Untergewicht bei Schilddrüsenüberfunktion – warum Zunehmen erschwert ist und welche Möglichkeiten bestehen

Eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) ist häufig mit einem ungewollten Gewichtsverlust verbunden. Trotz gesteigerten Appetits fällt es vielen Betroffenen schwer, ihr Gewicht zu stabilisieren oder zuzunehmen. Die Ursache liegt in tiefgreifenden Veränderungen des Energiestoffwechsels. Ein Verständnis der zugrunde liegenden Ernährungsphysiologie ist entscheidend, um eine gezielte und gesunde Gewichtszunahme zu ermöglichen.

Hyperthyreose: Stoffwechsel im „Hochleistungsmodus“

Bei einer Hyperthyreose produziert die Schilddrüse vermehrt die Hormone Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). Diese Hormone erhöhen den Grundumsatz (Basal metabolic rate; Energieverbrauch in Ruhe) erheblich.

Physiologisch steigern T3 und T4:

  • die mitochondriale Aktivität (Energieproduktion in den „Kraftwerken“ der Zelle)
  • die Thermogenese (Wärmebildung)
  • den Proteinumsatz (Auf- und Abbau von Eiweißstrukturen)
  • die Lipolyse (Fettabbau)

Der Energieverbrauch kann um 20-60 % über dem Normbereich liegen. Selbst bei erhöhter Kalorienzufuhr entsteht daher häufig eine negative Energiebilanz (Energieverbrauch > Energieaufnahme), was zu Gewichtsverlust und Untergewicht führt.

Ursachen der Gewichtsabnahme bei Schilddrüsenüberfunktion

Erhöhter Grundumsatz und gesteigerte Thermogenese

Die gesteigerte Wärmeproduktion führt zu einem erhöhten Kalorienbedarf. Betroffene berichten häufig über Hitzeintoleranz und vermehrtes Schwitzen. Die überschüssige Energie wird „verheizt“, anstatt für Gewebeaufbau genutzt zu werden.

Verstärkter Proteinabbau

Hyperthyreose ist mit einer katabolen Stoffwechsellage (Abbauprozesse überwiegen) verbunden. Muskelprotein wird vermehrt abgebaut, was zu Muskelschwäche und Reduktion der fettfreien Masse führt. Langfristig droht eine Sarkopenie (Verlust an Muskelmasse und -funktion).

Beschleunigte Magen-Darm-Passage

Eine gesteigerte Darmmotilität (Bewegung des Darms) kann die Nährstoffresorption (Aufnahme von Nährstoffen) verkürzen. Durch häufige Stühle oder Diarrhö (Durchfall) gehen zusätzlich Energie und Elektrolyte verloren.

Warum Zunehmen trotz erhöhtem Appetit schwierig bleibt

Obwohl viele Betroffene über Polyphagie (gesteigerten Appetit) berichten, reicht die spontane Nahrungsaufnahme oft nicht aus, um den stark erhöhten Energieverbrauch zu kompensieren.

Zudem können folgende Faktoren das Zunehmen erschweren:

  • Nervosität und innere Unruhe mit vermindertem Essrhythmus
  • Schlafstörungen mit zusätzlichem Energieverbrauch
  • Muskelabbau bei fehlendem anabolen Reiz (aufbauender Trainingsreiz)

Ohne gezielte Ernährungsstrategie bleibt die Energiebilanz häufig negativ.

Therapeutische Grundlage: Behandlung der Hyperthyreose

Eine nachhaltige Gewichtsstabilisierung ist nur möglich, wenn die Hyperthyreose kausal behandelt wird, beispielsweise medikamentös mit Thyreostatika (Medikamente zur Hemmung der Schilddrüsenhormonproduktion), durch Radiojodtherapie oder operativ.
Erst mit Normalisierung der Hormonspiegel (Euthyreose; normale Schilddrüsenfunktion) sinkt der Grundumsatz wieder auf ein physiologisches Niveau. In dieser Phase ist eine kontrollierte Gewichtszunahme realistischer und metabolisch günstiger.

Ernährungsphysiologische Strategien zur gesunden Gewichtszunahme

Energiezufuhr gezielt erhöhen

Der Kalorienbedarf kann deutlich über dem Referenzbereich liegen. Eine energieadaptierte Ernährung mit 35–45 kcal/kg Körpergewicht kann – je nach Ausprägung – erforderlich sein. Entscheidend ist eine positive Energiebilanz über mehrere Wochen.

Energie- und nährstoffdichte Lebensmittel sind sinnvoll:

  • Nüsse, Nussmuse und hochwertige Pflanzenöle
  • Milchprodukte mit höherem Fettanteil
  • komplexe Kohlenhydrate mit zusätzlicher Fett- oder Proteinquelle

Proteinzufuhr optimieren

Zur Kompensation des Muskelabbaus sollte die Proteinzufuhr bei etwa 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht liegen. Protein stimuliert die Muskelproteinsynthese (Aufbau neuer Muskelproteine) und unterstützt die Regeneration.
Eine gleichmäßige Verteilung über den Tag verbessert die anabole Antwort.

Kraftorientierte Bewegung integrieren

Moderates Krafttraining kann – nach ärztlicher Freigabe – helfen, Muskelmasse gezielt aufzubauen. Der Trainingsreiz wirkt anabol (gewebeaufbauend) und verbessert die Nährstoffverwertung in der Muskulatur.
Reine Ausdauerbelastungen erhöhen hingegen zusätzlich den Energieverbrauch und sind bei bestehendem Untergewicht nur eingeschränkt sinnvoll.

Mikronährstoffe berücksichtigen

Hyperthyreose geht mit einem erhöhten Bedarf bestimmter Mikronährstoffe einher, insbesondere:

  • Calcium (aufgrund gesteigerten Knochenstoffwechsels)
  • Vitamin D (Unterstützung der Knochengesundheit)
  • B-Vitamine (Beteiligung am Energiestoffwechsel)

Eine ausreichende Versorgung unterstützt den Gesamtstoffwechsel und die Regeneration.

Gewichtsentwicklung nach Therapie – Risiko der überschießenden Zunahme

Nach erfolgreicher Behandlung normalisiert sich der Grundumsatz rasch, während Essgewohnheiten oft zunächst unverändert bleiben. Dadurch kann es zu einer überproportionalen Gewichtszunahme kommen.
Eine engmaschige Kontrolle von Gewicht, Körperzusammensetzung (Verhältnis von Fett- zu Muskelmasse) und Schilddrüsenwerten ist daher sinnvoll, um eine gesunde und ausgewogene Gewichtsentwicklung zu gewährleisten.

Fazit

Untergewicht bei Schilddrüsenüberfunktion ist Ausdruck eines massiv gesteigerten Energieumsatzes und einer katabolen Stoffwechsellage. Die erhöhte Wärmeproduktion, der Proteinabbau und die beschleunigte Darmmotilität erschweren eine Gewichtszunahme erheblich.
Eine erfolgreiche Therapie der Hyperthyreose ist die zentrale Voraussetzung für eine stabile Gewichtsentwicklung. Ergänzend können eine energie- und proteinreiche Ernährung sowie gezielter Muskelaufbau helfen, eine gesunde Körperzusammensetzung wiederherzustellen und Untergewicht nachhaltig zu überwinden.

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