBs Negativ; nach erfolgreicher Impfung in der Regel ≥ 10 IU/l
HBV-DNA Nicht nachweisbar

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Ein isoliert positiver Anti-HBs-Nachweis spricht typischerweise für eine Impfimmunität [1-5].

Indikationen

  • Verdacht auf akute oder chronische Hepatitis-B-Infektion [1-5]
  • Unklare Erhöhung der Leberwerte [1-4]
  • Screening bei Risikogruppen [1-5]
  • Schwangerschaftsscreening [3, 5]
  • Vor geplanter immunsuppressiver, immunmodulatorischer oder zytotoxischer Therapie [1, 3, 4]
  • Therapieüberwachung und Verlaufsbeurteilung bei bekannter HBV-Infektion [1-4]
  • Abklärung vor Organ- oder Gewebespende sowie bei Dialysepatienten [1, 3]

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • HBsAg positiv – aktuelle HBV-Infektion [1-5]
    • Anti-HBc gesamt positiv – aktuelle oder zurückliegende natürliche HBV-Infektion [1-5]
    • Anti-HBc-IgM positiv – akute Infektion oder Reaktivierung [1-4]
    • HBeAg positiv – aktive Virusreplikation mit erhöhter Infektiosität [1-5]
    • HBV-DNA positiv – aktive Virusreplikation [1-5]
    • Anti-HBs positiv – Immunität nach Impfung oder ausgeheilter Infektion [1-5]
  • Erniedrigte Werte
    • Negatives HBsAg, negatives Anti-HBc und negatives Anti-HBs – kein serologischer Hinweis auf durchgemachte Infektion oder Impfimmunität [1-5]
    • Nicht nachweisbare HBV-DNA – kein Nachweis aktiver Virusreplikation im jeweiligen Assay [1-4]
  • Spezifische Konstellationen
    • HBsAg positiv, Anti-HBc positiv, Anti-HBc-IgM positiv – akute HBV-Infektion [1-5]
    • HBsAg positiv länger als 6 Monate, Anti-HBc positiv, HBV-DNA nachweisbar oder nicht nachweisbar – chronische HBV-Infektion [1-5]
    • HBsAg negativ, Anti-HBc positiv, Anti-HBs positiv – ausgeheilte HBV-Infektion [1-5]
    • HBsAg negativ, Anti-HBc negativ, Anti-HBs positiv – Immunität nach Impfung [1-5]
    • HBsAg negativ, Anti-HBc positiv, HBV-DNA positiv – okkulte HBV-Infektion [1-4]
    • HBsAg positiv und HDV-RNA positiv – HBV-HDV-Koinfektion oder Superinfektion [1-4]

Weiterführende Diagnostik

  • Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) zur Beurteilung der Leberstruktur und zum Ausschluss fortgeschrittener Lebererkrankung [1, 3]
  • Elastographie zur nichtinvasiven Fibrosebeurteilung [1, 3, 4]
  • Hepatozelluläres-Karzinom-Surveillance (Überwachungsprogramm zur Früherkennung von Leberkrebs) bei Risikokonstellationen nach Leitlinie [1, 3, 4]
  • Regelmäßige Verlaufskontrollen mit HBV-DNA, HBsAg, Leberparametern und Nierenfunktion unter Therapie [1, 3, 4]

Weitere Hinweise

  • Bei HBsAg-positiven Personen sollte eine Testung auf HDV erfolgen [1-4]
  • Bei Risikogruppen und nicht immunen Personen ist die Hepatitis-B-Impfung empfohlen; zur Kontrolle des Impferfolgs kann Anti-HBs bestimmt werden [3-5]
  • Der Verdacht auf, die Erkrankung an und der Tod durch akute Virushepatitis sind nach Infektionsschutzgesetz meldepflichtig; darüber hinaus bestehen spezifische Meldepflichten für HBV-Nachweise [3, 5]
  • Eine HBV-Infektion verläuft bei zusätzlicher HDV-Infektion häufig schwerer [1-4]

Literatur

  1. European Association for the Study of the Liver. EASL Clinical Practice Guidelines on the management of hepatitis B virus infection. J Hepatol. 2025;83(2):502-583. https://doi.org/10.1016/j.jhep.2025.03.018
  2. World Health Organization. Guidelines for the prevention, diagnosis, care and treatment for people with chronic hepatitis B infection. 2024. https://www.who.int/publications/i/item/9789240090903
  3. Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten. S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Hepatitis-B-Virusinfektion. AWMF-Registernummer 021-011. Stand 2021. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/021-011
  4. Easterbrook PJ, Luhmann N, Bajis S, Min MS, Newman M, Lesi O, Doherty MC. WHO 2024 hepatitis B guidelines: an opportunity to transform care. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2024;9(6):493-495. https://doi.org/10.1016/S2468-1253(24)00089-X
  5. Robert Koch-Institut. Hepatitis B und D. RKI-Ratgeber. https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/RKI-Ratgeber/Ratgeber/Ratgeber_HepatitisB.html