Ernährungstherapie bei Kachexie – warum Kalorien allein oft nicht ausreichen
Unbeabsichtigter Gewichtsverlust zählt zu den prognostisch ungünstigsten Zeichen chronischer Erkrankungen. Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen bei der Kachexie (krankhafte, krankheitsassoziierte Auszehrung). Trotz ausreichender oder sogar erhöhter Kalorienzufuhr gelingt es häufig nicht, Körpergewicht und Muskelmasse nachhaltig zu stabilisieren. Die Ursache liegt in tiefgreifenden Stoffwechselveränderungen, die über eine reine Energieunterversorgung hinausgehen. Eine moderne Ernährungstherapie berücksichtigt daher die zugrunde liegende Pathophysiologie.
Was ist Kachexie? – Definition und Abgrenzung
Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das typischerweise bei Tumorerkrankungen, chronischer Herzinsuffizienz, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (engl. Chronic Obstructive Pulmonary Disease, COPD) oder chronischen Infektionen auftritt. Kennzeichnend sind:
- ungewollter Gewichtsverlust (> 5 % in 6 Monaten)
- Verlust an Skelettmuskelmasse (Sarkopenie; Muskelabbau)
- systemische Inflammation (anhaltende Entzündungsreaktion)
- metabolische Dysregulation (Störung des Energiestoffwechsels)
Im Unterschied zur einfachen Mangelernährung ist die Kachexie nicht allein durch eine reduzierte Nahrungsaufnahme erklärbar. Selbst bei adäquater Energiezufuhr bleibt der Körper in einem katabolen Stoffwechselzustand (abbauender Stoffwechsel).
Pathophysiologie – der katabole Stoffwechsel dominiert
Chronische Inflammation als Treiber
Proinflammatorische Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe) wie TNF-α, IL-1 und IL-6 aktivieren proteolytische Signalwege (Eiweißabbauwege), insbesondere das Ubiquitin-Proteasom-System. Dieses System markiert Muskelproteine zum Abbau.
Gleichzeitig wird die Proteinsynthese (Muskelaufbau) gehemmt. Das Resultat ist eine negative Proteinbilanz.
Anabole Resistenz
Bei Kachexie besteht häufig eine sogenannte anabole Resistenz. Darunter versteht man die verminderte Fähigkeit des Körpers, auf Nährstoffe – insbesondere Aminosäuren – mit Muskelaufbau zu reagieren. Selbst hohe Proteinzufuhr führt daher nicht automatisch zu einer Zunahme an Muskelmasse.
Energieineffizienz und erhöhter Grundumsatz
Viele Betroffene zeigen einen erhöhten Ruheenergieverbrauch (Hypermetabolismus). Gleichzeitig kommt es zu einer mitochondrialen Dysfunktion (Störung der „Kraftwerke“ der Zelle), wodurch Energie weniger effizient gebildet wird. Ein Teil der aufgenommenen Energie wird in Wärme umgewandelt, statt für Gewebeaufbau genutzt zu werden.
Warum Kalorien allein nicht ausreichen
Eine isolierte Steigerung der Energiezufuhr führt häufig nur zu einer Zunahme der Fettmasse, nicht jedoch der fettfreien Masse (Muskelmasse).
Die Gründe:
- Persistierende Entzündung hemmt Muskelaufbau
- Hormonelle Veränderungen (z. B. reduzierte Testosteron- oder IGF-1-Spiegel)
- Insulinresistenz (verminderte Wirkung des Insulins auf Muskelzellen)
- Verminderte körperliche Aktivität
Eine effektive Therapie muss daher multimodal erfolgen.
Bausteine einer modernen Ernährungstherapie
Optimierte Protein- und Aminosäurenversorgung
Empfohlen wird eine Proteinzufuhr von etwa 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht pro Tag, in schweren Fällen bis 2,0 g/kg.
Besondere Bedeutung haben:
- Leucin (essenzielle Aminosäure; aktiviert mTOR, einen zentralen Muskelaufbau-Signalweg)
- Omega-3-Fettsäuren (entzündungsmodulierend)
- Hochwertige, gut resorbierbare Proteinquellen
Eine gleichmäßige Verteilung der Proteinzufuhr über den Tag verbessert die Muskelproteinsynthese.
Antiinflammatorische Ernährung
Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA), Docosahexaensäure (DHA)) können die Zytokinproduktion modulieren und katabole Prozesse abschwächen. Studien zeigen Hinweise auf eine Stabilisierung der Muskelmasse insbesondere bei Tumorkachexie.
Kombination mit Bewegungstherapie
Widerstandstraining (Krafttraining) stimuliert die Muskelproteinsynthese und kann die anabole Resistenz teilweise überwinden. Selbst niedrigschwellige Trainingsprogramme zeigen positive Effekte.
Mikronährstoffstatus berücksichtigen
Defizite an Vitamin D, Zink oder B-Vitaminen können Regeneration und Proteinsynthese beeinträchtigen. Eine gezielte Labordiagnostik ist sinnvoll.
Klinische Praxis – individualisierte Konzepte sind entscheidend
Die Ernährungstherapie bei Kachexie erfordert:
- Frühzeitiges Screening
- Regelmäßige Körperzusammensetzungsanalyse (z. B. Bioimpedanzanalyse)
- Interdisziplinäre Betreuung (Ernährungsmedizin, Onkologie, Kardiologie)
Enterale oder parenterale Ernährung kann in fortgeschrittenen Stadien notwendig sein, ersetzt jedoch nicht die Behandlung der Grunderkrankung.
Fazit
Kachexie ist kein reines Kaloriendefizit, sondern ein komplexes metabolisches Syndrom mit chronischer Entzündung, Muskelabbau und anaboler Resistenz. Eine erfolgreiche Ernährungstherapie geht daher über die bloße Erhöhung der Energiezufuhr hinaus. Entscheidend sind eine proteinoptimierte, entzündungsmodulierende Ernährung, die Kombination mit Bewegung sowie eine individuelle medizinische Begleitung. Nur durch ein multimodales Konzept lässt sich der katabole Stoffwechsel gezielt beeinflussen und Muskelmasse nachhaltig stabilisieren.
Literatur
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