Appetitlosigkeit (Anorexie) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Behandlung reversibler Ursachen der Appetitlosigkeit, insbesondere Schmerzen, Übelkeit, Obstipation (Verstopfung), Infektionen, orale oder gastrointestinale Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts), Depression (seelische Erkrankung mit anhaltender Niedergeschlagenheit), endokrine (hormonelle) oder metabolische Störungen (Stoffwechselstörungen) sowie unerwünschte Arzneimittelwirkungen.
- Verbesserung von Appetit und Nahrungsaufnahme bei möglichst geringer zusätzlicher Arzneimittelbelastung.
- Prävention beziehungsweise Behandlung einer Mangelernährung (unzureichenden Versorgung des Körpers mit Energie und Nährstoffen) durch bedarfsdeckende Energie-, Protein-, Flüssigkeits- und Mikronährstoffzufuhr.
- Erhalt von Muskelmasse, körperlicher Funktion und Lebensqualität; eine bloße Zunahme von Fett- oder Flüssigkeitsmasse ist kein ausreichendes Therapieziel.
- Vermeidung von Komplikationen wie Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Elektrolytstörungen (Störungen der Blutsalze), Refeeding-Syndrom (gefährliche Stoffwechselstörung bei zu schnellem Ernährungsaufbau), Infektionen, Stürze und arzneimittelbedingte Nebenwirkungen.
- Realistische palliativmedizinische Zielsetzung unter Berücksichtigung von Prognose, Symptomlast und Patientenpräferenz.
Therapieempfehlungen
Grundsätze
- Appetitlosigkeit ist ein Symptom (Krankheitszeichen) und keine eigenständige Arzneimittelindikation: Vor dem Einsatz eines Appetitstimulans sind Ursache, Ernährungszustand, Gewichtsverlauf, Muskelmasse beziehungsweise körperliche Funktion sowie die Behandlungsziele zu klären.
- Begriffliche Abgrenzung: Die symptomatische Anorexie (krankheitsbedingte Appetitlosigkeit) ist nicht mit der Anorexia nervosa (Magersucht) gleichzusetzen. Bei Anorexia nervosa stehen strukturierte Ernährungstherapie, Psychotherapie und die Behandlung medizinischer Komplikationen im Vordergrund; ein Appetitstimulans ist keine Standardtherapie.
- Reversible Ursachen behandeln:
- Schmerzen, orale Candidose (Pilzinfektion des Mundraums), Mukositis (Schleimhautentzündung), Dysphagie (Schluckstörung), Obstipation, gastrointestinale Obstruktion (Verschluss des Magen-Darm-Trakts), Übelkeit, Erbrechen, Gastroparese (verzögerte Magenentleerung), Depression, Delir (akuter Verwirrtheitszustand), Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Nebenniereninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde), Infektionen sowie Organinsuffizienzen (unzureichende Funktion von Organen).
- Appetithemmende Arzneimittel überprüfen, beispielsweise GLP-1-Rezeptoragonisten, Psychostimulanzien, Opioide, Digoxin, bestimmte Antibiotika, Zytostatika und serotonerge Arzneimittel.
- Ernährungsmedizinische Maßnahmen haben Vorrang: Ernährungsberatung, kleine energie- und proteinreiche Mahlzeiten, Trinknahrung sowie erforderlichenfalls enterale oder parenterale Ernährung sind entsprechend Prognose, Therapieziel und gastrointestinaler Funktion einzusetzen [LL1, LL4, LL5].
- Appetit und Gewicht sind keine gleichwertigen Endpunkte: Eine Appetitsteigerung führt nicht zwangsläufig zu einer Zunahme der Muskelmasse, einer Verbesserung der körperlichen Funktion oder einer Verlängerung des Überlebens.
