Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) – Klassifikation
Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronisches Fatigue-Syndrom (chronisches Erschöpfungssyndrom) (ME/CFS) ist eine schwere, chronische, komplexe Multisystemerkrankung (Erkrankung mehrerer Organsysteme) mit belastungsinduzierter Symptomverschlechterung. Der Begriff systemic exertion intolerance disease (systemische Belastungsintoleranz-Erkrankung) (SEID) wurde 2015 vom Institute of Medicine, heute National Academy of Medicine, als Alternativbezeichnung vorgeschlagen, hat sich jedoch international nicht als bevorzugte klinische Bezeichnung durchgesetzt. In Leitlinien und aktueller Fachliteratur wird überwiegend die Bezeichnung ME/CFS verwendet [1-5].
Die Klassifikation erfolgt klinisch nach Symptomkonstellation, Erkrankungsdauer, Schweregrad, Alter und Verlaufsform. Ein spezifischer diagnostischer Biomarker (messbarer Krankheitsmarker) steht derzeit nicht zur Verfügung; die Diagnose wird anhand definierter klinischer Kriterien nach Ausschluss relevanter Differentialdiagnosen (mögliche andere Ursachen) gestellt [1-5].
Klinische Diagnosekriterien
Nach den Kriterien des Institute of Medicine/National Academy of Medicine liegt ME/CFS vor, wenn die folgenden drei Kernsymptome bestehen [1]:
- Substanzielle Einschränkung des Aktivitätsniveaus: Deutliche Reduktion der Fähigkeit, berufliche, schulische, soziale oder persönliche Aktivitäten im Vergleich zum prämorbiden Leistungsniveau auszuführen; Dauer mehr als 6 Monate; begleitet von neu aufgetretener, ausgeprägter Fatigue (Erschöpfung), die nicht Folge fortgesetzter Überlastung ist und durch Ruhe nicht wesentlich gebessert wird.
- Post-Exertional Malaise (PEM) (Belastungsverschlechterung): Belastungsinduzierte Verschlechterung der Beschwerden nach körperlicher, kognitiver (geistiger), emotionaler oder sensorischer (reizbezogener) Belastung; typischerweise disproportional zur Belastung, häufig verzögert einsetzend und prolongiert (verlängert) anhaltend.
- Nicht erholsamer Schlaf: Schlaf führt nicht zu adäquater Erholung; möglich sind zusätzlich Schlafstörungen, verändertes Schlaf-Wach-Muster oder ausgeprägtes morgendliches Erschöpfungsgefühl.
Zusätzlich muss mindestens eines der folgenden beiden Symptome vorliegen [1]:
- Kognitive Beeinträchtigung: Einschränkungen von Konzentration, Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung, Gedächtnis oder mentaler Belastbarkeit, häufig verstärkt durch Belastung, aufrechte Körperhaltung, Stress oder Zeitdruck.
- Orthostatische Intoleranz (Kreislaufbeschwerden im Stehen): Verschlechterung der Beschwerden im Stehen oder Sitzen mit Besserung im Liegen; möglich sind Benommenheit, Palpitationen (Herzklopfen), Schwindel, Schwächegefühl, Sehstörungen, präsynkopale Beschwerden (Beinahe-Ohnmachtsbeschwerden) oder Synkopen (Ohnmachten).
Schweregrad und Häufigkeit der Symptome müssen erfasst werden. Die Diagnose sollte kritisch überprüft werden, wenn die Beschwerden nicht mindestens während etwa der Hälfte der Zeit mit mindestens moderater Ausprägung auftreten [1].
Leitlinienorientierte Verdachtsdiagnose
Nach aktueller NICE-Leitlinie sollte ME/CFS vermutet werden, wenn alle folgenden Merkmale vorliegen [2]:
- Ausgeprägte Fatigue mit funktioneller Einschränkung: Neue, persistierende (anhaltende) oder rezidivierende (wiederkehrende) Fatigue, die die Alltagsfunktion relevant einschränkt, durch Ruhe nicht wesentlich gebessert wird und nicht durch andere Ursachen ausreichend erklärt ist.
