Akromegalie – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Akromegalie (krankhafte Vergrößerung von Körperenden und Gesichtszügen) mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) (nächtliche Atemaussetzer durch Verengung der oberen Atemwege) – eine der häufigsten Komplikationen der Akromegalie; bei neu diagnostizierten Patienten werden Prävalenzen bis etwa 80 % beschrieben. Wesentliche pathogenetische Faktoren sind die Hypertrophie (Gewebevergrößerung) pharyngealer Weichteile, Makroglossie (vergrößerte Zunge) und kraniofaziale Veränderungen (Veränderungen an Schädel und Gesicht). Unter erfolgreicher Behandlung der Akromegalie kann sich das OSAS bessern, es kann jedoch auch bei biochemisch kontrollierter Erkrankung persistieren oder progredient verlaufen [2, LL1].
Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)
- Gesichtsfeldausfälle (Ausfälle im Sehfeld) und Visusminderung (verminderte Sehschärfe) – bei suprasellärer Ausdehnung des Wachstumshormon-sezernierenden Hypophysentumors (Tumor der Hirnanhangsdrüse) durch Kompression des Chiasma opticum (Sehnervenkreuzung); bei ausgeprägter lokaler Tumorausdehnung sind zusätzlich Augenmuskelparesen (Lähmungen der Augenmuskeln) durch Hirnnervenbeteiligung möglich. Diese Komplikationen sind primär tumorbedingt und nicht Folge des peripheren Wachstumshormon-/IGF-1-Exzesses [1, LL4].
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin), gestörte Glukosetoleranz/Prädiabetes (Vorstufe der Zuckerkrankheit) und Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – zentrale metabolische Komplikationen des Wachstumshormonexzesses; ein Diabetes mellitus besteht bei etwa 30 % der Patienten. Wachstumshormon vermindert die periphere Insulinsensitivität und steigert Lipolyse sowie hepatische Glukoseproduktion. Ein begleitender Diabetes mellitus ist mit erhöhter Gesamtmortalität sowie erhöhter kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität verbunden [1, 4, LL1].
- Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) – bei etwa 30 % der Patienten; charakteristisch sind insbesondere eine leichte bis moderate Hypertriglyzeridämie (erhöhte Triglyzeridwerte) und erhöhte Lipoprotein(a)-Konzentrationen. Die Lipidveränderungen werden durch Wachstumshormonexzess, gesteigerte Lipolyse, Insulinresistenz und gegebenenfalls einen Diabetes mellitus mitbestimmt [1, LL1].
- Struma (Schilddrüsenvergrößerung) und Schilddrüsenknoten – Wachstumshormon und IGF-1 fördern direkt und indirekt das Wachstum der Schilddrüse; eine noduläre Struma (knotig vergrößerte Schilddrüse) wird bei Akromegalie deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung beobachtet. Die Häufigkeit der Schilddrüsenknoten nimmt insbesondere mit der Krankheitsdauer zu [1, LL4].
- Hypopituitarismus (Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse) – durch Kompression von normalem Hypophysengewebe bzw. Hypophysenstiel bei größeren Hypophysentumoren und gegebenenfalls therapiebedingt. Mögliche Folgen sind insbesondere sekundäre Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde durch übergeordnete hormonelle Störung), zentrale Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion durch Störung der Hirnanhangsdrüse) und hypogonadotroper Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen durch Mangel an Steuerhormonen) mit Libido-, Potenz-, Zyklus- und Fertilitätsstörungen [1, LL1].
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck) – bei etwa 40 % der Patienten, in einzelnen Kollektiven bis etwa 60 %; pathogenetisch beteiligt sind Natrium- und Flüssigkeitsretention, erhöhter peripherer Gefäßwiderstand, Insulinresistenz und OSAS. Die arterielle Hypertonie kann trotz biochemischer Kontrolle der Akromegalie persistieren und erhöht insbesondere bei gleichzeitig bestehenden kardiovaskulären Erkrankungen Morbidität und Mortalität [1, LL1].