Ursachen- und symptomorientierte Pharmakotherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Mirtazapin | Bei Appetitlosigkeit ohne Depression Off-Label-Use. Sinnvoll vor allem bei gleichzeitig bestehender Depression, Angst, Schlafstörung oder Übelkeit. Die Evidenz als isoliertes Appetitstimulans ist widersprüchlich: Eine Studie zeigte keinen Vorteil für Appetit oder Gewicht, eine weitere eine höhere Energieaufnahme, jedoch keine Verbesserung des subjektiven Appetits [4, 5, FI1]. |
| Metoclopramid | Kein Appetitstimulans. Bei Übelkeit, Erbrechen, verzögerter Magenentleerung oder früher Sättigung kann durch Symptomkontrolle die Nahrungsaufnahme verbessert werden. Nicht bei vollständiger mechanischer gastrointestinaler Obstruktion [LL1, FI4]. |
| Domperidon | Alternative zur kurzzeitigen Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, wenn Metoclopramid ungeeignet ist. Kein reguläres Appetitstimulans. Wegen QT-Zeitverlängerung (Verlängerung eines Abschnitts der elektrischen Herzaktion) und ventrikulärer Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen aus den Herzkammern) strenge Nutzen-Risiko-Prüfung [FI5]. |
- Wirkweise: Mirtazapin verstärkt die noradrenerge und serotonerge Neurotransmission und blockiert unter anderem Histamin-H1- sowie 5-HT2- und 5-HT3-Rezeptoren. Metoclopramid wirkt antidopaminerg, antiemetisch und prokinetisch. Domperidon wirkt überwiegend peripher antidopaminerg und antiemetisch.
- Indikationen: Mirtazapin bei behandlungsbedürftiger Depression mit begleitender Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust oder Insomnie (Schlaflosigkeit); Metoclopramid beziehungsweise Domperidon nur bei entsprechender Übelkeit oder Motilitätsstörung (Störung der Beweglichkeit des Magen-Darm-Trakts).
- Kontraindikationen: Mirtazapin nicht zusammen mit MAO-Hemmern; Metoclopramid nicht bei mechanischer Obstruktion, gastrointestinaler Blutung oder Perforation (Durchbruch eines Hohlorgans), Phäochromozytom (hormonbildender Tumor der Nebenniere), Parkinson-Syndrom (Erkrankung mit Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifigkeit und Zittern) oder entsprechender extrapyramidaler Vorgeschichte (Vorgeschichte entsprechender Bewegungsstörungen); Domperidon nicht bei QT-Verlängerung, relevanten Elektrolytstörungen, Herzinsuffizienz (Herzschwäche), mäßiger bis schwerer Leberfunktionsstörung oder gleichzeitiger Anwendung potenter CYP3A4-Hemmer beziehungsweise QT-verlängernder Arzneimittel.
- Nebenwirkungen: Mirtazapin – Somnolenz (starke Schläfrigkeit), Gewichtszunahme, Mundtrockenheit, Obstipation, orthostatische Beschwerden (Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen), Hyponatriämie und selten Blutbildveränderungen; Metoclopramid – Akathisie (quälende Bewegungsunruhe), Dystonien (unwillkürliche Muskelverkrampfungen), Parkinsonoid (Parkinson-ähnliche Bewegungsstörung), Somnolenz und bei längerer Anwendung Spätdyskinesien (spät auftretende unwillkürliche Bewegungsstörungen); Domperidon – Hyperprolaktinämie, Mundtrockenheit, QT-Zeitverlängerung und ventrikuläre Arrhythmien.
