Wann Nahrungsergänzungsmittel bei Untergewicht sinnvoll sind – Chancen und Grenzen

Untergewicht ist nicht nur eine Frage des Körpergewichts, sondern häufig Ausdruck eines gestörten Energie- und Nährstoffhaushalts. Ein Body-Mass-Index (BMI) unter 18,5 kg/m² kann mit einer verminderten Energiezufuhr, Defiziten an Makro- und Mikronährstoffen sowie mit Muskelabbau (Sarkopenie; Verlust an Muskelmasse und -kraft) einhergehen.

In der ernährungsmedizinischen Praxis stellt sich daher regelmäßig die Frage, wann Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll eingesetzt werden können. Entscheidend ist eine differenzierte Betrachtung der zugrunde liegenden Ernährungsphysiologie: Supplemente können Defizite ausgleichen und den Aufbauprozess unterstützen – sie ersetzen jedoch keine bedarfsgerechte Basisernährung.

Ursachen von Untergewicht – die Basistherapie steht im Vordergrund

Vor dem Einsatz von Supplementen sollte die Ursache des Untergewichts sorgfältig analysiert werden. Häufige Hintergründe sind:

  • Verminderte Energieaufnahme (z. B. Appetitlosigkeit, Kau- oder Schluckstörungen)
  • Erhöhter Energiebedarf (z. B. chronische Entzündungen, Hyperthyreose)
  • Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm)
  • Psychische Belastungen oder Essstörungen

Physiologisch führt eine negative Energiebilanz (Energieverbrauch > Energiezufuhr) zu einem Abbau von Fett- und Muskelmasse. Ziel jeder Therapie ist daher zunächst die Herstellung einer positiven Energiebilanz. Nahrungsergänzungsmittel können diesen Prozess unterstützen, sind jedoch nicht die primäre Maßnahme.

Proteinpräparate – Muskelaufbau gezielt unterstützen

Ein zentrales Ziel bei Untergewicht ist der Aufbau fettfreier Masse (Lean Body Mass), insbesondere der Skelettmuskulatur. Neben der Gesamtenergiezufuhr spielt die quantitative und qualitative Proteinzufuhr eine entscheidende Rolle.

Die Muskelproteinsynthese (Neubildung von Muskelprotein) wird maßgeblich durch essentielle Aminosäuren stimuliert, wobei Leucin als zentraler Trigger über die Aktivierung des mTOR-Signalwegs (mechanistic Target of Rapamycin; zentraler Regulator des Zellwachstums) wirkt. Mit zunehmendem Alter oder bei chronischer Erkrankung besteht häufig eine sogenannte „anabole Resistenz“, d. h. die Muskelzellen reagieren weniger empfindlich auf normale Proteinmengen. Daher werden in diesen Situationen häufig Proteinzufuhrmengen von 1,2-1,5 g/kg KG/Tag empfohlen, in katabolen Phasen teilweise auch darüber.

Sinnvoll sind Proteinpräparate insbesondere bei:

  • unzureichender Proteinzufuhr über die normale Ernährung, etwa bei Appetitlosigkeit
  • Kau- oder Schluckstörungen, wenn feste proteinreiche Lebensmittel schlecht toleriert werden
  • Rekonvaleszenz (Erholungsphase nach Krankheit oder Operation)
  • begleitendem Krafttraining zur gezielten Stimulation der Muskelproteinsynthese

Molkenprotein (Whey-Protein) weist eine hohe biologische Wertigkeit und einen hohen Leucingehalt auf. Es wird rasch resorbiert und führt zu einem schnellen Anstieg der Aminosäuren im Blut, was die Muskelproteinsynthese effektiv stimulieren kann. Bei reduziertem Appetit können kleine, energie- und proteinreiche Trinklösungen oder angereicherte Speisen (z. B. Suppen, Pürees) die tägliche Aufnahme deutlich verbessern.

Grenzen:
Ohne ausreichende Gesamtenergiezufuhr bleibt auch eine hohe Proteinzufuhr ineffektiv. In einer negativen Energiebilanz werden Aminosäuren vermehrt zur Energiegewinnung (Gluconeogenese; Neubildung von Glukose in der Leber) genutzt, statt in Muskelprotein eingebaut zu werden. Zudem ist ein Trainingsreiz entscheidend, da ohne mechanische Belastung nur begrenzt Muskelmasse aufgebaut wird.