- Akromegale Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung bei Akromegalie) – Wachstumshormon-/IGF-1-vermittelte strukturelle und funktionelle Herzerkrankung; charakteristisch sind zunächst eine hyperkinetische Zirkulation (gesteigerte Kreislaufleistung) und im weiteren Verlauf Myokardhypertrophie (Verdickung des Herzmuskels), insbesondere linksventrikuläre Hypertrophie (Verdickung der Muskulatur der linken Herzkammer), sowie diastolische Dysfunktion (gestörte Erschlaffungs- und Füllungsfunktion des Herzens). Bei fortgeschrittener Erkrankung kann zusätzlich eine systolische Dysfunktion (gestörte Pumpfunktion des Herzens) entstehen. Frühe Veränderungen können sich nach biochemischer Kontrolle teilweise zurückbilden, langjährig bestehende strukturelle Schäden dagegen persistieren [1, LL1].
- Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – heute bei frühzeitiger Diagnostik und adäquater Therapie deutlich seltener als in historischen Kollektiven; sie kann als Spätkomplikation einer fortgeschrittenen akromegalen Kardiomyopathie auftreten. Krankheitsdauer, arterielle Hypertonie und Diabetes mellitus begünstigen die kardiale Dysfunktion [1, LL1].
- Herzrhythmusstörungen – insbesondere bei strukturellen kardialen Veränderungen; beschrieben sind supraventrikuläre und ventrikuläre Rhythmusstörungen. Die Prävalenzdaten sind heterogen, sodass klinisch relevante Arrhythmien (Störungen des Herzrhythmus) nicht als obligate Folge der Akromegalie anzusehen sind [1, LL1].
- Herzklappenerkrankungen – insbesondere Mitral- und Aortenklappenveränderungen mit Regurgitation (Undichtigkeit mit Blutrückfluss); das Risiko nimmt mit der Krankheitsdauer zu. Bereits etablierte strukturelle Klappenveränderungen können trotz erfolgreicher biochemischer Kontrolle persistieren [1, LL1].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Malokklusion (Fehlbiss) – infolge Wachstum von Mandibula und Maxilla, Prognathie (Vorstehen des Unterkiefers) und zunehmender Interdentalabstände (Zahnzwischenräume); die kraniofazialen Skelettveränderungen sind bei länger bestehender Erkrankung nur begrenzt reversibel [1].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Akromegale Arthropathie (Gelenkerkrankung bei Akromegalie) – charakteristische hypertrophe und im weiteren Verlauf degenerative Gelenkerkrankung mit Arthralgien (Gelenkschmerzen), Gelenksteifigkeit und funktionellen Einschränkungen. Die Prävalenz einer Arthropathie ist etwa 4-12-fach erhöht. Frühe Knorpelhypertrophie (Verdickung des Gelenkknorpels) und ligamentäre Laxität (Bandlockerung) können teilweise reversibel sein; bei langjährigem Wachstumshormon-/IGF-1-Exzess entwickeln sich Osteophyten (knöcherne Randanbauten), Gelenkspaltveränderungen und irreversible Gelenkschäden. Die Arthropathie kann trotz langfristiger biochemischer Kontrolle fortschreiten [1, LL1].
- Knochenfragilität (erhöhte Knochenbrüchigkeit) und Wirbelkörperfrakturen (Brüche von Wirbelkörpern) – häufige Manifestationen der akromegalen Osteopathie (Knochenerkrankung bei Akromegalie); morphometrische Wirbelkörperfrakturen weisen im aktuellen Konsensus eine mediane Prävalenz von etwa 40 % auf. Eine Metaanalyse zeigte ein deutlich erhöhtes Risiko für Wirbelkörperfrakturen. Risikofaktoren sind insbesondere aktive Erkrankung, lange Krankheitsdauer bzw. diagnostische Verzögerung, vorbestehende Wirbelkörperfrakturen und Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) [3, LL1].
- Hüftfrakturen (Brüche im Bereich des Hüftgelenks) – populationsbasierte Daten zeigen neben dem erhöhten Wirbelkörperfrakturrisiko auch ein erhöhtes Risiko für Hüftfrakturen [LL1].
- Gestörte Knochenmikroarchitektur (gestörter innerer Feinaufbau des Knochens) – die Frakturneigung kann trotz normaler oder sogar erhöhter Knochenmineraldichte bestehen; die alleinige Knochendichtemessung unterschätzt deshalb das Frakturrisiko bei Akromegalie [3, LL1].
