Chronische Erkrankungen und Gewichtsverlust – Rolle von Entzündung, Organinsuffizienz und Stoffwechselbelastung
Unbeabsichtigter Gewichtsverlust ist ein häufiges und prognostisch relevantes Zeichen bei chronischen Erkrankungen. Er tritt nicht nur bei Tumorerkrankungen auf, sondern ebenso bei chronisch-entzündlichen, kardialen (das Herz betreffenden), pulmonalen (die Lunge betreffenden), renalen (die Niere betreffenden) oder gastrointestinalen (den Magen-Darm-Trakt betreffenden) Erkrankungen.
Die zugrunde liegenden Mechanismen sind komplex. Systemische Inflammation (anhaltende Entzündungsreaktion im gesamten Körper), Organinsuffizienzen (Funktionsstörungen von Organen) sowie eine gesteigerte Stoffwechselaktivität (erhöhter Energieverbrauch) führen gemeinsam zu einer negativen Energiebilanz. Das Verständnis dieser ernährungsphysiologischen Prozesse ist entscheidend, um gezielt gegenzusteuern.
Systemische Entzündung und kataboler Stoffwechsel
Viele chronische Erkrankungen sind durch eine persistierende systemische Inflammation (dauerhafte Entzündungsaktivität im Körper) gekennzeichnet. Dabei werden proinflammatorische Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe) wie Tumornekrosefaktor-α (TNF-α) oder Interleukin-6 vermehrt freigesetzt.
Diese Botenstoffe beeinflussen den Energiestoffwechsel erheblich:
- Hemmung der Muskelproteinsynthese (Aufbau von Muskeleiweiß)
- Aktivierung des Proteinkatabolismus (Muskelabbau)
- Steigerung der Lipolyse (Fettabbau)
- Verminderung des Appetits durch Wirkung auf das Hungerzentrum im Hypothalamus (Teil des Zwischenhirns)
Es entsteht ein kataboler Stoffwechselzustand (abbauender Stoffwechsel), bei dem mehr Körpersubstanz abgebaut als aufgebaut wird. In fortgeschrittenen Fällen entwickelt sich eine Kachexie (krankheitsbedingte Auszehrung mit Gewichts- und Muskelverlust), wie sie beispielsweise bei der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) oder der Herzinsuffizienz beobachtet wird.
Chronische Darmerkrankungen – Entzündung und Malabsorption
Chronische Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes spielen eine besondere Rolle beim Gewichtsverlust.
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen
Bei Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa kommt es zu einer chronischen Entzündung der Darmschleimhaut.
Die entzündlich veränderte Mukosa (Darmschleimhaut) weist eine eingeschränkte Resorptionsfähigkeit (verminderte Aufnahme von Nährstoffen) auf. Gleichzeitig erhöhen Durchfälle die Verluste an Energie, Elektrolyten und Mikronährstoffen.
Hinzu kommt ein erhöhter Grundumsatz (Energieverbrauch in Ruhe) infolge der Entzündungsaktivität. Schmerzen, Appetitlosigkeit und Nahrungsmittelunverträglichkeiten verstärken die verminderte Energiezufuhr.
Das Ergebnis ist häufig eine Kombination aus:
- Malabsorption (unzureichende Aufnahme von Nährstoffen)
- Hypermetabolismus (erhöhter Energieverbrauch)
- Muskelabbau
Kurzdarmsyndrom und exokrine Pankreasinsuffizienz
Nach ausgedehnten Darmresektionen (operativer Entfernung von Darmabschnitten) kann ein Kurzdarmsyndrom (verminderte Resorptionsfläche des Darms) entstehen. Die reduzierte Oberfläche führt zu einer eingeschränkten Aufnahme von Makronährstoffen (Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße) und Mikronährstoffen (Vitamine, Spurenelemente).