Energieanreicherung – hochkalorische Trinknahrungen

Bei starkem Untergewicht, drohender Mangelernährung oder raschem Gewichtsverlust können bilanzierte Diäten (medizinische Trinknahrungen) indiziert sein. Diese enthalten definierte Mengen an Energie, hochwertigem Protein, Fett, Kohlenhydraten sowie essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen und ermöglichen eine standardisierte Nährstoffzufuhr.

Physiologisch bedeutsam ist die Energiedichte: Flüssige Kalorien führen häufig zu einer geringeren Sättigung als feste Nahrung, da sie den Magen schneller passieren und weniger stark auf appetitregulierende Hormone wie Ghrelin und Peptid YY wirken. Dadurch lässt sich die Gesamtenergieaufnahme steigern, ohne das Sättigungsgefühl unverhältnismäßig zu erhöhen.

Sinnvoll bei:

  • ausgeprägter Gewichtsabnahme mit Risiko für Mangelernährung
  • geriatrischen Patienten mit reduzierter Essmenge
  • onkologischen oder chronisch entzündlichen Erkrankungen mit erhöhtem Energiebedarf
  • postoperativen Phasen mit erhöhtem katabolen Stoffwechsel

Grenzen:
Langfristig sollte – sofern möglich – eine vollwertige orale Ernährung angestrebt werden. Trinknahrungen sind therapeutische Hilfsmittel und ersetzen keine strukturierte Ernährungsberatung. Zudem können monotone Geschmacksprofile die Compliance (Therapietreue) beeinträchtigen.

Mikronährstoffe – gezielt substituieren statt „auf Verdacht“

Untergewicht geht nicht selten mit einer suboptimalen Versorgung an Vitaminen und Mineralstoffen einher, insbesondere bei einseitiger Ernährung, chronischen Erkrankungen oder Malabsorption (gestörte Nährstoffaufnahme im Darm). Häufig betroffen sind:

  • Vitamin D: relevant für Muskelkraft, Immunfunktion und Knochenstoffwechsel
  • Vitamin B12: essenziell für Zellteilung und neurologische Funktion
  • Eisen: notwendig für die Hämoglobinbildung (roter Blutfarbstoff) und Sauerstofftransport
  • Zink: beteiligt an Immunfunktion und Proteinsynthese

Eine gezielte Supplementierung sollte idealerweise laborchemisch abgesichert erfolgen. Mikronährstoffe unterstützen zentrale Stoffwechselprozesse, darunter Energiestoffwechsel, Immunantwort und Gewebeaufbau. Sie ermöglichen damit die physiologischen Voraussetzungen für Gewichtszunahme, führen jedoch isoliert nicht zu einer relevanten Gewichtszunahme.

Grenzen:
Eine unspezifische Hochdosierung kann Nebenwirkungen verursachen, beispielsweise Eisenüberladung bei unnötiger Eisensubstitution oder Hypervitaminose D bei übermäßiger Vitamin-D-Zufuhr. Daher ist eine individuelle Dosierung entscheidend.

Omega-3-Fettsäuren und spezielle Supplemente

Bei entzündlichen oder katabolen Zuständen (abbauender Stoffwechsel, z. B. Tumorerkrankungen oder chronische Entzündungen) werden Omega-3-Fettsäuren – insbesondere Eicosapentaensäure (EPA) – diskutiert. Sie besitzen entzündungsmodulierende Eigenschaften und können über eine Beeinflussung inflammatorischer Zytokine (Botenstoffe des Immunsystems) den Muskelabbau potenziell reduzieren.

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Auch Kreatin wird im Kontext des Muskelaufbaus untersucht. Es erhöht die intramuskulären Phosphokreatinspeicher (Energiespeicher im Muskel) und kann in Kombination mit Krafttraining die Trainingsleistung und damit indirekt die Muskelmasse steigern.

Grenzen:
Die Evidenz ist indikationsabhängig und nicht auf jede Form des Untergewichts übertragbar. Supplemente können eine individuell angepasste Ernährungstherapie mit ausreichender Energie- und Proteinversorgung sowie körperlicher Aktivierung nicht ersetzen.

Fazit

Nahrungsergänzungsmittel können bei Untergewicht eine sinnvolle Ergänzung darstellen – insbesondere zur Optimierung der Protein- und Energiezufuhr sowie zum Ausgleich nachgewiesener Mikronährstoffdefizite. Entscheidend bleibt jedoch die ursachenorientierte Diagnostik und die Herstellung einer positiven Energiebilanz. Supplemente sind unterstützende Bausteine im Rahmen einer strukturierten ernährungsmedizinischen Therapie, jedoch keine alleinige Lösung.

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