- Muskelschwäche und verminderte körperliche Leistungsfähigkeit – bei Akromegalie sind eine verminderte Muskelperformance und eine vermehrte inter- bzw. intramuskuläre Fettinfiltration (Fetteinlagerung zwischen bzw. innerhalb der Muskeln) beschrieben; aktive Erkrankung kann diese Veränderungen verstärken [1, LL1].
Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)
- Kolorektale Adenome/Polypen (gutartige Schleimhautwucherungen im Dick- und Enddarm) und Kolorektalkarzinom (Dick- und Enddarmkrebs) – kolorektale Polypen und Adenome treten bei Akromegalie gehäuft auf. Auch für das Kolorektalkarzinom zeigen neuere große populationsbasierte Untersuchungen ein erhöhtes Risiko, wenngleich die Höhe des Risikos zwischen Studien variiert. Der aktuelle Akromegalie-Konsensus empfiehlt eine Koloskopie (Darmspiegelung) bei Diagnosestellung; weitere Untersuchungen erfolgen nach den jeweils geltenden nationalen Vorsorgeempfehlungen [1, 5, LL1].
- Mammakarzinom (Brustkrebs) – in neueren großen Kohorten wurde bei Frauen mit Akromegalie eine erhöhte Inzidenz beschrieben; die Datenlage ist jedoch zwischen verschiedenen Studien heterogen. Ein über die allgemeinen nationalen Empfehlungen hinausgehendes akromegaliespezifisches Mammakarzinomscreening wird derzeit nicht empfohlen [5, LL1].
- Schilddrüsenkarzinom (Schilddrüsenkrebs) – einige Kohorten und Metaanalysen zeigen eine erhöhte Inzidenz, wobei Detektions- und Selektionsbias durch die hohe Prävalenz von Schilddrüsenknoten und eine intensivere Diagnostik berücksichtigt werden müssen. Der aktuelle Konsensus empfiehlt daher kein generelles akromegaliespezifisches intensiviertes Schilddrüsenkarzinomscreening, sondern die Orientierung an den nationalen Vorsorge- und Abklärungsempfehlungen [1, LL1].
- Maligne Neubildungen insgesamt – aktuelle große populationsbasierte Untersuchungen sprechen für eine moderate Erhöhung der Krebsinzidenz bei Akromegalie. Die Ergebnisse zu einzelnen Tumorentitäten sind jedoch heterogen und werden durch Alter, geografische und genetische Faktoren sowie unterschiedliche Screeningintensität beeinflusst [5, LL1].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Karpaltunnelsyndrom (Nervenengpass am Handgelenk) – häufiges peripheres Nervenkompressionssyndrom infolge von Weichteilschwellung, perineuralen Veränderungen und Flüssigkeitsretention; kann sich nach erfolgreicher Kontrolle der Akromegalie bessern [1, LL1].
- Depressive und Angstsymptomatik (depressive Beschwerden und Angstbeschwerden) – treten bei Patienten mit Akromegalie gehäuft auf und tragen wesentlich zur verminderten gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei. Psychische Beeinträchtigungen können auch nach biochemischer Kontrolle persistieren [LL1].
- Neurokognitive Beeinträchtigungen (Beeinträchtigungen von Denken, Aufmerksamkeit und Gedächtnis) – insbesondere Störungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und kognitiver Leistungsfähigkeit werden beschrieben; Schlafstörungen, OSAS und psychische Komorbiditäten können hierzu beitragen [LL1].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen) – charakteristisches Symptom des Wachstumshormon-/IGF-1-Exzesses durch gesteigerte Schweißdrüsenaktivität; kann sich unter erfolgreicher Therapie der Akromegalie bessern [1].