Bei einer exokrinen Pankreasinsuffizienz (unzureichende Bildung von Verdauungsenzymen durch die Bauchspeicheldrüse) kommt es zu Maldigestion (unzureichende Aufspaltung von Nährstoffen). Fette werden unvollständig verdaut, was zu Steatorrhoe (Fettstuhl) und Energieverlust führt. Trotz ausreichender Kalorienzufuhr entsteht ein kalorisches Defizit.
Organinsuffizienz und metabolische Veränderungen
Chronische Organerkrankungen verändern den Stoffwechsel tiefgreifend.
Chronische Niereninsuffizienz
Bei chronischer Niereninsuffizienz (dauerhafte Einschränkung der Nierenfunktion) kommt es zur urämischen Stoffwechsellage (Anreicherung harnpflichtiger Substanzen im Blut). Eine metabolische Azidose (Übersäuerung des Blutes) fördert den Proteinabbau in der Muskulatur.
Gleichzeitig treten häufig Anorexie (Appetitlosigkeit), Übelkeit und Geschmacksveränderungen auf, was die Energieaufnahme reduziert.
Herz- und Lungenerkrankungen
Bei Herzinsuffizienz oder chronischen Lungenerkrankungen steigt der Ruheenergieverbrauch. Die erhöhte Atemarbeit (mehr Energieaufwand für das Atmen) sowie eine gesteigerte Herzarbeit führen zu einem Mehrbedarf an Energie. Dyspnoe (Atemnot) und frühe Sättigung begrenzen jedoch die Nahrungsaufnahme.
Stoffwechselbelastung und Insulinresistenz
Chronische Entzündung begünstigt die Entwicklung einer Insulinresistenz (verminderte Wirkung des Hormons Insulin an den Zielzellen).
Dadurch wird die Glukoseaufnahme in Muskelzellen reduziert, während gleichzeitig die Glukoneogenese (Neubildung von Glukose in der Leber) gesteigert wird. Aminosäuren (Eiweißbausteine) aus der Muskulatur dienen als Substrat.
Diese Prozesse verstärken den Muskelabbau und reduzieren die fettfreie Masse (Gesamtmasse ohne Körperfett). Muskelmasse ist jedoch ein zentraler Faktor für Leistungsfähigkeit, Immunfunktion und metabolische Stabilität.
Klinische Bedeutung und ernährungsmedizinische Konsequenzen
Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust von mehr als 5 % innerhalb von 6-12 Monaten gilt als klinisch relevant und ist mit erhöhter Morbidität (Krankheitsanfälligkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert.
Ernährungsmedizinisch sind folgende Maßnahmen wesentlich:
- Frühes Screening auf Mangelernährung
- Individuelle Berechnung des Energiebedarfs unter Berücksichtigung eines möglichen Hypermetabolismus
- Ausreichende Proteinzufuhr (meist 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht, krankheitsspezifisch angepasst)
- Behandlung der Grunderkrankung und Kontrolle der Entzündung
- Substitution von Verdauungsenzymen bei Maldigestion
- Gezielter Muskelaufbau durch angepasste körperliche Aktivität
Ziel ist die Stabilisierung der fettfreien Masse (Muskelmasse und Organmasse) und die Verbesserung der funktionellen Kapazität.
Fazit
Gewichtsverlust bei chronischen Erkrankungen entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel aus systemischer Entzündung (dauerhafte Entzündungsaktivität), Organinsuffizienz (Funktionsstörung von Organen), Malabsorption (verminderte Nährstoffaufnahme) und erhöhtem Energieverbrauch. Besonders chronische Darmerkrankungen verstärken diese Prozesse durch gestörte Resorption und erhöhte Entzündungsaktivität.
Eine frühzeitige, strukturierte ernährungsmedizinische Intervention mit Fokus auf Energie- und Proteinzufuhr sowie Behandlung der Grunderkrankung ist entscheidend, um Muskelmasse, Leistungsfähigkeit und Prognose nachhaltig zu stabilisieren.
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