Tumorassoziierte Anorexie und Kachexie (krankheitsbedingte Auszehrung)
Bei fortgeschrittener Tumorerkrankung ist eine multimodale Behandlung aus Ernährungsberatung, Symptomkontrolle und – soweit möglich – körperlicher Aktivität erforderlich. Eine medikamentöse Appetitsteigerung kann ergänzend erfolgen, verhindert jedoch die metabolisch bedingte Kachexie und den Verlust von Muskelmasse häufig nicht [LL1–LL4].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Olanzapin | Off-Label-Use zur Appetitsteigerung. Nach der ASCO-Aktualisierung kann niedrig dosiertes Olanzapin Erwachsenen mit fortgeschrittener Tumorerkrankung zur Verbesserung von Appetit und Gewicht angeboten werden. In einer randomisierten Studie führte 2,5 mg täglich häufiger zu einer Appetitverbesserung und einer Gewichtszunahme von mehr als 5 % als Placebo [1, LL2, FI2]. |
| Dexamethason | Off-Label-Use. Kann Appetit und Allgemeinbefinden rasch, aber meist nur vorübergehend verbessern. Eine nachhaltige Zunahme von Muskelmasse oder Überlebensvorteile sind nicht belegt. Besonders für Patienten mit kurzer Prognose und Bedarf an einem raschen Wirkungseintritt geeignet [LL1-LL3, FI3]. |
| Megestrolacetat | In Deutschland zur Appetitsteigerung regelmäßig Off-Label-Use und abhängig von der Verfügbarkeit. Kann Appetit und Körpergewicht steigern; die Gewichtszunahme beruht überwiegend auf Fett- und Flüssigkeitsmasse. Muskelkraft, Lebensqualität und Überleben werden nicht zuverlässig verbessert. Erhöhtes Risiko für Thromboembolien (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel), Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe), Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) und Nebennierenrindensuppression (Unterdrückung der körpereigenen Nebennierenrindenfunktion) [2, 3, LL1-LL3, FI6]. |
- Wirkweise: Olanzapin blockiert unter anderem dopaminerge, serotonerge, histaminerge und muskarinerge Rezeptoren. Dexamethason wirkt glucocorticoid und antiinflammatorisch. Megestrolacetat ist ein synthetisches Gestagen mit glucocorticoiden und antigonadotropen Begleiteffekten.
- Indikationen: Olanzapin bevorzugt bei tumorassoziierter Anorexie, insbesondere bei zusätzlicher Übelkeit; Dexamethason für eine kurzfristige palliative Appetit- und Befindlichkeitsverbesserung; Megestrolacetat nur bei ausgewählten Patienten mit ausgeprägter Anorexie beziehungsweise Gewichtsverlust und niedrigem thromboembolischem Risiko.
- Kontraindikationen: Olanzapin nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung bei Demenz (fortschreitender Verlust geistiger Fähigkeiten), Parkinson-Syndrom, Delir, unkontrolliertem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder erhöhtem Arrhythmierisiko; Dexamethason mit besonderer Vorsicht bei unkontrollierter Infektion, Diabetes mellitus, Delir, Manie (krankhaft gesteigerte Stimmung und Aktivität), Ulkuskrankheit (Geschwürsleiden) oder proximaler Myopathie (Muskelerkrankung mit Schwäche im Schulter- und Hüftbereich); Megestrolacetat nicht in der Schwangerschaft und möglichst nicht bei aktiver oder rezidivierender venöser Thromboembolie.
- Nebenwirkungen: Olanzapin – Somnolenz, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen), Stürze, Hyperglykämie, Dyslipidämie, Gewichtszunahme und extrapyramidale Symptome; Dexamethason – Hyperglykämie, Schlafstörung, Delir, Infektionen, Flüssigkeitsretention, gastrointestinale Komplikationen und proximale Myopathie; Megestrolacetat – Thromboembolien, Ödeme, Hyperglykämie, Hypogonadismus, erektile Dysfunktion (Erektionsstörung) und Nebennierenrindeninsuffizienz nach längerer Anwendung oder abruptem Absetzen.
Einordnung weiterer Appetitstimulanzien
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dronabinol | Bei Tumorkachexie nicht routinemäßig empfohlen. Dronabinol war Megestrolacetat hinsichtlich Appetitverbesserung und Gewichtszunahme unterlegen; die Kombination brachte keinen zusätzlichen Nutzen [3, LL2, LL3, FI7]. |
| Cyproheptadin | Eine systematische Übersicht zeigte zwar mögliche Gewichtseffekte in verschiedenen nicht malignen Populationen, bei malignen oder fortschreitenden Erkrankungen einschließlich Krebs und HIV jedoch nur einen geringen oder fehlenden Nutzen. Wegen Sedierung (Dämpfung und Schläfrigkeit) und anticholinerger Belastung nicht routinemäßig einsetzen [6, LL1]. |
| Anamorelin und andere Ghrelinrezeptor-Agonisten | Anamorelin kann Appetit, Körpergewicht und fettfreie Masse erhöhen, verbessert jedoch die Muskelkraft nicht zuverlässig. In Deutschland kein Therapiestandard. |
- Wirkweise: Dronabinol aktiviert Cannabinoidrezeptoren; Cyproheptadin wirkt antihistaminerg, antiserotonerg und anticholinerg; Anamorelin aktiviert den Ghrelinrezeptor.