- Post-Exertional Malaise: Verschlechterung der Symptome nach Aktivität, häufig verzögert um Stunden bis Tage, mit verlängerter Erholungszeit.
- Nicht erholsamer Schlaf oder Schlafstörung: Subjektiv fehlende Erholung durch Schlaf, nicht zwingend korrelierend mit objektivierbaren Schlafparametern.
- Kognitive Beschwerden: Konzentrationsstörungen, verlangsamte Informationsverarbeitung, Wortfindungsstörungen oder Gedächtnisprobleme.
Bei Erwachsenen kann die Diagnose ME/CFS gestellt werden, wenn die Symptomkonstellation nach angemessener klinischer Abklärung mindestens 3 Monate persistiert und nicht besser durch eine andere Erkrankung erklärt wird [2].
Schweregradklassifikation
- Milde ME/CFS: Der Patient ist mobil, kann sich selbst versorgen und leichte Alltagsaktivitäten durchführen, muss jedoch berufliche, schulische, soziale oder Freizeitaktivitäten deutlich reduzieren; Teilzeitaktivität kann noch möglich sein.
- Moderate ME/CFS: Der Patient hat deutlich eingeschränkte Mobilität und Alltagsaktivität; Erwerbsarbeit, Schule oder Studium sind meist nicht mehr möglich; Ruhephasen tagsüber sind erforderlich; Schlaf und Belastungstoleranz sind erheblich gestört.
- Schwere ME/CFS: Der Patient ist überwiegend hausgebunden oder bettgebunden, benötigt Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens und toleriert nur minimale körperliche oder kognitive Belastung; sensorische Überempfindlichkeit kann ausgeprägt sein.
- Sehr schwere ME/CFS: Der Patient ist vollständig oder nahezu vollständig bettgebunden, benötigt Hilfe bei Körperpflege, Ernährung und Flüssigkeitszufuhr; Kommunikation, Licht-, Geräusch- und Berührungstoleranz können stark eingeschränkt sein; in Einzelfällen können enterale Ernährung (Sondenernährung), Flüssigkeitssubstitution (Flüssigkeitsersatz) oder stationäre Versorgung erforderlich werden.
Klassifikation nach Alter
- ME/CFS bei Erwachsenen: Die Diagnose wird anhand der klinischen Kernsymptome, der Dauer der Beschwerden und der differentialdiagnostischen Abklärung gestellt; die Erkrankung kann nach Infektion (Ansteckung), nach anderen Triggern (Auslösern) oder ohne eindeutig identifizierbaren Auslöser auftreten.
- Pädiatrische ME/CFS: Die Kriterien gelten grundsätzlich auch für Kinder und Jugendliche; die Symptomdarstellung kann altersabhängig variieren. Schulabwesenheit, Belastungsintoleranz, kognitive Erschöpfbarkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, orthostatische Beschwerden und Schlafstörungen müssen gezielt erfasst werden [1, 4].
Klassifikation nach Verlauf
- Postinfektiöse ME/CFS: Beginn nach akuter Infektion, beispielsweise nach Epstein-Barr-Virus-Infektion, anderen viralen Infektionen oder SARS-CoV-2-Infektion; bei einem Teil der Patienten mit Post-COVID-Syndrom kann die ME/CFS-Kriterienkonstellation erfüllt sein [4].
- Nicht eindeutig postinfektiöse ME/CFS: Beginn ohne klar identifizierbaren infektiösen Trigger; die klinische Diagnose richtet sich unverändert nach Symptomkonstellation, Dauer, Schweregrad und Ausschluss relevanter Differentialdiagnosen.
