Antithrombin
Antithrombin (natürlicher Gerinnungshemmer) ist ein in der Leber synthetisierter physiologischer Inhibitor der Blutgerinnung aus der Serpin-Familie. Es hemmt vor allem Thrombin sowie Faktor Xa und in geringerem Ausmaß weitere aktivierte Gerinnungsfaktoren. Heparin verstärkt die inhibitorische Wirkung von Antithrombin erheblich. In der klinischen Labordiagnostik dient die Bestimmung vor allem der Abklärung einer hereditären (angeborenen) oder erworbenen Antithrombin-Defizienz (Mangel an Antithrombin) im Rahmen der Thrombophiliediagnostik (Untersuchung auf erhöhte Blutgerinnungsneigung) sowie der Einordnung einer möglichen Heparinresistenz (verminderte Wirkung von Heparin) [1-4].
Synonyme
- Antithrombin-III
- AT-III
- AT
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Citratplasma
Vorbereitung des Patienten
- Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
- Für die Abklärung einer hereditären Antithrombin-Defizienz sollte die Bestimmung möglichst nicht in der Akutphase einer Thrombose (Blutgerinnsel in einem Gefäß) erfolgen [1, 2]
- Bei akuter Thrombose sollte eine Testung auf Mangel an physiologischen Antikoagulanzien (körpereigene Gerinnungshemmer) in der Regel erst nach mindestens 3 Monaten Antikoagulation (Blutverdünnung) erfolgen [2]
Störfaktoren
- Unterfüllte Citrat-Monovette, falsches Blut-Citrat-Verhältnis, Koagelbildung
- Verzögerte Probenverarbeitung und unsachgemäße Lagerung; bei längerer Aufbewahrung tiefgefrieren
- Akute Thrombose, disseminierte intravasale Gerinnung (schwere Gerinnungsstörung), Sepsis (Blutvergiftung), größere Operationen oder Trauma, Lebererkrankungen sowie Proteinverlust können zu erworbener Erniedrigung führen [1, 2]
- Heparintherapie kann Antithrombin erniedrigen; direkte orale Antikoagulantien (blutgerinnungshemmende Medikamente) können je nach Assay interferieren und zu falsch normalen oder falsch hohen Resultaten führen [1, 4]
- Nicht alle funktionellen Aktivitätsassays erfassen qualitative Defekte, insbesondere Typ-II-Defekte der Heparinbindungsstelle, mit gleicher Sensitivität [1, 3, 4]
Methode
- Primärtest: funktioneller chromogener Aktivitätsassay, meist Faktor-Xa-basiert, seltener Thrombin-basiert [1, 3, 4]
- Bei erniedrigter Aktivität: ergänzende Antigenbestimmung zur Differenzierung zwischen quantitativem Typ-I-Mangel und qualitativem Typ-II-Mangel [1]
- Bei persistierend pathologischem Befund und passender Klinik/Familienanamnese: molekulargenetische Untersuchung des SERPINC1-Gens [1, 4]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe / Material / Methode | Referenzbereich |
| Erwachsene, Antithrombin-Aktivität im Citratplasma | meist ca. 80-120 % |
| Erwachsene, Antithrombin-Antigen im Citratplasma | methodenabhängig, häufig ca. 80-120 % |
| Neugeborene und Säuglinge bis etwa 6 Monate | physiologisch niedriger; altersabhängige Referenzbereiche erforderlich [1] |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Abklärung einer venösen Thromboembolie (Gefäßverschluss durch Blutgerinnsel) in jungem Alter, bei Rezidiven (wiederholtem Auftreten) oder bei positiver Familienanamnese (Erkrankungen in der Familie) im Rahmen einer gezielten Thrombophiliediagnostik [2]
- Abklärung einer vermuteten hereditären Antithrombin-Defizienz
- Abklärung einer möglichen Heparinresistenz
- Differentialdiagnostische Einordnung wiederholt erniedrigter Antithrombin-Werte