- Indikationen: Dronabinol allenfalls als individueller Therapieversuch bei HIV/AIDS-assoziierter Anorexie oder refraktärer palliativer Symptomatik; Cyproheptadin nicht bei tumor- oder HIV-assoziierter Kachexie; Ghrelinrezeptor-Agonisten derzeit nicht als reguläre Therapie in Deutschland.
- Kontraindikationen: Dronabinol möglichst nicht bei Psychosen (schweren Störungen der Wahrnehmung und des Denkens), Manie, schwerer Angststörung, Substanzabhängigkeit (Abhängigkeit von Suchtmitteln), instabiler Herz-Kreislauf-Erkrankung oder Schwangerschaft; Cyproheptadin nicht bei Engwinkelglaukom (bestimmte Form des Grünen Stars), Harnverhalt, paralytischem Ileus (Darmlähmung) oder erheblicher anticholinerger Belastung.
- Nebenwirkungen: Dronabinol – Schwindel, Somnolenz, Euphorie (übersteigertes Hochgefühl), Dysphorie (unangenehm gedrückte Stimmung), Angst, Verwirrtheit, orthostatische Beschwerden und Tachykardie (beschleunigter Herzschlag); Cyproheptadin – Sedierung, Mundtrockenheit, Obstipation, Harnverhalt, Verwirrtheit und selten Lebertoxizität (Leberschädigung).
Besondere klinische Situationen
- HIV/AIDS-assoziiertes Wasting (krankheitsbedingter Gewichts- und Muskelverlust): Vorrang haben wirksame antiretrovirale Therapie, Behandlung opportunistischer Infektionen (Infektionen bei geschwächtem Immunsystem), orale und gastrointestinale Diagnostik sowie Abklärung von Depression und Hypogonadismus. Dronabinol oder Megestrolacetat kommen nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung infrage. Eine Testosteronsubstitution ist auf Patienten mit gesichertem Hypogonadismus zu beschränken.
- Höheres Lebensalter und Gebrechlichkeit: Megestrolacetat, Cyproheptadin und Cannabinoide sollen nicht routinemäßig eingesetzt werden. Mirtazapin ist bei gleichzeitig vorliegender Depression vertretbar, aber nicht allein aufgrund von Gewichtsverlust oder Appetitmangel.
- Anorexia nervosa: Appetitstimulanzien ersetzen weder Ernährungstherapie noch Psychotherapie. Bei schwerer Unterernährung sind eine spezialisierte Behandlung und die Prävention eines Refeeding-Syndroms erforderlich.
- Mammakarzinom (Brustkrebs): Megestrolacetat kann bei bestimmten fortgeschrittenen hormonabhängigen Mammakarzinomen als endokrine Tumortherapie eingesetzt werden. Diese onkologische Indikation ist von der Off-Label-Anwendung als Appetitstimulans zu trennen. Ein Mammakarzinom allein ist keine Indikation zur appetitsteigernden Behandlung mit Megestrolacetat [FI6].
Therapiekontrolle
- Behandlungsziel vor Therapiebeginn festlegen: beispielsweise Verbesserung des Appetits um mindestens 2 Punkte auf einer numerischen Skala, höhere orale Energie- und Proteinzufuhr, Gewichtsstabilisierung oder subjektive Entlastung.
- Frühe Reevaluation: Appetitstimulanzien nach 7-14 Tagen, Mirtazapin bei Depression nach 2-4 Wochen überprüfen. Bei fehlendem klinischem Nutzen absetzen.