- Belastungsintoleranz (verminderte Belastbarkeit) – durch kardiale, respiratorische und muskuläre Veränderungen; die maximale aerobe Leistungsfähigkeit kann auch bei erhaltener linksventrikulärer Ruhefunktion eingeschränkt sein [LL1].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Renale Hypertrophie (Vergrößerung der Nieren), Nierenzysten (flüssigkeitsgefüllte Hohlräume in den Nieren) und glomeruläre Hyperfiltration (übermäßig gesteigerte Filterleistung der Nieren) – chronischer Wachstumshormon-/IGF-1-Exzess steigert renalen Plasmafluss, glomeruläre Filtrationsrate und Nierengröße; auch eine Mikroalbuminurie tritt gehäuft auf. Die strukturellen und funktionellen Veränderungen können sich nach biochemischer Kontrolle nur teilweise zurückbilden [LL1].
- Nephrolithiasis/Mikronephrolithiasis (Nierensteine bzw. kleinste Nierensteine) – insbesondere bei aktiver Akromegalie; Hypercalciurie, veränderter Calcitriolstoffwechsel und Störungen der renalen Calcium- und Phosphathomöostase begünstigen die Steinbildung [LL1].
- Chronische Nierenfunktionseinschränkung bis zur terminalen Niereninsuffizienz (dauerhafte Einschränkung der Nierenfunktion bis zum endgültigen Nierenversagen) – populationsbasierte Daten zeigen ein erhöhtes Risiko; dieses wird wesentlich durch begleitenden Diabetes mellitus und arterielle Hypertonie mitvermittelt [LL1].
Weiteres
- Eingeschränkte gesundheitsbezogene Lebensqualität – kann trotz langfristiger biochemischer Kontrolle persistieren. Wesentliche Einflussfaktoren sind irreversible Gelenk- und Knochenveränderungen, chronische Schmerzen, psychische und neurokognitive Beeinträchtigungen, OSAS, kardiorespiratorische Komorbiditäten, Hypopituitarismus sowie die Belastung durch die chronische Therapie. Die Lebensqualität korreliert nur unvollständig mit der biochemischen Krankheitsaktivität [LL1].
Prognosefaktoren
- Persistierende biochemische Krankheitsaktivität – anhaltend erhöhte IGF-1-Konzentrationen bzw. eine unzureichende Kontrolle des Wachstumshormon-/IGF-1-Exzesses sind mit einer höheren Gesamtmorbidität und ungünstigeren Langzeitprognose assoziiert. Bei langfristig gut kontrollierter Akromegalie nähert sich die Mortalität derjenigen der Allgemeinbevölkerung an [LL1, LL2].
- Lange Krankheitsdauer und diagnostische Verzögerung – ungünstig durch zunehmende kumulative Wachstumshormon-/IGF-1-Exposition; insbesondere das Risiko für irreversible kardiovaskuläre Veränderungen, Diabetes mellitus, Hypopituitarismus, Arthropathie, Wirbelkörperfrakturen und psychische Folgeerkrankungen nimmt zu [LL1].
- Arterielle Hypertonie – wesentlicher ungünstiger Prognosefaktor, insbesondere bei gleichzeitig bestehender kardiovaskulärer Erkrankung [LL1].
- Diabetes mellitus – mit erhöhter Gesamtmortalität sowie erhöhter kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität assoziiert [4, LL1].
- Bereits eingetretene irreversible Organschäden – insbesondere fortgeschrittene Kardiomyopathie, degenerative Arthropathie, Wirbelkörperfrakturen und persistierendes OSAS können die Morbidität und Lebensqualität auch nach späterer biochemischer Kontrolle bestimmen [2, 3, LL1].
- Vorbestehende Wirbelkörperfrakturen, aktive Erkrankung, Hypogonadismus und Vitamin-D-Mangel – mit erhöhtem Risiko für weitere Wirbelkörperfrakturen assoziiert; eine diagnostische Verzögerung von mehr als zehn Jahren erhöht ebenfalls das Risiko inzidenter Wirbelkörperfrakturen [3, LL1].
- Tumorgröße und invasives Wachstum des Hypophysentumors – reduzieren die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen chirurgischen Remission und erhöhen das Risiko lokaler Komplikationen sowie eines Hypopituitarismus [LL2, LL3].
- Frühe Diagnosestellung und rasche biochemische Kontrolle – prognostisch günstig, da eine möglichst kurze kumulative Exposition gegenüber erhöhten Wachstumshormon- und IGF-1-Konzentrationen das Risiko irreversibler Folgeerkrankungen reduziert [LL1, LL2].
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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