- Im Einzelfall Abklärung bei Thrombosen an ungewöhnlicher Lokalisation im Rahmen einer gezielten Thrombophiliediagnostik [2]
Interpretation
Erhöhte Werte
- Meist ohne eigenständige diagnostische Relevanz
- Isoliert erhöhte Werte begründen keine Thrombophilie-Diagnose [1, 2]
- Methoden- oder interferenzbedingte Erhöhungen sind möglich, insbesondere unter Antikoagulation [1, 4]
Erniedrigte Werte
- Hereditäre Antithrombin-Defizienz
- Typ I: erniedrigte Aktivität und erniedrigtes Antigen [1]
- Typ II: erniedrigte Aktivität bei normalem oder nahezu normalem Antigen [1]
- Akute Thrombose
- Disseminierte intravasale Gerinnung
- Lebererkrankungen mit verminderter Synthese
- Proteinverlustsyndrome, insbesondere nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit Eiweißverlust) oder enteraler Proteinverlust (Eiweißverlust über den Darm)
- Sepsis
- Heparintherapie, insbesondere initial [1, 2]
- Nach größeren Operationen oder Trauma
- Asparaginase-Therapie
- Neugeborene und junge Säuglinge mit physiologisch niedrigeren Werten [1]
Spezifische Konstellationen
- Persistierend erniedrigte Aktivität nach Ausschluss erworbener Ursachen spricht für eine hereditäre Defizienz [1]
- Grenzwerte im Bereich von etwa 70-80 % sind diagnostisch anspruchsvoll und müssen im klinischen Kontext sowie durch Wiederholungsmessung eingeordnet werden [1, 4]
- Typ-II-Defekte der Heparinbindungsstelle können in einzelnen Assays übersehen werden; die diagnostische Sensitivität ist assayabhängig [3, 4]
Weiterführende Diagnostik
- Wiederholungsmessung außerhalb akuter Krankheitsphasen und möglichst ohne relevante Assay-Interferenz [1, 2]
- Antithrombin-Antigen bei erniedrigter Aktivität [1]
- Gezielte weiterführende Thrombophiliediagnostik nur bei passender klinischer Fragestellung [2]
- Molekulargenetische Diagnostik des SERPINC1-Gens bei persistierendem Verdacht auf hereditäre Antithrombin-Defizienz [1, 4]
- Bei Verdacht auf erworbene Ursachen: Leberparameter, Proteinverlustdiagnostik, Entzündungsdiagnostik, DIC-Diagnostik, Medikamentenanamnese
Klinische Hinweise
- Ein erniedrigtes Antithrombin ist ein relevanter Risikofaktor für venöse Thromboembolien [1-4]
- Ein Antithrombin-Mangel kann die Wirkung von unfraktioniertem Heparin und niedermolekularem Heparin vermindern [1, 4]
- Die Bestimmung sollte nicht ungezielt als generelles Screening eingesetzt werden, sondern indikationsbezogen [2]
Literatur
- Van Cott EM, Orlando C, Moore GW, Cooper PC, Meijer P, Marlar RA. Recommendations for clinical laboratory testing for antithrombin deficiency; communication from the SSC of the ISTH. J Thromb Haemost. 2020;18(1):17-22. https://doi.org/10.1111/jth.14648
- Arachchillage DJ, Mackillop L, Chandratheva A, Motawani J, MacCallum P, Laffan M. Thrombophilia testing: A British Society for Haematology guideline. Br J Haematol. 2022;198(3):443-458. https://doi.org/10.1111/bjh.18239
- Rojnik T, Sedlar N, Turk N, Kastrin A, Debeljak M, Božič Mijovski M. Comparison of antithrombin activity assays in detection of patients with heparin binding site antithrombin deficiency: systematic review and meta-analysis. Sci Rep. 2023;13:16734. https://doi.org/10.1038/s41598-023-43941-x
- Orlando C, Drèze C, Evenepoel A, Seneca S, Jochmans K. Diagnostic Performance of Commercial Antithrombin Activity Assays: Do We Get What We Expect? Thromb Haemost. 2026;126(4):405-417. https://doi.org/10.1055/a-2628-4046