- Objektive Verlaufskontrolle: Nahrungsaufnahme, Körpergewicht, Ödeme, Muskelkraft, körperliche Funktion und Lebensqualität erfassen. Eine Gewichtszunahme durch Flüssigkeitsretention darf nicht als Therapieerfolg gewertet werden.
- Arzneimittelspezifisches Monitoring:
- Olanzapin: Vigilanz, Sturzrisiko, Glucose und gegebenenfalls Lipidprofil sowie EKG bei QT-Risikokonstellation.
- Dexamethason: Glucose, Infektionszeichen, psychische Veränderungen und proximale Muskelfunktion.
- Megestrolacetat: Thrombosezeichen, Ödeme, Glucose, Gonadenfunktion und bei längerer Anwendung Nebennierenrindenfunktion.
- Metoclopramid und Domperidon: neurologische beziehungsweise kardiale Nebenwirkungen und relevante Wechselwirkungen.
Red Flags (Warnzeichen) bei Appetitlosigkeit (Anorexie)
- Rasche ungewollte Gewichtsabnahme von mehr als 5 % innerhalb eines Monats oder mehr als 10 % innerhalb von 6 Monaten.
- Nahezu vollständige Nahrungskarenz (Verzicht auf Nahrungsaufnahme) oder deutlich reduzierte Flüssigkeitsaufnahme über mehrere Tage.
- Zeichen der Dehydratation oder Kreislaufinstabilität (instabiler Kreislauf) wie Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie, Synkope (Ohnmacht), Verwirrtheit oder Oligurie (stark verminderte Urinmenge).
- Dysphagie, Aspirationszeichen (Hinweise auf das Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege), anhaltendes Erbrechen oder klinischer Verdacht auf eine gastrointestinale Obstruktion.
- Gastrointestinale Blutung, starke abdominale Schmerzen oder neu aufgetretener Ikterus (Gelbfärbung von Haut und Augen).
- Fieber, Nachtschweiß, Lymphadenopathie (krankhafte Lymphknotenschwellung) oder andere Hinweise auf Infektion beziehungsweise Malignom (bösartige Erkrankung).
- Ausgeprägte Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), Hypothermie (Unterkühlung) oder Elektrolytstörungen bei Verdacht auf Anorexia nervosa oder schwere Unterernährung.
- Suizidgedanken, psychotische Symptome, schwere Depression oder fehlende Fähigkeit zur selbstständigen Nahrungsaufnahme.
- Hohes Risiko für ein Refeeding-Syndrom bei starkem Untergewicht, erheblichem Gewichtsverlust, längerer Nahrungskarenz oder bereits erniedrigtem Phosphat, Kalium beziehungsweise Magnesium.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
- Grundsatz: Nahrungsergänzungsmittel sind keine eigenständige Behandlung einer ungeklärten Appetitlosigkeit. Sie können jedoch bei unzureichender Zufuhr, nachgewiesenem Mangel, erhöhtem Bedarf oder definierten Risikokonstellationen sinnvoll sein.
- Orale Trinknahrung: Bei unzureichender Energie- und Proteinzufuhr sind energie- und proteinreiche orale Nahrungssupplemente wesentlich relevanter als unspezifische Mikronährstoffpräparate. Auswahl und Menge sollen an Bedarf, Nierenfunktion, Stoffwechsellage und Verträglichkeit angepasst werden [LL4, LL5].
- Multivitamin- und Mineralstoffpräparate: Bei längerfristig deutlich eingeschränkter Nahrungsaufnahme kann vorübergehend ein Präparat mit ungefähr 100 % der altersentsprechenden Referenzzufuhr vertretbar sein. Hochdosierte Kombinationen oberhalb der Referenzwerte sind ohne nachgewiesenen Mangel nicht angezeigt [LL4].
- Thiamin: Bei hohem Risiko für ein Refeeding-Syndrom 200-300 mg täglich unmittelbar vor und während der ersten 5-10 Tage des Ernährungsaufbaus; Phosphat, Kalium, Magnesium und Flüssigkeitshaushalt engmaschig kontrollieren und bedarfsgerecht substituieren [LL5].