- Fluktuierender Verlauf: Wechsel von relativer Stabilität, Crash (Zusammenbruch), Exazerbation (Verschlechterung) und partieller Erholung; Belastungsmanagement muss sich am individuellen Energie- und Symptomlimit orientieren.
- Progredienter oder sehr schwerer Verlauf: Zunehmende funktionelle Einschränkung bis hin zu Haus- oder Bettgebundenheit; erfordert strukturierte medizinische, pflegerische und psychosoziale Versorgung.
Abgrenzung zu Fatigue anderer Genese
ME/CFS ist nicht gleichzusetzen mit unspezifischer chronischer Müdigkeit, tumorassoziierter Fatigue, depressionsassoziierter Antriebsminderung, Schlafmangelsyndrom, Burnout, Dekonditionierung oder somatoformer Fatigue. Entscheidend für ME/CFS ist die Kombination aus deutlicher funktioneller Einschränkung, Post-Exertional Malaise, nicht erholsamem Schlaf sowie kognitiver Beeinträchtigung und/oder orthostatischer Intoleranz [1-5].
Klinische Hinweise
- Post-Exertional Malaise: PEM ist das zentrale Unterscheidungsmerkmal gegenüber vielen anderen Fatigue-Syndromen und muss aktiv erfragt werden, da Patienten Belastungsreaktionen häufig erst zeitverzögert berichten.
- Biomarker: Derzeit existiert kein validierter diagnostischer Einzelbiomarker für die Routinediagnostik. Forschungsbefunde zu Immunologie (Abwehrsystem), Stoffwechsel, autonomer Dysfunktion (Fehlfunktion des unwillkürlichen Nervensystems), Neuroinflammation (Nervenentzündung) und Neuroimaging (Bildgebung des Nervensystems) sind klinisch relevant, ersetzen aber die klinische Diagnose nicht [3, 5].
- Fragebögen: Validierte Symptomfragebögen können die strukturierte Erfassung von PEM, Fatigue, kognitiven Beschwerden, Schlafstörung, Schmerz und orthostatischer Intoleranz unterstützen, sind jedoch kein Ersatz für die ärztliche Diagnosestellung [5, 6].
- Differentialdiagnostik: Relevante somatische (körperliche), neurologische (nervenärztliche), endokrinologische (hormonelle), rheumatologische (rheumatische), infektiologische (infektionsmedizinische), psychiatrische (seelische) und schlafmedizinische Differentialdiagnosen müssen gezielt geprüft werden.
Literatur
- Institute of Medicine. Beyond Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness. Washington, DC: The National Academies Press; 2015. https://doi.org/10.17226/19012
- National Institute for Health and Care Excellence. Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management. NICE guideline NG206. Published 29 October 2021; last reviewed 24 January 2025. https://www.nice.org.uk/guidance/ng206
- Fan J, Wang Y, Chen X, Zhao Y. Myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS): diagnosis and management. J Transl Med. 2025;23:930. https://doi.org/10.1186/s12967-025-07506-y
- Peo LC, Wiehler K, Paulick J, Gerrer K, Leone A, Viereck A et al.: Pediatric and adult patients with ME/CFS following COVID-19: A structured approach to diagnosis using the Munich Berlin Symptom Questionnaire (MBSQ). Eur J Pediatr. 2024;183(3):1265-1276. https://doi.org/10.1007/s00431-023-05351-z
- Lu J, Wang Y, Zhang Y, Chen X. Assessment of symptoms in myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome: a comparative study of existing scales. Front Neurol. 2025;16:1618272. https://doi.org/10.3389/fneur.2025.1618272
- Buntić N, Jason LA, Schneider J, Schlesser M, Schulz A. Assessing symptoms of long/post COVID and chronic fatigue syndrome using the DePaul symptom questionnaire-2: a validation in a German-speaking population. Fatigue: Biomedicine, Health & Behavior. 2024;12(1):72-90. https://doi.org/10.1080/21641846.2023.2295419