Gewichtsverlust bei Chemotherapie – Ursachen und Ernährung zur Gewichtsstabilisierung
Gewichtsverlust gehört zu den häufigen Begleiterscheinungen einer Tumorerkrankung und ihrer Behandlung. Besonders während einer Chemotherapie kann es zu einer deutlichen Abnahme von Körpergewicht und Muskelmasse kommen. Diese Entwicklung ist klinisch relevant, da sie mit einer verminderten körperlichen Leistungsfähigkeit, einer reduzierten Therapieverträglichkeit und einer schlechteren Prognose verbunden sein kann. Eine frühzeitige ernährungsmedizinische Unterstützung zielt daher darauf ab, den Energie- und Nährstoffbedarf zu decken, die Muskelmasse zu erhalten und eine weitere Gewichtsabnahme möglichst zu verhindern.
Stoffwechselveränderungen unter Chemotherapie
Tumorerkrankungen und Chemotherapie können den Stoffwechsel tiefgreifend verändern. Häufig entsteht eine sogenannte Tumorkachexie (tumorbedingter Auszehrungszustand), die durch einen katabolen Stoffwechsel (überwiegend abbauende Stoffwechselprozesse) gekennzeichnet ist.
Mehrere Mechanismen tragen dazu bei:
- Systemische Entzündungsreaktionen: Proinflammatorische Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe) wie Interleukin-6 oder Tumornekrosefaktor-α fördern den Abbau von Muskelprotein.
- Erhöhter Energieverbrauch: Der Ruheenergieverbrauch kann durch Tumoraktivität und Immunreaktionen ansteigen.
- Gestörte Muskelproteinsynthese: Anabole Prozesse (aufbauende Stoffwechselvorgänge) werden gehemmt.
Das Ergebnis ist häufig ein Verlust an fettfreier Körpermasse (Muskelmasse), der selbst bei scheinbar ausreichender Kalorienzufuhr auftreten kann.
Therapiebedingte Ursachen für Gewichtsverlust
Neben metabolischen Veränderungen führen auch Nebenwirkungen der Chemotherapie häufig zu einer verminderten Nahrungsaufnahme.
Typische Ursachen sind:
- Übelkeit und Erbrechen (Nausea und Emesis): beeinträchtigen die Nahrungsaufnahme erheblich.
- Mukositis (Entzündung der Mund- und Schleimhaut): Schmerzen beim Essen und Schlucken.
- Geschmacksveränderungen (Dysgeusie): Speisen werden als metallisch oder bitter empfunden.
- Appetitverlust (Anorexie): verminderter Hunger aufgrund zentralnervöser Veränderungen.
- Frühes Sättigungsgefühl: Bereits kleine Nahrungsmengen führen zu Völlegefühl.
Zusätzlich können Fatigue (tumorassoziierte Erschöpfung) und gastrointestinale Beschwerden wie Durchfall oder Verstopfung die Nahrungsaufnahme weiter erschweren.
Ernährungsstrategien zur Gewichtsstabilisierung
Eine angepasste Ernährung stellt einen zentralen Bestandteil der unterstützenden Therapie dar. Ziel ist eine ausreichende Energiezufuhr sowie die Versorgung mit hochwertigem Protein zur Erhaltung der Muskelmasse.
Wichtige Maßnahmen sind:
Energiezufuhr erhöhen
- Kleine, häufige Mahlzeiten über den Tag verteilt
- Energie- und nährstoffreiche Lebensmittel (z. B. Nüsse, Avocado, pflanzliche Öle)
- Anreicherung von Speisen mit energiereichen Zutaten (z. B. Sahne, Öl, Nussmus)
Ausreichende Proteinzufuhr
Der Bedarf liegt bei vielen Tumorpatienten bei etwa 1,2-1,5 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag, um den Muskelabbau zu begrenzen.
Geeignete Proteinquellen sind:
- Milchprodukte
- Eier
- Fisch und Geflügel
- Hülsenfrüchte
- hochwertige Proteinpräparate (z. B. Molkenprotein)
Orale Trinknahrung
Wenn die normale Ernährung nicht ausreicht, können medizinische Trinknahrungen (hochkalorische Flüssignahrung) eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Sie liefern konzentrierte Energie, Proteine sowie Vitamine und Mineralstoffe.
Umgang mit typischen Nebenwirkungen
Eine individuelle Anpassung der Ernährung an die jeweiligen Beschwerden kann die Nahrungsaufnahme deutlich verbessern.
Bei Übelkeit
- kleine Portionen
- fettarme, leicht verdauliche Speisen
- kalte oder lauwarme Mahlzeiten, da Gerüche weniger intensiv sind
Bei Geschmacksveränderungen
- Verwendung von Kräutern und milden Gewürzen
- Wechsel zwischen verschiedenen Proteinquellen
- kalte Speisen oder Smoothies
Bei Mundschleimhautentzündungen
- weiche oder pürierte Lebensmittel
- Vermeidung stark saurer, scharfer oder sehr heißer Speisen
Bedeutung von Muskelmasseerhalt und Bewegung
Neben der Ernährung spielt auch körperliche Aktivität eine wichtige Rolle. Moderate Bewegung und leichtes Krafttraining können helfen,
- die Muskelproteinsynthese zu stimulieren
- Muskelmasse zu erhalten
- die körperliche Leistungsfähigkeit zu stabilisieren.
Selbst kurze, regelmäßige Trainingseinheiten können einen positiven Effekt auf die Körperzusammensetzung und Lebensqualität haben.
Fazit
Gewichtsverlust während einer Chemotherapie entsteht durch ein Zusammenspiel aus tumorbedingten Stoffwechselveränderungen und therapiebedingten Nebenwirkungen. Besonders problematisch ist der Verlust an Muskelmasse, der die körperliche Leistungsfähigkeit und die Therapieverträglichkeit beeinträchtigen kann. Eine frühzeitige ernährungsmedizinische Betreuung mit energie- und proteinreicher Kost, gegebenenfalls ergänzt durch Trinknahrung, trägt wesentlich zur Gewichtsstabilisierung bei. In Kombination mit moderater körperlicher Aktivität kann der Abbau von Muskelmasse begrenzt und die Lebensqualität während der Therapie verbessert werden.
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