- Vitamin D: Bei nachgewiesenem Mangel, höherem Lebensalter, geringer Sonnenexposition oder dauerhaft unzureichender Zufuhr ist eine Substitution sinnvoll. Häufig geeignete Erhaltungsdosis 800-1.000 I. E. Vitamin D3 täglich; eine Mangeltherapie wird nach 25-OH-Vitamin-D-Ausgangswert individualisiert.
- Vitamin B12 und Folsäure: Substitution bei nachgewiesenem Mangel, Malabsorption (gestörter Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm), veganer Ernährung oder entsprechender Arzneimittelexposition. Vitamin B12 kann abhängig von Ursache und Schweregrad mit 250-1.000 µg täglich oral oder parenteral substituiert werden. Folsäure erst nach Ausschluss beziehungsweise gleichzeitiger Behandlung eines Vitamin-B12-Mangels einsetzen.
- Eisen: Nur bei nachgewiesenem Eisenmangel beziehungsweise Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel). Oral häufig 40-100 mg elementares Eisen einmal täglich oder jeden zweiten Tag; bei entzündungsbedingter Resorptionsstörung (Störung der Aufnahme aus dem Darm), Unverträglichkeit oder ausgeprägtem Defizit kann eine intravenöse Substitution erforderlich sein.
- Zink: Bei nachgewiesenem Zinkmangel oder ausgewählten Patienten mit Mangelernährung und Dysgeusie (Geschmacksstörung) kann eine zeitlich begrenzte Gabe von etwa 10-15 mg elementarem Zink täglich erwogen werden. Eine längerfristige hochdosierte Anwendung kann einen Kupfermangel verursachen.
- Omega-3-Fettsäuren: Bei Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung unter Chemotherapie und Risiko für Gewichtsverlust oder Mangelernährung kann ein individueller Therapieversuch mit Fischöl beziehungsweise etwa 1,5-2 g Eicosapentaensäure täglich erwogen werden. Die Evidenz für Appetit, Nahrungsaufnahme, Gewicht und fettfreie Masse ist niedrig und bei etablierter refraktärer Kachexie nicht konsistent [LL1, LL4].
- Elektrolyte: Phosphat, Kalium, Magnesium, Calcium und Natrium ausschließlich labor- und situationsgerecht substituieren; eine ungezielte Einnahme ist insbesondere bei Nieren- oder Herzinsuffizienz potenziell gefährlich.
- Coenzym Q10, L-Carnitin, Alpha-Linolensäure, Linolsäure und Citratpräparate: Für eine unspezifische Appetitsteigerung besteht keine belastbare Evidenz. Eine Anwendung ist auf nachgewiesene Mangelzustände beziehungsweise spezifische metabolische oder arzneimittelbedingte Indikationen zu begrenzen.
Schlussfolgerung: Eine gezielte Supplementierung kann bei nachgewiesenem oder wahrscheinlichem Mangel, bei unzureichender Nahrungsaufnahme und in definierten Risikosituationen einen relevanten Beitrag zur Stabilisierung des Ernährungszustands leisten. Sie sollte auf den individuellen Bedarf abgestimmt und in ein ernährungsmedizinisches Gesamtkonzept eingebunden werden.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Siehe auch unter „Weitere Therapie“.
Abkürzungen
- 5-HT – 5-Hydroxytryptamin (Serotonin)
- 25-OH-Vitamin D – 25-Hydroxyvitamin D
- AIDS – Acquired Immune Deficiency Syndrome
- ASCO – American Society of Clinical Oncology
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- CYP3A4 – Cytochrom-P450-Isoenzym 3A4
- EKG – Elektrokardiogramm
- ESMO – European Society for Medical Oncology
- ESPEN – European Society for Clinical Nutrition and Metabolism
- FI – Fachinformation
- GLP-1 – Glucagon-like Peptide 1
- H1 – Histaminrezeptor Typ 1
- HIV – Humanes Immundefizienz-Virus
- I. E. – Internationale Einheiten
- LL – Leitlinie
- MAO – Monoaminooxidase
- MCP – Metoclopramid
- NICE – National Institute for Health and Care Excellence
- QT – QT-Intervall
- S3 – Entwicklungsstufe einer evidenz- und konsensbasierten Leitlinie
Literatur
- Sandhya L, Devi Sreenivasan N, Goenka L et al.: Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Study of Olanzapine for Chemotherapy-Related Anorexia in Patients With Locally Advanced or Metastatic Gastric, Hepatopancreaticobiliary, and Lung Cancer. J Clin Oncol. 2023;41(14):2617–2627. doi: 10.1200/JCO.22.01997.
- Ruiz Garcia V, López-Briz E, Carbonell Sanchis R et al.: Megestrol acetate for treatment of anorexia-cachexia syndrome. Cochrane Database Syst Rev. 2013;(3):CD004310. doi: 10.1002/14651858.CD004310.pub3.
- Jatoi A, Windschitl HE, Loprinzi CL et al.: Dronabinol versus megestrol acetate versus combination therapy for cancer-associated anorexia: a North Central Cancer Treatment Group study. J Clin Oncol. 2002;20(2):567–573. doi: 10.1200/JCO.2002.20.2.567.
- Hunter CN, Abdel-Aal HH, Elsherief WA et al.: Mirtazapine in Cancer-Associated Anorexia and Cachexia: A Double-Blind Placebo-Controlled Randomized Trial. J Pain Symptom Manage. 2021;62(6):1207–1215. doi: 10.1016/j.jpainsymman.2021.05.017.
- Arrieta O, Cárdenas-Fernández D, Rodriguez-Mayoral O et al.: Mirtazapine as Appetite Stimulant in Patients With Non-Small Cell Lung Cancer and Anorexia: A Randomized Clinical Trial. JAMA Oncol. 2024;10(3):305–314. doi: 10.1001/jamaoncol.2023.5232.
- Harrison ME, Norris ML, Robinson A et al.: Use of cyproheptadine to stimulate appetite and body weight gain: A systematic review. Appetite. 2019;137:62–72. doi: 10.1016/j.appet.2019.02.012.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Palliativmedizin für Patient:innen mit einer nicht heilbaren Krebserkrankung. (AWMF-Registernummer: 128 - 001OL), Version 3.0, Juli 2026. Langfassung [LL1]
- Roeland EJ, Bohlke K, Baracos VE et al.: Cancer Cachexia: ASCO Guideline Rapid Recommendation Update. J Clin Oncol. 2023;41(25):4178–4179. doi: 10.1200/JCO.23.01280 [LL2]
- Arends J, Strasser F, Gonella S et al.: Cancer cachexia in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. ESMO Open. 2021;6(3):100092. doi: 10.1016/j.esmoop.2021.100092 [LL3]
- Muscaritoli M, Arends J, Bachmann P et al.: ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in cancer. Clin Nutr. 2021;40(5):2898–2913. doi: 10.1016/j.clnu.2021.02.005 [LL4]
- National Institute for Health and Care Excellence: Nutrition support for adults: oral nutrition support, enteral tube feeding and parenteral nutrition. Clinical guideline CG32, aktualisiert August 2017. Guideline [LL5]
Fachinformation
- Fachinformation Mirtazapin-neuraxpharm 15 mg/-30 mg/-45 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI1]
- Fachinformation Olanzapin-neuraxpharm 2,5 mg/-5 mg/-7,5 mg/-10 mg/-15 mg/-20 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI2]
- Fachinformation Dexamethason-ratiopharm 4 mg/8 mg Tabletten. Fachinformation [FI3]
- Fachinformation MCP-ratiopharm 10 mg Tabletten, Stand Juli 2026. Fachinformation [FI4]
- Fachinformation Domperidon AbZ 10 mg Filmtabletten. Fachinformation [FI5]
- Summary of Product Characteristics: Megace 160 mg Tablets. Fachinformation [FI6]
- Prescribing Information: Dronabinol capsules. Fachinformation [FI7]